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Länggasse (Bern)

Quartier/"Statistischer Bezirk" im Stadtteil Länggasse-Felsenau/Stadtteil II in der Stadt Bern, Schweiz
(Weitergeleitet von Länggasse)


Die Länggasse ist ein Quartier im Norden der Stadt Bern.

Wappen von Länggasse
Wappen von Bern
Länggasse
Quartier von Bern
Karte von Länggasse
Koordinaten 599003 / 200560Koordinaten: 46° 57′ 22″ N, 7° 25′ 32″ O; CH1903: 599003 / 200560
Höhe 555 m
Fläche 0,30 km²
Einwohner 2845 (31. Dez. 2015)
Bevölkerungsdichte 9483 Einwohner/km²
BFS-Nr. 351009
Postleitzahl 3012
Stadtteil Länggasse-Felsenau
Die Länggassstrasse
Pauluskirche und Departement für Chemie und Biochemie der Universität Bern

Inhaltsverzeichnis

Lage und DefinitionBearbeiten

Die Bezeichnung «Länggasse» ist nicht eindeutig. Erstens wird sie verwendet, um das ganze Gebiet zwischen Bahnhof (im Süden), Güterbahnhof (im Westen), Aare (im Norden) und Neubrückstrasse (im Osten) zu bezeichnen. In dieser Bedeutung sind die Quartiere Stadtbach, Muesmatt und Neufeld Teil der Länggasse. Zweitens wird sie verwendet, um das Gebiet beidseits der Länggassstrasse vom Bahnhof bis zur Mittelstrasse zu bezeichnen, ein Gebiet, das auch als «Vordere Länggasse» bekannt ist; die «Hintere Länggasse» erstreckt sich dann von der Mittelstrasse bis zum Bremgartenwald. Die Mittelstrasse bildet mit verschiedenen Gastronomiebetrieben und Einkaufsmöglichkeiten das Zentrum des Quartiers. Drittens wird sie umgangssprachlich als Synonym für die Hauptachse des Quartiers, die Länggassstrasse, verwendet. Und schlussendlich, viertens, ist Länggasse ein Quartier, respektive genau definierter "Statistischer Bezirk", im Stadtteil Länggasse-Felsenau, der auch als Stadtteil II bekannt ist. Aufgrund der historischen Entwicklung des Quartiers (siehe Geschichte) und dem üblichen Gebrauch des Namens wird «Länggasse» hier im ersten Sinn verwendet.

GeschichteBearbeiten

Die Anfänge (bis 1850)Bearbeiten

Das heutige Länggassquartier war ursprünglich, wie die meisten Stadtquartiere, ein landwirtschaftlich genutztes Areal. An der nordöstlichen Peripherie des heutigen Quartierareals wurde mit dem Bau der Neubrücke 1535 die nach Aarberg führende Landstrasse angelegt. Ebenfalls noch im 16. Jahrhundert bildete sich die als Sackgasse zum Bremgartenwald und dann als Fussweg bis zum Glasbrunnen führende Länggasse, nach der das später entstehende Quartier benannt werden sollte. Entlang der Länggasse bildeten sich vom Ende des 17. Jahrhunderts an erste Ansätze zu einer Quartierentwicklung. Bereits 1721 ist die Länggasse bis auf die Höhe der heutigen Bus-Endstation beidseits von Kleinparzellen eingefasst.

Im 18. und beginnenden 19. Jahrhundert änderte sich an der Bebauung wenig. Einzige Entwicklung war eine gewisse Verdichtung der bestehenden Bebauung entlang der immer noch Sackgasse gebliebenen Länggasse. Dies veränderte sich erst, als eine Verbindungsstrasse angelegt wurde, die als Promenade am Bremgartenwald entlangführte. Diese Allee verband alle Landstrassen auf der Nordwestseite der Altstadt tangential miteinander, von der Tiefenaustrasse über die Engepromenade und Neubrückstrasse bis zur Murtenstrasse und somit auch die Länggasse.

Der Zusammenbruch des Ancien Régime und die Wirren der politischen und sozialen Neuordnung Anfang des 19. Jahrhunderts verlangsamte vorerst alle städtebaulichen Unternehmen. Zudem waren aufgrund der Bauwelle des 18. Jahrhunderts die Bedürfnisse nach Wohnraum weitgehend befriedigt. Erste städtebauliche Impulse brachte dann der Abbruch der vierten Westbefestigung und der Schanzen. Bis 1831 fiel praktisch der gesamte Nordabschnitt der vierten Westbefestigung. Mit der 1834 beschlossenen Schleifung der Schanzen beginnt auch die Geschichte des modernen Länggassquartiers.

