Bus Rapid Transit

Der aus dem Englischen stammende Begriff Bus Rapid Transit (kurz BRT, auch Busway; vereinzelt auch BHNS für bus à haut niveau de service – französisch für Bus mit hohem Serviceniveau) steht für eine Reihe von öffentlichen Transportsystemen, die sowohl durch infrastruktur- wie auch fahrplantechnische Verbesserungen versuchen, einen höheren Qualitätsstandard und in Stoßzeiten viel höhere Transportkapazität als normale Buslinien zu erreichen.[1] Die Bus-Rapid-Transit-Systeme können hierbei unterschiedliche Ansätze haben, wenn auch viele Verbesserungen von der Mehrzahl der Systeme genutzt werden. Ziel der Verbesserungen ist, sich dem Qualitätsstandard von Schienennahverkehrssystemen anzunähern, zugleich aber die Flexibilitäts-, Flächenabdeckungs- und Kostenvorteile des straßengebundenen Verkehrsmittels Bus zu nutzen.[2] Dabei kann sich vor allem eine höhere Gewinnschöpfung als beim schienengebundenen Verkehr ergeben. Alternativ kann das Bus-Angebot allerdings auch bis zur Kostengleichheit weiter steigen, weitere Verkehrsanteile vom motorisierten Individualverkehr übernehmen und so (mit klimaneutralem Antrieb) entsprechend mehr als beim schienengebundenen Verkehr das Klima schützen.[3]

Metrobussystem in Istanbul

Der Begriff Busway wird hauptsächlich in Amerika verwendet. In Europa wurden seit langem (1950er Jahre) Schnellbus-Verbindungen eingerichtet, bei denen durch das gezielte Auslassen von Haltestellen ein Fahrzeitvorteil erreicht wird. Eine Bevorrechtigung gegenüber dem zunehmend den ÖPNV behindernden Individualverkehr wurde durch Einrichtung von Busspuren erreicht. Seit den 1980er Jahren wird eine weitere Beschleunigung durch weitere Maßnahmen wie Ampelvorrangschaltung und Busschleusen in Zusammenhang mit Rechnergestützten Betriebsleitsystemen (RBL) erreicht. Sogenannte „Metrobus“-Linien dienen in erster Linie der Vermarktung der Hauptbuslinien ohne spezielle weitere Technik. Maßnahmen wie Echtzeit-Abfahrzeitangaben an den Haltestellen wurden bevorzugt an stark nachgefragten Haltestellen dieser Linien installiert, dienen aber auch den anderen Linien.

GeschichteBearbeiten

Pionier der Busway-Systeme ist die Stadt Runcorn in England, die in den 1950er Jahren dieses moderne Nahverkehrskonzept erstellte und in den 1960er Jahren umgesetzt hat. Es zeichnete sich durch eine Hochstraße aus, auf der die Busse in ein Einkaufszentrum hineinfuhren, das hierdurch in eine Fußgängerzone umgewandelt werden konnte.

Die Stadt Curitiba (Brasilien) kann für sich beanspruchen, dieses Konzept 1968 als erstes flächendeckend in einer Großstadt umgesetzt zu haben, bzw. wurde es dort quasi „neu erfunden“ und laufend verbessert. Die Erfolge damit ließen die Schnellbusse und die Verkehrsplanung von Curitiba zum Vorbildsystem für andere Metropolen werden.

Bus-Rapid-Transit-Systeme finden sich mittlerweile auf der ganzen Welt. Besonders konsequente Umsetzungen wurden etwa in Adelaide (als Spurbus), Brisbane, Bogotá, Ottawa, Jakarta und Istanbul durchgeführt.[4] In globaler Kooperation unter Federführung des Institute for Transportation and Development Policies (ITDP), NY, entstand ein BRT-Standard mit Qualitätskriterien und Qualitätsstufen sowie Mindestanforderungen an ein BRT-System (Basis) und Excellenzstufen (Bronze, Silber, Gold).[5] Mindestanforderungen sind Erfüllungsgrade der Kriterien:

  • eigene Busspur (max. 8 Punkte)
  • Lage der Busspur (max. 8 Punkte)
  • busexterne Bezahlung (max. 8 Punkte)
  • Kreuzungsbehandlung (max. 7 Punkte)
  • höhengleicher Buseintritt/-ausgang (max. 7 Punkte)

Notwendig sind insgesamt 20 Punkte und je 4 Punkte bei Busspur und deren Lage sowie die Mindestlänge von 3 km durchgehender Busspur. Für die Erfüllungsgrade sind im BRT-Standard Merkmale mit Punktwert fixiert.

