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Leben und WerkBearbeiten

Aus einer russischen Künstlerfamilie stammend (die Mutter Ella Opalnaja[1] war Rezitatorin, der Vater Abram Nitsberg Maler und Bildhauer[2], die ältere Schwester ist eine New Yorker Künstlerin und Designerin[3]), kommt Nitzberg 1980 nach Wien und dann nach Deutschland und lebt zunächst in Dortmund, wo er das Goethe-Gymnasium absolviert. In Dortmund studiert Nitzberg privat Klavier bei Matthias Blome, Viola, Komposition und Kontrapunkt bei H. J. M. A. Derdack. Ab 1990 beginnt er sein Studium der Germanistik und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf.

Von 1990 bis 1995 war er mit der russischen Geigerin Veronika Jefremowa verheiratet. 1994 folgte die Geburt der Tochter Xenia.[4]

Während seines Aufenthalts in Düsseldorf (1990–2010) widmete sich Nitzberg der literarischen Tätigkeit: Er publizierte Gedichte, Essays sowie Lyrikübertragungen aus dem Russischen und veranstaltete öffentliche Lesungen und Rezitationsabende (oft gemeinsam mit dem Dichter, Schauspieler und Zauberkünstler Peter Sendtko, später auch mit Wolfgang Reinke und Ferdinand Scholz). Nitzberg und Sendtko[5] unterzeichneten das sogenannte Reliktische Manifest und gründeten anschließend das Théatre akut, das sich auf szenische Lesungen spezialisierte. Es kam zu zahlreichen Produktionen, darunter 1993 Wider die schöne Tötung (ein Abend des russischen Futurismus), 1996 die Bühnenphantasie Ein Traum, entflattert deiner Haft… (nach dem Drama Faust von Nikolaus Lenau), und 1997 die Rezitation Im dritten Jahr vor dem Jahr zweitausend… (nach Gedichten von Alfred Mombert und Theodor Däubler). Zu den vom Théatre akut aufgeführten Autoren zählen Gottfried Benn, Alfred Lichtenstein, Rainer Maria Rilke, Walter Rheiner, Max Herrmann-Neiße, Marie-Madeleine, aber auch russische, wie Daniil Charms, Wladimir Majakowski, Igor Sewerjanin, Alexander Vertinski und viele andere.

Nitzbergs theoretische und praktische Kenntnisse der Vortragskunst sind familiär bedingt: Benjamin Nitzberg, der Großvater väterlicherseits, war Regisseur, Dramaturg, Schauspieler und Rezitator und zählte zu den Mitbegründern des Theaters Habima, das 1917 in Moskau ins Leben gerufen wurde. Maria Trist, die Großmutter mütterlicherseits, war eine ausgebildete Sprecherin der bekannten Wassili Serjoschnikow-Schule und trat im russischen Radio auf. Die Mutter, Ella Opalnaja, ist eine Schauspielerin und Rezitatorin. Ihren besonderen Schwerpunkt bildete die Vortragskunst nach den Prinzipien der in den 1920er Jahren sehr lebendigen russischen Deklamationsschule in der Dmitri Schurawljow-Tradition. Zu ihren Lehrern am Studio der Sprachkunst in Moskau zählten renommierte Sprachgestalter, wie etwa Boris Morgunow und Tatjana Dewlischewa.

Über seinen damaligen Mentor, den amerikanischen Lyriker John Linthicum, lernte Nitzberg in den 1990er Jahren namhafte deutschsprachige Dichter, wie Peter Maiwald, Niklas Stiller und Heinz Czechowski, kennen und freundete sich mit diesen an. Gleichzeitig pflegte er enge Kontakte zu bedeutenden russischen Lyrikern, wie Gennadi Aigi (einem Jugendfreund von Nitzbergs Vater), Genrich Sapgir, Igor Burichin, Jelena Schwarz[6] und Jewgenij Rejn[7]. Kennzeichnend für diese Phase war die intensive Beschäftigung mit der russischen Avantgarde und dem deutschen Expressionismus. Nitzberg verteidigte mit Nachdruck die Ästhetik und den Geist der traditionellen Poesie, wie z. B. in seiner Anfang der 1990er öffentlich geführten Debatte mit dem Dichterkollegen Hendrik Rost oder in seiner Polemik gegen die aufkeimende Institution des Poetry Slam. In Essays zur Theorie und Praxis der Dichtkunst vertritt Nitzberg eine Poetik, die sowohl der europäischen Avantgarde als auch der klassischen Tradition geschuldet ist und vom Lyriker sowohl handwerkliches Können als auch Sprachartistik verlangt.[8] Zusammen mit Saskia Fischer, Hendrik Rost, Arndt Stermann, Peter Sendtko, Wolfgang Reinke, Vera Henkel und Ferdinand Scholz (d. i. Achim Raven) bildete er in dieser Zeit den festen Kern der sogenannten Düsseldorfer Schule.

