Hauptmenü öffnen
Civey GmbH
Rechtsform Gesellschaft mit beschränkter Haftung
Gründung 2015
Sitz Berlin, DeutschlandDeutschland Deutschland
Leitung Gerrit Richter
Janina Mütze
Mitarbeiterzahl über 40
Branche Meinungsforschung
Website civey.com

Die Civey GmbH ist ein deutsches Start-up-Unternehmen mit Sitz in Berlin, das unter dem Namen Civey Meinungsumfragen durchführt.

Die Daten für die Umfragen werden ausschließlich online erhoben, wobei sich die Umfrageteilnehmer selbst rekrutieren. Das Unternehmen gibt an, die Umfrageergebnisse seien repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Wegen der angewandten Methodik steht das Unternehmen in der empirischen Sozialforschung allerdings auch in der Kritik.

Inhaltsverzeichnis

UnternehmenBearbeiten

Das Unternehmen wurde 2015 von Gerrit Richter, ehemaliger Politikberater und Referent bei Hans Eichel,[1] mit vier Mitstreitern unter der Firma OMNI TT GmbH gegründet. Von der Investitionsbank Berlin wurde Startkapital in Höhe von 1,7 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Der Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner hält privat über eine Beteiligungsgesellschaft knapp ein Viertel der Gesellschafteranteile.[2] Im Januar 2017 erfolgte die Umbenennung in Civey GmbH. Der Name soll sich von dem englischen Citizen Survey, was übersetzt Bürgerumfrage heißt, ableiten.[3] Seit November 2018 hat das Unternehmen einen Beirat, dem die ehemalige Bundesministerin Brigitte Zypries[4] und die Wissenschaftler Jörg-Müller Lietzkow und Anselm Rink angehören.[5]

Die Umfragen werden auf zahlreichen Websites publiziert, von wo aus jeder auch an diesen teilnehmen kann (Fachbegriff: „Selbstrekrutierung“). Eine der reichweitenstärksten deutschen Websites, Spiegel Online, lässt sich von Civey die Sonntagsfrage, den sogenannten SPON-Wahltrend ermitteln.[6] Zu den zahlreichen anderen Medien, die mit Civey kooperieren, gehören bspw. Focus Online, Die Welt und die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender Bayerischer Rundfunk und Phoenix.[7] Damit sind Civey-Inhalte mit Ausnahme von bild.de auf allen Nachrichten-Webseiten vertreten, die in Deutschland am meisten besucht werden.

Eine enge Kooperation besteht ferner mit dem Tagesspiegel, für den Civey regelmäßig den politischen Berlin-Monitor erstellt.[8]

MethodikBearbeiten

Civey erhebt die Ergebnisse für seine Umfragen nach eigenen Angaben ausschließlich online. Unternehmen wie Opinary erheben zwar auch ausschließlich onlinebasierte Umfragen, bestreiten aber nicht die Nicht-Repräsentavität von diesen.[9] Anders als bei YouGov, das die Teilnehmer an einer Umfrage stichprobenartig aus einem manuell betreuten Online-Panel zieht, kann bei Civey-Umfragen jeder abstimmen und die Ergebnisse werden sofort angezeigt.

Civey streut die Umfragen über eine große Zahl von Internetseiten, das sogenannte „Riversampling“.[10] Das Unternehmen selbst spricht von einem „Netzwerk von 25.000 Webseiten“, auf denen die Umfragewidgets platziert sind, womit allerdings die Zahl der Unterseiten (URLs) gemeint ist. Im Wesentlichen handelt es sich also um die Anzahl von Artikelseiten. Die Zahl der Websites, die Civey-Umfragen eingebunden haben, wird nicht öffentlich kommuniziert. Bei jeder Umfrage wird nach Beantwortung der erste Frage nach Alter, Geschlecht und Postleitzahl des jeweiligen Nutzers gefragt. Zusammen mit einem gesetzten Cookie gilt ein Benutzer danach bereits als „registriert“, auch ohne Angabe einer E-Mail-Adresse, die später ebenfalls möglich ist. Anschließend wird das Ergebnis der ersten beantworteten Frage sofort angezeigt. Der Nutzer hat dann die Möglichkeit, beliebig viele weitere Umfragen zu beantworten, wobei ebenfalls jeweils sofort das Umfrageergebnis angezeigt wird. Einige der Fragen sind keine herkömmlichen Umfragen, sondern haben zum Ziel, weitere Daten über den Nutzer für die spätere Gewichtung zu gewinnen. So z.B. Fragen nach Einkommen oder Familienstand.

