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Mojib Latif

deutscher Meteorologe, Klimatologe und Hochschullehrer
Mojib Latif (2014)
Gespräch von Holger Klein mit Mojib Latif über seinen Werdegang und seine Forschung.[1]

Mojib Latif (* 29. September 1954 in Hamburg) ist ein deutscher Meteorologe, Klimaforscher, Hochschullehrer und Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und pakistanischer Abstammung.

Inhaltsverzeichnis

Wissenschaftliche LaufbahnBearbeiten

Von 1961 bis 1974 fand seine schulische Ausbildung statt, die er am Gymnasium Kaiser-Friedrich-Ufer mit dem Abitur abschloss. Latif studierte von 1974 bis 1976 Betriebswirtschaftslehre an der Universität Hamburg. 1976 begann er sein Studium der Meteorologie und schloss es 1983 mit dem Diplom ab. Nach mehreren Aufenthalten an Instituten im Ausland erfolgten auch in Hamburg 1987 die Promotion bei Klaus Hasselmann[2] in Ozeanographie u. a. über das Wetterphänomen El Niño[3] mit der Dissertation Modelltheoretische Untersuchung der niederfrequenten Variabilität der äquatorialen pazifischen Ozeanzirkulation und 1989 die Habilitation für das Fach Ozeanographie. Zwischen 1983 und 2002 war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter und dann als Privatdozent am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie beschäftigt. Seit 2003 ist er Professor am ehemaligen Institut für Meereskunde und heutigen GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel. Seit 2007 ist er zudem Mitglied im Exzellenzcluster Ozean der Zukunft der CAU Kiel. Ferner ist er Vorstandsmitglied des Deutschen Klima-Konsortiums e.V. (DKK) (Stand September 2012).[4] und Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome.[5]

Seine Forschungsgebiete sind jahreszeitliche und interannuelle Klimavariabilität, dekadische und Jahrhundert-Variabilität, anthropogene Einflüsse auf das Klima sowie die Entwicklung von Modellen einschließlich der Analyse und des Vergleichs mit Beobachtungen. Sein h-Index beträgt 82 (August 2018).[6]

Bei verschiedenen deutschen Fernseh- und Hörfunksendern ist Mojib Latif ein häufiger Studiogast als Experte zum Thema Globale Erwärmung („Klimawandel“). Für seine Forschungsarbeit und die Fähigkeit zur Vermittlung der Wissenschaft in der Öffentlichkeit erhielt er 2015 den Deutschen Umweltpreis der Deutschen Bundesstiftung Umwelt.[7] Er sei ein Wissenschaftler, „der Wissen schaffe, der dieses Wissen aber auch in die Breite vermittle“.[8] Aufgrund seiner öffentlichen Äußerungen zur globalen Erwärmung erhält Latif häufig Pöbelmails von Klimawandelleugnern.[9]

Forschungsergebnisse und PositionenBearbeiten

 
Latif im Jahr 2006

Im Mai 2008 stellte ein Team von Klimawissenschaftlern um Noel S. Keenlyside, zu dem auch Latif gehörte, im Fachmagazin Nature eine Studie vor, in der die mögliche Temperaturentwicklung bis 2025 untersucht wurde.[10] Nach dieser Studie könnte die durchschnittliche Temperatur der Jahre 2005 bis 2015 in etwa gleichbleibend oder nur geringfügig wärmer als die des Jahrzehnts von 2000 bis 2010 bleiben, die bislang die wärmste Dekade seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen im 19. Jahrhundert ist. Im Zeitraum von 2010 bis 2020 könnte es dann wieder zu einer beschleunigten Erwärmung kommen. Das heißt, dass erst ab dem Jahrzehnt 2010–2020 neue Wärmerekorde zu erwarten sind.[11] Ursache der über einige Jahre möglicherweise stabilen Temperaturen seien kurzfristige natürliche Schwankungen des Klimas, die einen langfristigen anthropogenen Erwärmungstrend überlagerten. Als konkrete Ursache wird eine Veränderung der meridionalen Umwälzzirkulation angenommen.[10]

In einigen Medien wie dem New Scientist wurde dies als Ankündigung einer in den nächsten Jahrzehnten bevorstehenden globalen Abkühlung wiedergegeben.[12] Latif selbst widersprach dieser Darstellung, unter anderem in einem Interview mit Spektrumdirekt.[13][11] Die Unterbrechung im Erwärmungstrend stelle nur „eine Atempause“ dar, die Erderwärmung sei dadurch keinesfalls vom Tisch. Bereits zuvor hatte sich Latif ausdrücklich von den „Skeptikern“ distanziert, die „nichts von der Physik des Klimas verstehen“.[14] Er habe schon damit gerechnet, dass seine Aussagen über die Klimaentwicklung „von bestimmten Seiten bewusst missverstanden werden“.[13]