1997 machte Peter Rühmkorf in seinem Essay Rühmen und am Lattenzaun der Martkorientierung rütteln (17. Oktober 1997, Die Zeit)[9] auf Alexander Nitzberg aufmerksam, würdigte ihn als einen „Traditionalisten der klassischen Moderne […] sogar mit dem nötigen Kampfgeist, den die anfechtbare Stellung herausfordert“ und verteidigte ihn gegen seine Kritiker. 2002 wird Nitzberg auf Empfehlung von Rühmkorf mit dem Förderpreis zum Joachim-Ringelnatz-Preis ausgezeichnet. Nitzbergs Auffassung von der Rezitation als einer Art Sprach- oder Schädelmagie näherte ihn aber auch dem deutschen Avantgardisten Thomas Kling an. Kling und Nitzberg nahmen 1999 gemeinsam Gedichte der russischen Futuristen auf (CD Dampfbetriebene Liebesanstalt).[10]

1999 ging Nitzberg seine zweite Ehe mit Natalia Nitzberg (geb. Paltschastaja) ein.

Im Düsseldorfer Grupello Verlag arbeitete Nitzberg 1996 bis 2000 als Lektor und Herausgeber der Lyrikreihe Chamäleon. Seine besondere Aufmerksamkeit richtet sich dabei auf die weniger bekannten und vergessenen Dichter des Silbernen Zeitalters der russischen Moderne. Zu den von ihm bei Grupello herausgegebenen deutschsprachigen Autoren zählen u. a. Heinz Czechowski und Franz Josef Czernin.

Nachdem sich John Linthicum Ende der 1990er Jahre aus dem Düsseldorfer Literaturleben zurückzog und in die USA zurückkehrte, übernahm Nitzberg für einige Jahre die Leitung des Salons im Literaturcafé Schnabelewopski im Heinrich-Heine-Geburtshaus. In seinen letzten Düsseldorfer Jahren konzipierte er gemeinsam mit Wolfgang Reinke die an verschiedenen Leseorten durchgeführte Lyrikreihe Elfenbeinturm. Dichter lesen Dichter[11] und gab im Düsseldorfer Onomato Verlag die Buch- und CD-Serie Edition Schwarzes Quadrat[12] heraus (Andrea Heuser, Heinz Czechowski, Felix P. Ingold, Franz Josef Czernin, Benedikt Ledebur, Ralf Thenior, Ferdinand Scholz, Christian Röse).

Ab 1999 arbeitete Nitzberg intensiv mit dem in Düsseldorf ansässigen österreichischen Dichter Francisco Tanzer zusammen und war bis zu dessen Tod im Jahr 2003 sein Privatsekretär. In Kooperation mit Tanzer entstand das vom Wiener Komponisten Herbert Lauermann vertonte Opernlibretto Die Befreiung (Uraufführung: Ulm 2001).[13]

Zusätzlich zu seinen publikatorischen und performativen Aktivitäten betätigte sich Nitzberg auch jahrelang als Lyrik-, Übersetzungs- und Rezitationslehrer (u. a. als Dozent an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität[14], am Literaturinstitut Hildesheim[15] und bei der vom Literaturbüro Unna alljährlich veranstalteten Sommerakademie für den literarischen Nachwuchs.[16] Später in Wien am Institut für Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst.)[17] Seine pädagogischen und ästhetischen Prinzipien formulierte er in dem Lehrbuch Lyrik Baukasten. Wie man ein Gedicht macht (Dumont, 2006). Die von ihm propagierte poetische Schulung versteht sich ausdrücklich als Gegenkonzept zum im deutschsprachigen Raum inflationären und spielerisch-therapeutischen Ansatz des Kreativen Schreibens. Kunst bedeutet für Nitzberg auch immer eine Anbindung an die Tradition. In seinen theoretischen Schriften greift er deshalb verstärkt auf die Poetiken des Mittelalters und des Barock zurück.[18]

