Decretum Gratiani

Hauptwerk des Kamaldulensermönchs Gratian

Das Decretum Gratiani (auch Concordia discordantium canonum) ist eine um 1140 abgeschlossene Sammlung des kirchlichen Rechts; Gratian, der die Sammlung in Bologna kompilierte, gilt als Vater der Kanonistik. Das Decretum Gratiani war die wichtigste mittelalterliche Sammlung des kirchlichen Rechts und bis 1917 Teil des geltenden Kirchenrechts.

Kopie des Manuskripts

Geschichtlicher KontextBearbeiten

 
El Decreto de Graciano

Über den Verfasser der Sammlung ist außer dem Namen sehr wenig bekannt.

Wie ältere Sammlungen auch war das Decretum Gratiani als „Privatsammlung“ entstanden. Es setzte sich aber rasch als Grundlagentext sowohl in der gerichtlichen Praxis als auch an den Universitäten durch. Es gilt daher als Beginn der Kanonistik als eigenständige Wissenschaft.[1] Da Irnerius sich etwa eine Generation zuvor, und zudem in derselben Stadt der Aufarbeitung des römischen Rechts widmete, beeinflussten sich die Rechtsschule von Bologna und die in Bologna gelehrte Kanonistik von Anfang an methodisch und inhaltlich. Gemeinsam prägten diese Disziplinen das ius commune, ein allgemeines Recht, das als Recht von „Legisten und Kanonisten“ langfristig die europäische Rechtsgeschichte prägte.[2]

Eingebettet waren die beiden Rechtsprozesse in eine historische Situation, in der die Kirche und der Papst die Vorherrschaft in Europa ausübten. Sie befanden sich auf dem Gipfel ihrer Macht. Die Kirche war mittlerweile eine hierarchisch gegliederte und mächtige Großorganisation geworden. Dies gelang ihr besonders durch die Durchsetzung des Zölibats im Investiturstreit. Sie war mit staatlichen Herrschaftselementen ausgestattet, die alsbald Vorbildfunktion für das Machtstreben der Landesfürsten ausübte. Um diesen Apparat zu stützen, musste ein einheitliches Recht gelten, das zumindest eine Grundordnung besitzt. Diese konnte Gratian schaffen und auf seiner Ratio aufbauend war es möglich, die Ordnungsprinzipien weiterzuentwickeln, ohne – wie später im Mittelalter – in eine Selbstregulatorik zu verfallen.[2]

Nachdem sich das Decretum Gratiani in der Praxis und an den Universitäten als Grundlagenwerk durchgesetzt hatte, wurde es gezielt durch jüngere Sammlungen von Dekretalen ergänzt (unter anderem durch den Liber Extra von 1234 und den Liber Sextus von 1298). Das Decretum und die ergänzenden Sammlungen wurden gemeinsam zum Corpus Iuris Canonici zusammengefasst, das bis 1917 die Grundlage des Kirchenrechts in der römisch-katholischen Kirche bildete. Name und Idee dieses Corpus laufen parallel zum Corpus Iuris Civilis, einer spätantiken Sammlung vornehmlich klassisch-römischen Rechts. Die Bezeichnung als corpus iuris findet sich bereits im Mittelalter, die heute gebräuchlichen Titel Corpus Iuris Canonici und Corpus Iuris Civilis hingegen erst im 15. bzw. 16. Jahrhundert.

WerkBearbeiten

 
Ornamentale Initiale (Hochmittelalter)

Die moderne Forschung unterscheidet zwei Fassungen des Decretum Gratiani, die beide nach 1139 in Bologna entstanden sind.[3] Ob sie beide von Gratian kompiliert wurden, ist umstritten. Als Notnamen dienen die Bezeichnungen „Gratian 1“ für die ältere und kürzere erste Fassung bzw. „Gratian 2“ für die etwas umfangreichere und deutlich weiter verbreitete zweite Fassung. die früheste datierbare Benutzung des Decretum Gratiani ist eine Urkunde von 1150.[4]