Damit die Ergebnisse eine mutmaßlich repräsentative Aussagekraft erhalten, gewichtet das Unternehmen die auf diese Weise erhobenen Daten auf Basis von Basisvariablen, für die die tatsächliche Verteilung in der Bevölkerung als bekannt gilt, wie beispielsweise Alter, Geschlecht oder Postleitzahl, nach.[11] Die Meinungen der Teilnehmer erhalten also ein unterschiedliches Stimmgewicht, sodass die Antworten auf die bei jeder Umfrage gleichzeitig abgefragten Basisvariablen ungefähr den Basisdaten der Gesamtbevölkerung entsprechen. Dies geschieht unter der strittigen Hypothese, dass dann auch die unbekannten Variablen (also die eigentlichen Umfrageantworten) bei gleicher Gewichtung denen der Gesamtbevölkerung entsprechen sollen und etwaige Verzerrungen, die beispielsweise durch die Selbstrekrutierung entstehen können, verschwinden.[12] Es handelt sich damit abgesehen von der Besonderheit der Online-Selbstrekrutierung faktisch um eine typische Quotenstichprobe, welche ihrerseits seit Jahrzehnten in der Sozialwissenschaft kontrovers diskutiert wird.[13]

KritikBearbeiten

Civey sieht sich mit zunehmendem Bekanntheitsgrad Kritik ausgesetzt, die meistens darauf abzielt, dass die Umfrageergebnisse, anders als behauptet, tatsächlich nicht repräsentativ seien. Die erhobenen Vorwürfe richten sich in ihrer Argumentation gegen Online-Umfragen und deren mögliche Verzerrungen im Allgemeinen und haben eine branchenweite Diskussion über die Aussagekraft von Online-Umfragen ausgelöst.[14] Die Frage, wie und unter welchen Voraussetzungen man aus Umfragen, die nicht über ein zufälliges Auswahlverfahren gewonnen wurden, Rückschlüsse auf die Verteilung in der Grundgesamtheit schließen kann, beschäftigt auch die Wissenschaft seit dem Aufkommen von Online-Umfragen verstärkt.[15]

Auswahl von Kritik bekannter Wissenschaftler:

  • Rainer Schnell, Professor für Empirische Sozialforschung an der Universität Duisburg-Essen, bezeichnet die Civey-Methodik als „willkürliche Stichprobe“. Die Selbstauswahl sei zudem so gravierend, dass man sie „nicht mehr wegkorrigiert“ bekomme. „Wir wissen seit spätestens 1975, Freiwillige sind in vielen Dimensionen anders als Nicht-Freiwillige“, so Schnell.[16]
  • Jörg Blasius, Professor am Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie in Bonn, fand bei Civey diverse mathematische und inhaltliche Fehler. Seiner Ansicht nach sei die Methode „längst nicht repräsentativ“.[17]
  • Gerd Bosbach, Professor für Statistik an der Hochschule Koblenz, sagte bezogen auf Civey-Umfragen dem Deutschlandfunk: „Leute, die sich dort anmelden, machen einen großen Aufwand. Denen ist es halt wichtig, dass ihre Meinung Einfluss nimmt. Und das ist schon ein ganz kleiner Ausschnitt aus der Bevölkerung. Also insofern ist das schon mal von der Warte her nicht repräsentativ.“[18]

In näherer Vergangenheit kam Civey in gesellschaftspolitischen Umfragen des Öfteren zu gänzlich anderen Ergebnissen als die „klassischen“ Unternehmen der Meinungsforschung, die mit der Telefon-Stichprobe arbeiten. Dies sorgte innerhalb der Branche für Unsicherheit, weil in Deutschland solch drastische Abweichungen bisher unbekannt waren. Herauszuheben ist eine Umfrage, die fragte, ob Mesut Özil und Ilkay Gündogan nach einem Medientermin mit Recep Tayyip Erdoğan weiter für Deutschland auflaufen sollten, wonach laut Civey 80 % mit „nein“ antworten, bei einer etwas anders formulierten Umfrage des Unternehmens Forsa antworteten aber nur 25 % mit „nein“. Eine Diskrepanz, die nach Auffassung von Kritikern nicht durch die statistische Fehlertoleranz erklärbar sei, so dass bei „diesen Abweichungen mindestens eines der Institute Quatsch verbreite“.[17] Als Reaktion reichte Forsa gemeinsam mit infas und der Forschungsgruppe Wahlen eine Beschwerde beim Presserat ein, die sich allerdings gegen Focus online richtete, welches die Umfrage publizierte.[18] Die Beschwerde wurde einstimmig abgewiesen mit der Begründung, dass Journalisten über keine entsprechende Kompetenz verfügen (müssen), um selbstständig über Repräsentativität oder Nicht-Repräsentativität von Umfragen zu urteilen.[19] Der Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute, der die Presseratsbeschwerde selbst nicht aktiv unterstützt hatte, kritisierte gleichwohl deren Ablehnung und betonte, dass, wenn Menschen auf Online-Seiten nach ihrer Meinung gefragt würden, eine derart gebildete Stichprobe nicht das Meinungsbild der Bevölkerung abbilden könne. Außerdem könnten solche Stichproben auch nicht – wie Civey es behauptet – durch Gewichtung bevölkerungsrepräsentativ werden. „Für diese Erkenntnis benötigt man keine Statistikausbildung“, sagte ADM-Vorstandsvorsitzender Bernd Wachter.[20]

