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Die Medizinethik oder Medizinische Ethik beschäftigt sich mit den sittlichen Normsetzungen, die für das Gesundheitswesen gelten sollen. Sie hat sich aus der ärztlichen Ethik entwickelt, betrifft aber alle im Gesundheitswesen tätigen Personen, Institutionen und Organisationen und nicht zuletzt die Patienten. Nahestehende Disziplinen sind die Medical Humanities und die Bioethik.

Als grundlegende Werte gelten heutzutage das Wohlergehen des Menschen, das Verbot zu schaden („Primum non nocere“) und das Recht auf Selbstbestimmung der Patienten (Prinzip der Autonomie), allgemeiner das Prinzip der Menschenwürde.

Vielfach diskutierte Themen sind Schwangerschaftsabbruch bzw. der Anfang des menschlichen Lebens, die Reproduktionsmedizin, die Sterbebegleitung, Organtransplantation, Gentherapie oder Stammzelltransplantation. Institutionen, die sich mit diesen Themenfeldern beschäftigen sind verschiedene Ethikräte oder das Deutsche Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften. Diese entstanden nicht zuletzt zahlreicher Versagensmomente der Medizin gegenüber heutigen Grundsätzen und Zielen, vgl. Eugenik oder Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus.

GeschichteBearbeiten

Vor 1945Bearbeiten

In fast allen Kulturkreisen finden sich feierliche Selbstverpflichtungen der Ärzte bezüglich ihrer ärztlichen Kunst, des Verhältnisses zu Patienten und zum eigenen Berufsstand. In Europa dürfte der Eid des Hippokrates (ca. 4. Jahrhundert v. Chr.) am bekanntesten sein. Er wurde im Genfer Ärztegelöbnis (1948, 1968, 1983, 2017)[[1]] zeitgemäß neu formuliert. Im europäischen Mittelalter beruhte die medizinische Ethik vor allem auf theologischer Ethik und die ärztliche Ethik wurde insbesondere durch christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit bestimmt, wobei die Scholastik die dabei zu diskutierenden Aspekte von christlicher Theologie und aristotelischer Philosophie zu verbinden suchte.[2]

Begründer der heutigen Medizinethik ist der englische Arzt Thomas Percival, der ein Jahr vor seinem Tod 1803 das Werk "Medical Ethics" publizierte und damit auch den Begriff prägte.[3] Darin entwickelte er einen ersten neuzeitlichen Ethik-Code, aus dem dann bei Gründung der American Medical Association 1847 deren erster Code of Ethics abgeleitet und in vielen Textstellen direkt übernommen wird.

Nach 1945Bearbeiten

Euthanasie-Programme und Menschenversuche im Nationalsozialismus, japanische Experimente mit Kriegsgefangenen, der Missbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion, gewisse Forschungsexperimente in den USA und andere leidvolle Erfahrungen zeigten auf, dass das ärztliche Berufsethos nicht ausreicht, um kriminellen Missbrauch ärztlichen Wissens und Ehrgeizes zu verhindern. Zu einer enormen Differenzierung der medizinischen Ethik führten schließlich die Herausforderungen durch neue Entwicklungen in der Medizin. Auch der Umgang mit knappen Ressourcen im Gesundheitswesen ist unter ethischen Aspekten zu diskutieren (vergleiche Fragen der medizinischen Ökonomie, oder dramatisch zugespitzt: die Triage in der Katastrophenmedizin).

Beim Nürnberger Ärzteprozess (1947) wurde ein Nürnberger Kodex aufgestellt, der die Grundlage zur Durchführung von notwendigen und ethisch haltbaren medizinischen Versuchen mit Menschen darstellt. Der Weltärztebund verabschiedete 1964 eine „Deklaration zu Ethischen Grundsätzen für die medizinische Forschung am Menschen“ (Deklaration von Helsinki), die später mehrfach aktualisiert wurde (zuletzt 2013[4]) und in vielen Ländern angewandt wird.

