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Johann Michael Bossard

schweizerischer Künstler

BiografieBearbeiten

Lebensabschnitte: Zug, München und BerlinBearbeiten

Prägend für Johann Michael Bossards späteres Leben waren zwei Ereignisse: der frühe Tod seines Vaters 1882 und der durch eine Scharlachinfektion[1] ausgelöste Verlust eines Auges 1885. Nach Beendigung der Primar- und Sekundarschule in Luzern und Zug begann er 1890 eine Lehre als Hafner in der Hafnerei Keiser in Zug. Neben der guten handwerklichen Ausbildung unterstützte man hier auch seinen Wunsch nach einer künstlerischen Ausbildung. Zu Ostern 1894 ging Bossard mit einem kleinen Stipendium für Zuger Bürger nach München, besuchte zwei Semester lang die Bildhauerklasse von Professor Hess an der Kunstgewerbeschule und wechselte dann an die Akademie zu Wilhelm von Rümann. Nach einer in der Zeitung kritisierten Ausstellung in München 1896 wechselte er praktisch fluchtartig nach Berlin, dem neuen Zentrum für Kunst und Kultur. Die ersten Jahre in Berlin waren entbehrungsreich, denn er erhielt kein Stipendium mehr, und seine Mutter bedurfte seiner finanziellen Unterstützung.

Erste ErfolgeBearbeiten

In Berlin besuchte Bossard die Hochschule für bildende Künste, anschließend die Malklasse von Professor Seeliger an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin. Danach war Bossard vier Semester lang Meisterschüler von Arthur Kampf an der Berliner Akademie. Es stellten sich bald die ersten Erfolge mit Plastiken und grafischen Arbeiten ein (z. B. der grafische Zyklus Das Jahr 1904–1918). Durch Vermittlung des Berliner Kunstfreundes Max Lucke erhielt Bossard größere Aufträge, so dass die finanzielle Not beendet war. Einer dieser Aufträge, das Grabmal Franke, Berlin St. Georgen-Friedhof, ermöglichte Bossard 1905 einen Studienaufenthalt in Italien, in dessen Verlauf er die Monumentalplastik Das Leben konzipierte, die großes Aufsehen erregte und von bekannten Kunstkritikern der damaligen Zeit, wie Friedrich Wolff, Adolf Grabowsky, Karl Storck und anderen überschwänglich gelobt wurde. Diese Groß-Skulptur kam jedoch nie zur endgültigen Ausführung und existierte nur als Modell.

Lehrtätigkeit in HamburgBearbeiten

 
Giebeldetail an der Fassade des Bernhard-Nocht-Instituts in Hamburg-St. Pauli
 
Johann Michael Bossard, Zifferblatt der Uhr an der Hamburger Börse

Wohl aufgrund seiner Kleinplastiken im neoklassizistischen Stil, mit denen er ab 1906 Erfolg hatte, erhielt Bossard 1907 einen Ruf an die neu organisierte Kunstgewerbeschule (heute Hochschule für Bildende Künste) in Hamburg. Neben seiner Tätigkeit als Professor für Plastik, die er bis 1944 ausübte, schuf Bossard in den Jahren 1909 bis 1911 zahlreiche Plastiken an öffentlichen Gebäuden Hamburgs, die heute noch zu sehen sind, ohne dass der Schöpfer dieser Plastiken in Hamburg bekannt wäre (z. B. die Schmuckreliefs an den Fassaden des Bernhard-Nocht-Instituts, die Figuren an der Hauptfassade des MARK-Museums und des Curiohauses, die Großkeramik an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und die Börsenuhr). Auf dem Ohlsdorfer Friedhof schuf er die Grabmäler Puls (1908) und Hülse (1912).

Etwa 1911 hörte er mit diesen Arbeiten in Hamburg auf, möglicherweise da er um diese Zeit auf einem Grundstück in der Lüneburger Heide mit der Gestaltung eines „Gesamtkunstwerkes“ aus Architektur, Landschaftsgestaltung, Plastik, Malerei und Kunsthandwerk begann. Ein derartiges, die verschiedenen Einzelkünste miteinander vereinendes Grosskunstwerk mitsamt einer dort zu verwirklichenden gesellschaftsutopischen Zielsetzung plante Bossard bereits seit Längerem; möglich ist, dass er ursprünglich ein in Berlin erworbenes Grundstück dafür vorgesehen hatte. Auch am Zugersee stellte Frau Adelheid Page (Nestle?) in Cham ihm ein Grundstück zu diesem Zweck zur Verfügung.

Atelierhaus und KunsttempelBearbeiten

 
Das Atelierhaus
 
Innenansicht, bemalte Glasdecke

1912 begann der Bau des Atelierhauses in Lüllau, das bis 1914 erbaut und eingerichtet wurde. Die Arbeiten wurden durch den Ersten Weltkrieg, an dem Bossard als deutscher Soldat in Frankreich als „Schildermaler“ teilnahm, unterbrochen. Auch erneute wirtschaftliche Probleme nach dem Ersten Weltkrieg erschwerten die Verwirklichung seiner Vorstellungen. Auch in der Schweiz waren die Auswirkungen des Krieges zu spüren, und die vorher reichliche Unterstützung durch Adelheid Page (Cham) und auch Emil Hegg (Bern) fielen aus.

