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Diminutiv

Verkleinerungsform eines Substantivs

Das Diminutiv (auch Deminutiv, Diminutivum, Deminutivum von lateinisch deminuere „verringern, vermindern“, vgl. minus) ist die grammatische Verkleinerungsform eines Substantivs. Gegenteil ist das Augmentativ. Diminutive dienen der Verniedlichung, z. B. als Koseform und zur Bildung von Kosenamen (Hypokoristikum), oder auch der Abwertung („Das ist kein Haus, das ist ein Häuschen!“).

Inhaltsverzeichnis

Kennzeichen und HerkunftBearbeiten

Das Diminutiv gehört als Verkleinerungsform zu den Mitteln der morphologischen Wortbildung. Diminutivformen werden in der Regel durch Kürzung, Silbenverdoppelung oder Anfügen einer Vor- oder Nachsilbe (Affix, Präfix oder Suffix) gebildet. Die Häufigkeit des Gebrauchs von Diminutiven unterscheidet sich je nach Sprache und Dialekt.

Im Deutschen ist das Diminutiv durch die Suffixe -chen sowie -lein gekennzeichnet. Ursprünglich galt sowohl im mittel- wie im oberdeutschen Sprachraum nur das Suffix -lein, wogegen -chen aus dem niederdeutschen und niederfränkischen Sprachraum stammt. Ab dem 17. Jahrhundert entwickelte sich -chen in der Schriftsprache zum dominanten Suffix.[1]

Grundlage bildet in beiden Fällen das germanische Zugehörigkeitssuffix -īn. Im Fall von -chen wurde es mit dem Suffix -k verbunden, wogegen -lein eine Verbindung des althochdeutschen Suffixes -al, -il (vgl. etwa ahd. fogal ‚Vogel‘, leffil ‚Löffel‘) mit dem althochdeutschen Verkleinerungssuffix -īn ist, das später als neues, eigenständiges Suffix interpretiert und auf Wörter übertragen wurde, die ursprünglich kein l-Suffix besassen (vgl. etwa ahd. hūsilin ‚Häuslein‘).[2]

Im Deutschen gibt es zudem bei Vornamen eine Diminutivendung auf -i (Hansi, Berti, Karli); siehe auch Abschnitt „Koseformen bei Vornamen“. Die Endung -i wird auch zur Bildung von Spitznamen aus Familiennamen verwendet.

Reduplikationen finden sich auch im Deutschen vor allem für Koseformen (Papa oder Dodo für „Doris“ etwa).

Verschwunden (beziehungsweise von -chen überschichtet) ist hingegen das im Frühneuhochdeutschen beliebte Suffix -gen, das unklarer Herkunft ist.[1]

WortbildungBearbeiten

Die Bildung des Diminutivs ist im Deutschen oft mit der Änderung des Vokals der Stammsilbe zum entsprechenden Umlaut (Sack – Säcklein) und Aussparung eines unbetonten letzten Vokals (Hose – Höschen) verbunden (Gegenbeispiele sind etwa Paulchen, Blondchen). Der zu einem doppelt geschriebenen Vokalen gebildete Umlaut wird nur einfach geschrieben (z. B. Boot – Bötchen).

Merkspruch: „-chen und -lein machen alle Dinge klein.“

Im bairischen Dialektraum, speziell in Österreich, wird das Diminutiv bevorzugt mit -erl gebildet: z. B. Sackerl, Hunderl, Hoserl, Stüberl.

Im alemannischen Dialektraum wird das Diminutiv mit -li gebildet: z. B. Platz – Plätzli.

Im schwäbischen Dialektraum wird das Diminutiv mit den Endungen -le (Singular) bzw. -la (Plural) gebildet, z. B. Heisle und Heisla.

Grammatisches Geschlecht (Genus)Bearbeiten

In der deutschen Standardsprache sind Diminutive stets sächlich, weshalb die Diminuierung männlicher oder weiblicher Substantive – bei Lebewesen ungeachtet ihres natürlichen Geschlechts – eine Änderung des Genus mit sich bringt. Somit ist das Mädchen (ursprünglich = Mägdchen, Diminutiv von Magd)[3][4] grammatikalisch sächlich. In Dialekten sind Verkleinerungen von männlichen Personennamen hingegen oft männlich, etwa der Hansli (der kleine Hans), aber das Anneli (die kleine Anna).

