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Flavivirus

Gattung der Familie Flaviviridae
Flavivirus
West Nile virus EM PHIL 2290 lores.jpg

TEM-Abbildung des West-Nil-Virus

Systematik
Klassifikation: Viren
Ordnung: nicht klassifiziert
Familie: Flaviviridae
Gattung: Flavivirus
Taxonomische Merkmale
Genom: (+)ssRNA linear
Baltimore: Gruppe 4
Symmetrie: ikosaedrisch
Hülle: vorhanden
Wissenschaftlicher Name
Flavivirus (engl.)
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Die Gattung Flavivirus umfasst behüllte Viren mit einem positivsträngigen RNA-Einzelstrang als Genom, die durch Arthropoden (Zecken und Stechmücken) als Vektoren auf Vögel und Säugetiere übertragen werden. Der Name der Gattung und der gesamten Virusfamilie Flaviviridae leitet sich vom Gelbfiebervirus beim Menschen ab (von lat. flavus, „gelb“), das bereits 1904 von Walter Reed als durch Stechmücken übertragbar erkannt wurde.

Viren der Gattung Flavivirus verursachen wichtige Erkrankungen bei Tieren und Menschen. Darunter sind Krankheiten, die einem viralen hämorrhagischen Fieber entsprechen oder durch eine Infektion des Zentralnervensystems im Sinne einer Enzephalitis, Meningoenzephalitis oder Leukenzephalitis gekennzeichnet sind. Dies sind neben dem Gelbfieber beispielsweise auch die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME), die Japanische Enzephalitis, das Dengue-Fieber und das West-Nil-Fieber.[1]

Inhaltsverzeichnis

MorphologieBearbeiten

Die Viruspartikel (Virionen) der Flaviviren sind etwa 50 nm im Durchmesser groß und in der elektronenmikroskopischen Darstellung von sphärischer, unregelmäßiger Gestalt. Analysen mittels Cryo-Elektronenmikroskopie zeigten beim Dengue-Virus eine ikosaedrische Symmetrie der Virushülle, was auf eine Interaktion der Hüllproteine mit den Kapsidproteinen schließen lässt.[2] Das Kapsid ist aus nur einem Kapsidprotein (C, 11 kDa) aufgebaut. In die Virushülle des Virions sind 90 Dimere des E-Proteins (50 kDa) eingelagert. Zwischen diesem Netzwerk der E-Dimere findet sich ein weiteres, kleineres Hüllprotein (M-Protein, 26 kDa).[3]

GenomorganisationBearbeiten

Die positivsträngige RNA ist etwa 11.000 Nukleotide lang und umfasst nur einen Offenen Leserahmen, der für ein Polyprotein codiert. Die virale Protease (N-terminaler Teil von NS3) und wirtseigene Proteasen schneiden dieses Polyprotein in die 3 strukturellen (C, prM, E) und in die 7 nicht-strukturellen Proteine (NS1, NS2A, NS2B, NS3, NS4A, NS4B, NS5); die Aufzählung entspricht der Anordnung der für die Proteine codierenden Gene auf dem Genom.[3] Im Gegensatz zu den anderen Gattungen der Familie Flaviviridae, besitzen Viren der Gattung Flavivirus am 5'-Ende der RNA eine 5'-Cap-Struktur vom Typ 1 (m-7GpppAmp) gefolgt von einem konservierten Dinukleotid AG. Am 3'-Ende findet sich bei Flaviviren im Gegensatz zu den anderen Gattungen kein poly(A)-Schwanz.

ReplikationBearbeiten

Die Viren befallen unter anderem Monozyten, Makrophagen und Dendritische Zellen. Sie heften sich über spezifische Rezeptoren an der Zelloberfläche an und werden durch ein sich ausbildendes Endosomvesikel aufgenommen. Im Innern des Endosoms induziert der saure pH die Fusion von Endosommembran und Virushülle. Dadurch gelangt das Kapsid in das Zytosol, zerfällt und gibt das Genom frei. Sowohl die Rezeptorbindung als auch die Membranfusion werden durch das Protein E katalysiert, das bei saurem pH-Wert eine Konformationsänderung durchlebt, die dazu führt, dass die 90 Homodimere sich zu 60 Homotrimeren neu organisieren.[3]

Nach dem Eindringen in die Wirtszelle wird das virale Genom im rauen Endoplasmatischen Retikulum und in so genannten vesicle packets repliziert. Innerhalb des ER wird zuerst eine unreife Form der Viruspartikel produziert, bei der das M-Protein noch nicht durch einen Reifungsschritt gespalten wurde und als prM (precursor M) in einem Komplex mit E vorliegt. Die unreifen Partikel werden im Golgi-Apparat durch das Wirtsprotein Furin prozessiert, welches prM zu M schneidet. Dadurch wird E aus dem Komplex entlassen und kann seinen Platz im maturen, infektiösen Virion einnehmen.[3]

ÜbertragungBearbeiten

Flaviviren können indirekt durch blutsaugende Insekten oder in seltenen Fällen (beispielsweise beim Rio-Bravo-Virus) auch direkt von einem Wirbeltier auf ein anderes übertragen werden. Einige Flaviviren zirkulieren zwischen Nagetieren und Fledermäusen, ohne dass ein weiterer Vektor bekannt ist.

SystematikBearbeiten

Die Viren der Gattung Flavivirus wurde aufgrund ihrer Übertragung durch Gliederfüßer (Arthropoden) früher als Arboviren Gruppe B von den Arboviren Gruppe A unterschieden; aus letzteren ging später die Gattung Alphavirus der Familie Togaviridae hervor.

Die Gattung Flavivirus beinhaltet 89 Virusspezies (Stand 2018; 2009 waren es noch 53 Spezies mit 73 Serotypen). Nach der Art des Vektors (Stechmücke, Zecke), unbekanntem Vektor (NKV-Gruppe: no known vector) sowie auf der Grundlage von phylogenetischen Untersuchungen, werden die Spezies in (nicht-taxonomische) Gruppen klassifiziert. Die englischen Bezeichnungen sind die offiziellen Speziesnamen nach ICTV (International Committee on Taxonomy of Viruses), Stand November 2018.[4][5]

1. Durch Zecken übertragene Flaviviren

2. Durch Stechmücken übertragene Flaviviren

3. Flaviviren mit unbekanntem Vektor

4. Nicht-Wirbeltier-Virus-Gruppe (englisch Non vertebrate viruses)

LiteraturBearbeiten

  • H.-J. Thiel, M. S. Collett et al.: Genus Flavivirus. In: C. M. Fauquet, M. A. Mayo et al.: Eighth Report of the International Committee on Taxonomy of Viruses. London / San Diego, 2005, ISBN 0-12-249951-4
  • D. Gubler, G. Kuno, L. Markoff: Flaviviruses. In: David M. Knipe, Peter M. Howley (eds.-in-chief): Fields’ Virology. 5. Auflage. Philadelphia 2007, Band 1, ISBN 0-7817-6060-7, S. 1153 ff.
  • EA Gould, T. Solomon: Pathogenic flaviviruses. Seminar. In: Lancet 2008, 371, S. 500–509

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. EA Gould, T Solomon: Pathogenic flaviviruses. In: The Lancet. 371, Nr. 9611, Februar 2008, S. 500–9. doi:10.1016/S0140-6736(08)60238-X. PMID 18262042.
  2. RJ Kuhn, W Zhang, MG Rossmann et al.: Structure of dengue virus: implications for flavivirus organization, maturation, and fusion. In: Cell. 108, Nr. 5, März 2002, S. 717–25. PMID 11893341.
  3. a b c d A Sampath, R Padmanabhan: Molecular targets for flavivirus drug discovery. In: Antiviral Research. 81, Nr. 1, Januar 2009, S. 6–15. doi:10.1016/j.antiviral.2008.08.004. PMID 18796313.
  4. Master Species List (#33) 2018a v1. ICTV, Herbst 2018
  5. H. Weissenböck, Z. Hubálek, T. Bakonyi, N. Nowotny: Zoonotic mosquito-borne flaviviruses: worldwide presence of agents with proven pathogenicity and potential candidates of future emerging diseases. In: Veterinary Microbiology, Elsevier, 2010, 140 (3-4), S. 271 ff, doi:0.1016/j.vetmic.2009.08.025
  6. Anne Piantadosi, Daniel B Rubin, Daniel P McQuillen, Liangge Hsu, Philip A Lederer: Emerging Cases of Powassan Virus Encephalitis in New England: Clinical Presentation, Imaging, and Review of the Literature. In: Clinical Infectious Diseases: An Official Publication of the Infectious Diseases Society of America. Band 62, Nr. 6, 15. März 2016, ISSN 1537-6591, S. 707–713, doi:10.1093/cid/civ1005, PMID 26668338, PMC 4850925 (freier Volltext).
  7. Andrew F. van den Hurk, Willy W. Suen, Roy A. Hall, Caitlin A. O’Brien, Helle Bielefeldt-Ohmann, Jody Hobson-Peters, Agathe M. G. Colmant: A newly discovered flavivirus in the yellow fever virus group displays restricted replication in vertebrates. In: Journal of General Virology. 97, Nr. 5, 2016, S. 1087–1093. doi:10.1099/jgv.0.000430. PMID 26878841.
  8. S Bekal, LL Domier, B Gonfa, NK McCoppin, KN Lambert, K Bhalerao: A novel flavivirus in the soybean cyst nematode. In: Journal of General Virology. 95, Nr. Pt 6, 2014, S. 1272–1280. doi:10.1099/vir.0.060889-0. PMID 24643877.