Abū Yazīd Machlad ibn Kaidād

Aufstandsführer der Charidschiten in Ifriqiya
(Weitergeleitet von Abu Yazid)

Abū Yazīd Machlad ibn Kaidād (arabisch أبو يزيد مخلد بن كيداد, DMG Abū Yazīd Maḫlad b. Kaidād, * 873; † 19. August 947) war der Führer der letzten großen Revolte der Ibaditen in Ifrīqiya (943–947) gegen die Fatimiden.

Frühes LebenBearbeiten

Abū Yazīd wurde in Gao am Niger als Sohn eines Händlers und einer Konkubine namens Sabīka aus dem Stamm der Hawwāra, geboren. Er war ein Berber vom Stamm der Ifran aus der Zanāta-Konföderation und wuchs in der Oasenregion des Chott el Djerid, die damals noch den antiken Namen Qastiliya trug,[1] in der Nähe von Tozeur auf. Sein Vater Kaidād starb, nachdem er mit seinem Sohn von einer Handelsreise nach Qīṭūn bei Tozeur zurückgekehrt war. Abū Yazīd lebte daraufhin als Waisenkind von den Almosen der Bevölkerung. Später arbeitete er als Lehrer in den Städten Tozeur, Qīṭūn und Taqyūs. Danach ging er in die Hauptstadt der ibdaditischen Rustamiden nach Tāhert, wo er sich in der ibaditischen Rechtslehre ausbilden ließ. 909 kehrte er nach Tozeur zurück. Im selben Jahr zerstörte der fatimidische Propagandist Abū ʿAbdallāh aš-Šīʿī die rustamidische Hauptstadt Tāhert, als er auf dem Weg nach Siǧilmāsa war, um al-Mahdī bi-llah (den ersten fatimidischen Imam Nordafrikas) zu befreien. Abū Yazīd war damals in Tāhert und erlebte die Hinrichtung des rustamidischen Imams, bevor er nach Tagyūs zurückkehrte, wo er wieder als Lehrer arbeitete.[2] In der Zeit von al-Mahdī bi-llah, genauer gesagt ab 928 betätigte er sich als Prediger gegen die Fatimiden. Er reiste von Dorf zu Dorf und predigte zu den Berbern, unter denen die ibaditische Rechtsschule weit verbreitet war. Wahrscheinlich schloss er sich auch in dieser Zeit, unter dem Einfluss seines Lehrers Abū ʿAmmār al-Aʿmā („der Blinde“), der ibaditischen Strömung der Nukkār an.

PersönlichkeitBearbeiten

Abū Yazīd pflegte auf einem Esel zu reiten, der ihm in Marmaǧanna geschenkt worden war. Daher war er auch als „der Mann auf dem Esel“ (Ṣāḥib al-Ḥimār) bekannt. Für gewöhnlich trug er einen ärmellosen Umhang aus Wolle und eine weiße Mütze. Dieses asketische Auftreten erzeugte das Bild eines strengen, bescheidenen und frommen Anführers. Durch seine Entschlossenheit gelang es Abū Yazīd in nur 6 Monaten militärische Erfolge zu erzielen, für die der Daʿī Abū ʿAbdallāh aš-Šīʿī sieben Jahre gebraucht hatte.[3] Später tauschte er seine einfache Kleidung gegen Seide ein und ritt auf Pferden anstatt seines Esels.[4]

Abū Yazīd's Verhältnis zu den ArabernBearbeiten

Der fatimidische Geschichtsschreiber Idris Imad al-Din weist in seinem Buch ʿUyūn al-Aḫbār darauf hin, dass Abū Yazīd hauptsächlich den 'Orientalen' (al-Mašāriqa) gegenüber feindselig eingestellt war. 'Orientalen' bezieht sich in diesem Zusammenhang vermutlich auf die Araber, was der Kommentator des Werkes, Muḥammad al-Yaʿalāwī, daraus schlussfolgerte, dass Abū Yazīd Ibrahīm ibn Abī Slās von der Führung seines Heeres ausschloss, weil letzterer Araber war.[5] Der Orientalist Werner Schwartz widersprach dieser Ansicht, indem er betonte, dass es seit der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts unter den führenden Ibaditen Nordafrikas auch Araber gab, die den Berbern durchaus gleichgestellt waren. Die Auseinandersetzung war also weniger eine zwischen Ibaditen/Berbern und Arabern, als zwischen Verbündeten und Gegnern der als unterdrückerisch wahrgenommenen Herrschaft erst der Abbasiden und später der Fatimiden.[6] Heinz Halm weist in diesem Zusammenhang auf das politische Moment der ibaditischen Normenlehre hin, die den unbedingten und bewaffneten Kampf gegen eine tyrannische Regierung zur religiösen Pflicht und zur Legitimationsgrundlage des wahren Imam machte. In den Augen der nordafrikanischen Ibaditen waren sowohl die Abbasiden (die ihre Herkunft auf die Haschimiten und damit auf die Familie des Propheten zurückführten) als auch die Fatimiden (die dies auch taten, vgl. Fāṭima) Tyrannen, gegen die der religiös begründete Kampf notwendig war. Hinzu kam ein egalitäres Moment, insofern als nur der beste und frömmste unter den Muslimen von den Ibaditen als Imam der Umma anerkannt wurde, unabhängig davon ob dieser nun Berber, Araber oder „ein schwarzer Sklave“ sei.[7]

