Libanesischer Bürgerkrieg

militärische Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Gruppierungen

Der Libanesische Bürgerkrieg dauerte von 1975 bis 1990. In seinem Verlauf bekämpften sich verschiedene Gruppierungen im Libanon in wechselnden Koalitionen. Darüber hinaus kam es zu mehreren Interventionen durch weitere Staaten.

UrsacheBearbeiten

Bereits in den 1950er Jahren hatte es starke Spannungen zwischen arabischen Nationalisten und prowestlichen Christen gegeben, was unter der Chamoun-Regierung zu einer Staatskrise mit anschließender US-Intervention führte. Der Ausbruch offener schwerer Kämpfe wurde jedoch erst durch die Ankunft der im Schwarzen September 1970 aus Jordanien vertriebenen bewaffneten Kräfte der PLO ausgelöst. Diese errichteten mit Billigung muslimischer libanesischer Gruppen einen bewaffneten Staat im Staate und ergriffen sogleich Partei für die arabischen Nationalisten. Mit dem Ausbruch offener Gefechte zwischen der maronitischen Phalange-Miliz und der palästinensischen PLO begann der Bürgerkrieg im April 1975. Vorausgegangen war eine Reihe wechselseitig verübter Anschläge und Massaker zwischen diesen Gruppierungen. Insgesamt kämpften während des Bürgerkrieges mehr als 80 Milizen.

VerlaufBearbeiten

 
In der frühen Phase des Krieges 1975/76 während der sogenannten Hotelschlacht im Zentrum beschädigtes Holiday Inn Hotel Beirut

Am Anfang wurde vor allem zwischen der Nationalen Bewegung aus muslimischen, palästinensischen und linken Kräften und der Libanesischen Front aus christlichen, vor allem maronitischen Gruppen, gekämpft. Dazu kamen auch noch syrische Interventionen, die unter anderem 1976 mit dem Mandat der Arabischen Liga und einer 30.000 Mann starken Interarabischen Sicherheitstruppe zu Gunsten der maronitischen Gruppierungen eingriffen. Innerhalb der Libanesischen Front errangen die rechtsgerichteten Phalangisten der Maroniten unter Pierre Gemayel den dominierenden Einfluss. Seit 1979 kam es auch noch zu Kämpfen zwischen den sunnitischen (Murabitun-Miliz) und schiitischen Milizen sowie zwischen libanesischen und palästinensischen sowie prosyrischen (Amal-Miliz) und proiranischen Gruppierungen – Vorläufern der Hisbollah.

 
Beirut im April 1978

Als direkte Reaktion auf den Küstenstraßen-Anschlag und um die Stützpunkte der PLO im südlichen Libanon zu zerschlagen, drang Israel eine Woche lang (14. bis 21. März 1978) in den südlichen Libanon ein. Die Operation Litani sollte die Nordgrenze Israels vor bewaffneten Attentaten und Übergriffen schützen. Später unterstützte Israel die christlichen Milizen und die israelfreundliche Südlibanesische Armee (SLA) mit Geld, Ausrüstung und Hilfen bei der Ausbildung.

Von Juni bis September 1982 führten israelische Streitkräfte den Libanon-Feldzug mit dem Ziel, die bewaffneten palästinensischen Strukturen zu zerschlagen. Israelische Streitkräfte lieferten sich 1982 heftige Kämpfe mit syrischen Truppen, belagerten dann West-Beirut und zwangen die PLO zum Rückzug aus dem Libanon. Dieser Rückzug wurde von der Multinational Force in Lebanon (MNF) kontrolliert und im August 1982 abgeschlossen. Die MNF bestand aus rund 1200 US-Marineinfanteristen, 800 französischen, 400 italienischen und rund 100 britischen Soldaten.