Die Quellen des Decretum Gratiani waren unter anderem das römische Recht, die Bibel, Dekretalen (Papstbriefe), Konzilsakten sowie patristische Schriften. Der jüngste Text der ersten Fassung stammt vom Zweiten Laterankonzil 1139. Die allermeisten dieser Texte übernahmen die Kompilatoren beider Fassungen aus älteren Sammlungen. Fast alle Kanones entstammen der Sammlung des Anselm von Lucca, der Tripartita, der Panormia, dem Polycarpus des Gregor von San Grisogono oder der sogenannte Sammlung in drei Büchern.[3][5]

Gratian selbst nannte sein Werk Concordia discordantium canonum (lat. Übereinstimmung entgegenstehender Regeln) und stellt einen nicht streng systematischen, nach scholastischer Methode abgefassten Leitfaden des Kirchenrechts bis zum zweiten Laterankonzil von 1139 dar. Der Name ist Programm: Gratian versuchte scheinbar gegensätzliche Canones miteinander zu harmonisieren, er diskutiert unterschiedliche Meinungen und entscheidet sich für eine Lösung.

Die dialektische Arbeitsweise machte es für andere Rechtslehrer interessant, mit dem Dekret zu arbeiten und eigene Lösungen und Kommentare zu entwickeln. Gratian hatte allgemeine Sätze (distinctiones) entwickelt, formulierte fingierte Rechtsfälle für deren Darstellung (causae), stellte Rechtsfragen (quaestiones) und harmonisierte Widersprüche in Kommentaren (dicta). Einzelne Stellen des Decretum Gratiani werden nach dieser mehrfachen Gliederung zitiert (z. B. „C.27 q.1 c.2“ = „Causa 27, quaestio 1, capitulum 2 = Kapitel 2 in Frage 2 zu Fall 27“).

Kommentare des Decretum Gratiani wurden zunächst – ebenso wie in der Legistik – in der Form von Glossen verfasst. Sammlungen von Glossen nennt man Glossenapparat oder Lectura in Decretum (siehe auch Glossatoren). Systematische Kommentare nennt man Summen. Sehr bald waren einige dieser Summen zum Dekret im Umlauf und erlangten vergleichbare Berühmtheit. Frühe Kommentatoren waren Paucapalea (vor 1148) und Magister Rolandus, den man – wohl irrtümlich – mit Papst Alexander III. (1159–1181) identifizierte.

Die wohl wichtigsten Kommentatoren waren Rufinus von Bologna († vor 1192) und Huguccio († 1210). Weniger bekannt war die Summe des Simon von Bisignano. Sein Werk besteht aus Glossen zum Dekret und der Summa Simonis.[6]

Eine der wichtigen Auswirkungen des Decretum Gratiani war die Tatsache, dass das altkirchliche Zinsverbot in der mittelalterlichen Kirche allgemein Verwendung fand. Aber auch der in eine Vorschrift gegossene Gedanke zum „gerechten Preis“ (iustum pretium) rührt aus der Quelle. Gegen die sich parallel entwickelnde Rezeption des römischen Rechts, konnte sich das Decretum behaupten, weil die rechtsgeschäftlichen Formvorschriften gelockert wurden.[7] Das Dekret hatte außerdem die spätantike Lex Quisquis aufgenommen, mit der der besondere Schutz der Würde des Papstes und der Kardinäle ab dem Hochmittelalter begründet wurde.[8][9]

WerkausgabenBearbeiten

  • Decretum Gratiani emendatum et notationibus illustratum una cum glossis. Gregorii XIII pontificis maximi iussu editum: ad exemplar Romanum diligenter recognitum, Rom 1584 [Diese als editio Romana bekannte Ausgabe war bis 1917 für den kirchlichen Gebrauch verbindlich; sie enthält auch den wichtigsten Glossenapparat. Digitalisat.]
  • Decretum sive Concordia discordantium canonum, herausgegeben von Emil Friedberg (= Corpus Iuris Canonici. Band 1). Tauchnitz, Leipzig 1879; Neudruck Graz 1959. [Bis heute verwendete Ausgabe auf Basis mehrerer Handschriften der zweiten Fassung. Digitalisat.]
  • Decretum Gratiani, herausgegeben von Anders Winroth et al. [Im Entstehen begriffene kritische Ausgabe der ersten Fassung; siehe https://gratian.org/.]