Der Aufstand gegen die FatimidenBearbeiten

Die AnfängeBearbeiten

Nachdem er die Pilgerreise nach Mekka unternommen hatte, kam Abū Yazīd 937 zurück nach Tozeur. Dort begann er unter den Berbern zu predigen und rief sie zum Aufstand gegen die Fatimiden auf. Als dies dem fatimidischen Kalifen al-Qāʾim bi-llah zu Ohren kam, ließ er ihn inhaftieren.[8] Daraufhin nahm Abū Yazīd ab 945 den offenen Kampf gegen die Fatimiden auf. Nachdem er von 40 Ibaditen unter der Führung von Abū ʿAmmār befreit worden war, zogen sie sich in das Aurasgebirge (heutiges Ost-Algerien) zurück.[9] Vor allem unter den Stämmen der Zanata, wie den Banu Ifran und den Hawwara, gewann Abū Yazīd in der Folge eine große Anhängerschaft. Er nannte sich fortan „Scheich der Muslime/Gläubigen“.[10] 944 scheiterte Abū Yazid bei dem Versuch Baġāya einzunehmen, obwohl er die Stadt mehrfach belagerte und einige fatimidische Befehlshaber, wie zum Beispiel Saʿīd ibn Ḫalaf al-Hawwārī sich ihm anschlossen.[11] Daraufhin begann er andere wichtige Städte einzunehmen. So eroberte er Tabissa nachdem die Bevölkerung verraten wurde und beging dort ein großes Massaker. Danach wandte er sich gegen Marmāǧinna und nahm auch diesen Ort ein.[12] Am 8. August 944 eroberte Abū Yazīd al-Urbus. Seine berberischen Soldaten hatten die Stadt zunächst nicht angreifen wollen, weil sie Angst vor dem Heer der Fatimiden hatten. Dann allerdings lief einer der fatimidischen Befehlshaber namens Ibrahīm ibn Abī Slās zu Abū Yazīd über. Daraufhin eroberten Abū Yazīd und die Berber die Stadt und richteten unter ihren Bewohnern ein Blutbad an, obwohl Abū Yazīd Ibrahim ibn Abī Slās versprochen hatte, die Bevölkerung zu schonen.[13]

Erste Reaktionen der FatimidenBearbeiten

Der Verlust von al-Urbus versetzte den fatimidischen Hof in al-Mahdiya in Alarmbereitschaft. Die Berater des Kalifen al-Qāʾim bi-llah forderten diesen zur militärischen Reaktion gegen Abū Yazīd auf. Dies taten sie u. a. mit Verweis auf die strategische Bedeutung von al-Urbus und das Schicksal der Aġlabiden, deren Dynastie nach dem Verlust von al-Urbus rasch untergegangen war. Man fürchtete daher den Fatimiden könnte ein ähnliches Schicksal bevorstehen. Daraufhin sandete al-Qāʾim bi-llah seine Befehlshaber Muḥammad bin ʿAli bin Sulaiman und Tamīm al-Wasfānī nach Ruqāda, um die Stadt vor Angriffen Abū Yazīds zu schützen. Außerdem wurde Ḫalīl ibn Isḥāq mit einem Heer von 1000 Reitern, das aus Soldaten des Ǧund und aus Sklaven bestand, nach Qairawān geschickt. Bušrā al-Ḫādim wurde im Auftrag von al-Qāʾim bi-llah nach Bāǧa geschickt, um sich dort gegen die Berber zu behaupten.[14] Als Abū Yazīd, der sich noch in al-Urbus befand, davon erfuhr, zog er mit seiner Armee Richtung Bāǧa, wobei er seine Familie in al-Urbus zurückließ und Ibrahīm bin Abū Slās als Befehlshaber seiner Truppen einsetzte.[15] Anfänglich wurden Abū Yazid und die Berber von Būšrā al-Ḫādim zurückgedrängt, konnten aber letztendlich den Kampf gewinnen und Bāǧa einnehmen. Abū Yazīd ließ die Stadt in Brand setzen und ließ die Bevölkerung drei Tage und Nächte lang massakrieren. Bušrā al-Ḫādim floh nach Tunis, das von Ḥasan bin ʿAlī regiert wurde, wobei er von den Berbern verfolgt wurde. ʿAmmār, Ḥasans Bruder, stellte sich seinen Verfolgern mit 300 Reitern entgegen und siegte. Bušrā al-Ḫādim und Ḥasan bin ʿAlī wurden allerdings trotzdem zur Flucht nach Susa gezwungen, als es in Tunis zu Unruhen kam.[16]

