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Das fliegende Klassenzimmer

Roman von Erich Kästner

Das fliegende Klassenzimmer ist ein Schul-Roman für Kinder[1] des deutschen Schriftstellers Erich Kästner aus dem Jahre 1933, der allerdings erst 1954 veröffentlicht wurde.

Inhaltsverzeichnis

HandlungBearbeiten

Der Roman beginnt mit einer Rahmenhandlung, in der der Autor, Erich Kästner persönlich, selbst als Figur auftritt. Die ersten Kapitel beschreiben, wie er beschließt, in seinem Sommer-Urlaub im oberbayrischen Grainau eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben: Dieser Roman soll von Gymnasiasten eines oberbayrischen Internats kurz vor den Weihnachtsferien handeln. Die Hauptpersonen sind fünf befreundete Internatsschüler, die für die nahende Weihnachtsfeier ihr Theaterstück Das fliegende Klassenzimmer proben und die Vorweihnachtszeit auf unterschiedliche Weise erleben. Es sind dies der Klassenprimus Martin Thaler, gewissenhaft und ein Gerechtigkeitsfanatiker, der wegen der Armut seiner Eltern über Weihnachten nicht nach Hause fahren kann; der von seinen leiblichen Eltern verlassene schweigsame und introvertierte Jonathan „Johnny“ Trotz, der Weihnachten im Internat verbringt, da sein Adoptivvater ein Überseekapitän ist; Matthias Selbmann, körperlich stark, dickfellig und gutmütig, der sich auf den Punchingball freut, den er zu Weihnachten bekommen soll, weil er Max Schmeling nacheifert; Ulrich „Uli“ von Simmern, sensibel und furchtsam, der noch vor Weihnachten beweisen will, dass er kein Feigling ist, und der intelligente und komplizierte Sebastian Frank, der Weihnachten und das gegenseitige Beschenken eigentlich für sinnlos erachtet, sich aber dennoch an die Tradition halten will. Dazu kommen als Erwachsene Dr. Johann „Justus“ (der Gerechte) Bökh, der von allen verehrte Hauslehrer des Internats, sowie der „Nichtraucher“, offenbar ein freundlicher Gelegenheitspianist, der in einem ausrangierten Nichtraucherwaggon der Reichsbahn lebt.

Die Geschichte besteht aus einzelnen Episoden. Zunächst wird ein Klassenkamerad, das Lehrerkind Rudi Kreuzkamm, der Sohn des Deutschlehrers, mitsamt den Diktatheften der Klasse seines Vaters von Schülern der traditionell verfeindeten Realschule entführt und in einem Keller gefangen gehalten. Eine Schneeballschlacht zwischen den beiden Schulen droht. Der Nichtraucher schlägt vor, dass stellvertretend der stärkste Realschüler (ein Junge namens Heinrich Wawerka) gegen den stärksten Gymnasiasten (Matthias Selbmann, genannt Matz) kämpfen, und der Sieger des Kampfes auch der Sieger des Schulkrieges sein soll. Matz gewinnt den Kampf, doch die Realschüler brechen ihr Wort und lassen den Gefangenen nicht frei. Die fünf Gymnasiasten müssen ihren Kameraden mit Gewalt befreien, stellen aber fest, dass die Diktathefte vor den Augen des Gefangenen Rudi Kreuzkamm verbrannt wurden. Es folgt ein strenges Verhör der Kinder durch ihren Hauslehrer Dr. Bökh, der für ihren unerlaubten „Ausgang“ allerdings Verständnis aufbringt und darum auf eine drakonische Strafe verzichtet, weil er die Zivilcourage der Kinder bewundert.

