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Nemirseta

nördlichster Grenzort des Deutschen Reichs bis 1918
Nemirseta
Staat: Litauen Litauen
Bezirk: Klaipėda
Gemeinde: Palanga
Amt: Palanga
Gegründet: vor 1430
Koordinaten: 55° 53′ N, 21° 5′ OKoordinaten: 55° 53′ N, 21° 5′ O
Höhe: 16 m
Zeitzone: EET (UTC+2)
Nemirseta (Litauen)
Nemirseta
Nemirseta

Nemirseta (litauisch Nemerzatė, Nimerzatė; kurisch Nimersata; deutsch: Nimmersatt, russisch Немирсета) ist ein Ortsteil des litauischen Kurortes Palanga an der Ostseeküste nördlich von Klaipėda (deutsch Memel).

Der Ort liegt in der kurischen Landschaft Megowe und bedeutet frei übersetzt „Gehöft, auf dem Unfrieden herrscht“ (niemirs + sata). Möglich wäre auch ein Hinweis auf sumpfiges Gelände: „nemiršele“: = Sumpfvergissmeinnicht (+ „satar“: Gehöft)

Inhaltsverzeichnis

BeschreibungBearbeiten

Nemirseta liegt in einem küstennahen Waldgebiet an einer Nebenstraße der A13. Eine richtige Ortschaft bilden die wenigen zerstreut liegenden Häuser allerdings nicht.

Aus der deutschen Zeit sind nur noch wenige Gebäude vorhanden: Auffällig an der Durchgangsstraße (Klaipėdos pl. 6A) ist das sogenannte „Kurhaus Nimmersatt“, welches ein Teil der Gaststätte „John Karnowsky“ war. Es galt als der nördlichste Gasthof des Deutschen Reiches. Zum Grenzübergang war er ca. 2,5 km entfernt, Bald nach dem 2. Weltkrieg wurde das Haus zweckentfremdet, nach der Loslösung von der Sowjetunion aufgegeben und in jüngerer Vergangenheit als Steinbruch ausgeplündert. Die verbliebene Ruine ist derzeit aus Sicherheitsgründen mit Zäunen und Planen abgesperrt, die Fenster sind zugemauert. Am 20. Januar 2009 wurde die Ruine als Baudenkmal unter Schutz gestellt[1], Witterungseinflüsse und Vandalismus sorgen jedoch für den weiteren Verfall der Gebäudereste. Eine Sanierung und Nutzung ist nicht geplant. Das ehemalige Zollhaus unmittelbar vor der ehemaligen Reichsgrenze ist nicht mehr zu finden.[2]

Am Strand steht beim weit sichtbaren Stahlmast, der damalige Rettungsschuppen des Seenotrettungsdienstes. Zwar befindet sich auch dieses Bauwerk nicht in bestem Zustand, doch trägt es immerhin die Marke der litauischen Behörden, wonach es als geschütztes Baudenkmal ausgewiesen wird.[3]

Der einstige deutsch-russische Grenzverlauf ist vor Ort nur schwer bestimmbar. Es gibt ein Hinweisschild und einen ausgewiesenen Fahrradweg, der am teilweise stark überwucherten Grenzgraben entlang führt[4]. Umgewidmet als litauisches Ehrenmal steht der deutsche Grenzstein heute im Skulpturenpark von Klaipėda.

GeschichteBearbeiten

Während der Kreuzzüge (Preußenfahrten) ab der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wurden die Ostseegebiete im Bereich der als Heiden angesehenen Schalauer und Kuren von Militärorden erobert, zunächst durch die Schwertbrüderorden, nach der Schlacht von Schaulen (1236) durch die Ritterorden. Das stark bewaldete Gebiet um Nimmersatt war dünn besiedelt, galt als gefährlich und unfriedlich, möglicherweise ein Hinweis auf den Ortsnamen.

In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatte der Staat des Deutschen Ordens mit den benachbarten Großherzogtum Litauen und dem Königreich Polen Gebietsstreitigkeiten mit kriegerischen Auseinandersetzungen, die die erst 1422 mit dem Frieden von Melnosee beendet wurden. Im Friedensvertrag wurde Samogitien zur litauische Region.[5]

 
Ehemaliger Kreis Memel mit Nimmersatt als nördlichstem Ort.

