Ein Café Racer (auch Caff oder Cafe Racer) war ursprünglich ein rennsportlich umgebautes englisches Serienmotorrad hauptsächlich der späten 1950er und frühen -60er Jahre. Diese Maschinen standen seinerzeit teilweise im Mittelpunkt einer arbeiterjugendlich dominierten Subkultur.[1][2]

1960er Rockers vor dem Busy Bee
Dunstall-Norton Dominator (1965)
BSA Gold Star Clubman (1956)

Heute wird der Begriff allgemein für Custombikes verwendet, die auf wesentliche Elemente reduziert und meist auf flache Lenker und verkürzte, abfallende Sitzbank umgebaut, oder auch ab Werk so ausgestattet wurden.[3][4]

Historie und SzeneBearbeiten

 
Norton Manx von 1954
 
Triton (Slimline- Federbettrahmen)

Namensgebend war das Treffen der Rockers der frühen 1960er Jahre in den Cafés der Vororte der Großstädte wie dem legendären Ace Cafe in London. Von hier aus machten die Rockers die Straßen der Umgebung unsicher, was für die damalige Arbeiterjugend auch Rebellion gegen vorhandene Gesellschaftsnormen symbolisierte. Solche Transport Cafes wurden im Slang auch Caffs genannt, was sich teilweise auch auf die englische Aussprache des Café-Racer-Begriffs übertrug.[1][2]

Das Motorrad war prägendes Szeneelement und wurde individuell verändert und umgebaut. Für das, was am Ende der Umbaumaßnahmen herauskam, wurde später der Begriff Café Racer geprägt. Die Motoren solcherart mit Stummellenkern, offenen Schalldämpfern und Ansaugtrichtern sportlich ausgerüsteten Maschinen wurden zumeist „frisiert“, um Höchstgeschwindigkeiten von über 100 mph (the ton), entsprechend 160 km/h, anzustreben und sich damit zuweilen auch in illegale Straßenrennen einzulassen. Eine der berühmt berüchtigtsten Strecken für derlei halbstarke Mutproben führte vom Ace Cafe zum nächsten Kreisverkehr und wieder zurück; wobei einer umstrittenen Legende nach die als „Record Race“ paraphrasierte Renndistanz nach Möglichkeit zurückgelegt sein sollte, ehe die zum Rennstart in der Jukebox angewählte Single-Schallplatte zu Ende abgespielt war.[5][1][2][6]

Das Hauptanliegen für derartige Umbauten waren aber nicht die illegalen Rasereien, sondern die Möglichkeit, zur Teilnahme an offiziellen Clubsportrennen mit den möglichst kostengünstig um- und aufgerüsteten und zunächst vorwiegend einzylindrigen Serienmaschinen auf eigener Achse zur Rennstrecke fahren zu können, was mitunter aber auch in solcherlei abend- oder nächtlichen Angebereien vor den rund um die Uhr geöffneten Fernfahrercafés, wie beispielsweise dem Ace oder dem 25 km davon entfernten Busy Bee in Watford, ausarten konnte. Solche Truckerkneipen hatten zwar meist keinen Alkoholausschank, dafür aber auch keine Sperrstunde, wie sonst alle englischen Pubs.[1][2]

Vorbilder für die Umbauten der Serienmotorräder waren die damals aktuellen Rennmaschinen der Tourist Trophy auf der Isle of Man wie beispielsweise die Norton Manx. Gebräuchlich waren englische Motorräder, z. B. von BSA, Matchless, oder Triumph, mit ein- bis zweizylindrigen Motoren, die oftmals aus Kostengründen als Basis dienten. Renntanks aus meist poliertem Aluminium, Stummellenker, Einzelsitzbänke und demontierte Rückspiegel waren typische Merkmale. Einer der ersten und wichtigsten Anbieter für solche Umrüst- und Zubehörteile war der Londoner Rennfahrer Paul Dunstall. Bemerkenswert waren auch sogenannte Tritons, die aus preisgünstigen, aber leistungsstarken Triumph-Motoren und den hochwertigen Norton-Federbett-Rennrahmen zusammengestellt wurden. Wohingegen die als Norvin bezeichneten Kombinationen exklusive Vincent-V2-Motoren mit diesen Norton-Fahrwerken vereinten.[1][2]

Café-Racer- und Clubmansport-RetrowellenBearbeiten

 
Yamaha SR 500 (CR-Umbau)