Seit den 1990er Jahren übersetzt Nitzberg zunehmend auch Werke fürs Theater (darunter sämtliche Dramen von Anton Tschechow[19] und Daniil Charms[20]), die seitdem regelmäßig auf deutschsprachigen Bühnen gespielt werden, so in der Regie von Hansgünther Heyme, Jan Bosse, Sebastian Hartmann, Andreas Kriegenburg, Alvis Hermanis, Thomas Schulte-Michels, Amélie Niermeyer und vielen anderen. Neben bekannten Dramen, wie dem Revisor von Nikolai Gogol, finden sich in seinen Übertragungen auch seltene, teils obskure Dramen, wie Das Schiff der Gottesmutter (1923) von Anna Radlowa, Phokiphon (1924) von Sergej Neldichen oder Die Menschenfeindin (1848) von Jewdokija Rostoptschina. Dank seiner Beschäftigung mit der Vortragskunst, leben Nitzbergs Dramenübersetzungen von einer gewissen sprachlichen Plastizität und setzen verstärkt auf Klang, Rhythmus und Gestik.[21]

2010 übersiedelte Nitzberg mit seiner Familie nach Wien, wo er seitdem als freier Schriftsteller, Übersetzer, Publizist, Librettist und Rezitator lebt. In Wien beteiligt er sich an der Konzeption der Reihe Stunde der literarischen Erleuchtung[22] im Literarischen Quartier Alte Schmiede und tritt regelmäßig mit Lesungen und Rezitationsabenden in Erscheinung.

Seit 2010 ist Nitzberg Herausgeber und Co-Übersetzer der deutschen Daniil-Charms-Edition im Galiani-Verlag Berlin. In seinen Nachworten und öffentlichen Auftritten nimmt er Charms vor politischer Instrumentalisierung wie auch vor museal akademischer Vereinnahmung in Schutz und setzt sich für ein tieferes Verständnis des Dichters ein: So will er in ihm keinen nihilistischen Absurdisten, vielmehr einen Mystiker und metaphysischen Sprachartisten sehen[23] (vergleichbar etwa mit Hugo Ball, der sich mit dem Korpus des christlichen Platonikers Dionysius Areopagita auseinandergesetzt hat[24]). In seinen Essays führt Nitzberg eine anhaltende Polemik mit dem Übersetzer Peter Urban, der die stark politisch motivierte Charms-Rezeption im deutschsprachigen Raum für Jahrzehnte geprägt hat (siehe Rezension: In Hose geladen. Einige Bemerkungen zu den Übersetzungen von Peter Urban, Februar/März 2007, Volltext). Eigene Charms-Rezitationen untermalt Nitzberg (wie einst der Dichter selbst) mit Zaubertricks, wobei die Magie dabei als Anrufung und Vorgeschmack des im Wort verborgenen Wunders verstanden sein will.[25]

Ab 2012 trat Nitzberg zunehmend auch als Übersetzer russischer Kunstprosa hervor, insbesondere der Werke von Michail Bulgakow, Boris Sawinkow und Fjodor Dostojewski. Spätestens mit dem Erscheinen seiner vielbeachteten Übertragungen von Bulgakows Romanen Meister und Margarita und Das hündische Herz wurde er einem breiten Lesepublikum bekannt und regte die Debatte um die Neuübersetzung von Klassikern immer wieder neu an.

In seinem Kunstverständnis beruft sich Nitzberg wiederholt auf den Akmeisten Nikolaj Gumiljow, die Philosophie der Vorsokratiker, Plato, die Neuplatoniker und die Vertreter des sogenannten Traditionalismus, wie René Guenon, Titus Burckhardt, Martin Lings und Frithjof Schon.