LiteraturBearbeiten

 
Fragment, concordia discordantium canonum
  • James A. Brundage: Medieval Canon Law. Routledge, London 2016.
  • Stephan Haering: Gratian und das Kirchenrecht in der mittelalterlichen Theologie. In: Münchener theologische Zeitschrift. Band 57, 2006, Nr. 1, (München) 2006, S. 21–34.
  • Kerstin A. Jacobi: Der Ehetraktat des Magisters Rolandus von Bologna. Redaktionsgeschichtliche Untersuchung und Edition. In: Schriften zur Mediävistik. 3, 2004, Hamburg, ISBN 3-8300-1193-8.
  • Stephan Kuttner: Repertorium der Kanonistik (1140–1234). Prodromus corporis glossarum I. In: Studi e Testi 71. Bibliotheca Apostolica Vaticana, Vatikanstadt 1937.
  • Timothy Reuter, Gabriel Silagi: Wortkonkordanz zum Decretum Gratiani (= Monumenta Germaniae Historica, Hilfsmittel. Band 10). 5 Bände. Monumenta Germaniae Historica, München 1990, ISBN 3-88612-022-8.
  • Rudolph Sohm: Das altkatholische Kirchenrecht und das Dekret Gratians. Darmstadt 1967.
  • Mary E. Sommar: The Correctores Romani: Gratian’s Decretum and the counter reformation humanists. Lit, Wien u. a. 2009, ISBN 978-3-643-90019-7.
  • Rudolf Weigand: Glossatoren des Dekrets Gratians (= Bibliotheca Eruditorum. Band 18). Keip, Goldbach 1997, ISBN 3-8051-0272-0.
  • Jean Werckmeister: Wer war eigentlich Gratian? In: Richard Puza, Andreas Weiß (Hrsg.): Iustitia in caritate. Festgabe für Ernst Rößler zum 25jährigen Dienstjubiläum als Offizial der Diözese Rottenburg-Stuttgart (= Adnotations in ius canonicum. Band 3). Frankfurt am Main / Berlin 1997, S. 183–192.
  • Anders Winroth: The making of Gratian’s Decretum. (= Cambridge studies in medieval life and thought. Folge 4, Band 49), Cambridge 2000. https://doi.org/10.1017/CBO9780511496639.
  • Hartmut Zapp: Decretum Gratiani. In: Lexikon des Mittelalters. Band 3, Sp. 625.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Ulrich Rhode: Kirchenrecht. Kohlhammer, Stuttgart 2015 (Studienbücher Theologie; Bd. 24), ISBN 978-3-17-026227-0, S. 19.
  2. a b Uwe Wesel: Geschichte des Rechts. Von den Frühformen bis zur Gegenwart. 3. überarbeitete und erweiterte Auflage. Beck, München 2006, ISBN 3-406-47543-4. Rn. 217.
  3. a b Anders Winroth: The Making of Gratian's Decretum. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 978-0-521-63264-5, doi:10.1017/cbo9780511496639 (cambridge.org [abgerufen am 4. Mai 2022]).
  4. Paolo Nardi: Fonti canoniche in una sentenza senese del 1150. In: Peter Linehan (Hrsg.): Life, Law and Letters: Historical Studies in Honour of Antonio García y García. Band 2. Rom 1998, S. 661–670.
  5. Peter Landau: Neue Forschungen zu vorgratianischen Kanonessammlungen und den Quellen des gratianischen Dekrets. In: Ius commune. Band 11, 1984, S. 1–30 (mpg.de [PDF; abgerufen am 2. Mai 2022]).
  6. Vgl. Daniel Schwenzer: Simon von Bisignano. In: Traugott Bautz: Biographisch-bibliographisches kirchenlexikon (BBKL), Bd. 16, 1999, Sp. 1442–1446.
  7. Vgl. insoweit die vier formgebundenen Rechtsgeschäftstypen des älteren römischen Rechts: Konsensualvertrag, Verbalvertrag, Realvertrag und Litteralvertrag.
  8. Gratian, Decretum Gratiani C.6.q.2.C.22.
  9. Thomas M. Krüger: Leitungsgewalt und Kollegialität: Vom benediktinischen Beratungsrecht zum Konstitutionalismus deutscher Domkapitel und des Kardinalkollegs (ca. 500–1500). In: Studien der Germania sacra. (Neue Folge 2). De Gruyter, Berlin, Boston 2013. ISBN 978-3-1102-7725-8. S. 44.