Ab 1921 begann Johann Bossard, die einzelnen Räume im Atelierhaus systematisch künstlerisch zu gestalten: Möbel und Wandvertäfelungen und Wände wurden bemalt, Textilien und Gebrauchsgegenstände künstlerisch gestaltet, Fenster mit Malereien versehen, Plastiken und Reliefs untergebracht. Die Böden wurden bemalt oder mit gestalteten Teppichen bedeckt.

1926, nach seiner Heirat mit seiner Schülerin Jutta Krull (1903–1996), begannen Bossard und seine junge Frau gemeinsam mit dem Bau des zweiten Objektes auf dem Grundstück in Lüllau, dem so genannten Kunsttempel, den Bossard in seiner Werbeschrift an meine Freunde 1925 eindringlich beschreibt. Nach Abschluss des Hauptbaus des Kunsttempels wurde ab 1930 Bossards Bildhaueratelier zum Eddasaal umgestaltet; Jutta Bossard und Bossards Schüler Franz Hötterges führten dabei alle Schnitzarbeiten aus. Wie der Kunsttempel ist der Eddasaal besonders aufwändig gestaltet und hat einen Mosaikfußboden. 1935 erhielt der Kunsttempel noch einen Vorbau und große Portale aus getriebenem Kupfer.

Druckgrafisches WerkBearbeiten

Nach mehrjähriger Forschungsarbeit ist seit März 2015 auch das druckgrafische Œuvre Johann Bossards wissenschaftlich erarbeitet und dokumentiert.[2]

WürdigungBearbeiten

Es fehlt immer noch eine umfassende kunstwissenschaftliche Untersuchung des Gesamtkunstwerkes Bossards. Nach anfänglichen hervorragenden Kritiken am Anfang des 20. Jahrhunderts (1906–1910) dauerte es bis 1924, bis wieder der Versuch unternommen wurde, das Werk Bossards zu analysieren [E. Seydow (1924)].

1984 veranstalteten Lucke und Murawski die erste größere Retrospektive Bossards in Bonn. Laudator war Bazon Brock. 1986 erstellten Lucke und Murawski das einzige von Jutta Bossard autorisierte Werkverzeichnis, das als Typoskript vorliegt. Außerdem dokumentierten sie Bossards Kunst am Bau in Hamburg und die von Bossard geschaffenen Grabmäler. Die letzte große Ausstellung hieß Ein Leben für das Gesamtkunstwerk und fand in Zug (und Oldenburg) 1986 statt.

Als eines der ganz wenigen Gesamtkunstwerke, die nahezu unverändert erhalten geblieben sind, ist die Kunststätte Bossard von besonderem kunsthistorischem Interesse. Sie ist eines der wenigen Denkmäler, in denen sich expressionistische Wandmalerei und expressionistische Raumgestaltung im ursprünglichen Kontext erhalten haben. Der Kunsttempel ist der einzige der visionär-utopischen Kathedralbauten der Zeit des Expressionismus, der tatsächlich errichtet wurde und bis heute erhalten geblieben ist.

Kunststätte BossardBearbeiten

Nach dem Tode von Jutta Bossard im Oktober 1996 wurde das Werk von Johann und Jutta Bossard in eine Stiftung überführt und ist heute als Museum zugänglich. Dieses befindet sich in Jesteburg in der Lüneburger Heide.[3] Die Stätte ist auch ein Ausstellungsort, in dem zahlreiche Künstler ihre Arbeiten der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Werke des Malers Otto Pankok waren 2017 ausgestellt.[4]

LiteraturBearbeiten

  • Gerhard Ahrens: Bossard, Johann Michael. In: Hamburgische Biografie. Band 3, Wallstein, Göttingen 2006, ISBN 3-8353-0081-4, S. 55–56.
  • Rainer Schomann (Hrsg.), Urs Boeck: Garten Bossard bei Jesteburg. In: Historische Gärten in Niedersachsen, Katalog zur Landesausstellung, Eröffnung am 9. Juni 2000 im Foyer des Niedersächsischen Landtages in Hannover. Hannover 2000, S. 178–179.
  • Maike Bruhns: Bossard, Johann Michael. In: Der neue Rump. Lexikon der bildenden Künstler Hamburgs, Altonas und der näheren Umgebung. Hrsg.: Familie Rump. Überarbeitete Neuauflage des Lexikons von Ernst Rump; ergänzt und überarbeitet von Maike Bruhns. Wachholtz, Neumünster 2013, ISBN 978-3-529-02792-5, S. 59.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Johann Michael Bossard – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Hier sprechen die Wände. abendblatt.de, 4. Juli 2012
  2. Bossard Werkverzeichnis. In: werkverzeichnis.bossard.de. Abgerufen am 12. August 2015.
  3. Jedes Fleckchen ein Stück Kunst. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Juni 2012, S. R4.
  4. Aktuelle Ausstellung - Bossard Kunststätte. Abgerufen am 20. August 2017.