Für die humanmedizinische Forschung wurden in Deutschland in den 1980er Jahren Ethikkommissionen bei den medizinischen Fakultäten oder bei den Landesärztekammern angesiedelt. Bei der Prüfung von Forschungsvorhaben orientieren sie sich an gesetzlichen Vorschriften und an den jeweiligen Berufsordnungen für Ärzte. Sie haben den Status eines beratenden Gremiums und werden nur auf Antrag tätig.

Die deutsche Bundesärztekammer hat 1995 eine Zentrale Ethikkommission eingerichtet: sie hat Stellungnahmen unter anderem zur Forschung mit Minderjährigen, zur (Weiter-)Verwendung von menschlichen Körpermaterialien, zur Stammzellforschung, zum Schutz nicht-einwilligungsfähiger Personen, zum Schutz persönlicher Daten in der medizinischen Forschung und zu Prioritäten in der medizinischen Versorgung veröffentlicht.

Die Ethik der Medizin ist an deutschen Hochschulen ein eigenes Forschungs- und Lehrfach. Gegenwärtig (Stand Juni 2019) existieren an 20 deutschen Universitäten Lehrstühle, die sich mit der Medizinethik befassen.[5] Mit der vergleichsweise geringen Zahl an eigenen Professuren gehört die Ethik der Medizin damit zur Gruppe der kleinen Fächer (siehe auch Liste der Kleinen Fächer). Es lässt sich jedoch feststellen, dass die Ethik der Medizin in den vergangenen Jahren an Relevanz an den Universitäten hinzugewonnen hat: seit 1997 hat sich die Zahl der Standorte und Professuren etwa verfünffacht.[6]

Seit 2001 besteht in Deutschland zur Aufarbeitung medizinethischer Fragestellungen im zivilgesellschaftlichen Diskurs ein politikberatendes Gremium in Form des Deutschen Ethikrats.

Zahnmedizinische EthikBearbeiten

Für Zahnärzte gibt es nur in einigen Bundesländern bei der Landeszahnärztekammer angesiedelte Ethikkommissionen. Daher werden Fragestellungen, z. B. Studien zur zahnärztlichen Implantologie, von der medizinischen Ethikkommission erörtert. Wird kein externer Rat eingeholt, besteht die Gefahr der Entscheidung von Fachfremden. Einzelne Berufsverbände, wie z. B. BDIZ/EDI (Bundesverband der implantologische tätigen Zahnärzte in Europa e. V.) haben daher Patientenbroschüren entwickelt, die verlässliche Leitlinien für zahnärztliches Handeln empfehlen, aber auch einer ständigen zeitgemäßen Bearbeitung bedürfen.[7]

Vier-Prinzipien-ModellBearbeiten

Tom Lamar Beauchamp und James F. Childress beschrieben in ihrem Buch „Principles of Biomedical Ethics“[8] 1977 vier ethisch-moralische Prinzipien, welche im Bereich des heilberuflichen Handelns ethische Orientierung bieten und inzwischen als klassische Prinzipien der Medizinethik gelten. Diese Prinzipien stehen zunächst gleichberechtigt nebeneinander, d. h. im Einzelfall müssen die Prinzipien jeweils konkretisiert und gegeneinander abgewogen werden. Moralische Kontroversen können als Konflikte zwischen den verschiedenen gewichteten Prinzipien dargestellt werden.[9]

AutonomieBearbeiten

Das Prinzip der Autonomie (auch Respekt vor der Autonomie, englisch respect for autonomy) gesteht jeder Person Entscheidungsfreiheit und das Recht auf Förderung der Entscheidungsfähigkeit zu. Es beinhaltet die Forderung der informierten Einwilligung vor jeder diagnostischen und therapeutischen Maßnahme und die Berücksichtigung der Wünsche, Ziele und Wertvorstellungen des Patienten.

