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Martin Dornes

deutscher Soziologe, Psychologe und Psychotherapeut

Martin Dornes (* 10. Dezember 1950 in Heidelberg) ist ein deutscher Soziologe, Psychologe und Psychotherapeut.

Martin Dornes

Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Entwicklungspsychologie, Psychoanalyse, Sozialisationstheorie, Familienforschung und Eltern-Kind-Beziehung. Dornes gehört zu den gegenwärtig wichtigsten Vertretern der Säuglings- und Kleinkindforschung im deutschsprachigen Raum.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Dornes studierte von 1970 bis 1978 Soziologie an der Universität Frankfurt am Main. Nach dem Abschluss (Diplom) promovierte er hier 1992. 1981 veröffentlichte er eine Studie zu René A. Spitz.[1] Er absolvierte eine Ausbildung zum Gruppenpsychotherapeuten (Abschluss 1993) und wurde 1996 als Professor für Psychoanalytische Psychologie an der Universität Kassel habilitiert.

Im Zeitraum von 1983 bis 2002 arbeitete er als Kliniker und Forscher in den Bereichen Psychiatrie, Psychosomatik, Sexualmedizin und Medizinischer Psychologie. Von 2002 bis 2014 war er Mitglied im Leitungsgremium des Frankfurter Instituts für Sozialforschung.

Forschung und TheorieBearbeiten

In seinen Büchern behandelt Dornes sowohl neuere psychoanalytisch- entwicklungspsychologische Theorien (insbesondere die von Joseph D. Lichtenberg, Daniel N. Stern und Peter Fonagy) als auch nahezu alle wichtigen Themen der frühkindlichen sozioemotionalen Entwicklung unter Berücksichtigung der empirischen Befundlage aus anderen Disziplinen - z. B. die Aggressionsentwicklung bei kleinen Kindern, die Ursachen und Folgen von Kindesmisshandlung, die Symbiose-, Bindungs- und Mentalisierungstheorie, Konzepte zu Risiko- und Schutzfaktoren für seelische Gesundheit, aber auch sozialpolitisch wichtige Themen wie die Folgen zunehmender nicht-elterlicher Betreuung im frühen Kindesalter oder die familiären Wurzeln von Jugendgewalt.

Der kompetente SäuglingBearbeiten

Martin Dornes steht dem rekonstruktiven Ansatz innerhalb der Psychoanalyse skeptisch gegenüber und plädiert für eine verstärkte Einbeziehung empirischer Forschungsbefunde. Der Versuch, aus der Erinnerung von Patienten eine Theorie der frühkindlichen psychischen Entwicklung abzuleiten, führe zu gravierenden Fehleinschätzungen. Im Rückbezug auf Peterfreunds Kritik am „Adultomorphismus“ psychoanalytischer Standardbegriffe und einem „mythologischen“ Selbstverständnis psychoanalytischer Entwicklungspsychologie kann die empirische Säuglingsforschung einen erheblichen Beitrag zur Entmythisierung psychoanalytischer Ideologie leisten. „Das reale und das rekonstruierte Kind fallen damit vollständig auseinander.“[2] Dabei versteht Dornes seinen Beitrag als kritische Weiterentwicklung psychoanalytischer Forschung.[3]

Eine an der Empirie orientierte Perspektive führt zu einem veränderten Bild der frühen Kindheit. Dornes übernimmt den Begriff vom kompetenten Säugling,[4] der uranfänglich auf eine dialogische Beziehung zu seiner Umgebung angelegt und angewiesen ist: „Der Säugling erscheint nun als aktiv, differenziert und beziehungsfähig, als Wesen mit Fähigkeiten und Gefühlen, die weit über das hinausgehen, was die Psychoanalyse bis vor kurzem für möglich und wichtig gehalten hat.“[5] Psychische Entwicklungen und Fehlentwicklungen werden stärker auf reale frühkindliche Interaktions- und Kommunikationserfahrungen zurückgeführt und nicht auf davon unabhängige oder ihnen vorausgehende phantasiebedingte intrapsychische Konflikte. Tatsächlich gebe es eine solche unterstellte Phantasiefähigkeit in diesem frühen Alter nicht. Entscheidend seien hier vornehmlich die Phantasien der Eltern.[6] Zwar werden Beziehungserfahrungen nachträglich auch in der Phantasie be- und überarbeitet, aber darüber, ob ein Kind psychisch gesund bleibt oder krank wird, entscheiden in erster Linie gute oder schlechte Erfahrungen mit den Eltern.

Diese Auffassung schließt kritisch an die Tradition der psychoanalytisch inspirierten Säuglings- und Kleinkindbeobachtung an, wie sie von René Spitz, Margaret Mahler und Donald Winnicott begonnen wurde. Sie bedient sich darüber hinaus der Erkenntnisse der Bindungstheorie John Bowlbys und der kognitiven Entwicklungspsychologie Jean Piagets. Dabei werden Einwände gegen die rekonstruktiv−spekulative Tendenz psychoanalytischer Begriffsbildung bestätigt, wie sie von Emanuel Peterfreund (1978) und Thomä/Kächele (1985) vorgebracht wurden.[7] Herkömmliche Vorstellungen über die Frühentwicklung erweisen sich so als „adultomorphe“ (vom Erwachsenen wird auf das Kind rückprojiziert), „theoretikomorphe“ („Der Säugling ist so, wie die Theorie über ihn es vorschreibt“) oder „pathomorphe Mythen“ (manifeste Störungen beim Erwachsenen werden als Fixierung oder Regression auf normale Entwicklungsphasen betrachtet; die „normale“ Entwicklung wird aufgrund von Störungsbildern rekonstruiert).[8]