Vom freigewordenen Gelände wurde vorerst nur der Ostrand überbaut. Von der Heiliggeistkirche bis zur Schützenmatte wird am Fuss der Grossen Schanze eine breite Strasse, das Bollwerk angelegt. Die Centralbahn wurde vom Wylerfeld durchs Bollwerk ins Stadtzentrum geführt, die dadurch entstandene Abtrennung des Länggassplateaus von der Altstadt wird durch die Weiterführung der Eisenbahn nach Westen und den Umbau des Kopfbahnhofs zum Durchgangsbahnhof vervollständigt.

Die Länggasse wird zum Industriequartier (1850–1890)Bearbeiten

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siedelten sich entlang der Bremgartenstrasse die Maschinenfabrik Bern (später von Roll) und das Baugeschäft Schneider (später Zimmerei Muesmatt) an. Um 1865 kam die Seidenfabrik zwischen Mittel- und Neufeldstrasse dazu, 1868 die Schokoladenfabrik Tobler und 1877 die Druckerei Stämpfli. Eine noch heute sichtbare Folge dieser Fabrikansiedlungen, sind die von privaten Konsortien und gemeinnützigen Gesellschaften erstellten Arbeitersiedlungen.[1]

Öffentliche Bauten und Mehrfamilienhäuser (1890–1915)Bearbeiten

 
Mehrfamilienhaus an der Ecke Freiestrasse/Muesmattstrasse, erbaut 1904

Bereits 1876 kommt als Vorläufer der vielen Dienstleistungsbauten der Jahrhundertwende das Bürogebäude der Jura-Simplon-Bahn (heute Verwaltungsdirektion der Universität Bern) an die Hochschulstrasse 6 ins Quartier. In den 1890er Jahren kommen in rascher Folge eine ganze Reihe von öffentlichen Bauten: 1892 das "Neue Schulhaus" an der Neufeldstr. 40, 1892–1897 die Universitätsbauten am Bühlplatz (Anatomie), 1900–1902 das Hauptgebäude der Universität an der Hochschulstrasse 4, 1902 das Dienstgebäude der SBB an der Mittelstrasse 43, 1904/05 das Oberseminar Muesmattstrasse 27 und schliesslich 1901–1905 die Pauluskirche an der Freiestrasse 8, eines der Hauptwerke des Jugendstils in der Schweiz. Gegen Ende des Jahrhunderts tritt in der Länggasse ein neuer Bautyp auf: das grossbürgerliche Mehrfamilienhaus, wie beispielsweise der 1904 erbaute Neurokoko-Palast an der Ecke Freie-/Muesmattstrasse.[2]

Die Lücken werden gefüllt (1915–1945)Bearbeiten

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist ein Grossteil der Länggasse noch unüberbaut, insbesondere Teile der Muesmatt, des Hochfeldes und des Brückfeldes. Bis 1940 werden nun einerseits diese Lücken gefüllt und andererseits beginnt man die alten Bauten entlang der Länggass- und Neubrückachse zu ersetzen. Einzig ein Streifen des Neufeldes nordöstlich der Länggass-Strasse bleibt unbebaut.

Verdichtung und Verdrängung (1945–1980)Bearbeiten

Mit dem Bau der Sekundarschule Hochfeld (1957), dem städtischen Gymnasium Neufeld (1965), dem Spital Lindenhof (1965), dem Tierspital (1966) und dem Freien Gymnasium (1972–1973) ist das Gebiet der Länggasse praktisch ganz überbaut. In der Folge finden im ganzen Quartier Verdichtungsprozesse statt. So verschwindet die ursprüngliche Bebauung im Geviert zwischen Mittelstrasse, Gesellschaftsstrasse, Hallerstrasse und Zähringerstrasse fast vollständig und wird durch neue Wohnbauten ersetzt.[3]

Sanierung, Umnutzung, Gentrifizierung (1980 bis heute)Bearbeiten

In der jüngsten Phase ist die Siedlungsstruktur des Quartiers weitgehend unverändert geblieben. Die Planer haben den Wert alter Bauten als Zeugen der Stadt- und Industriegeschichte von Bern erkannt. Wohnhäuser wurden unter Berücksichtigung der quartierüblichen Formen und Dimensionen erneuert bzw. saniert. Durch die Umnutzung verschiedener alter Industriebauten wurde die Länggasse immer mehr zum Universitäts- bzw. Hochschulquartier.

UniversitätsquartierBearbeiten

 
Das neue Institutsgebäude im Hochschulzentrum vonRoll
 
Die alte Weichenbauhalle im Hochschulzentrum vonRoll

Als die Studierendenzahlen in den 1960er-Jahren sprunghaft anstiegen, entstand die Idee eines Universitätscampus auf dem Viererfeld. Aufgrund von finanziellen Engpässen und der bereits sichtbaren Folgen der Zersiedelung der Landschaft wurde aber auf das Projekt verzichtet.[4] Dafür bot sich 1982 mit dem Auszug der Chocolatfabrik Tobler die Chance, eine grosse und zentral gelegene Liegenschaft zu kaufen und für die Bedürfnisse der Universität umzubauen. Im Jahr 1993 wurde die Unitobler eröffnet.[5] Später folgten das alte Frauenspital an der Schanzeneckstrasse (heute UniS), die alte Weichenbauhalle auf dem vonRoll-Areal (heute Hörsaalgebäude) und weitere.[6] Die Strategie 3012 enthält die langfristigen Entwicklungsziele für die räumliche Unterbringung der Universität Bern[7] und ist seit 2004 im Kantonalen Richtplan festgehalten.[8]

WohnquartierBearbeiten

Zu früheren Zeiten war die hintere Länggasse von Industriebauten (Chocolat Tobler und Maschinenfabrik Von Roll) und den dazugehörenden Arbeitersiedlungen geprägt, aber heute ist das ganze Quartier hauptsächlich ein Wohnquartier. Entlang der Hauptachse Länggassstrasse haben sich viele Restaurants und Geschäfte angesiedelt, wobei die Studierenden oft ein willkommenes Publikum sind. Ähnlich wie in der Lorraine, können auch in der Länggasse Tendenzen zur Gentrifizierung festgestellt werden.[9]

Weitere EinrichtungenBearbeiten

Schulen

  • Gymnasium Neufeld
  • Schulkreis Länggasse (Grosses Schulhaus, Hochfeldschulhaus 1, Hochfeldschulhaus 2, Muesmattschulhaus und Türmlischulhaus)

Bibliotheken

  • Basisbibliothek Unitobler
  • Bibliothek vonRoll[10]
  • Regionalbibliothek Länggasse

Kirchen

Spitäler

Sportanlagen

LiteraturBearbeiten

  • Morgenthaler, Hans: Gedenkschrift zum 75jährigen Bestehen des Länggass-Leistes Bern, 1865–1940. Länggass-Leist, Bern 1940 (enthält: Beiträge zur Geschichte des Länggassquartiers).
  • Gerber, Ernst / Furrer, Bernhard: Quartierinventar Länggasse 1988: Kommunales Inventar gemäss Art. 75 der Bauordnung der Stadt Bern von 1981, genehmigt vom Gemeinderat der Stadt Bern am 15. März 1989. Denkmalpflege der Stadt Bern, Bern 1989.
  • Länggass-Leist und Berner Heimatschutz Regionalgruppe Bern (Hrsg.): Die Länggasse: Ein Rundgang durch ein Berner Quartier. Haupt-Verlag, Bern 1990.
  • Gaberell, Daniel (Hrsg.): Länggasse. Herausgeber.ch, Bern 2009, ISBN 978-3-9523304-8-7.
  • Furrer, Bernhard: Die Stadt Bern. aus der Reihe Schweizerische Kunstführer. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern 1994. ISBN 978-3-85782-553-8.
  • Rupp, Marco: Der bauliche Umwandlungsprozess in der Länggasse: eine Quartieranalyse Geographisches Institut der Universität Bern, Bern 1981.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Länggasse (Bern) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Länggass-Leist 1990. S. 12
  2. Bauinventar der Stadt Bern. Denkmalpflege der Stadt Bern, 1996, abgerufen am 9. März 2014.
  3. Rupp (1981)
  4. Die Uni und ihre Bauten im Bund vom 27. März 2009. Abgerufen am 27. Januar 2014
  5. Unitobler im Architekturführer der Universität Bern. Abgerufen am 27. Januar 2014
  6. Hochschulzentrum vonRoll. Universität Bern, Abteilung Bau und Raum, abgerufen am 15. März 2014.
  7. Strategie 3012 der Universität Bern. Abgerufen am 27. Januar 2014
  8. Massnahme C 16 im Kantonalen Richtplan. Abgerufen am 27. Januar 2014
  9. Vom "Ghetto" zum Trendquartier. Berner Zeitung, 30. September 2013, abgerufen am 15. März 2014.
  10. www.ub.unibe.ch/vonroll, abgerufen 15. März 2014