SchadensvermeidungBearbeiten

Das Prinzip der Schadensvermeidung (englisch nonmaleficence) fordert, schädliche Eingriffe zu unterlassen. Dies scheint zunächst selbstverständlich, kommt aber bei eingreifenden Therapien (z. B. Chemotherapie) häufig in Konflikt mit dem Prinzip der Fürsorge.

FürsorgeBearbeiten

Das Prinzip der Fürsorge (auch Hilfeleistung, englisch beneficence) verpflichtet den Behandler zu aktivem Handeln, das das Wohl des Patienten fördert und ihm nützt. Das Fürsorgeprinzip steht häufig im Konflikt mit dem Autonomieprinzip und dem Prinzip der Schadensvermeidung. Hier sollte eine sorgfältige Abwägung von Nutzen und Schaden einer Maßnahme unter Einbeziehung der Wünsche, Ziele und Wertvorstellungen des Patienten vorgenommen werden.

GerechtigkeitBearbeiten

Das Prinzip der Gerechtigkeit (auch Gleichheit, englisch justice) fordert eine faire Verteilung von Gesundheitsleistungen. Gleiche Fälle sollten gleich behandelt werden, bei Ungleichbehandlung sollten moralisch relevante Kriterien konkretisiert werden.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Josef Girshovich: Wem gehört der Tod? Vom Recht auf Leben und Sterbehilfe. Kein & Aber, Zürich 2014, ISBN 978-3-0369-5648-0
  • Joachim Heil, Bastian Zimmermann: Medizinethik als Ethik der Pflege. Auf dem Weg zu einem klinischen Pragmatismus. De Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-044999-0
  • Reiner Anselm/Julia Inthorn/Lukas Kaelin/Ulrich H. J. Körtner (Hrsg.): Autonomie und Macht. Interdisziplinäre Perspektiven auf medizinethische Entscheidungen, Edition Ethik Band 12, Edition Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8469-0127-4
  • Jürgen Barmeyer: Praktische Medizinethik: die moderne Medizin im Spannungsfeld zwischen naturwissenschaftlichem Denken und humanitärem Auftrag – ein Leitfaden für Studenten und Ärzte. 2., stark überarb. Aufl., LIT-Verl., Münster [u. a.] 2003, 175 S., ISBN 3-8258-4984-8
  • Axel W. Bauer: Medizinische Ethik am Beginn des 21. Jahrhunderts. Theoretische Konzepte, Klinische Probleme, Ärztliches Handeln. J. A. Barth, Heidelberg, Leipzig 1998, ISBN 3-335-00538-4
  • Axel W. Bauer: Normative Entgrenzung. Themen und Dilemmata der Medizin- und Bioethik in Deutschland. Springer VS, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-658-14033-5
  • Kurt Bayertz, Andreas Frewer: Ethische Kontroversen am Ende des menschlichen Lebens. Palm & Enke, Erlangen [u. a.] 2002, ISBN 3-7896-0584-0
  • Tom L. Beauchamp/James F. Childress: Principles of Biomedical Ethics. 6. Aufl., Oxford University Press, 2008, ISBN 0-19-533570-8
  • Jan P. Beckmann: Ethische Herausforderungen der modernen Medizin. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2010, ISBN 978-3-495-48394-7
  • Michael Coors/Tatjana Grützmann/Tim Peters (Hrsg.): Interkulturalität und Ethik. Der Umgang mit Fremdheit in Medizin und Pflege, Edition Ethik Band 13, Edition Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-8469-0162-5
  • Alexander Dietz: Gerechte Gesundheitsreform? Ressourcenvergabe in der Medizin aus ethischer Perspektive, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-593-39511-1
  • Dietrich von Engelhardt, Christian Hick: Ethik, medizinische. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin/ New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 371–374.
