Kanon (Kirchenrecht)

Artikel des Kirchenrechts

Kanon, oft auch Canon oder canon geschrieben, Plural: Kanones bzw. Canones (von grch. κανών kanón, „Stab, Stange, Messstab, Richtschnur“; daraus lat. canon, „Maßstab, festgesetzte Ordnung“) ist ein Lehr- oder Rechtssatz des Kirchenrechts. Kanones sind insbesondere als gängige Unterteilungen der Gesetze des Kirchenrechts der römisch-katholischen Kirche geläufig, das von ihnen den Namen „kanonisches Recht“ angenommen hat.

BegriffsverwendungBearbeiten

Kanon ist der ursprünglichste Fachausdruck für das kirchliche Gesetz. Er kann sowohl die einzelne Gesetzesvorschrift bezeichnen als auch als letzte allgemeine Unterteilung eines Gesetzbuchs oder einer Kanonsammlung dienen. Die geltenden römisch-katholischen Gesetzbücher des kanonischen Rechts, namentlich der Kodex der lateinischen Kirche von 1983 (CIC/83) und der Ostkirchenkodex (CCEO), verwenden ihn als grundlegende Einteilungseinheit.

VorreformatorischBearbeiten

Etwa seit dem 4. Jahrhundert werden kirchliche Rechtsnormen regionaler Synoden der Spätantike und des Mittelalters im Unterschied zu päpstlichen Dekretalen, d. h. Antwortschreiben des Papstes auf rechtliche Anfragen, als canones bezeichnet. Mit dem Ausdruck können die kirchlichen Normen auch von den kaiserlichen Gesetzen (nomoi) abgegrenzt werden. Die systematische Unterscheidung zwischen kirchlichem und weltlichem Recht bildete sich im Westen im Zuge der Kirchenreformen des 11. Jahrhunderts und der Wiederentdeckung des römischen Rechts im 12. Jahrhundert an der Rechtsschule von Bologna heraus.[1][2] Mit ihr setzte sich, insbesondere in der Folge der Rezeption der im 12. Jahrhundert zusammengestellten rechtsvergleichenden Kompilation des Decretum Gratiani und den hieraus entwickelten Kanones-Sammlungen, der lateinische Begriff canon als grundlegende Einteilungseinheit der im Corpus Iuris Canonici gesammelten kirchlichen Gesetzestexte durch.

Römisch-katholischBearbeiten

Da Definitionen von Konzilien der römisch-katholische Kirche Gesetzescharakter besitzen, auch wenn sie Glaubenssätze festlegen, wird der Ausdruck Canones auch als Bezeichnung für verbindliche Glaubensaussagen des Tridentinums und des I. Vatikanums benutzt.[3]

Seit der Kodifikation des kanonischen Rechts durch den 1917 promulgierten Codex Iuris Canonici (CIC), das erste Gesetzbuch der römisch-katholischen Kirche, ist die Bezeichnung vor allem als Einteilungseinheit für die Normen des CIC geläufig. „Canon“ wird abgekürzt mit c. (Plural: cc.) oder can. (Plural: cann.), teils auch groß geschrieben Can. Üblicherweise, so auch im CIC, kann ein Kanon in Paragraphen (abgekürzt §, Plural: §§) unterteilt sein. Paragraphen wiederum können in Absätze untergliedert sein, die (wie auch Kanones und Paragraphen) mit arabischen Ziffern bezeichnet und als „Nummer“ (abgekürzt n.) bezeichnet werden.

AnglikanischBearbeiten

Die 44 Mitgliedskirchen der Anglikanischen Gemeinschaft sind in ihrer Rechtssetzung eigenständig. Einige, z. B. die Schottische Episkopalkiche, besitzen ausschließlich in Canones unterteilte Codices. Die meisten Kirchen haben eine Konstitution (constitution) und verwenden Kanones (canons) und andere Regularien wie Rubriken (rubrics), Regeln (rules), Ordonnanzen (ordinances) sowie geschriebene und auch ungeschriebene Gebräuche (customs) und Überlieferungen (traditions) nebeneinander. Das Kirchenrecht vieler anglikanischer Kirchen stützt sich auf die Kanones aus dem von der Kirche von England 1603/04 angenommenen „Book of Canons“ (English Canons Ecclesiastical), historische Entscheidungssammlungen von Kirchengerichten oder vorreformatorisches kanonisches Recht.[4] Zusammenfassend wird das Kirchenrecht der Anglikaner wie im katholischen Bereich „kanonisches Recht“ genannt (Anglican Canon Law).[5]