VerwendungBearbeiten

 
Straßenschild in Freiberg am Neckar

Verwendung des Diminutivs im Deutschen:

  • für kleine oder junge Menschen
  • zur Kennzeichnung kleiner Gegenstände innerhalb einer Klasse von Gegenständen
  • zur Kennzeichnung kleiner oder junger Tiere oder Pflanzen
  • als Koseform
  • als Verniedlichungsform, besonders von Substantiven oder Eigennamen in an Kinder oder geliebte Personen gerichteter Sprache
  • als Wertung: Minderung des Ansehens einer Person oder des Wertes eines Gegenstandes als Pejorativum bzw. Dysphemismus
  • als Untertreibung („wir haben ein Problemchen“)

Besonders häufig ist die Verwendung von Diminutiven (-la, -le, -li, -l, -erl) im Ostfränkischen, in den alemannischen Dialekten (siehe den Artikel -li), im Bairischen sowie (-ke) im heute aussterbenden Niederpreußischen. Das ostfriesische Platt verwendet die Diminutiv-Endung -je bzw. -tje (Kluntje, Antje „Ännchen“), kennt aber auch das Suffix -ke (Happke „Häppchen“). Weniger ausgeprägt erfolgt es im Nordniedersächsischen, wo die Verkleinerung in der Regel durch ein vorangestelltes Adjektiv ausgedrückt (lütte Deern „kleines Mädchen“) wird, was mit dem weitestgehenden Fehlen von Diminutiven im angelsächsischen und skandinavischen Sprachraum korrespondiert; das norddeutsche Diminutiv auf -ing (Kinnings für „Kinder“, Louising für „Louise“) ist kaum noch verbreitet. Ebenfalls wenig verbreitet ist das Diminutiv -l oder -el im Ostmitteldeutschen, wo es sich meist nur in feststehenden Ausdrücken wie Rostbrätel findet; es lebt allerdings in einer Reihe von Personennamen (z. B. Hänsel und Gretel) im gesamten deutschen Sprachraum fort.

BeispieleBearbeiten

  • Diminutiv von „der Baum“ ist „das Bäumchen“ oder „das Bäumlein“, in der Schweiz „Böimli“.
  • Diminutiv von „Hans“ ist „Hänschen“ oder „Hansi“, selten „Hänsel“, in der Schweiz „Hansli“.
  • Diminutiv von „der Mann“ ist „das Männchen“ oder „das Männlein“, selten „das Männel“, in der Schweiz „Männ(d)li“, in Tirol auch „Mandl“.
  • Diminutiv von „die Rippe“ ist „das Rippchen“, selten „das Ripple(in)“, im Baierischen oft „das Ripperl“, in der Schweiz „Rippli“.

Verselbstständigte DiminutiveBearbeiten

Bestimmte Worte sind formal Diminutive, werden jedoch als eigenständiger Begriff und nicht (mehr) als Verkleinerungsform des Ursprungsbegriffes verwendet. Beispiele:

Andere Wörter wirken nur wie Diminutive, sind aber gar nicht von dem scheinbaren Stamm abgeleitet.

  • Plätzchen, möglicherweise von lat. placenta = Kuchen oder lat. placere = gefallen
  • Veilchen (lat. viola), Pflanzenart

Koseformen bei VornamenBearbeiten

Diminutive in anderen SprachenBearbeiten

Romanische SprachenBearbeiten

FranzösischBearbeiten

Das ursprüngliche französische Diminutiv auf -ette kommt heute nur noch lexikalisiert vor, das heisst, die damit bebildeten Wörter sind selbständig und sind nicht (mehr) die Funktion einer Verkleinerung anderer Wörter. Ein Beispiel ist etwa sandalette „leichte Sandale“, zu sandale „Sandale“.

