EU-Alert ist eine Möglichkeit für Notfallmeldungen im Katastrophenfall. Das System stammt von dem aus den USA kommenden Wireless Emergency Alerts (WEA) ab, früher bekannt als Commercial Mobile Alert System (CMAS).

EU-RichtlinieBearbeiten

Nachdem in vielen Ländern die Sirenen abgebaut worden waren, ergab sich die Notwendigkeit, die Bevölkerung auf andere Weise zu warnen. Dafür bieten sich allgegenwärtige Handys an. Der Rat der Europäischen Union passte im Dezember 2018 die neue Richtlinie zum europäischen Kodex für elektronische Kommunikation (European Electronic Communications Code, EECC)[1] an. Entsprechend der neuen Richtlinie müssen alle EU-Mitgliedstaaten bis zum 21. Juni 2022 ein öffentliches Warnsystem zum Schutz der Bürger einrichten. Im Falle einer Naturkatastrophe, eines Terroranschlags oder eines anderen schweren Notfalls soll dieses System Warnungen an alle Mobiltelefone in einem bestimmten Gebiet senden.

DetailsBearbeiten

Die technische Spezifikation der ETSI für den EU-Alert ist das Dokument TS 102 900 V1.3.1 vom Februar 2019. Es verwendet den Cell-Broadcast-Dienst, um Warnnachrichten an Mobiltelefone zu senden.[2]

Abhängig von der Gesetzgebung des Landes, gibt es verschiedene Typen von Nachrichten:[2]

  • Alarmmeldungen in drei Schweregraden
    • Höchste Alarmstufe (engl. Presidental Alert)
    • Extreme Bedrohungen: klassifiziert als Bedrohungen für Leben und Eigentum, wie ein drohendes katastrophales Wetterereignis, beispielsweise ein Hurrikan oder ein Terroranschlag.[3]
    • Schwere Bedrohungen: weniger ernst als die extremen Bedrohungen; dies können die gleichen Arten von Situationen sein, aber in einem kleineren Maßstab.
  • EU-Info: öffentliche Sicherheitsnachrichten, um empfohlene Maßnahmen zu übermitteln (z. B. Notunterkünfte oder eine Wasseraufbereitungsverordnung).
  • EU-AMBER: Vermisstenmeldung, benannt nach dem amerikanischen System AMBER, das als wirkungslos kritisiert wird.
  • EU-Übung: Testnachrichten für nationale/regionale/lokale Zwecke.

LänderBearbeiten

Länder in denen EU-Alert mit Cell Broadcast in einer nationalen Variante in Betrieb genommen wurde:

Cell BroadcastBearbeiten

Eine Cell Broadcast-Nachricht sieht für den Endbenutzer ähnlich einer SMS aus und ähnelt ihr auch technisch, dadurch kann die Nachricht von alten und neuen Geräte gleichermaßen empfangen werden. Im Gegensatz zur SMS wird die Nachricht vom Funkmast allerdings nicht nur an ein Endgerät, sondern gleichzeitig an alle Endgeräte in Reichweite verschickt. Es können Funkmasten zum Versenden ausgewählt werden, dadurch ist es standortbasiert. Die Textnachricht hat eine maximale Länge von 1395 Zeichen und wird ohne Benutzerinteraktion auf dem Bildschirm angezeigt und gleichzeitig ertönt ein standardisierter Klingelton und Vibration.

NachteileBearbeiten

  • Mobilfunkbetreiber in Deutschland haben derzeit keine aktiven Cell Broadcast-Systeme in ihrem Netz
  • Nur Textnachrichten möglich mit Weblinks

Alternative LösungenBearbeiten

Als Alternative zu EU-Alert, das technisch auf Cell-Broadcast aufsetzt, kommen andere elektronische Kommunikationsdienste wie Smartphone-Apps oder SMS in Frage. Gemäß der Richtlinie EECC müssen dafür mehrere Bedingungen erfüllt sein:

  • Sie sind genauso effektiv in Bezug auf Abdeckung und Kapazität zur Erreichbarkeit der Endnutzer.
  • Die Warnungen müssen von den Endnutzern leicht empfangen werden können.
  • Die Information soll auch alle Besucher des Landes erreichen.
  • Die Übertragung der Benachrichtigung ist für den Benutzer kostenlos.
  • Die Datenschutzbestimmungen müssen beachtet werden.

Smartphone-AppBearbeiten

Es gibt mehrere Smartphone-Apps, die vor Naturkatastrophen warnen. Sowohl staatliche, als auch von privaten Firmen, die mit Warnmeldungen von staatlichen Stellen gefüttert werden.

Alle Apps sind auf ein funktionierendes Mobilfunknetz oder WLAN angewiesen, aber gerade im Katastrophenfall gibt es dort Lastspitzen verursacht durch Telefonanrufe, Soziale Medien und Webseitenabrufe, z. B. bei den Bombenanschläge 2016 in Brüssel, Attentaten in Paris 2015, Anschlägen in London 2017, Bombenanschläge in Manchester Arena und Schießerei in München 2016.

Vorteilhaft ist die Mehrsprachigkeit und Multimediafähigkeit, um z. B. Karten einzubinden.

NachteileBearbeiten

Die App muss aktiv heruntergeladen werden, und die Erfahrung in vielen Ländern ist, dass nur ein Bruchteil der Bevölkerung eine Notfall-App herunterlädt, die nur einige Male im Jahr aktiviert wird. In Deutschland erreichen die mobilen Anwendungen KatWarn und NINA mit 1.500.000 Downloads maximal 2,5 Millionen Menschen (ca. 3 % der Bevölkerung)[4]. In Frankreich hatte die App "SAIP" (Système d’Alerte et d’Information des Populations) etwa 900.000 Downloads (ca. 1,5 % der Bevölkerung), und wurde daher ab Juni 2018 eingestellt.[5][6]

Standortbasierte SMSBearbeiten

Der Vorteil von SMS ist, dass sie von alten und neuen Handys gleichermaßen empfangen werden können und keine Änderung an bestehenden Handys erforderlich ist. SMS können wie Cell-Broadcasts ortsabhängig verschickt werden und erreichen alle eingeschalteten Handys - egal ob von Bewohnern oder Besuchern des Landes.

Die meisten öffentlichen Warnmeldungen per SMS brauchen länger als einige Minuten bis sie zugestellt werden; daher kam die schwedische Zivilschutzbehörde mit den Erfahrungen der letzten Jahre in einem 2018 veröffentlichten Bericht zu dem Schluss (es dauerte mehr als 3 Stunden, um alle Bürger von Malmö zu erreichen), dass SMS ungeeignet seien.[7]

Der Wirtschaftsverband 5G Americas riet 2018 von der Verwendung von SMS als Notfallbenachrichtigungsdienst ab.[8]

Infolgedessen hat keine international anerkannte Normungsorganisation für Telekommunikation standortbasierte SMS für öffentliche Warndienste standardisiert.

NachteileBearbeiten

  • Wenn es im Notfall zu einer Überlastung des Netzes kommt, kann die Zustellung von normalen SMS-Nachrichten nicht garantiert werden, Notfall-Nachrichten müssten also bevorzugt werden. Dafür müsste die Infrastruktur für die Mobilfunkbetreiber aufgebaut werden.
  • Man muss den Standort und die Telefonnummer (MSISDN) jedes Mobilfunkteilnehmers bestimmen um ortsbezogene SMS zu senden. Im Januar 2019 wurde das SMS-basierte australische Frühwarnsystem gehackt, die Mobilfunknummern aus der Datenbank kopiert und an diese eine Nachricht geschickt, dass der Dienst gehackt wurde.[9]
  • SMS-Benachrichtigungen können von jedem gesendet werden (keine Exklusivität) und von jedem weitergeleitet werden (keine Kontrolle).
  • Mobilfunkbetreiber in Deutschland haben derzeit keine aktiven Standortbasierte SMS-Systeme in ihrem Netz
  • Nur Textnachrichten möglich mit Weblinks

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Richtlinie (EU) 2018/1972 des europäischen Parlaments und des Rates. In: Europäische Union. 11. Dezember 2018.
  2. a b Emergency Communications (EMTEL); European Public Warning System (EU-ALERT) using the Cell Broadcast Service auf den Seiten der ETSI
  3. EU erreicht vereinbarung-öffentliche Warnung. In: EENA. Abgerufen am 6. Juni 2018.
  4. Sie werden nicht gewarnt. In: Frankfurter Allgemeine Digital. Abgerufen am 14. März 2017.
  5. Französische Regierung gibt SAIP-Alarm-App auf. In: Le Monde. Abgerufen am 29. Mai 2018.
  6. SAIP Die französische Alarm-App wird heruntergefahren. In: Rude Baguette. Abgerufen am 1. Juni 2018.
  7. Lars Olsson: En studie av hur VMA hanterats i aktuella händelser - Eine Studie zum Umgang mit "wichtigen Mitteilungen an die Öffentlichkeit" bei aktuellen Ereignissen. Myndigheten för samhällsskydd och beredskap - Die schwedische Zivilschutzbehörde, 1. Mai 2018, abgerufen am 1. Februar 2019 (schwedisch).
  8. White Paper – Public Warning Systems in the Americas. 5G Americas, 1. Juli 2018, abgerufen am 12. September 2019 (englisch): „Point-to-Point communication techniques, for example SMS and Over-the-Top (OTT) Smartphone Apps, have a number of challenges that make them undesirable for PWS; they are not designed for critical authority-to-individual emergency alerting - deutsch: Punkt-zu-Punkt-Kommunikation, z. B. SMS und OTT-Smartphone-Apps (Over-the-Top), haben eine Reihe von Nachteilen als Öffentlichkeitswarnsystem; sie wurden nicht für die Alarmierung der Bevölkerung entworfen.“
  9. Nick Wiggins, Megan Hendry, Amy McCosker: 'Your personal data is not safe': Emergency text service hacked - 'Ihre Daten sind nicht sicher': Notfallnachrichtendienst gehackt. 7. Januar 2019, abgerufen am 4. Februar 2019 (australisches Englisch).