SonstigeBearbeiten

Die Kirchenordnungen der übrigen Kirchen der Reformation, die sich zumeist auf Martin Luthers Verwerfung des kanonischen Rechts im Dezember 1520 berufen,[6] werden dagegen nicht als Kanones bezeichnet. Zu den Rechtsquellen der kanonischen Normen der Orthodoxie, die weitgehend ohne ein kodifiziertes Kirchenrecht auskommt, gehören neben dem biblischen Kanon und der Väterliteratur auch die Kanones der ökumenischen Konzilien und weitere Synodalbestimmungen, Kirchenordnungen und weltliche Rechtsquellen sowie die als Heilige Kanones bezeichneten syrischen Synodalbeschlüsse, die 692 durch das Konzil von Trullo als apostolisch anerkannt wurden.[7][8]

BeispieleBearbeiten

Textbeispiele:

“Can. 1 — Canones huius Codicis unam Ecclesiam latinam respiciunt.”

„Can. 1 — Die Canones dieses Codex betreffen allein die lateinische Kirche.“

Can. 1 CIC/83[9]

“Can. 841 — Cum sacramenta eadem sint pro universa Ecclesia et ad divinum depositum pertineant, unius supremae Ecclesiae auctoritatis est probare vel definire quae ad eorum validitatem sunt requisita, atque eiusdem aliusve auctoritatis competentis, ad normam can. 838, §§ 3 et 4, est decernere quae ad eorum celebrationem, administrationem et receptionem licitam necnon ad ordinem in eorum celebratione servandum spectant.”

„Can. 841 — Da die Sakramente für die ganze Kirche dieselben sind und zu dem von Gott anvertrauten Gut gehören, hat allein die höchste kirchliche Autorität zu beurteilen oder festzulegen, was zu ihrer Gültigkeit erforderlich ist; dieselbe bzw. eine andere nach Maßgabe des can. 838, §§ 3 und 4 zuständige Autorität hat zu entscheiden, was für die Erlaubtheit zur Feier, zur Spendung und zum Empfang der Sakramente und was zu der bei ihrer Feier einzuhaltenden Ordnung gehört.“

Can. 841 CIC/83[10]

Zitationsbeispiel:

  • Nach c. 874, § 1, n. 5 CIC/83 darf ein Taufpate nicht Vater oder Mutter des Täuflings sein.[11]

Abweichend von der üblichen Zitationsweise von Gesetzesstellen in deutschen Rechtstexten (z. B. „§ 1 Abs. 3 Nr. 1 SprengG“) werden für kanonische Fundstellen die Angaben zu Kanon, Paragraph und Nummer gewöhnlich durch Kommata getrennt.

LiteraturBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. James Brundage: Medieval Canon Law. Longman, London/New York 1995, ISBN 0-582-09357-0, S. 51f., 96f.
  2. Egon Boshof: Europa im 12. Jahrhundert. Auf dem Weg in die Moderne. Kohlhammer, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-17-014548-1, S. 265–267.
  3. Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch. Neuausgabe (6. Auflage des Gesamtwerks), Herder, Freiburg im Breisgau 2008, ISBN 978-3-451-29934-6, S. 337.
  4. The Anglican Communion Office (Hrsg.): The Principles of Canon Law Common to the Churches of the Anglican Communion. London 2008, ISBN 978-0-9558261-3-9, S. 97.
  5. Gerald Bray (Hrsg.): The Anglican Canons, 1529–1947. Church of England Record Society, Boydell Press, London 1998, ISBN 0-85115-518-9.
  6. Sieghard Mühlmann: Luther und das Corpus Iuris Canonici bis zum Jahre 1530. Ein forschungsgeschichtlicher Überblick. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte – Kanonistische Abteilung (ZRG KA), Band 58 (1972), Heft 1, S. 235–305, hier: S. 235.
  7. Richard Potz, Eva Maria Synek: Orthodoxes Kirchenrecht. Eine Einführung. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Plöchl, Freistadt 2014, ISBN 978-3-901479-92-2, S. 8 f., 319 f.
  8. Anargyros Anapliotis (Hrsg.): Heilige Kanones der heiligen und hochverehrten Apostel. EOS, St. Ottilien 2009, ISBN 978-3-8306-7370-5 (Klappentext).
  9. Codex Iuris Canonici (1983), Liber I.
  10. Codex Iuris Canonici (1983), Liber IV.
  11. Vgl. Codex Iuris Canonici (1983), Buch IV, Titel I, Kapitel IV („Paten“).