 
Kontrollpunkt in Beirut, 1982

Der Maronit und Führer der Phalangisten, Bachir Gemayel (Sohn von Pierre Gemayel) wurde am 23. August zum Präsidenten gewählt. Am 14. September 1982 starb Bachir Gemayel durch ein Bombenattentat. Zwei Tage später verübten etwa 150 Milizionäre in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ein Massaker. Die Schätzungen über die Zahl der Opfer sind sehr umstritten und reichen von 460 bis 2500. Das israelische Militär hatte die Milizionäre – unter der Vorgabe, dort nach Waffenlagern zu suchen – in die Lager geschickt. Das verschärfte Aufeinandertreffen von Israel und dem sowjetischen Verbündeten Syrien bewegte die USA von 1981 zu einem stärkeren Eingreifen in den Bürgerkrieg. Diplomatische Bemühungen aus Washington wurden von nun an vorübergehend ein weiterer bestimmender Faktor in dem Konflikt. Zudem erhielt nach dem Libanon-Feldzug der Einfluss Israels auf den Bürgerkrieg eine neue Qualität, da das Nachbarland eine "Sicherheitszone" im Süden des Libanon bis zum Jahr 2000 besetzt hielt.

Nach Bachirs Tod wurde dessen älterer Bruder Amin Gemayel Präsident; er hatte das Amt eine volle Amtsperiode (sechs Jahre) inne. Er wurde von den USA und Israel grundsätzlich als stabilisierender Faktor angesehen und unterstützt. Allerdings sperrte die US-Regierung sich strikt gegen eine Ausweitung der MNF auf bis zu 30.000 Mann, die Gemayel zur Unterdrückung weiterer Kämpfe zwischen den Milizen einzusetzen gedachte.[1] Die während Amin Gemayels Amtszeit zwischen den Bürgerkriegsparteien geführten Friedensgespräche blieben erfolglos. Die Phalangisten verloren unter Gemayel innerhalb der Libanesischen Front an Einfluss, als die christliche Rechte sich spaltete.

Bis Ende 1982 versuchten US-Diplomaten erfolglos, Israel und Syrien zu einem aufeinander abgestimmten, beidseitigen Abzug ihrer Truppen aus dem Libanon zu bewegen. Danach lehnte die USA sich wieder stärker an Israel an und versuchten, einen Frieden zwischen dem Land und Libanon mit einem schrittweisen einseitigen Truppenabzug zu vermitteln.[1] Das daraus hervorgehende Abkommen vom 17. Mai 1983 zwischen den USA, Israel und Libanon erwies sich als ein Fehlschlag.

Am 18. April 1983 griff die Hisbollah, die seit Herbst 1982 von Syrien und Iran massiv aufgebaut worden war, die US-Botschaft in Beirut mittels einer Autobombe an. Dabei starben 63 Menschen, darunter Robert Ames, der Regionalleiter des US-Auslandsgeheimdienstes CIA. Ebenfalls im Frühjahr 1983 schlossen sich Verbündete Syriens zur Nationalen Rettungsfront zusammen, darunter der Ex-Präsident Suleiman Frangieh, der Drusenführer Walid Dschumblat und Teile der PLO, die den Abzug verweigert hatten. Das Bündnis ging sowohl gegen israelische und US-Truppen als auch gegen die Regierung Gemayel vor.