Kritisiert wird auch, dass die Civey-Umfragen oftmals in einem „nicht-neutralen Umfeld“ positioniert seien, was zur Manipulation der Befragten führen könne. Als Beispiel dafür werden Umfragen genannt, die das Sicherheitsgefühl der Bürger abfragen, eingebettet in einen Artikel über ein Kapitalverbrechen.[9] Ein weiterer Kritikpunkt an Civey ist, dass das Unternehmen versichert, „Umfragen in Echtzeit“ zu produzieren, doch gibt es Beispiele, in denen Civey von den Umfrageinstituten jenes war, welches einen demoskopischen Trend als Letztes erkannte, so etwa beim sogenannten „Schulz-Hype“ 2017 oder bei der Landtagswahl in Bayern 2018.[17] Schließlich sieht sich Civey auch der klassischen Kritik der Scheingenauigkeit ausgesetzt, da die Ergebnis stets mit einer Genauigkeit von 1/10 Prozent angegeben werden, was bei Umfragen anderer bekannter Institute unüblich ist. „Als ob man aufs Komma genau wissen könnte, wozu die Wählerschaft neigt“, schrieb dazu die Süddeutsche Zeitung.[21]

Neben der öffentlichen Methodenkritik von anerkannten Wissenschaftlern sieht sich Civey auch dem Betrugsvorwurf ausgesetzt, Umfragezahlen von anderen Instituten zu kopieren. So existiert ein anonymer Twitter-Account unter dem Namen Civey Watch, der im Dezember 2018 von der im Deutschen Fachverlag erscheinenden Fachzeitschrift Planung & Analyse zum „Unwort des Jahres“ gekürt wurde.[22] Im selben Magazin wurde jedoch in einem Artikel unter der Überschrift Forscher oder Fälscher? der Geschäftsführer von Civey-Konkurrent Forsa, Thorsten Thierhoff, zitiert mit den Worten: „Auch wenn es besser wäre, wenn Civey Watch offen und nicht anonym agieren würde, sind die dort dargestellten Sachverhalte nach unserer Beobachtung korrekt und zeugen von großer Sachkenntnis.“[23]

Janina Mütze, Geschäftsführerin von Civey, entgegnete der Kritik in einem Interview: „Die Daten von Civey sind repräsentativ. Unsere online-basierten Methoden zur Datenerhebung und –auswertung basieren auf Standards, die international längst anerkannt sind. Internationale Leitmedien setzen auf Daten, die mit Methoden vergleichbar derer von Civey erhoben werden. Wir schließen aus, dass unsere Daten schlechter sind als jene traditioneller Call-Center Institute. Das Gegenteil ist vielmehr anzunehmen.“[24]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Kurzlebenslauf von Gerrit Richter
  2. Handelsregister, Amtsgericht Berlin (Charlottenburg), HRB 165277
  3. Meinungsforschung in Echtzeit - und mit Spaßfaktor. tagesspiegel.de, 12. August 2016.
  4. Brigitte Zypries Mitglied im Civey-Beirat, auf marktforschung.de
  5. Beirat von Civey - eigene homepage Koschnicke im Beirat von Civey - auf Politik & Kommunikation
  6. Beispiel für einen SPON-Wahltrend, auf spiegel.de
  7. Civey-Publisher, auf civey.com
  8. Berlin-Monitor, auf tagesspiegel.de
  9. a b Das heikle Geschäft mit den Online-Umfragen, auf uebermedien.de
  10. civey.com
  11. Was ist das Besondere an der Civey-Methodik? Website von Civey, abgerufen am 7. Januar 2019.
  12. Das Orakel weiß es nicht, auf faz.net
  13. Gutachten zur Repräsentativität von Online-Umfragen. Abgerufen am 8. Februar 2019.
  14. Repräsentativität – Dokumentation: BVM fordert sachgerechten Methodeneinsatz. Abgerufen am 12. Februar 2019.
  15. Reg Baker, J. Michael Brick,…: Non-Probability Sampling. In: American Association for Public Opinion Research. American Association for Public Opinion Research, 1. Juni 2013, abgerufen am 12. Februar 2019 (englisch).
  16. Wenn der Scharfschütze sein Ziel selber malt, auf horizont.net
  17. a b c Civey - Repräsentativ daneben?, auf taz.de
  18. a b Methodenstreit der Meinungsforschung: Was ist repräsentativ?
  19. Presserat billigt Civey-Umfrage, auf deutschlandfunk.de
  20. ADM bedauert Entscheidung des Presserats
  21. Wie Meinungsforscher die Wahlen beeinflussen
  22. Unwort des Jahres: Civey-Watch
  23. Forscher oder Fälscher: „Repräsentativität“ ist nicht in Stein gemeißelt
  24. Das sagt Civey zur Beschwerde beim Presserat, auf marktforschung.de

Koordinaten: 52° 29′ 42,96″ N, 13° 25′ 56,88″ O