Die in der Studie behandelte so genannte dekadale Klimavariabilität, also die Entwicklung des Klimas über ein bis zwei Jahrzehnte, ist ein kontrovers diskutiertes Forschungsfeld.[15]

Vor dem Hintergrund der Überschwemmungskatastrophe in Pakistan 2010 und der Wald- und Torfbrände in Russland 2010 warnte Latif, dies sei eine „Blaupause für das, womit wir uns in der Zukunft anfreunden müssen“.[16] Der Klimawandel werde zu einer Häufung der Wetterextreme führen mit mehr Trockenheit einerseits und extremen Niederschlägen andererseits.[17]

Angesichts der Dürre und Hitze in Europa 2018 kritisierte Latif, dass weltweit die Klimaschutzbemühungen immer noch viel zu gering seien. Obwohl der Beginn internationaler Klimapolitik bereits im Jahr 1992 gelegen habe, gebe es heute „defacto“ immer noch „keinen Klimaschutz, weder weltweit noch in Deutschland“. Der Ausstoß an Treibhausgasen nehme weiter zu, gerade im Verkehrssektor. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die „nie wirklich eine Klimakanzlerin“ gewesen sei, sondern oft gegen Klimaschutzbemühungen interveniert habe, beispielsweise wenn es um die Autoindustrie gegangen sei. Es fehle in Deutschland der Mut für eine Verkehrswende. Zudem sei es dringend geboten, „die schmutzigsten Braunkohlekraftwerke [...] so schnell wie möglich vom Netz“ zu nehmen, was auch „problemlos“ möglich sei, ohne dass die Versorgungssicherheit darunter leiden würde.[18][19] Es sei eine tragische Entwicklung, dass der Klimaschutz in der aktuellen Politik so wenig Gewicht habe. Sollte Deutschland die Energiewende im derzeitigen „Schneckentempo“ fortsetzen, werde es auch seine Klimaschutzziele für das Jahr 2030 verfehlen.[20]

PersönlichesBearbeiten

Mojib Latif wurde in Hamburg geboren und hat dort – gemeinsam mit zwei Brüdern und einer Schwester[21] – auch seine Kindheit verbracht. Sein Vater war der Imam in der 1957 erbauten Fazle-Omar-Moschee der Ahmadiyya Muslim Jamaat.[22] Latif ist mit der Norwegerin Elisabeth Latif verheiratet;[23] er hat keine Kinder.[3] Mojib Latif ist ehrenamtlicher Botschafter der Stiftung Klimawald[24] und seit Oktober 2017 Präsident des Club of Rome Deutschland.[25] 2017 war er Mitglied der 16. Bundesversammlung.[26] Er lebt in Schönberg (Holstein).[27]

Ehrungen und AuszeichnungenBearbeiten

Publikationstätigkeit (Auswahl)Bearbeiten

BücherBearbeiten

  • Verändert der Mensch das Klima? Stadt Friedrichshafen, 1992, ISBN 3-926162-32-5.
  • Hitzerekorde und Jahrhundertflut. Herausforderung Klimawandel. Was wir jetzt tun müssen. Heyne, München 2003, ISBN 3-453-87832-9; aktualisierte Taschenbuchausgabe: Herausforderung Klimawandel. Was wir jetzt tun müssen. ebd. 2007, ISBN 978-3-453-61503-8.
  • Klima. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 2004, ISBN 3-596-16125-8.
  • Bringen wir das Klima aus dem Takt? Hintergründe und Prognosen. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt 2007, ISBN 978-3-596-17276-4.
  • Klimawandel und Klimadynamik. Ulmer, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8252-3178-1.
  • Warum der Eisbär einen Kühlschrank braucht: … und andere Geheimnisse der Klima- und Wetterforschung. Herder Verlag 2010, 176 S., ISBN 978-3-451-30163-6.
  • Das Ende der Ozeane. Warum wir ohne die Meere nicht überleben werden. Herder Verlag 2014, 240 S., ISBN 978-3-451-31237-3.