AuszeichnungenBearbeiten

Eigene WerkeBearbeiten

  • Getrocknete Ohren. Gedichte. 1996.
  • Im Anfang war mein Wort. Neue Gedichte. 1998.
  • “Na also!” sprach Zarathustra. 2000.
  • Lyrik Baukasten. Wie man ein Gedicht macht. 2006.
  • Farbenklavier. Gedichte. 2012.

Übersetzungen (Auswahl)Bearbeiten

BeiträgeBearbeiten

SonstigesBearbeiten

WeblinksBearbeiten

  Commons: Alexander Nitzberg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Biographische Angaben zur Emigration nach Deutschland (in: Report Ausgabe 1/2009, S. 47). (PDF) The Arts and Civil Society Program of Erste Group, abgerufen am 30. Juni 2014.
  2. Biographische Angaben der Internetpräsenz A. Nitzberg. Nitzberg.de, abgerufen am 18. September 2010.
  3. Internetauftritt der in USA lebenden Schwester. Julianitsberg.org, abgerufen am 18. September 2010.
  4. Ausstellung Xenia Nitzberg. Vernissage. In: Perinetkeller – IODE. 27. Juli 2017 (perinetkeller.at [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  5. Peter Sendtko. In: grupello.de. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  6. Rezension: Belletristik: Irrfahrt durch Sankt Peterswürg. In: FAZ.NET. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  7. Odeon Theater: Gespräch mit Jewgenij Rejn. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  8. Alexander Nitzberg | Werden Gedichte wie Häuser gebaut? | poetenladen. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  9. Tobias Eilers: Robert Gernhardt: Theorie und Lyrik. Erfolgreiche komische Literatur in ihrem gesellschaftlichen und medialen Kontext. Waxmann Verlag, 2011, ISBN 978-3-8309-7556-4 (google.at [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  10. Alexander Nitzberg, Thomas Kling: Dampfbetriebene Liebesanstalt: Gedichte des russischen Futurismus. 1999 (ugent.be [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  11. Willicher Kunstverein, Wolfgang Reinke. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  12. edition schwarzes Quadrat. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  13. Landeshauptstadt Düsseldorf: Francisco Tanzer – Landeshauptstadt Düsseldorf. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  14. Them. Proseminar: B1-4-3 Praxis des literarischen Schreibens. Heinrich Heine Universität Düsseldorf, abgerufen am 29. Juli 2018.
  15. Alexander Nitzberg: Dichtung für alle: Mnemosyne und Mnemotechnik. Eine Wiener Poetik: Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik. Haymon Verlag, 2013, ISBN 978-3-7099-7688-3 (google.at [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  16. Ich bin zu alt. In: Philipp Bobrowski. 26. Mai 2009 (wordpress.com [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  17. Lehrende und MitarbeiterInnen. In: dieangewandte.at. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  18. Alexander Nitzberg: Dichtung für alle: Mnemosyne und Mnemotechnik. Eine Wiener Poetik: Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik. Haymon Verlag, 2013, ISBN 978-3-7099-7688-3 (google.at [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  19. Übersetzer A-Z – Drei Masken Verlag. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  20. rowohlt-Theaterverlag :: Charms, Daniil. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  21. News - Drei Masken Verlag. Abgerufen am 29. Juli 2018.
  22. Alexander Nitzberg: Dichtung für alle: Mnemosyne und Mnemotechnik. Eine Wiener Poetik: Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik. Haymon Verlag, 2013, ISBN 978-3-7099-7688-3 (google.at [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  23. Von Sinn und Unsinn des Absurden. In: Fabrikzeitung. 5. März 2015 (fabrikzeitung.ch [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  24. Lutz Herrschaft: Der Mönch mit dem Karnevalsrevolver. In: Der Tagesspiegel Online. 20. Februar 2011, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 29. Juli 2018]).
  25. Vortragskunst: Einige Worte zur Poetik von Daniil Charms. 3. Dezember 2010, abgerufen am 29. Juli 2018.
  26. Alexander Nitzberg in: Kulturamt Landeshauptstadt Düsseldorf
  27. Literaturpreis: Read Russia würdigt deutsche Übersetzung