Im Zuge der Reformation kam im Jahr 1525 das preußische Ordensland zu einem erheblichen Teil unter polnische Lehnshoheit. Der Nemirseta Bereich wurde zum nördlichsten Vorposten des säkularisierten Herzogtums Preußen, ab dem Jahr 1618 zu Brandenburg-Preußen mit dem lutherischen Haus Hohenzollern.

Durch den Vertrag von Oliva 1660 konnte sich der "Große Kurfürst" Friedrich Wilhelm von Brandenburg von der polnischen Oberhoheit lösen. Als das Königreich Preußen 1871 in das Deutsche Reich einging wurde Nimmersatt die nördlichste Siedlung des Reiches (Schülerreim: "Nimmersatt, wo das Reich sein Ende hat.") Der Grenzort mit Zollhaus und einem Gasthaus wurde von Reisenden aus und in die litauischen Provinzen des kaiserlichen Russland belebt.

Ein Teil der Provinz Ostpreußen ging nach dem Ersten Weltkrieg, durch den Versailler Vertrag verloren. Ab dem 10. Januar 1920 kam Nemirseta mit dem Memelland (litauisch Klaipėdos kraštas) unter Verwaltung des Völkerbundes und wurde von den Franzosen kontrolliert. Es dominierten weiterhin Deutsche und "Kulturdeutsche". Nach der „Klaipėda-Revolte“ wurde 1923 das Gebiet von Litauen annektiert.

Für eine kurze Zeit wurde Nimmersatt wieder ein Grenzübergang, als der litauische Außenminister Juozas Urbšys unter dem Druck von Nazi-Deutschland am 22. März 1939 eine Vereinbarung traf, nach der das Memelgebiet wieder an das Deutsche Reich fiel. Durch das Geheimprotokoll des Molotow-Ribbentrop-Pakts wurde die Region dem deutschen Einflussbereich zugeordnet. Nach zwei Jahren wurde das Reichskommissariat Ostland etabliert und damit erübrigte sich hier die Grenze.

Im Oktober 1944 wurde Nimmersatt von der Roten Armee besetzt. Die Stadt Memel fiel am 28. Januar 1945. Bald darauf wurde das Memelland der Litauischen SSR angeschlossen. Die deutschen Bewohner wurden vertrieben, der Ort verlor ohne Grenze und mit seinen wenigen verbliebenen Einheimischen an Bedeutung und verfiel. Die meisten Gebäude wurden abgerissen.

Als Testgelände der Sowjetarmee, dort wurden z. B. ZSU Shilka und Strela-10 eingesetzt, war es ein Sperrgebiet. Nur für Militär und Wachpersonal wurden einige Gebäude genutzt und neue errichtet.

Der Ort wurde 1975 nach Palanga eingemeindet. Die Stadt Palanga selber, zu der Nemirseta heute zählt, gehörte vor 1918 zu Russland.

Mit dem Beitritt Litauens 2004 zur Europäischen Union wird das Feriengebiet mit Fördermitteln zügig ausgebaut.

GrenzeBearbeiten

Von der ehemaligen Reichsgrenze[6] sind nur mühsam Spuren zu entdecken. Die Grenzsteine auf beiden Seiten sind verschwunden. Der Grenzübergang mit dem Zollhaus wurde abgerissen. Lediglich ein deutscher Grenzobelisk ist im Skulpturenmuseum von Klaipeda als litauischer Gedenkstein erhalten. Auf einer Seite ist jetzt das Lothringerkreuz aus dem Wappen Litauens statt der deutschen Beschriftung sichtbar.

Zwischen der Durchgangsstraße (Vytauto g.)[7] und dem Strand kann man im Wald auf knapp 500 m mit Unterbrechungen einen Graben erkennen. Es ist der Rest der historischen Grenzmarkierung. Die Gräben waren bis zu 0,5 m tief, oben 3 m breit und nach unten auf etwa 0,5 m verengend. Beiderseits des Grabens wurde durch den Aushub ein 0,3 m hoher und 1 m breiter Wall gebildet. Der Graben war mit Wasser gefüllt und eingezäunt.[8]


Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten