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Kesselwagen

Typ eines Güterwagen
Schemazeichnung
Kesselwagen zum Alkoholtransport

Ein Kesselwagen ist ein Eisenbahngüterwagen mit einem oder mehreren geschlossenen Behältern (z. B. unter Druck), der zum Transport von Flüssigkeiten und Gasen verwendet wird. Eine spezielle Form dieser Güterwagen war der Topfwagen, der seit langem nicht mehr anzutreffen ist. Behälterwagen für die Beförderung staubförmiger Güter zählen nicht zu den Kesselwagen, sondern zu den Sonderwagen der Gattung U.

Straßenfahrzeuge zum Transport von Flüssigkeiten und Gasen werden Tankwagen oder „Tkw“ genannt.

Inhaltsverzeichnis

Aufbau und AusführungenBearbeiten

 
Schmalspur-Kesselwagen 750 mm
 
Alter Kesselwagen als Ausstellungsstück im Mid Continent Railroad Museum in den USA

Generell werden Kesselwagen in zwei unterschiedliche Typen eingeteilt:

zum einen in Kesselwagen für Druckgase, mit den drei Unterklassen
  • Druckgaskesselwagen mit Untenentleerung,
  • Druckgaskesselwagen mit Obenentleerung,
  • Kesselwagen für tiefkaltverflüssigte Gase;
zum anderen in Kesselwagen für flüssige Stoffe, wiederum mit drei Unterklassen
  • Kesselwagen mit Untenentleerung, auch (pars pro toto) „Mineralölkesselwagen“ genannt,
  • Kesselwagen mit Obenentleerung („Chemiekesselwagen“),
  • Kesselwagen mit Oben- und Untenentleerung.
 
Druckgaskesselwagen (hinten) und isolierter Kesselwagen im Chemiepark Bitterfeld-Wolfen

Kesselwagen werden je nach Verwendung mit einem bestimmten Tank oder Druckbehälter ausgestattet und (abhängig vom Ladegewicht) als Güterwagen mit zwei Drehgestellen oder mit zwei Achsen gebaut. Das Ladevolumen beträgt je nach Ausführung 20 m³ bis 120 m³. Der Innenraum der Kessel für Flüssigtransporte ist stets mit senkrecht eingeschweißten Schwallblechen unterteilt, um Massebewegungen des Ladegutes zu vermindern. Kesselwagen zum Transport von Gasen sind durch ein Sonnenschutzblech vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt.

Je nach Bauart lassen sich Kesselwagen von oben, unten oder von oben und unten befüllen oder entleeren.

„Druckgaskesselwagen“ sind in Europa mit einem etwa 30 cm hohen, orangen Längsstreifen gekennzeichnet, der den Kessel auf halber Höhe umschließt. Be- und entladen werden sie meist über vom Boden aus bedienbare Einrichtungen (Untenentleerung).

Mineralölkesselwagen“ werden meist von oben befüllt und nach unten entleert. Viele Wagen dieser Bauart besitzen ein Zwangsbelüftungssystem, um eine Implosion des Wagens beim Entleeren zu verhindern. Dies sorgt dafür, dass sich der Domdeckel zur Belüftung gleichzeitig mit dem Zapfventil zur Entladung öffnet und schließt. Die Wagen mit Zwangsbelüftungssystem sind mit einer senkrechten, weißen Bauchbinde in Wagenmitte gekennzeichnet. Chemiekesselwagen werden, außer bei weniger gefährlichen Chemikalien, meist von oben befüllt und entleert. Über einen Druckstutzen wird Luft oder Stickstoff in das Wageninnere gepumpt, das Ladegut wird dann über ein Steigrohr aus dem Tank gedrückt und mittels einer angeschlossenen Leitung in einen anderen Behälter gefüllt. Ein Absaugen des Gutes ist ebenfalls möglich, wobei auch hier, um eine Implosion zu verhindern, unbedingt auf die Belüftung geachtet werden muss.

VerwendungBearbeiten

  • Lebensmitteltransport (Milch, Bier, Speiseöl usw.)
  • Erdöl- bzw. Erdölprodukttransport
  • Chemikalientransport
  • Flüssiggastransport
  • Druckgastransport

Wirtschaftliche AspekteBearbeiten

Im Gegensatz zu den meisten anderen Wagengattungen sind Kesselwagen (KWG) meist Eigentum des Verladers oder eines speziellen Wagenvermieters wie VTG AG oder GATX, nicht des Eisenbahnunternehmens. Die Deutsche Bahn zum Beispiel besitzt keine eigenen Kesselwagen. Dieser Umstand wird zum einen durch individuelle Produktanforderungen (z. B. Druck, Temperatur) und zum anderen durch die erhöhten Sicherheitsanforderungen im Gefahrgutbereich (RID) begründet. Daher sind dezidierte Anbieter bzw. Investoren gefragt, welche das komplexe Management von KWG-Parks übernehmen. Dies umfasst die Instandhaltung und das rechtzeitige Absolvieren von technischen Prüfungen. Ein Kesselwagen wird einem Mieter mit einem gewünschten Reinheitsgrad zur Verfügung gestellt und von diesem am Mietende nach Absprache gereinigt oder ungereinigt zurückgegeben. Die Reinigung wird meist von darauf spezialisierten Betrieben (d. h. weder vom Mieter noch vom Vermieter) durchgeführt. Dabei sind Umweltbestimmungen einzuhalten.

Vor allem durch die Liberalisierung des Schienengüterverkehrs ergab sich Handlungsbedarf im Waggonumfeld, wodurch sich Dienstleistungsbetriebe rund um den Kesselwagen herausgebildet haben. Auch Gesamtleistungen bis hin zum Carriermanagement werden von KWG-Vermietern übernommen. Eine Neudefinition des Marktumfelds bewirkte die COTIF 1999, die 2006 in Kraft trat. Sie erlaubt es Wagenvermietern, Waggons selbständig in das Bahnnetz einzustellen, ohne den Weg über einen Dritten (meist ehemalige staatliche EVU) zu bestreiten.

UnfälleBearbeiten

Viele Kesselwagen sind so stabil, dass sie auch dann, wenn sie entgleisen und umkippen, dicht bleiben. Im Laufe des über 100-jährigen Einsatzes von Kesselwagen kam es gleichwohl zu einigen schweren Unglücken. Im Folgenden ein Auszug aus der Liste schwerer Unfälle im Schienenverkehr:

  • Ingolstadt (Deutschland Bundesrepublik  BR Deutschland) – Auffahrunfall und anschließender Großbrand: 2. März 1972 – Durch einen Fahrdienstleiterfehler erhielt ein Güterzug aus dem Bahnhof Ingolstadt Nord versehentlich Ausfahrt in Richtung Ingolstadt Hbf und fuhr dort auf einen vor dem Einfahrtsignal wartenden zweiten Güterzug auf. Dieser bestand aus mit Erdölprodukten beladenen Kesselwagen, die zum Teil in Brand gerieten. Vier Menschen starben bei dem Unfall, der Fahrdienstleiter nahm sich das Leben. Zürich-Affoltern (Schweiz) -- Grossbrand nach Entgleisung eines Kesselwagenzuges. 8.März 1994. 3 Wohnhäuser brannten komplett nieder, ein viertes teilweise. Hauptartikel: Eisenbahnunfall von Zürich-Affoltern
  • Minot (Vereinigte Staaten  Vereinigte Staaten) – Entgleisung nach Schienenbruch: 18. Januar 2002 – Westlich von Minot, North Dakota, entgleiste ein Güterzug, wobei fünf unter Druck stehende Kesselwagen, die giftiges, ätzendes Ammoniak-Gas geladen hatten, explodierten. Auch aufgrund des Versagens des örtlichen Katastrophenschutzes starb ein Anwohner, 11 Menschen wurden schwer, 322 leicht verletzt, etwa 11.600 Einwohner mussten evakuiert werden, der Sachschaden betrug mehr als $10 Mio.
  • Neyschabur (Iran  Iran) – Ein mit Chemikalien beladener Zug explodiert: 18. Februar 2004 – Ein Geisterzug nahe der iranischen Stadt Neyschabur (Nischapur) setzte sich in Bewegung, nach einigen Kilometern entgleisten einige der Wagen und gerieten in Brand. Während der Löscharbeiten explodierten mehrere Kesselwagen. 320 Menschen starben, vorwiegend Feuerwehrleute, 460 wurden verletzt.
  • Wetteren (östlich von Gent, Provinz Ostflandern (Belgien  Belgien)) – 4. Mai 2013 – Sechs Kesselwagen eines aus 13 Waggons bestehenden Güterzuges entgleisten nachts; mehrere von ihnen fielen um und rutschten einen Bahndamm hinunter; drei von ihnen explodierten. Das Unglück ereignete sich nach einer Baustelle, als der Zug an einer Weiche das Gleis wechselte. In mindestens einem der Kessel war der Stoff Acrylnitril. Sie brannten 16 Stunden lang mit großer Rauchentwicklung. Die Feuerwehr ließ die Kesselwagen ausbrennen, um keine weiteren giftigen Gase „entstehen“ zu lassen. Ein Anwohner starb in seinem Haus an giftigen Chemikalien in der Atemluft.[1]

NordamerikaBearbeiten

 
Entgleiste, aufgerissene Tankwagen
 
Zwei verschiedene Tankwagen nach der Spezifikation 111A100W1

In Amerika kam es zu einem Ölboom in der Bakken-Formation in North Dakota, für den keine Pipelinekapazitäten bereitstanden.[2] Daher wurde auf Tanktransporte mit der Eisenbahn ausgewichen, die seit 2011 rasant anstiegen.[3]

In der Folge kam es auch zu einer Zunahme der Ölunfälle, da die nach dem amerikanischen Standard DOT-111 gebauten Kesselwagen bei einer Entgleisung leicht aufreißen.[3]

Unfälle (Auswahl):[4]

  • Lac-Mégantic (Kanada  Kanada) – Mehrere mit Rohöl beladene Kesselwagen entgleisten und explodierten: 6. Juli 2013 – Ein führerloser Güterzug mit 72 Kesselwagen setzte sich in Bewegung. Nach einigen Kilometern entgleisten mitten in der kanadischen Ortschaft Lac-Mégantic einige der Wagen, gerieten in Brand. Bei der folgenden Explosion starben mindestens 20 Menschen.[5]

Als Konsequenz sollen die DOT-111-Kesselwagen, die immer noch zwei Drittel der gesamten Flotte Nordamerikas ausmachen, überholt oder durch neue Wagen vom Typ TC-117 ersetzt werden.[7]

Bilder von verschiedenen KesselwagenBearbeiten

Siehe auchBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. tagesspiegel.de, spiegel.de
  2. Daniel Gross: The Dakota Access Pipeline Should’ve Happened 10 Years Ago. In: Slate. 21. Oktober 2016 (slate.com).
  3. a b Michael W. Robbins: Why do trains carrying oil keep blowing up? In: Mother Jones. 27. Mai 2014 (motherjones.com).
  4. Oregon derailment is latest in string of US oil train crashes. In: The Oregonian. (oregonlive.com).
  5. Zugunglück in Kanada: Kesselwagen-Explosion verwüstet Kleinstadt. In: Spiegel Online. 6. Juli 2013, abgerufen am 24. Oktober 2016.
  6. Kollision in North Dakota: Tankzug explodiert. In: Neue Zürcher Zeitung. 31. Dezember 2013 (nzz.ch).
  7. AAR: Railroad Tank Cars (Memento vom 1. Juli 2014 im Internet Archive)

WeblinksBearbeiten

  Commons: Kesselwagen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien