Nils Seethaler

deutscher Kulturanthropologe

Nils Seethaler (* 18. August 1981 in Berlin) ist ein deutscher Kulturanthropologe, der sich mit historischen Sammlungen ethnologischer Objekte und mit menschlichen Überresten (human remains) befasst.

LebenBearbeiten

Nils Seethaler wurde in Berlin-Lichterfelde geboren und verbrachte seine Jugend in Berlin sowie in Morschen in Nord-Hessen. Im Jahr 1999 war er ein Preisträger des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen.[1] Nach dem Abitur an der Elisabeth-Knipping-Schule in Kassel im Jahr 2000 studierte Seethaler an der Freien Universität Berlin Ethnologie unter anderem bei Georg Pfeffer und Markus Schindlbeck, Literaturwissenschaft bei Ulrich Profitlich und Volker Mertens und Politologie bei Fritz Vilmar und Walter Rothholz. Seit 2012 koordiniert er das Archiv der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im Archäologischen Zentrum der Staatlichen Museen zu Berlin. Seethaler ist in der universitären und außeruniversitären Lehre tätig.[2][3] Regelmäßig hält er deutschlandweit Vorträge, besonders zu Themen der außereuropäischen Kunst,[4][5] zur Forschungs- und Sammlungsgeschichte von Museen und Instituten,[6][7] aber auch zu weiterführenden Themen der Ethnologie[8] und der allgemeinen Kulturgeschichte.[9]

Seethaler lebt und arbeitet in Berlin.[10] Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.[11]

ForschungsarbeitenBearbeiten

Seethaler war an zahlreichen Projekten insbesondere zur Erforschung historischer ethnologischer Sammlungsbestände beteiligt. Dazu gehören im Speziellen Provenienzforschungen an human remains. Neben der Untersuchung von möglichen Unrechtskontexten in Sammlungsbeständen aus der Kololonialzeit und NS-Zeit erforscht er die Geschichte, Motive und gesellschaftlichen Mechanismen des Sammelns insbesondere außereuropäischer Kulturgüter bis in die Gegenwart.[12][13] Seine Provenienzforschungen an Schädeln indigener Australier in der anthropologischen Sammlung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte[14][15] und aus Australien und Namibia in den Sammlungen der Charité im Charité human remains Project bildeten den Auftakt einer breiten Beschäftigung mit der Herkunft menschlicher Überreste in deutschen Museen und Sammlungen.[16][17] Diese Forschungen bildeten eine Grundlage für die Erstellung einer einheitlichen Richtlinie im Umgang mit menschlichen Überresten in öffentlichen Sammlungen in Deutschland.[18] Neben seiner Arbeit mit historischen Sammlungen war er mit einer Reihe interdisziplinärer Forschungen[19] an der Schnittstelle von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften befasst.[20][21][22] Er richtete gemeinsam mit Carsten Niemitz und Benjamin P. Lange 2010 die 11. Jahrestagung Menschliches Verhalten in Evolutionärer Perspektive (MVE) in Berlin aus.[23][24]

AusstellungsprojekteBearbeiten

Seethaler beriet, organisierte und leitete zahlreiche museale Ausstellungsprojekte zu ethnologischen, kunsthistorischen und naturwissenschaftlichen Themenbereichen,[25] unter anderem Die Entdeckung des Individuums,[26][27] Objekte der Verehrung[28] und Riemers Welt.[29] In diesen Ausstellungen wurden insbesondere innovative Wege der Ausstellung ethnologischer Objekte und zur Vermittlung ethnologischer Inhalte in Museen vorgestellt.[30][31] Seiner Initiative ist wesentlich die Wiederentdeckung und Neuerschließung des verschollenen Museums für Völkerkunde Rostock,[32] sowie die Erhaltung und Neukonzeption der Julius-Riemer-Sammlung in Lutherstadt Wittenberg (dem einzigen Völkerkundemuseum in Sachsen-Anhalt) als museale Institution zu verdanken, deren Erweiterung er durch Vermittlung von Schenkungen aus der Sammlung Rainer Greschik förderte.[33]

SammlungsprojekteBearbeiten

Seethaler unternahm verschiedene Forschungs- und Sammlungsreisen nach Australien, in die Südsee, in den Orient und durch Europa. Bei diesen Sammlungsreisen, aber insbesondere durch Kontakte mit Sammlern in Europa, den USA und Australien, wie Rainer Greschik und Günter Hepe, trug er mehrere Tausend ethnologische Stücke zusammen; dazu noch eine ähnlich umfangreiche Sammlung ethnologischer Fotografien mit Beispielen ab dem 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Objekte aus den von Seethaler zusammengetragenen Sammlungen gelangten an unterschiedliche Museen, unter anderem an das Ethnologische Museum Berlin, an das Museum Europäischer Kulturen, an das Museum der städtischen Sammlungen im Zeughaus in Lutherstadt Wittenberg,[34] an das Ostpreußische Landesmuseum in Lüneburg und in die Hermann-Bahner-Sammlung im Museum Altes Rathaus in Langen (Hessen). Sie waren außerdem Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen anderer Forscher.[35]

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Matthias Biskupek (Hrsg.): Nagelprobe 16. Texte des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Suhrkampverlag, Frankfurt 1999.
  2. [1] (5. Januar 2019)
  3. [2] (5. Januar 2019)
  4. Grassi Museum für Völkerkunde Leipzig: Begleitprogramm zur Ausstellung: Geteilte Erde – Shared Ground. Indigene australische Malerei und Keramik von Lotte Reimers. Laufzeit 11.10.2013-25.05.2014. Vortrag: Nils Seethaler – Zeitgenössische Kunst der Indigenen Australiens, 9. Februar 2014, 16 Uhr.
  5. [3] (5. Januar 2019)
  6. [4] (5. Januar 2019)
  7. Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Band 38, 2015, S. 8
  8. [5] (5. Januar 2019)
  9. HdK Halle: Programm der Jahresausstellung der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle vom 20–21. Juli 2013. Vortrag Nils Seethaler: Wozu Kunst? 20. Juli, 15 Uhr.
  10. Irina Steinmann: Zeughaus – Berliner zeigt erstmals seltene Holzfiguren von westafrikanischem Volk. In: Mitteldeutsche Zeitung. 8. Juli 2016, abgerufen am 30. Dezember 2018.
  11. Berliner Morgenpost 23. November 2019
  12. Irina Steinmann: Stadt-Museum Wittenberg/Expeditionen in die Grauzone Riemer. In: Mitteldeutsche Zeitung, 11. Mai 2019
  13. Irina Steinmann: Nils Seethaler hat zur Person Julius Riemer geforscht. In: Wittenberger Sonntag vom 11. Mai 2019
  14. Nils Seethaler: Für Virchow unterwegs – Schädelsammler in Australien. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Band 35, 2014, S. 79–90.
  15. Hilary Howes: Provenance Report. (PDF) In: www.aga.org.au. Berlin Society for Anthropology, Ethnology and Prehistory (BSAEP), 15. November 2016, abgerufen am 30. Dezember 2018 (englisch).
  16. Uta Kornmeier (Rezensentin von): Sammeln und Bewahren, Erforschen und Zurückgeben – aus der Kolonialzeit in akademischen und musealen Sammlungen. In: h-net.org. H-Soz-u-Kult, H-Net Reviews, April 2013, abgerufen am 30. Dezember 2018.
  17. [6] (30. Dezember 2018)
  18. [7] (abgerufen am 30. Dezember 2018).
  19. Nils Seethaler: Das Charité Human Remains Project – interdisziplinäre Forschungen und Restitution menschlicher Überreste. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Band 33, 2012, S. 103–108.
  20. Matthias Glaubrecht, Nils Seethaler, Barbara Teßmann, Katrin Koel-Abt: The potential of biohistory: Re-discovering Adelbert von Chamisso’s skull of an Aleut collected during the “Rurik” Expedition 1815–1818 in Alaska. Zoosystematics and Evolution 89 (2), 2013, S. 317–336.
  21. Nils Seethaler: Diskrepante Erklärungsansätze in Ethnologie und evolutionärer Psychologie zum Phänomen der bildenden Kunst. In: Benjamin P. Lange, Sascha Schwarz: Die menschliche Psyche zwischen Natur und Kultur. Lengerich 2015, S. 74–82.
  22. Benjamin P. Lange, Nils Seethaler: Die Literaturströmung des Sturm und Drang aus evolutionärer Perspektive. In: Benjamin P. Lange (Hrsg.), Sascha Schwarz (Hrsg.): Die menschliche Psyche zwischen Natur und Kultur. Pabst Publishers, Lengerich 2015.
  23. [8] (abgerufen am 29. Dezember 2018).
  24. [9] (abgerufen am 29. Dezember 2018).
  25. [10]
  26. Rainer Greschik, Nils Seethaler (Vorwort): Lobi. Westafrikanische Skulpturen aus der Sammlung Greschik. (zur Ausstellung „Die Entdeckung des Individuums“) Lutherstadt Wittenberg 2016.
  27. [11] (abgerufen am 29. Dezember 2018).
  28. [12] (abgerufen am 29. Dezember 2018).
  29. [13] (abgerufen am 29. Dezember 2018).
  30. Rainer Greschik, Nils Seethaler (Vorwort): Lobi. Westafrikanische Skulpturen aus der Sammlung Greschik. (herausgegeben anlässlich der Ausstellung „Die Entdeckung des Individuums“) Lutherstadt Wittenberg 2016.
  31. [14] (abgerufen am 30. Dezember 2018).
  32. Nils Seethaler: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft magazinierter ethnographischer Sammlungen in Deutschland am Beispiel des ehemaligen Ethnographischen Museums von Rostock. In:Mitteilungen des Museumsverbandes in Mecklenburg-Vorpommern e. V. 2010. S. 11–15.
  33. [15] (abgerufen am 29. Dezember 2018).
  34. Karina Blüthgen: Finissage im Zeughaus: Seit es Menschen gibt, werden Dinge verehrt. In: mz-web.de, 22. April 2018 (abgerufen am 29. Dezember 2018).
  35. Shahd Wari: Palestinian Berlin: Perception and Use of Public Space (Dissertation). In: Habitat–International. Schriften zur Internationalen Stadtentwicklung, Band 22. Lit-Verlag 2015.