Insbesondere Margaret Mahlers Entwicklungsmodell unterzieht er hierbei einer ausführlichen Kritik. Die Vorstellung eines anfänglichen Autismus sowie das Konzept einer anschließenden „symbiotischen Phase“ seien nicht haltbar.[9]

Die Modernisierung der SeeleBearbeiten

In seinem Buch Die Modernisierung der Seele (2012) stehen nicht mehr entwicklungspsychologische Themen im Vordergrund, sondern familienpsychologische und zeitdiagnostische. Die Leitfrage ist nun zum einen, ob Kinder und Jugendliche unter modernen Bedingungen des Aufwachsens zunehmend überfordert sind und vermehrt psychisch erkranken; zum anderen, ob Eltern, verunsichert durch die Anforderungen einer enttraditionalisierten und individualisierten Gesellschaft, in der Erziehung ihrer Kinder zunehmend versagen. Im Durchgang durch die Theorie- und Forschungslage zu den Chancen und Risiken kindlicher Entwicklung in liberalen Gesellschaften kommt Dornes zu dem Schluss, dass pessimistische Szenarien über den Zustand von Kindheit und Familie unbegründet sind, die überwiegende Mehrheit der Eltern ihrer Erziehungsaufgabe gewachsen ist und die Kinder sich entsprechend gut entwickeln.

Macht der Kapitalismus depressiv?Bearbeiten

In Macht der Kapitalismus depressiv? (2016) wird das Thema der in Dornes’ Augen einseitigen und dramatisierenden Debatten über Erziehungs-, Familien- und Psychokrisen noch einmal aufgenommen. Er befasst sich nun ausführlich mit der Behauptung, psychische Erkrankungen im allgemeinen und Depressionen im besonderen hätten in den letzten Jahren oder Jahrzehnten als Folge zunehmend erschöpfender „neoliberal-kapitalistischer“ Lebens- und Arbeitsbedingungen zugenommen und zeigt, dass es dafür keine überzeugenden Belege gibt. Die Schlussfolgerung lautet: Einer psychosozialen Kapitalismuskritik, die sich auf die These zunehmender psychischer Erkrankungen stützt, fehlt das Fundament.

VeröffentlichungenBearbeiten

Bücher

  • Der kompetente Säugling. Frankfurt/M (Fischer) 1993 (16. Aufl. 2015)
  • Die frühe Kindheit. Frankfurt/M (Fischer) 1997 (10. Aufl. 2013)
  • Die emotionale Welt des Kindes. Frankfurt/M (Fischer) 2000 (6. Aufl. 2014)
  • Die Seele des Kindes. Frankfurt/M (Fischer) 2006 (4. Aufl. 2013)
  • Die Modernisierung der Seele. Kind-Familie-Gesellschaft. Frankfurt/M (Fischer) 2012 (1. Aufl.)
  • Macht der Kapitalismus depressiv? Über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften. Frankfurt/M (Fischer) 2016 (1. Aufl.)

Aufsätze u. a. (Auswahl)

  • Kinder depressiver Eltern. In: WestEnd. Neue Zeitschrift für Sozialforschung, 5. Jg., 2008, Heft 2: 55-77
  • Ambivalenzen moderner Kindheit: Kinder zwischen Freiheit und Verletzlichkeit. In: G. Suess und W. Hammer (Hrsg.): Kinderschutz. Stuttgart (Klett-Cotta) 2010, 46-62
  • Die Modernisierung der Seele. In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 64, 2010, Heft 11: 995-1033
  • Emotionaler Kapitalismus (Buch-Essay zu A. Hochschild, The Outsourced Self und E. Illouz, Die Errettung der modernen Seele). In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 65, 2011: 1113-1125
  • Die meisten Menschen sind nicht überfordert. Interview. In: Psychologie Heute 39. Jg., Heft 5, 2012: 30-36
  • Symbiose. In: W. Mertens (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart u. a. (Kohlhammer, 4., überarb. und erw. Aufl. 2014), 916-923
  • Macht der Kapitalismus depressiv? In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen 69, 2015: 115-160

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Die Psychologie von René A. Spitz : Eine Einführung und kritische Würdigung
  2. vgl. Dornes (1993), S. 28 ff
  3. vgl. Dornes (1993), S. 18 f.
  4. ursprünglich J. Stone et al. 1973: "The Competent Infant", vgl. Dornes (1993), S.21
  5. Dornes (1993), S.21
  6. vgl. Dornes (1993), Kapitel 9: Phantasie und Interaktion, S. 197 – 223
  7. Emanuel Peterfreund: Some critical comments on psychoanalytic conceptualizations of infancy. Int. Journ. Psycho-Anal. 59, pp. 427–441; sowie für den Begriff des „theoretikomorphen Mythos“: Thomä, H./Kächele, H.: Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie. Bd. I: Grundlagen. Berlin u.a.: Springer
  8. Dornes (1993), S. 23 – 25
  9. Vgl. dazu: Dornes (1993), Kap. 3: Autismus und Symbiose: Eine Kritik, sowie: Martin Dornes: Margaret Mahlers Theorie neu betrachtet, Psyche, November 1996, 50. Jahrgang, Heft 11, pp 989-1018