Methodisch ähnlich mit Plan- und Leistungskriterien erfolgt die Punktevergabe und Bewertung der Excellenzstufen. Es gibt nach dieser BRT-Einstufung ...

   in Australien                           1 Silber-BRT
   in Afrika                               1 Silber-BRT   2 Bronze-BRT
   in Europa                               3 Silber-BRT   1 Bronze-BRT
   in Asien                    3 Gold-BRT  5 Silber-BRT  21 Bronze-BRT 15 Basis-BRT     Summe 44
   {in Nord-Amerika                        2 Silber-BRT   7 Bronze-BRT  3 Basis-BRT     Summe 12}
   in Nord- und Lateinamerika 13 Gold-BRT 32 Silber-BRT  23 Bronze-BRT  7 Basis-BRT     Summe 75

Insgesamt sind 128 BRT-Systeme zertifiziert.[6]

BeispieleBearbeiten

Île-de-FranceBearbeiten

Die erste Bus-Rapid-Transit-Strecke in der Île-de-France wurde bereits 1993 eingerichtet, als erste in Frankreich überhaupt. Heute sind dort vier solche Linien mit einer Gesamtlänge von rund 60 Kilometern in Betrieb. Als BRT zertifiziert ist der Korridor TVM (Antony-La Croix de B...). Ihm wird Excellenz bescheinigt: Silver.[7] Fünf weitere Linien sollen in den nächsten fünf bis sechs Jahren folgen. Etwa 15 weitere Linien stehen auf der Wunschliste der Kommunen. Ob Bedarf besteht und Gelder für ihren Bau zur Verfügung stehen wird noch geprüft.

NantesBearbeiten

Im November 2006 wurde unter dem Namen „Busway“ ein sieben Kilometer langes Bus-Rapid-Transit-System in Nantes eingeführt. Dieses umfasst 15 Haltestellen und beförderte anfangs täglich 26.500 Fahrgäste. Bis zum Jahr 2015 hatten sich die Fahrgastzahlen verdoppelt. Da die Busfolge nicht weiter verdichtet werden kann, wurde 2015 beschlossen, ab 2019 Elektro-Doppelgelenkbusse von 26 m Länge einzusetzen.[8] Der „Busway“ ist nicht als BRT zertifiziert.[9]

MetzBearbeiten

 
Bus Rapid Transit Mettis in Metz, Frankreich

Seit 2013 fahren in Metz und Woippy unter dem Namen Mettis Busse auf zwei Bus-Rapid-Transit-Linien. Keine der Linien ist als BRT zertifiziert.[10]

AngoulêmeBearbeiten

Die französische Stadt Angoulême erhielt 2016 ein Bus-Rapid-Transit-System welches aus vier Linien bestehen wird. Keine ist bisher als BRT zertifiziert.[11]

StraßburgBearbeiten

Am 30. November 2013 wurde als Ergänzung zum Straßenbahnnetz die Bus-à-haut-niveau-de-service-Linie G vom Hauptbahnhof nach Espace Européen de l'Entreprise im Stadtteil Schiltigheim eröffnet. Sie ist nicht als BRT zertifiziert.[12] Wie bei der Straßenbahn wurde ein Großteil des Straßenraums umgebaut.

BogotáBearbeiten

Seit November 2000 besitzt Bogotá ein Bus-Rapid-Transit-System (siehe TransMilenio). Dieses besitzt heute eine Länge von 84 km und umfasst 114 Haltestellen. Täglich werden hier 1,4 Millionen Fahrgäste befördert. Pro Stunde verkehren hier in Spitzenzeiten 57 Busse. Von 8 zertifizierten BRT-Korridoren haben zwei die Excellenz Silver, 6 sogar Gold.[13]

IstanbulBearbeiten

 
Die Metrobüs-Linien Istanbuls (orange)

In Istanbul wurde im September 2007 ein Bus-Rapid-Transit-System mit eigenen Fahrspuren eingerichtet, das den Namen Metrobüs trägt. Auf großen Teilen der Strecke, die halbkreisförmig um das Stadtzentrum herumführt, befinden sich diese Fahrspuren in der Mitte von mehrspurigen Kraftfahrstraßen und werden wegen der für die Fahrgäste über Treppen und teilweise Aufzüge kreuzungsfrei erreichbaren Mittelbahnsteige dort im Linksverkehr betrieben.