Im Quebecer Französisch werden Diminutivformen durch Präfigierung oder Silbenverdopplung gebildet, beispielsweise ti-chat „Kätzchen“, ti-gars „Jüngelchen“, Ti-(L)ouise „Louise“, Ti-Mi „Michelle“, Dédé „André“, Didi „Diane“, Dodo „Dominique“. Ähnliche Formen gibt es auch in den französischen Kreolsprachen (namentlich Haitianisch) und verschiedenen westafrikanischen Sprachen.

ItalienischBearbeiten

Diminutive sind im Italienischen sehr gebräuchlich, besonders als Kosenamen und liebevoll, aber auch scherzhaft oder ironisch. Die typischen Endungen lauten -ina und -ino, oder -etta und -etto; und zuweilen auch -ella und -ello.

Beispiele: Annina zu Anna, Raffaellino zu Raffaello, Giuseppino zu Giuseppe, Nicolino zu Nicola oder Niccolò, Nicoletta zu Nicola, Giulietta (Giulietto) zu Giulia (Giulio), Antonino oder Antonello zu Antonio.

Seltener sind die Suffixe -accio oder die -uccio: z. B. Antonaccio statt Antonio, Matteuccio für Matteo.

Verselbständigte Bildungen sind:

  • spaghettini (besonders feine, dünne Spaghetti),
  • violoncello (kleine Violone, Vorläufer des Kontrabasses),
  • piazzetta (kleiner Platz), zu piazza,
  • pastorella zu pastora (Hirtin).

Italienisch kennt auch eine Vergrößerungsform (Augmentativ), die auf -one endet.

PortugiesischBearbeiten

In der Portugiesischen Sprache sind Diminutive ausgesprochen verbreitet, sehr oft verniedlichend, scherzhaft oder ironisch, oder als Steigerung.

Die typische Diminutivendung lautet im Masculinum -inho (sprich: -iɲu), -sinho, -zinho und im Femininum -inha (sprich: -iɲɐ), -sinha, -zinha.

Beispiele: bola „Ball“ – bolinha; bolo „Kuchen“ – bolinho; pomba „Taube“ – pombinha; peixe „Fisch“ – peixinho; melão Melone – melãosinho.

Daneben existiert auch -ito (sprich: -itu) oder -ita (sprich: -itɐ), das etwas kecker oder frecher klingt als -inho/-inha und teilweise alternativ verwendet werden kann, z. B.:

bébé „Baby“ – bébésinho/bébésinha oder bébésito/bébésita.

Diminutive werden auch bei Adjektiven oder Adverbien benutzt, dies ist nur schwer ins Deutsche zu übersetzen, z. B. pequeno „klein“ – pequeninho oder pequenito; bom „gut“ – bomzinho; devagar „langsam“ – devagarinho.

Verselbständigte Wortbildungen sind: um bocadinho „ein kleines bisschen“ (aber auch: bocado), oder carregadinho (von carregar „tragen“): uma árvore carregadinha de fruta „ein Baum voller Früchte“.

SpanischBearbeiten

Ist grundsätzlich ähnlich wie im Portugiesischen oder Italienischen, doch tendenziell nicht so beliebt wie im Portugiesischen. Die Endungen sind -ito beziehungsweise -ita, z. B. Manuel/Manolo – Manolito, Manuela/Manola – Manolita; José – Joselito; flor „Blume“ – florita; muchacha/-o „Mädchen /Junge“ – muchachita/-o.

Zuweilen kommt auch -illo, illa vor, z. B. Angelillo zu Angelo.

Skandinavische SprachenBearbeiten

In den skandinavischen Sprachen sind Diminutiva unbekannt. Unterscheidungen zwischen den Verniedlichungsformen und den entsprechenden Augmentativa werden durch das Voranstellen der Wörter für „klein“ bzw. „groß“ verdeutlicht. In lexikalisierte Fällen werden diese Verbindungen zusammengeschrieben, zum Beispiel dänisch lillebror „kleiner Bruder, jüngerer Bruder“.