Weitere Episoden sind die Proben für das Theaterstück mit dem Titel Das Fliegende Klassenzimmer, das vor Weihnachten aufgeführt werden soll; sodann Ulis verzweifelter Nachweis seines Mutes, als er mit einem Regenschirm in der Hand von einem Klettergerüst springt und sich das Bein bricht; dann die von den Schülern arrangierte Zusammenführung Dr. Bökhs und seines verloren geglaubten Freundes, eines ehemaligen Arztes, genannt „Nichtraucher“; die Heimkehr des Martin Thaler zu seinen mittellosen Eltern, nachdem Dr. Bökh dem Martin das Reisegeld geschenkt hat.

Am Ende wird die Rahmenhandlung wieder aufgegriffen und der Autor erzählt, wie er zwei Jahre später im Münchner Hofgarten mit Johnny Trotz zusammentrifft. Alle seine Kameraden und er sind selbstständige Persönlichkeiten geworden, alle auf ihre Weise couragiert und lebensfroh. Bemerkenswerterweise ist Uli nun der durchsetzungsfähigste von allen.

Nach den Olympischen Winterspielen 1936 schrieb Kästner als Fortsetzung eine Kurzgeschichte unter dem Titel: Zwei Schüler sind verschwunden. In dieser Kurzgeschichte reißen die Tertianer Matthias und Uli aus dem Internat in Kirchberg nach Garmisch-Partenkirchen aus, um bei den Winterspielen zuzusehen. Dabei freunden sie sich mit einem englischen Eishockeyspieler an.[2]

BotschaftenBearbeiten

Kästner stellt in seinem Roman zeitlose Werte dar, ohne dabei zu moralisieren:

  • Freundschaft ist die wohl stärkste Botschaft im „Fliegenden Klassenzimmer“. Fünf sehr unterschiedliche Jungen, jeder auf seine Art „fehlerhaft“ (Martin ist arm, Johnny elternlos, Matz schlecht in der Schule, Uli ängstlich, Sebastian arrogant), gehen gemeinsam durch dick und dünn und lösen gemeinsam ihre Probleme. In keinem Punkt der Story macht sich jemand lustig über die Schwächen des anderen - außer einmal Sebastian über Uli, der aber sofort von Matthias in Schutz genommen wird.
  • Mut wird ebenfalls betont. Auffallend ist bei Kästner, dass er Mut nicht als klassischen Heldenmut interpretiert (d. h. Waghalsigkeit oder Gefahrensucht), sondern als Zivilcourage, d. h. die innere Stärke, das zu tun, was moralisch notwendig ist, auch wenn es gegen die Regeln ist.
    • Beispielhaft hierfür ist die Rettungsaktion für Rudi Kreuzkamm, bei der die Freunde bewusst eine Strafe riskieren, weil die Hilfe für ihren Mitschüler für sie Vorrang vor der Schulordnung hat. Dr. Bökh, der auf mehr Vertrauen gehofft hatte, erzählt ihnen als „Strafe“ von einem Schüler, der vor 20 Jahren an derselben Schule war und mit der Schulordnung in Konflikt kam, weil er unbedingt seine schwerkranke Mutter besuchen musste und ihm als Strafe der Ausgang gestrichen wurde. Gerettet hatte ihn ein Freund, der für ihn in den Karzer ging. Er selbst aber hat daraufhin beschlossen, hier Lehrer zu werden, damit seine Schüler mehr Verständnis für ihre Nöte fänden. Unschwer erkennen die Freunde (und Leser) und sogar der gestrenge Tutor Theodor in diesem Schüler ihren Lehrer Dr. Bökh. Martin und Johnny ahnen schon, dass der gute Freund ihr „Nichtraucher“ ist. Hierin liegt auch eine wichtige Botschaft an die Erwachsenen, die Kästner immer wieder betont: Erinnert euch an eure Kindheit, damit ihr euren Kindern mit Verständnis begegnen könnt.
    • Eine andere Ausprägung hiervon wird sichtbar, als die Klasse nicht verhindert, dass Uli von einem hohen Gerüst springt, um zu beweisen, dass er nicht feige ist. Dies hat den Ursprung darin, dass man ihn, als den Schwächsten, in einen Papierkorb gesetzt und vor dem Unterricht zur Decke hochgezogen hat. Die Klasse muss zur Strafe den Satz "An jedem Unfug, der passiert, sind nicht nur die Schuld, die ihn begehen, sondern auch die, die ihn nicht verhindern" fünfmal schreiben. Hier macht Kästner klar, dass Mut auch mit aktivem Eingreifen zu tun hat.
  • Familie wird in der Person Martins, dessen größter Wunsch es ist, zu Weihnachten mit seinen Eltern zusammen zu sein, ebenfalls betont.