Das System hatte 2018 eine Länge von 52 Kilometern und bediente 44 Haltestellen, sollte aber weiter ausgebaut werden. Das Verkehrsunternehmen İETT setzt insgesamt 250 Mercedes-Benz CapaCity-Großraumgelenkbusse und ca. 160 weitere Mercedes-Benz Gelenkbusse auf dem Metrobüs-System ein, zeitweise auch 50 VDL Phileas Doppelgelenkbusse. Werktags fuhren 2018 eine Million Fahrgäste mit diesen Bussen, in Spitzenzeiten 45.000 pro Stunde und Richtung. Tagsüber besteht auf dem am stärksten belasteten Streckenabschnitt eine Taktfrequenz von 45 bis 60 Sekunden, während der Stoßzeiten beträgt der durchschnittliche Abstand zwischen zwei Bussen 14 Sekunden. Es verkehren dann 80 Busse pro Stunde auf diesen Linien[14]. Durch die Länge der Haltestellen können mehrere Busse gleichzeitig abgefertigt werden. So kommt es, dass im Spitzendurchschnitt planmäßig vier Gelenkbusse pro Minute die Haltestelle bedienen[15].

Durch den relativ großen Haltestellenabstand (durchschnittlich knapp 1,28 Kilometer) und die zügige Beschleunigung der Fahrzeuge liegt die Reisegeschwindigkeit bei 40 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit wurde von ursprünglich 80 km/h aus Sicherheitsgründen und zur Verringerung des Verschleißes der stark strapazierten Busse auf 70 km/h reduziert. Die Laufleistung der CapaCity-Busse liegt je nach Kurs bei bis zu 800 Kilometern täglich. Es fahren fast nur noch Serienbusse von Mercedes-Benz; denn die Phileas-Busse werden nur noch wenig eingesetzt wegen vielfältiger technischer Probleme (gerichtlich dokumentiert), die zu Pannen auf der einspurigen Fahrbahn und zu Buspulks geführt hatten.[16] Ein BRT-Korridor ist mit „Silber“ zertifiziert.[17]

OttawaBearbeiten

Der lokale Nahverkehrsbetrieb OC Transpo betreibt mit dem Transitway ein BRT-System, das aus einer Stammstrecke durch die Innenstadt und vier Außenästen besteht. Alle Bereiche sind als BRT zertifiziert und ausgezeichnet mit Bronze.[18]

Santiago de ChileBearbeiten

Santiago de Chile besitzt ein 60 Kilometer langes Bus-Rapid-Transit-System. Insgesamt umfasst es 326 Routen mit 10.000 Kilometern Linienlänge. 5 BRT-Korridore sind als BRT zertifiziert und ausgezeichnet mit Bronze.[19]

VilniusBearbeiten

Die litauische Hauptstadt Vilnius besitzt ein Bus-Rapid-Transit-System mit Schnellbussen. Insgesamt umfasst es sechs Routen mit 164 Kilometern Linienlänge. Die Erweiterung ist geplant.[20]

Kein Korridor ist als BRT zertifiziert.[21]

ZhuzhouBearbeiten

In Zhuzhou in der chinesischen Provinz Hunan wurde 2018 ein Autonomous Rail Rapid Transit auf einer Teststrecke in Betrieb genommen.

Merkmale von Bus-Rapid-Transit-SystemenBearbeiten

 
Metrobussystem in Seattle
 
BRT-Haltestelle mit Bahnsteigtüren in Peking

Typische Merkmale für BRT-Systeme sind:

  • vom restlichen Verkehr abgetrennte, gesonderte Busspuren (diese können abschnittsweise auch als Hochstraßen oder im Tunnel ausgeführt sein)
  • Gelenkbusse oder Doppelgelenkbusse mit hoher Beförderungskapazität
  • eine große Anzahl von Türen zur Verkürzung der Fahrgastwechselzeiten
  • erhöhte Bussteige die – analog zu den Hochbahnsteigen im Schienenverkehr – auch bei hochflurigen Wagen einen schnellen Einstieg ermöglichen oder alternativ Niederflurfahrzeuge, die ebenfalls einen niveaugleichen Einstieg ermöglichen
  • einen dichten Fahrplantakt mit Fahrzeugabständen von wenigen Minuten den ganzen Tag über, in Stoßzeiten nach Bedarf mehrere Busse pro Minute
  • Ticketverkauf außerhalb des Fahrzeugs bereits an den Haltestellen
  • Ampelvorrangschaltungen beziehungsweise Voranmeldung an Ampelanlagen (LSA-Bevorrechtigung)
  • speziell gegenüber dem Individualverkehr abgesicherte Kreuzungsbereiche, Straßeneinmündungen und Busschleusen