Die Belagerung von QairawānBearbeiten

Zur selben Zeit befand sich Abū Yazīd auf dem Weg nach Qairawān, um die Stadt anzugreifen. Ḫalīl ibn Isḥāq, der Kommandant der Stadt, nahm die Bedrohung jedoch nicht ernst und hielt seine Soldaten in der Stadt. Er verließ sich auf eine Gruppe Berber vom Stamm der Zuwaila, die ihm versprochen hatten, Abū Yazīd zu töten. Auch als Abū Yazīd's Truppen kurz vor Qairawān standen, nahm Ḫalīl ibn Isḥāq die Gefahr, die von ihnen ausging, nicht ernst. Einige von Ḫalīl's Soldaten waren unzufrieden, weil sie keine Bezahlung erhalten hatten und nahmen Kontakt mit Abū Yazīd auf.[17] Daraufhin eroberten sie gemeinsam die Stadt. Ḫalīl ibn Isḥāq verschanzte sich zunächst in der Zitadelle, ergab sich aber schließlich mit seinen Anhängern, nachdem man ihm versprochen hatte sein Leben zu schonen. Letztendlich jedoch ließ Abū Yazīd Ḫalīl ibn Isḥāq und den ismailitischen Qādī der Stadt Ahmad ibn Bahr auf Druck seiner Berater hinrichten.[18][19] Qairawān wurde für zwei Jahre die Residenz von Abu Yazīd. Unter anderem erfolgte die Aufnahme von Kontakten zu den Umayyaden von Córdoba.

Weiterer VerlaufBearbeiten

Ḥasan ibn ʿAlī und Bušrā al-Ḫādim bekämpften unterdessen einen von Abū Yazīds Befehlshabern, Ayyūb ibn Ḫaizarān az-Zuwailī und besiegten ihn schließlich. Dabei wurden 4000 Berber getötet und 500 als Gefangene nach al-Mahdiya geschickt, wo sie von der Stadtbevölkerung ermordet wurden.[20] Im Oktober 944 marschierte Abū Yazīd mit seiner Armee nach Ruqāda und besiegte dort den Berberstamm der Kutāma, die Verbündete der Fatimiden waren. Die verbliebenen Kutāma flohen daraufhin nach al-Mahdiya.[21] Nach dem Sieg über den fatimidischen Befehlshaber Maisūr stand Abū Yazīd der Weg nach al-Mahdiya offen. Viele Bewohner des Umlandes der fatimidischen Hauptstadt versuchten deswegen dorthin zu fliehen. Al-Qāʾim befahl ihnen allerdings in ihre Städte zurückzukehren. Von seinem Lager vor den Toren von al-Mahdiya aus eroberte Abū Yazīd weitere Städte in Ifriqiya, u. a. Susa.[22]