FilmeBearbeiten

Das fliegende Klassenzimmer wurde dreimal verfilmt. Das fliegende Klassenzimmer (1954) hält sich dabei am genauesten an die Romanvorlage. Hier taucht Erich Kästner als er selbst und Erzähler auf.

In der zweiten Verfilmung Das fliegende Klassenzimmer (1973) wurde auf die Vorgeschichte, in der Erich Kästner erzählt, wie er den Roman Das fliegende Klassenzimmer schreibt, verzichtet. Ansonsten wurden nur sehr leichte Anpassungen an die veränderten Lebensbedingungen der 1970er-Jahre gemacht. Allerdings wurde die Handlung, die im Roman im Winter spielt, in den Sommer verlegt und das Ende stark abgeändert - so fliegt im Film am Ende die komplette Schulklasse nach Nairobi und lässt so das Fliegende Klassenzimmer Wirklichkeit werden.[3]

Die größten Änderungen an der Originalgeschichte erfolgten dann in Das fliegende Klassenzimmer (2003). Auf die recht ausführlich dargestellten Massenprügelszenen wird weitgehend verzichtet. Die Hauptrollen (Identifikationsfiguren) werden als friedliebende Schüler dargestellt, die unter den Attacken der „Externen“ (nicht im Internat lebenden Mitschülern) leiden. Die Angriffe der externen Mitschüler wurden zu zeitgenössischen Themen wie „Schulwegmobbing“ umgedeutet. Außerdem wird das Geschehen von einem normalen Internat in das Internat des Thomanerchors Leipzig verlegt.

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Alwin Binder: Sprachlose Freiheit? Zum Kommunikationsverhalten in Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“. In: Diskussion Deutsch. 53. 1980. S. 290–306.
  • Susanne Haywood: Kinderliteratur als Zeitdokument. Alltagsnormalität der Weimarer Republik in Erich Kästners Kinderromanen (= Kinder- und Jugendkultur, -literatur und -medien. Theorie – Geschichte – Didaktik. Band 1.). Lang, Frankfurt am Main u.a. 1998, ISBN 3-631-33735-3 (Dissertation University of Western Australia Perth, 1998, 235 Seiten).
  • Klaus Johann: Grenze und Halt. Der Einzelne im „Haus der Regeln“. Zur deutschsprachigen Internatsliteratur (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, Band 201). Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2003, ISBN 3-8253-1599-1, (Dissertation Uni Münster 2002, 727 Seiten).
  • Ruth Klüger: Korrupte Moral: Erich Kästners Kinderbücher. In: Ruth Klüger: Frauen lesen anders. Essays. 3. Auflage, dtv 12276 München 1997 S. 63–82.
  • Ingo Tornow: Erich Kästner und der Film. dtv, München 1998, ISBN 3-423-12611-6.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Eigene Genrebezeichnung von Erich Kästner: Das fliegende Klassenzimmer. Cecilie Dressler, Berlin o.J. (1954), Titelblatt.
  2. Kästner für Kinder, Büchergilde Gutenberg, Lizenzausgabe des Atrium Verlags Zürich 1985, ISBN 3-7632-3109-9, Band 2, S. 649–670.
  3. Das fliegende Klassenzimmer Inhaltsangabe des Films auf der Website der Seitz Filmproduktion