Paper in FachjournalenBearbeiten

Herausgeber wissenschaftlicher ZeitschriftenBearbeiten

Audio-CDsBearbeiten

  • Ich bin der Wetter-Mann. Der Beruf des Klimaforschers. In: SWR2: Schon gewusst? Wissenschaftler erklären Kindern die Welt. Folge 5. Terzio, München 2006, ISBN 978-3-89835-539-1.
  • Erdsystem-Management. Klimawandel als globale Herausforderung. Konzeption, Regie und Produktion: Klaus Sander. Supposé, Köln 2007, ISBN 978-3-932513-82-4.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Resonator-Podcast der Helmholtz-Gemeinschaft: Mojib Latif und das Klima (Folge 67, 14. August 2015)
  2. http://mpimet.mpg.de/kommunikation/aktuelles/single-news/news/ehemaliger-mpi-m-wissenschaftler-mojib-latif-gewinnt-deutschen-umweltpreis/?no_cache=1&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail
  3. a b Deutsche Presse-Agentur: Namen und Nachrichten: Klimaexperte Latif jetzt Professor am Institut für Meeresforschung, Die Welt (Axel Springer) vom 6. Januar 2003
  4. Vorstand. Deutsches Klima-Konsortium, abgerufen am 28. September 2012.
  5. Mojib Latif neuer Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome. Deutsche Gesellschaft Club of Rome, 23. Oktober 2017, abgerufen am 20. Februar 2019.
  6. Mojib Latif - Google Scholar Citations. Abgerufen am 21. August 2018.
  7. DBU: „In New York und Paris Weichen stellen, um Zukunft der Menschen auf stabilem Planeten zu sichern“, 22. September 2015
  8. Gauck fordert von UN, für den Klimaschutz „endlich das Erforderliche in die Wege zu leiten“. In: mittelstand-nachrichten.de. Abgerufen am 9. November 2015.
  9. Mojib Latif wird per Mail bepöbelt. In: Kieler Nachrichten, 17. November 2017. Abgerufen am 2. Dezember 2017.
  10. a b Noel S. Keenlyside et al.: Advancing decadal-scale climate prediction in the North Atlantic sector. In: Nature. Band 453, 2008, S. 84–88, doi:10.1038/nature06921 (PDF). PDF (Memento des Originals vom 8. September 2013 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/oceanrep.geomar.de
  11. a b Joe Romm: Exclusive interview with Dr. Mojib Latif, the man who confused the NY Times and New Scientist, the man who moved George Will and math-challenged Morano to extreme disinformation. In: Center for American Progress 1. Oktober 2009 (englisch).
  12. Fred Pearce: World’s climate could cool first, warm later. In: New Scientist, 4. September 2009 (englisch) und Paul Hudson: What happened to global warming? In: BBC News, 9. Oktober 2009 (englisch).
  13. a b Daniel Lingenhöhl: Eine Atempause – mehr nicht. In: Spektrumdirekt, 2. November 2009 (Interview).
  14. Michael Odenwald: Die Erderwärmung macht Pause. In: Focus, 16. Juni 2008 (Interview).
  15. Gavin Schmidt: Decadal predictions, 28. September 2009 auf realclimate.org
  16. Martin Zagatta: „Das hat mich nicht überrascht“ – Meteorologe zu den aktuellen Wetterextremen. Mojib Latif im Gespräch mit Martin Zagatta. In: Deutschlandfunk, 9. August 2010 (Interview).
  17. Nils Dietrich: Die Vorboten des Klimawandels. (Memento des Originals vom 22. August 2010 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.rp-online.de In: RP Online, 9. August 2010.
  18. „Die großen Geländewagen in der Stadt ärgern mich jeden Tag“. In: Die Welt, 27. Juli 2018. Abgerufen am 28. Juli 2018.
  19. Klimaschutz – Latif wirft Merkel Untätigkeit vor. In: ZDF heute, 28. Juli 2018. Abgerufen am 28. Juli 2018.
  20. Mojib Latif über Hitzewelle „Wir haben eine Situation, die es so noch nie gegeben hat“. In: Berliner Zeitung, 26. Juli 2018. Abgerufen am 26. Juli 2018.
  21. Mojib Latif im Munzinger-Archiv, abgerufen am 7. Oktober 2011 (Artikelanfang frei abrufbar)
  22. Porträt Latifs bei der Körberstiftung. (Memento des Originals vom 27. September 2013 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.koerber-stiftung.de
  23. Informationen über Mojib Latif bei ifm.geomar (Memento des Originals vom 18. November 2006 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ifm-geomar.de
  24. Auflistung der Klimawald-Botschafter der Stiftung Klimawald
  25. Mojib Latif wird neuer Präsident. In: Kieler Nachrichten, 24. Oktober 2017. Abgerufen am 24. Oktober 2017.
  26. Frank-Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt. In: Die Zeit, 12. Februar 2017. Abgerufen am 5. April 2017.
  27. Uni Kiel | Mojib Latif erhält Verdienstorden des Landes Schleswig-Holstein. Abgerufen am 15. Januar 2018.
  28. Ein Leben für die Klimaforschung – Mojib Latif mit hochdotiertem Forschungspreis ausgezeichnet, Mitteilung des IFM-GEOMAR, 27. März 2009, abgerufen am 21. September 2015
  29. DIES SIND DIE B.A.U.M.-PREISTRÄGERINNEN UND -PREISTRÄGER 2018. Abgerufen am 3. Januar 2019.
  30. Henning, Joachim: Klimaforscher Mojib Latif mit Umweltpreis ausgezeichnet, https://www.wz.de/nrw/duesseldorf/klimaforscher-mojib-latif-mit-umweltpreis-ausgezeichnet_aid-36326199, letzter Aufruf: 2. Februar 2019