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Greißler

Lebensmittelladen in Österreich

Greißler[1] ist der ostösterreichische Begriff für einen kleinen Lebensmittelhändler. Das Geschäftslokal selbst wird häufig als Greißlerei bezeichnet, geführt auch als Feinkostladen oder Gemischtwarenhandel. Vergleichbar sind diese Kleingeschäfte mit den Tante-Emma-Läden in Deutschland.

Inhaltsverzeichnis

GeschichteBearbeiten

Eine Greißlerei führt in erster Linie Lebensmittel und wird deswegen oft als Feinkostladen oder als Feinkost zusammen mit dem Familiennamen des Betreibers wie beispielsweise in Feinkost Maier bezeichnet. Solche Läden werden häufig auch als Gemischtwarenhandlungen geführt, in denen nicht nur tatsächliche Delikatessen, sondern auch andere und anspruchslosere Dinge für den täglichen Bedarf erhältlich sind:

„Der Greißler, das ist, profan gesehen, ein Lebensmitteldetailhändler mit einer Verkaufsfläche in der Größe einer Kleinstwohnung. Ein Krämerladen, oder die wienerische Version des Tante-Emma-Ladens. Er ist die innigste Verbindung zwischen dem großen Welthandel und dem kleinen Letztverbraucher. … Die Greißlerei, das Wort taucht erstmals im fünfzehnten Jahrhundert auf, ist, so lautete einst die amtliche Definition, ein Zwischenhandel des Verderblichen. Und dieser Handel übte zu allen Zeiten eine Anziehungskraft auf die Österreicher auf.“

Camillo Foramitti: Beim Greißler ums Eck. ORF, 1995.[2]

Ein weitere Variante dieser Art von Läden waren Milchgeschäfte, die das Angebot der Greißler speziell um Milchprodukte ergänzt hatten. Beliebt und weitverbreitet war das Einkaufen in diesen Geschäften mit dem sogenannten „Anschreiben“. Dies gab es sowohl in der Form des sporadischen Anschreibens und Bezahlens beim nächsten Einkauf. Bei lange bekannten Kundschaften war es auch üblich, die aufgelaufene Rechnung zum Monatsende zu begleichen.

Mit dem gestiegenen Wohlstand in den 1950er Jahren und gestiegenen Ansprüchen der Kunden, wie zum Beispiel Einkauf in einem Lokal statt in mehreren Einzelgeschäften sowie Zeitersparnis beim Einkaufen statt kommunikativem Austausch zwischen dem Greißler und seiner Kundschaft, verloren die Greißlereien an Beliebtheit. Dann kam das aus den USA importierte Konzept der Supermärkte mit der Selbstbedienung. Durch diesen Verdrängungswettbewerb der in der Folge sich zu großen Lebensmittelketten entwickelnden Großhandelsunternehmen waren und sind Geschäfte dieser kleinerer Art nicht mehr wirtschaftlich zu führen. Die Entwicklung ist in den Städten wie auch im ländlichen Raum zu beobachten. Von 1999 bis 2000 sank die Zahl kleiner Lebensmittelläden in Wien, Niederösterreich und dem Nordburgenland von 1.494 auf 1.387. Laut einer Studie von 2006 hat in Tirol mehr als ein Fünftel aller Ortschaften kein eigenes Lebensmittelgeschäft.

Im Zuge der Schließung von vielen Postämtern haben besonders im ländlichen Raum die Greißlereien (Dorfläden) etliche der Postamtsfunktionen übernommen.[3]

EtymologieBearbeiten

HerkunftstheorienBearbeiten

Die Bezeichnung Greißler ist zurückzuführen auf die sogenannten Griesler, die einst am Wiener Salzgries mit Salz handelten.[4] (Unter Gries ist die Bedeutung als ‚Sand, Kies‘ zu verstehen. Gemeint ist metonymisch ein in irgendeiner Hinsicht markanter Ort mit sandigem, kiesigem Untergrund wie zum Beispiel ein Marktplatz.) Anderen Quellen nach leitet man das Wort vom mittelhochdeutschen Wort grûsz (= Getreidekorn) ab, von dem auch das in Österreich und Bayern vorhandene Mundartwort Grauß gibt.[5] Greißler/Greißlerei entspricht der Bedeutung nach dem englischen Wortpaar grocer/grocery, die Wörter sind jedoch nicht miteinander verwandt. Andererseits tauchte das Wort erstmals im fünfzehnten Jahrhundert auf.[2]