Der BRT-Standard des New Yorker ITDP definiert einen Minimum an Kriterien, ohne die der Begriff „BRT“ nicht passe, und Beste-Praxis-Elemente, deren abgestufte Erfüllung zur Qualitätwertung beitragen[22].

Spezielle BusmodelleBearbeiten

BRT-Systeme erreichten bereits mit regulären Stadtbussen sehr hohe Kapazität. Dennoch haben verschiedene Hersteller spezielle an den BRT-Verkehr angepasste Modelle entwickelt. Führend dabei sind Südamerikanische Aufbauhersteller, wie Busscar, Marcopolo und CAIO Induscar, welche jeweils spezielle hoch und niederflurige BRT-Aufbauten für verschiedene Herstellerchassis anbieten. Jedoch auch europäische Hersteller haben auf Basis ihrer Stadtbusmodelle BRT-Versionen entwickelt:

In Istanbul startete der Metrobüs mit Serienbussen von Mercedes-Benz, nahm spezielle BRT-Großbusse („Phileas“) hinzu, die zu oft mit Pannen die Busfahrbahn blockierten, und kehrte wieder zu konventionellen Serienbussen in dichter Abfolge zurück – mit Erfolg (s. o.).

Siehe auchBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Bus rapid transit – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. "BRT is rapid transit using dedicated busways for fast, cost-effective, and high-capacity service." definiert die Datenbank für BRT, LRT und Metro https://www.itdp.org/rapid-transit-database/
  2. "BRT, in comparison to other transport systems, brought further advantages such as low investment costs and a flexible infrastructure design. Given its apparent flexibility ..." https://www.mercedes-benz-bus.com/content/dam/mbo/markets/common/buy/bus-rapid-transit/brt-services-online/images/content/BRT_Flyer_Istanbul_EN_23_07_18.pdf
  3. "Die Verkehrsministerkonferenz stellt fest, dass der gesamte Verkehrssektor einen deutlich stärkeren Beitrag als bisher zum Klimaschutz leisten muss, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will." https://www.verkehrsministerkonferenz.de/VMK/DE/termine/sitzungen/21-04-15-16-vmk-telefonschaltkonferenz/21-04-15-16-beschluss.pdf?__blob=publicationFile&v=2
  4. Quelle?
  5. https://itdpdotorg.wpengine.com/wp-content/uploads/2014/07/BRT2016-REV7.75.pdf Abfrage am 5. Sept. 2022
  6. https://itdpdotorg.wpengine.com/wp-content/uploads/2014/07/BRT2016-REV7.75.pdf Abfrage am 5. Sept. 2022
  7. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  8. 20minutes.fr vom 15. Dezember 2015: Nantes: Feu vert aux busways géants et 100% électriques; abgerufen am 4. November 2016 (französisch)
  9. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  10. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  11. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  12. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  13. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  14. Pulk-Ursache waren die Pannenbusse. Abgerufen am 3. September 2022.
  15. Metrobus Statistics from IETT. IETT. Archiviert vom Original am 6. Oktober 2011. Abgerufen am 17. September 2011.
  16. Wege zum Erfolg. In: Omnibusspiegel. 34. Jahrgang, Heft 12-4. Verlag Dieter Hanke, 2012, ISSN 0724-7664, S. 10–14.
  17. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  18. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  19. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  20. Vilniaus metro ir tramvajaus kovoje nugalėjo trečias žaidėjas (Lietuvos rytas)
  21. https://www.itdp.org/library/standards-and-guides/the-bus-rapid-transit-standard/best-practices-2013/
  22. Institute for Transportation and Development Policy: Scorecard. ITDP. Abgerufen am 6. Februar 2014.
  23. Solaris to deliver 14 bi-articulated e-buses in Denmark. They're powered by two motors and over 700 KWH battery. Abgerufen am 29. Oktober 2021.
  24. Volvo BRT-Busse. Abgerufen am 9. September 2022.