LitauischBearbeiten

In der litauischen Sprache gibt es Diminutive bei mehreren Vornamen (Laimutė, Sigutė, Birutė etc.).

Slawische SprachenBearbeiten

In den slawischen Sprachen werden häufig zwei sich steigernde Formen des Diminutivs verwendet, z. B. im Tschechischen: strom „Baum“ → stromek „Bäumchen“ → stromeček „kleines Bäumchen“.

Im Russischen ist die typische Endung des Diminutivs ein -a oft erweitert -ka -ja -schka wie z. B. bei Baba (Alte Frau, Großmutter) die zur Babuschka (Großmütterchen, Oma) wird.

NeugriechischBearbeiten

In der griechischen Sprache dienen der Diminuierung eine Vielzahl verschiedener Verkleinerungssuffixe. Zu den gebräuchlichsten zählen:

  • Maskulina: -άκης [-ákis], -άκος [-ákos], -ούλης [-oúlis]
    Beispiel: der Vater (ο πατέρας [o patéras]) → das Väterchen (το πατερούλης [o pateroúlis])
  • Feminina: -ούλα [-oúla], -ούδα [-oúda], -οπούλα [-opoúla], -ίτσα [-ítsa]
    Beispiel: das Bier* (η μπίρα [i bíra]) → das Bierchen (η μπιρίτσα [i birítsa]) [* das Genus im Griechischen ist feminin]
  • Neutra: -άκι [-áki], -ούλι [-oúli], -ούδι [-oúdi], -ουδάκι [-oudáki], -οπούλο [-opoúlo]
    Beispiel: das Haus (το σπίτι [to spíti]) → das Häuschen (το σπιτάκι [to spitáki])

„Die Bedeutung der griechischen Diminutiva geht aber über die Verkleinerung hinaus, denn sie werden sehr oft verwendet, um eine zärtliche Bemerkung, eine höfliche Bitte, eine approximative Berechnung, manchmal auch eine negative [verharmlosende] Beurteilung auszudrücken“ (Pavlos Tzermias: Neugriechische Grammatik, A. Francke Verlag, Bern 1967.).

Das Griechische kennt nicht nur Diminutiva, sondern auch Vergrößerungsformen (Augmentativa), die manchmal sehr plastisch sind.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Franz Januschek: Über Fritz und andere Auslaufmodelle. Ein Beitrag zur Lingologie. In: Elisabeth Berner, Manuela Böhm, Anja Voeste (Hrsg.): Ein gross vnnd narhafft haffen. Festschrift für Joachim Gessinger. Universitäts-Verlag, Potsdam 2005, ISBN 3-937786-35-X, S. 221–231, Volltext (Über Koseformen von Vornamen).
  • Alfred Lameli: The Replacement of Diminutive Suffixes in the New High German Period. A Time Series Analysis in Word Formation. In: Journal of Historial Linguistics 3, 2018.
  • Maria Schiller: Pragmatik der Diminutiva, Kosenamen und Kosewörter in der modernen russischen Umgangsliteratursprache (= Sprach- und Literaturwissenschaften. Bd. 22). Herbert-Utz-Verlag, München 2007, ISBN 978-3-8316-0683-2 (Zugleich: München, Universität, Dissertation, 2006).
  • Henri Wittmann, Heinz Fischer: Die Verteilung des diminutivierenden /še/ und /jə/ im Mittelfränkischen (Aschaffenburg, Neuwied). In: Études germaniques. Bd. 14, 1964, S. 165–167, Digitalisat (PDF; 203 KB).

WeblinksBearbeiten

  Wiktionary: Diminutiv – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Alfred Lameli: The Replacement of Diminutive Suffixes in the New High German Period. A Time Series Analysis in Word Formation. In: Journal of Historial Linguistics 3, 2018.
  2. Wolfgang Pfeifer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin 1989 (mit weiteren Auflagen), s. v.
  3. Duden.de: Mädchen
  4. DWDS: Mädchen
  5. Mädchen, das. In: DWDS – Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Abgerufen am 18. Februar 2019.