GreißlersterbenBearbeiten

Das typisch österreichische Wort Greißlersterben ist der in großen Teilen Österreichs verstandene und verwendete bildhafte Ausdruck für das sukzessive Schließen von kleinen Läden aufgrund der Konkurrenz der Großmärkte. Die Tatsache, dass ein solcher Begriff entstanden ist, zeugt von der Bedeutsamkeit der Sache für die Allgemeinheit.

BedeutungswandelBearbeiten

Neuerdings wird der Begriff Greißlerei fallweise bewusst als Bezeichnung für Läden mit Qualitätsprodukten herangezogen. Das alte Wort mit seiner ursprünglich neutralen bis im Aufkommen der Supermärkte negativen Konnotation von einem anspruchslosen und alltäglichen Sammelsurium an Lebensmitteln und Gebrauchswaren wirkt als Bezeichnung für Einkaufsmöglichkeiten mit gehobenerem Image paradoxerweise aufwertend.[6] Ein Beispiel solcher „besseren“ Greißlereien findet sich etwa im burgenländischen Bad Sauerbrunn.[7]

GreißlermentalitätBearbeiten

Der fallweise abwertend anzutreffende Ausdruck Greißlermentalität wird für Menschen verwendet, die einen eng begrenzten Horizont zu haben scheinen.[8] Dass dieser Begriff negativ besetzt ist, zeigt nicht zuletzt eine Parlamentsdebatte in Österreich:

„Die Negativbelegung des Wortes ‚Greißler‘ hat im Hohen Haus zu unterbleiben, nicht deswegen, weil ich selbst ein Greißler bin, sondern stellvertretend für die vielen tausend fleißigen Leute, die in diesem Berufszweig ihrer Arbeit nachgehen.“

Abgeordneter Helmut Haigermoser: In: Parlamentsdebatte im Nationalrat, 1984[9]

GalerieBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Greißler der, -s/- (bes. ostöst.): Lebensmittelhändler | Greißlerei die, -/-en (bes. ostöst.)Österreichisches Wörterbuch, 40., neu bearbeitete Auflage, öbv & hpt, Wien 2006, ISBN 3-209-05511-4, S. 283.
  2. a b Beim Greißler ums Eck. Gestalter Camillo Foramitti, ORF, EA 21. November 1995. Aus der Sendreihe Ausflug ins Gestern, 1993–1995. Eine Zeitreise in die 1950er und 1960er Jahre. (Ausflug ins Gestern: Beim Greißler ums Eck. In: Fernsehserien.de, ohne Datum, abgerufen am 1. August 2018.
  3. Briefe holen beim Greißler wird zur Regel. (Memento vom 23. März 2010 im Internet Archive) In: Wirtschaftsblatt. 16. März 2010.
  4. Richard Groner: Wien wie es war. Wien 1918.
  5. Robert Sedlaczek: Das österreichische Deutsch, S146
  6. Parallelen zu diesem Phänomen sind die von gesellschaftlich diskriminierten Personen bewusst vorgenommenen Selbstbezeichnungen mittels der Ausdrücke, die sie eigentlich stigmatisieren; so etwa der Ausdruck Tschuschen im Falle der Tschuschenpower und der Tschuschenkapelle oder Schwule und Lesben von Homosexuellen. (Vgl. dazu Stichwort Tschuschen in: Oswald Panagl, Peter Gerlich (Hrsg.): Wörterbuch der politischen Sprache in Österreich. Österreichischer Bundesverlag, Wien 2007, ISBN 978-3-209-05952-9.)
  7. Die Greißlerei. In: diegenussquelle.at, abgerufen am 17. April 2014.
  8. Remaraweng Boarisch abgerufen am 3. Oktober 2012.
  9. Stenographisches Protokoll XXI. Geschäftsperiode, 11. April 1984, S. 92; abgerufen am 3. Oktober 2012.

WeblinksBearbeiten