  • Marion Großklaus-Seidel: Ethik im Pflegealltag: Wie Pflegende ihr Handeln reflektieren und begründen können. Kohlhammer, Stuttgart 2002, ISBN 3-17-016075-3
  • Bernhard Irrgang: Grundriß der medizinischen Ethik. UTB Verlag, München 1995, ISBN 3-8252-1821-X
  • A. R. Jonsen, M. Siegler, W. J. Winslade: Klinische Ethik 2006. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-7691-0524-7 (Eine praktische Hilfe zur ethischen Entscheidungsfindung in der Medizin).
  • Hartmut Kreß: Medizinische Ethik. Verlag Kohlhammer, Stuttgart, ISBN 3-17-017176-3
  • Ulrich H. J. Körtner: Grundkurs Pflegeethik. 3. Aufl. Wien 2017, ISBN 978-3-7089-1486-2
  • G. Marckmann/J. Meran: Ethische Aspekte der onkologischen Forschung 2006. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-7691-0527-8
  • Georg Marckmann: Was ist eigentlich prinzipienorientierte Medizinethik? Ärzteblatt Baden-Württemberg 2000; 56(12), S. 499–502
  • G. Pott: Ethik am Lebensende. Intuitive Ethik, Sorge um einen guten Tod, Patientenautonomie, Sterbehilfen. Schattauer, Stuttgart 2007
  • Bettina Schöne-Seifert: Medizinethik. In: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch (= Kröners Taschenausgabe. Band 437). Kröner, Stuttgart 1996, ISBN 3-520-43701-5.
  • Thomas Schramme: Bioethik. Einführungen. Campus Verlag, Frankfurt, ISBN 3-593-37138-3
  • Ludwig Siep: Konkrete Ethik. Grundlagen der Natur- und Kulturethik. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004
  • Dieter Sperl: Ethik der Pflege: Verantwortetes Denken und Handeln in der Pflegepraxis. Kohlhammer 2002, ISBN 3-17-017314-6
  • Claudia Wiesemann, Nikola Biller-Andorno: Medizinethik. Thieme, Stuttgart 2004, ISBN 3-13-138241-4
  • Urban Wiesing (Hrsg.): Ethik in der Medizin. Ein Studienbuch. Reclam, Ditzingen, 2. Auflage 2004, ISBN 3-15-018341-3
  • Christiane Woopen: Die Bedeutung von Lebensqualität aus ethischer Perspektive. Z Evid Fortbild Qual Gesundh.wesen (ZEFQ) 108 (2014), 140–145; doi:10.1016/j.zefq.2014.03.002.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. https://link.springer.com/article/10.1007/s00481-018-0471-2 Das Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes
  2. Dietrich von Engelhardt: Ethik, medizinische (Mittelalter). In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 371–373; hier: S. 371.
  3. Karl-Heinz Leven: Der Arzt: ein "Diener der Kunst". Deutsches Ärzteblatt 2018, Jahrgang 115, Heft 24 vom 15. Juni 2018, Seiten A1164-1167
  4. https://www.degruyter.com/abstract/j/jfwe.2015.19.issue-1/jwiet-2015-0116/jwiet-2015-0116.xml Die neue Deklaration von Helsinki
  5. Arbeitsstelle Kleine Fächer: Ethik der Medizin auf dem Portal Kleine Fächer. Abgerufen am 18. Juni 2019.
  6. Arbeitsstelle Kleine Fächer: Ethik der Medizin auf dem Portal Kleine Fächer. Abgerufen am 18. Juni 2019.
  7. Hrsg. BDIZ/EDI Ausschuss für Register und Qualifikation, R. Brandau, P. Ehrl, H. Engels, B. Hölscher, K. Müller, U. Schulz, Broschüre Selbstverständnis in der oralen Implantologie, 2000/2001 http://www.drklausmueller.de/plugins/files/922702/Selbstverst__ndnis_in_der_oralen_Implantologie.pdf
  8. Beauchamp & Childress: Principles of Biomedical Ethics. 2009.
  9. G. Marckmann, 2000, S. 499–502.