Nachdem sowohl im Rennsport als auch im Serienmotorradbau die bis dahin erfolgreichen Einzylinder-Viertaktmotoren in den 1960er Jahren von Vierzylindern und Zweitaktern zunehmend verdrängt wurden, setzte bereits Ende der 1970er Jahre, insbesondere mit der Vorstellung der Yamaha SR 500, eine Retrowelle großvolumiger Einzylinder ein, bei der die Norton Manx erneut als Referenz, Archetyp oder Blaupause für sogenannte Poor-man’s-Manx-Café-Racer galt. Seit Ende der 1980er Jahre wird auch immer wieder versucht, finanziell schwer realisierbare Wünsche nach aktiver Rennteilnahme mit einer Norton Manx durch einfachere Mittel zu kompensieren. Zum Beispiel mit der 1988 initiierten Rennserie Sound of Singles oder mit dem 1997 gestarteten MZ-Cup, der in der Fachpresse augenzwinkernd mit „Einmal Norton Manx für Arme“ kommentiert wurde.[1][2][7][8][9]

 
Honda GB 500 Clubman (1985)

Ab Mitte der 1980er Jahre, nach dem Niedergang der britischen Motorradindustrie, wurde die inzwischen als Stil bezeichnete Café-Racer-Ästhetik auch von internationalen Motorradherstellern erstmals aufgegriffen. Als einer der ersten Retro-Café-Racer von der Stange gilt in Deutschland die Honda GB 500 Clubman, die sich nicht nur dem Namen nach auf das in den Clubman-Rennklassen der Isle of Man TT in den 1940er und -50er Jahren dominierende Superbike, die BSA DBD34 Gold Star Clubman bezog, die damals schon als exklusives Fertigprodukt der selber schraubenden Arbeiterjugend zum Vorbild für ihre DIY-Renner diente.[1][2][7]

Heutzutage befassen sich weltweit zahlreiche Print- und Onlinemagazine, ebenso wie viele professionelle Fahrzeugveredler (Customizer) und Zubehöranbieter, wieder mit dem Retro-Thema Café Racer. Kleinere Rennveranstalter, wie beispielsweise Grab the Flag, Built not Bought, Moto Trophy, oder eben der MZ-Cup, bieten seit geraumer Zeit nicht nur in Deutschland auch wieder passende Low-Budget-Clubsport-Rennserien für die DIY-affine Café-Racer-Szene an.[9]

 
Retro-Rockers Reunion, 2007 vor dem 1997 wiedereröffneten Ace Cafe

Seit der Wiedereröffnung des Ace Cafe 2001 in London, das mittlerweile Ableger in Peking, Barcelona, Orlando, Lahti und Luzern hat, trifft sich die Szene einmal jährlich dort zum „Ace Day“.[10]

Aktuelle SerienmodelleBearbeiten

 
Retro-Café-Racer als zeitgenössisches Fertigprodukt: Triumph Thruxton R (2016)

Moderne Interpretationen von Café Racern finden sich auch heute zahlreich. So ließ BMW 2013 vom amerikanischen Designer Roland Sands einen Café Racer namens Concept 90 entwickeln, der zum Serienmodell BMW R nineT weiterentwickelt wurde und seit 2014 ausgeliefert wird. Der deutsche Customizer Thunderbike wurde 2012 mit seinem Bike PainTTless,[11] welches einige Café-Racer-Bestandteile aufgreift, Weltmeister im Custombikebau. Von 2005 bis 2016 bot der italienische Motorradhersteller Benelli verschiedene TnT Modelle mit „Cafe Racer“ Bezeichnung und 899 oder 1130 cm³ an.

Retro-Café-Racer werden von einigen namhaften Herstellern produziert.

  • Seit Ende 2013 bietet die älteste noch produzierende Motorradmarke der Welt Royal Enfield die Continental GT mit Einzylinder-Motor an.[12] 2018 kam der gleichnamige Nachfolger aus der neuentwickelten Zweizylinder-Modellreihe Royal Enfield 650.
  • Ab 2010 wird von Norton Motorcycles die Commando 961 Cafe Racer gebaut.
  • Seit 2004 bietet Triumph mit der Thruxton einen serienmäßigen Café Racer in seiner Classic Modellpalette an. 2016 wurde im Laufe der Modellpalettenänderung die Thruxton/ Thruxton R eingeführt und ersetzte das vorige Modell.
  • 2011 wurde von Moto Guzzi mit der V7 Racer ein eigener Retro-Café-Racer auf den Markt gebracht,[13] der den Modellreihen bis zur V7 III bis dato folgt.
  • Husqvarna bietet mit der Vitpilen-Serie mit 400 bzw. 700 cm³ Hubraum moderne Café Racer an.[14]
  • Seit 2017 bietet Ducati die Scrambler Cafe Racer an.
  • Honda bietet in seiner Neo-Sports-Café-Reihe seit 2019 Nakedbikes im Café-Racer-Design an. Es gibt Modelle mit 125, 300, 650 und 1000 cm³[15]