Am 4. Juli 1983 kündigte Israel den Rückzug seiner Truppen in die südliche Sicherheitszone an. Den durch den ersten Abzugsschritt frei werden Raum rund um das Libanongebirge versuchten sowohl Regierungstruppen mit US-Unterstützung als auch Drusenmilizen unter Dschumblat zu besetzen, die dort ihre Kerngebiete hatten. Die folgenden Kämpfe in den Distrikten Chouf und Alayh wurden als Bergkrieg bezeichnet. Wegen dieses Konflikts, in dem die Drusen die Oberhand zu gewinnen begannen, und des zunehmenden Drucks anderer politischer Gruppen stand Gemayel im Spätsommer 1983 kurz vor dem Rücktritt. Ein Staatszerfall des Libanon drohte. Verhandlungen des neuen US-Beauftragten für den Mittleren Osten, Robert McFarlane, in Syrien führten eher zu einer Verschärfung des Tons: Während die USA mit dem Kreuzen von Marineeinheiten vor der syrischen Küste drohten, kündigten die Syrer für diesen Fall die Versenkung der Schiffe an, falls nötig mit sowjetischer Hilfe. Anfang September 1983 wurde die US-Botschaft in Beirut unter Artilleriefeuer genommen. Präsident Reagan ordnete daraufhin eine aggressive Gegenwehr der im Land befindlichen Marines gegen mögliche Provokationen an und beorderte das Schlachtschiff New Jersey vor die libanesische Küste. Am 19. September gab das Schiff einer libanesischen Regierungsbrigade Artillerieunterstützung, die im Ort Souk El Gharb von Einheiten der Nationalen Rettungsfront eingeschlossen waren. Kurz darauf mäßigten die syrischen Verbündeten ihren politischen und militärischen Druck gegen die libanesische Regierung, so dass Gemayel im Amt blieb. Allerdings waren die US-Truppen damit von einer bisher neutralen Ordnungsmacht zur Partei im Bürgerkrieg auf der Seite der Regierung geworden. Auch in den folgenden Monaten kam es immer wieder zum Einsatz amerikanischer Schiffsartillerie gegen Ziele im Libanon.

 
Die im April 1983 durch einen Bombenanschlag zerstörte US-Botschaft in Beirut

Am 23. Oktober 1983 wurden zwei verheerende gleichzeitige Bombenanschläge auf die Unterkünfte der US-Marines und der französischen Fallschirmjäger verübt; 241 US-Soldaten und 58 Franzosen starben. Weder auf diplomatischer noch auf militärischer Ebene gelang den USA eine klare Reaktion. Die Flottenpräsenz wurde Mitte November auf eine Flugzeugträgerkampfgruppe ausgeweitet, zu der sich beobachtende sowjetische Kriegsschiffe gesellten. Bei einem versuchten Luftschlag gegen syrisch-sowjetische Luftabwehrstellungen in der Bekaa-Ebene wurden zwei US-Kampfflugzeuge abgeschossen. Allerdings war auch die syrische Seite wegen einer schweren Herzerkrankung des Präsidenten Hafiz al-Assad und eines Putschs seines Bruders vorübergehend nur eingeschränkt handlungsfähig. Nachdem letzte diplomatische Versuche der USA gescheitert waren, wenigstens getrennte Operationsgebiete Israels und Syriens im Libanon zu erreichen, und wegen des wachsenden innenpolitischen Drucks ordnete US-Präsident Reagan am 7. Februar 1984 die Verlegung der Marineinfanterie und damit des tragenden Teils der MNF auf die Schiffe vor der libanesischen Küste an. Der Abzug der US-Truppen war am 27. Februar abgeschlossen, der der restlichen internationalen Truppen bis zum April.[1]

Präsident Gamayel kündigte nach Gesprächen in Damaskus das niemals wirksame Abkommen vom 17. Mai auf und näherte sich damit an Syrien an, wodurch er im Amt bleiben konnte. Im September 1984 wurde zudem ein weiterer Bombenanschlag auf die US-Botschaft in Beirut verübt. Für die Anschläge wurde die Hisbollah verantwortlich gemacht, die jedoch dementierte, darin verwickelt zu sein. Die mit US-Hilfe wiederaufgebauten libanesischen Streitkräfte zerfielen nun wieder in konfessionell orientierte Milizen. Insgesamt ließ das diplomatische Interesse der USA an einer Beeinflussung des libanesischen Bürgerkriegs stark nach. Israel zog seine Truppen bis Juni 1985 auf einen Teil des südlichen Libanon („Sicherheitszone“) zurück; sie hielten diesen bis zum Sommer 2000 gemeinsam mit der SLA besetzt.

Im Mai 1985 wurden Sabra, Schatila und Burj el-Barajneh erneut Schauplatz schwerer Kämpfe (erster „Lagerkrieg“), diesmal zwischen der palästinensischen PLO und der schiitischen Amal-Miliz.

Menschenrechtsverletzungen während des KriegesBearbeiten

In einer Frühphase des Krieges ereignete sich das Massaker von Karantina, als christliche Milizen Palästinenser, Schiiten und andere Zivilpersonen im christlich dominierten Ostteil von Beirut ermordeten. Nur zwei Tage später wurde in Damur das Massaker von Damur von palästinensischen und muslimischen Milizen gegen Hunderte von christliche Zivilisten verübt. Ein weiteres Massaker des Krieges fand in Sabra und Schatila statt, wo phalangistische Freischärler im südlichen Stadtgebiet von Beirut über 1000 palästinensische Flüchtlinge töteten.

AusgangBearbeiten

Als sich das libanesische Parlament 1988 nicht auf einen Nachfolger für Amin Gemayel einigen konnte, ernannte er den Militärstabschef General Michel Aoun zum Regierungschef, der im März 1989 einen Befreiungskrieg gegen Syrien erklärte. Es kam zur Ausrufung einer muslimischen Gegenregierung und in der Syrien-Frage zum Bruch zwischen dem Maroniten Aoun und dem ebenfalls maronitischen Milizenführer Samir Geagea, was schwere Kämpfe zwischen den christlichen Forces Libanaises und den von Aoun befehligten christlichen Teilen der regulären Streitkräfte nach sich zog. Letztere wurden im Oktober 1990 von der anrückenden syrischen Armee vernichtend geschlagen. Bereits im Oktober 1989 war in Ta'if unter der Vermittlung von Saudi-Arabien ein Friedensabkommen unterzeichnet worden, das u. a. eine paritätische Sitzverteilung von Muslimen und Christen im libanesischen Parlament vorsah. Nach Aouns Niederlage konnte das Abkommen in Kraft treten.

Der Bürgerkrieg forderte 90.000 Todesopfer, 115.000 Verletzte und 20.000 Vermisste. 800.000 Menschen flohen ins Ausland. Ein unter syrischem Druck geschlossener „Kooperationsvertrag“ im Mai 1991 machte den Libanon bis 2005 praktisch zum syrischen Protektorat.

Das Eisenbahnnetz des Libanon (Chemin de fer de l’État Libanais, CEL) wurde durch den Bürgerkrieg zerstört und ist heute vollständig stillgelegt.

LiteraturBearbeiten

  • Robert Fisk: Pity the Nation: Lebanon at War, Oxford 2001.
  • Theodor Hanf: Libanon-Konflikt; in: Udo Steinbach/ Rüdiger Robert: Der Nahe und Mittlere Osten. Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Geschichte, Kultur, Band 1, Grundlagen, Strukturen und Problemfelder, Opladen 1988, S. 663–680.
  • Theodor Hanf: Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon, Baden-Baden 1990.
  • Farid el-Khazen: The Breakdown of the State in Lebanon 1967–1976, Oxford 2000.
  • Ulrich Kienzle: Abschied von 1001 Nacht. Mein Versuch, die Araber zu verstehen, Edition Sagas, Stuttgart 2011.
  • Martin Rink: Der Bürgerkrieg im Libanon, 1975 bis 1990, in: Naher Osten (= Wegweiser zur Geschichte), 2. überarbeitete Auflage, im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, hrsg. von Bernhard Chiari und Dieter H. Kollmer unter Mitarbeit von Martin Rink, Schöningh, Paderborn 2009, S. 120–135.

WeblinksBearbeiten

Commons: Libanesischer Bürgerkrieg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c Magnus Seland Andersson, Hilde Henriksen Waage: Stew in Their Own Juice: Reagan, Syria and Lebanon, 1981–1984. In: Diplomatic History. Band 44, Nr. 4, September 2020, S. 664–691, doi:10.1093/dh/dhaa036.