Die heutigen Streetfighter können als moderne Nachfahren der Café Racer gesehen werden, jedoch werden auch heute noch moderne Motorräder im Stile eines Café Racers individuell umgebaut. Wesentliche Unterschiede sind, dass hier meist hubraumstarke Tourenmotorräder der letzten 20 Jahre als Basis dienen, moderne Komponenten wie Einarmschwinge, Zentralfederbein oder Upsidedown Gabel zum Einsatz kommen und die Linienführung eher breit ausfällt.

Der britische Automobilhersteller David Brown Automotive bietet seit 2017 den Mini Remastered als auf 25 Exemplare limitiertes Sondermodell „Inspired by Café Racers“ an.[16]

LiteraturBearbeiten

  • Johnny Stuart: Rockers!, Plexus, London, GB, 1987, ISBN 0859651258
  • Mick Walker: CAFE RACERS of the 1960s, The Crowood Press, Ramsbury, GB, 2009, ISBN 9781872004198
  • Alastair Walker: The Café Racer Phenomenon, Veloce Publishing, Dorchester, GB, 2009, ISBN 9781845842642
  • Sabine Welte: Cafe Racer: Speed and Bikes and Rock’n’Roll. Verlag GeraMond, München 2008, ISBN 978-3-7654-7694-5
  • Stephan H. Schneider, Katharina Klimpke, Carsten Heil, Dirk Mangartz: Café Racer: Von den Anfängen zum Superbike. Huber Verlag, Mannheim 2008, ISBN 978-3-927896-21-5
  • Hunter S. Thompson über Café Racer, Seite 44 bis 47, in: The Art of the Motorcycle – Die Schönheit der Technik, Ausstellungskatalog, Guggenheim Museum, New York, 1998 bis 2001, Taschen Verlag, Köln, 2001, ISBN 3822813303

FilmeBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Cafe Racer – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f g M. Walker: CAFE RACERS of the 1960s
  2. a b c d e f g A. Walker: The Café Racer Phenomenon
  3. Café Racer Motorcycles, abgerufen am 23. Juli 2018.
  4. caferacer-forum.de:, Sportlich orientierter Umbau im Stil klassischer Racer. Optimierung der Fahreigenschaften und Reduzierung aufs Wesentliche. Stilelemente sind u. a. sportliche Sitzposition, Stummellenker, zurückverlegte Fußrasten, Einzelsitze mit Höcker, Alutanks in Rennsportoptik, abgerufen am 23. Juli 2018
  5. Geschichte des Ace Cafes auf: ace-cafe-london.com
  6. Jim McDermott: Cafe Racer Rave Up. In: Superbikeplanet.com. Hardscrabble Media LLC. 3. Februar 2009. Archiviert vom Original am 27. Dezember 2014. Abgerufen am 27. Dezember 2014.
  7. a b Welte: Cafe Racer: Speed and Bikes and Rock’n’Roll.
  8. https://www.motorradonline.de/szene-motorsport/25-jahre-sound-of-singles-rennserie-basteleien-handwerkskunst-und-trockengelegte-bierzelte/
  9. a b MZ-Cup – Einmal Norton Manx für Arme, in Klassik Motorrad, Zeitschrift, Heft 3/2022, Seite 69
  10. Ace Cafe Locations. Ace Cafe website. Abgerufen am 27. Juli 2017.
  11. BikeExif: Thunderbike PainTTless
  12. Motorrad Online: Royal Enfield Continental GT
  13. Motorrad Online: Moto Guzzi V7 Racer
  14. Peter Mayer, Slawomir Niewrzol: Husqvarna im Modelljahr 2020: Svartpilen, Vitpilen, Enduro & Supermoto. 17. Januar 2020, abgerufen am 9. August 2021.
  15. 1000PS.de: Honda Neo Sports Café Vergleichstest
  16. Café Racers. Abgerufen am 7. Februar 2018 (englisch).