Belagerung von al-MahdiyaBearbeiten

Zur Verteidigung der Hauptstadt ließ der Kalif al-Qāʾim um al-Mahdiya einen Graben ausheben und schickte Boten zu den Kutāma, die sie zum Ǧihād gegen Abū Yazīd aufforderten. Einer dieser Boten wurde von Abū Yazīd gefangen genommen, woraufhin er augenblicklich den Angriff auf die Stadt befahl.[23] Bei seinem ersten Angriff rückte Abū Yazīd mit seinen Truppen bis zu einem symbolisch bedeutsamen Ort, der Moschee Muṣallā al-ʿId vor. Laut einer Legende hatte al-Qāʾim's Vater, der fatimidische Kalif al-Mahdī, an diesen Ort einen Pfeil geschossen und verkündet, dass kein Eroberer weiter als bis zu diesem Punkt vordringen werde. Dann jedoch zwang der Verlauf der Kämpfe Abū Yazīd zum Rückzug, um seine, auf der anderen Seite der Stadt in Bedrängnis geratenen, Soldaten zu entsetzen. Seine Ankunft dort sorgte für Verwirrung, weil die fatimidischen Soldaten zunächst dachten, es handele sich bei ihm um al-Qāʾim. Dieser allerdings weigerte sich, Abū Yazīd in der Schlacht gegenüber zu treten.[24] Nachdem al-Qāʾim bi-llah die Bevölkerung in einer Predigt zum Widerstand gegen Abū Yazīd aufgefordert hatte, kam es bei der Ortschaft Dār Quwām zu einer weiteren Auseinandersetzung, in der die Berber besiegt und einige wichtige Kommandeure von Abū Yazīd getötet wurden.[25] Nach einer weiteren heftigen Schlacht im Wādī al-Māliḥ konnten die Fatimiden Abū Yazīd auch dort besiegen. Im Laufe der Belagerung verschlechterte sich die Situation der Verteidiger in al-Mahdiya allerdings stark, u. a. weil Schiffe aus Tripoli und Sizilien, die die Stadt mit Lebensmitteln versorgen sollten, durch Stürme an Land getrieben und dort von Abū Yazīd’s Truppen geplündert wurden. Obwohl al-Qāʾim die öffentlichen Getreidereserven zur Verfügung stellen ließ, kam es zu einer Hungersnot. Viele Bewohner verließen daraufhin aus Verzweiflung die Stadt, was häufig entweder ihren Tod oder ihre Versklavung zur Folge hatte.[26] Auf die Eingabe eines Mannes, der sich über die Gräueltaten der Armee bei Abū Yazīd beschwerte, soll dieser geantwortet haben, das Verhalten seiner Soldaten sei gerechtfertigt, weil die Bewohner der Stadt ohnehin Ketzer (mušrikūn) seien.[27]

Wendepunkt und erneute KonsolidierungBearbeiten

Nach einigen weiteren Gefechten mit wechselvollem Ausgang im Laufe des Jahres 945.[28] kam es zu ersten Auflösungserscheinungen in Abū Yazīd’s Armee. Einige Berber aus dem Stamm der Wašīr wechselten in das Lager der Fatimiden über und auch Abū Yazīd’s Vertrauter Ibrahīm ibn Abī Slās nahm wieder Kontakt zu al-Qāʾim auf. Dieser versicherte ihm wohl seine Begnadigung, weswegen Ibrahīm schlussendlich erneut die Seiten wechselte und zu den Fatimiden überlief.[29] Diese Ereignisse und die unsichere militärische Situation demoralisierten Abū Yazīd’s berberische Truppen. Nur die Banū Kamlan und die Hawwāra blieben Abū Yazīd treu, allerdings zogen sich auch diese schließlich ohne sein Wissen nach Qairawān zurück, um dort ihre Kräfte zu sammeln. Daraufhin verblieb auch Abū Yazīd kein anderer Ausweg, weswegen er die Belagerung al-Mahdiyas abbrach und ebenfalls nach Qairawān ging.[30] Dort kam es zu weiteren internen Auseinandersetzungen, wobei einige von Abū Yazīd’s engsten Gefolgsleuten ihm mangelnden militärischen und religiösen Eifer vorwarfen, was sie u. a. an seinem geänderten Lebensstil (vgl. Persönlichkeit) festmachten. Abū Yazīd konnte diese Konflikte durch eine Rückkehr zu seinem ursprünglichen asketischen Auftreten noch einmal eindämmen, allerdings hatte die Bevölkerung von Qairawān mittlerweile ihrerseits Kontakt zu al-Qāʾim aufgenommen und die Berber drohten die Kontrolle über Ifriqiya zu verlieren.[31] In der Folge versuchte Abū Yazīd die Kontrolle über die vormals eroberten und wieder abtrünnig gewordenen Gebiete wiederherzustellen, wobei es u. a. zu einem brutalen Massaker an der Stadtbevölkerung von Tunis kam.[32] Als ein Mordkomplott einiger Berber vom Stamm der Bayāda gegen Abū Yazīd aufgedeckt wurde, ließ dieser den kompletten Stamm massakrieren.[33] Die Rückeroberung der verlorenen Gebiete gestaltete sich insgesamt erfolgreich, sodass im Laufe des Jahres 946 fast alle Städte Ifriqiyas wieder unter die Herrschaft Abū Yazīd’s gerieten.[34]

Das Ende des AufstandesBearbeiten

Im selben Jahr starb der fatimidische Kalif al-Qāʾim bi-llah, woraufhin ihm sein Sohn al-Manṣūr bi-llah nachfolgte. Dieser ließ den Tod seines Vaters allerdings zunächst geheim halten, um seine Truppen nicht zu verunsichern.[35] Anders als al-Qāʾim nahm al-Manṣūr sehr bald eine aktive Rolle im Kampf gegen Abū Yazīd ein und führte einen offensiven Feldzug gegen den berberischen Aufstand.[36] Nach einigen Monaten kam es schließlich in der Nähe von Qairawān zu einer entscheidenden Schlacht, bei der die Berber besiegt und anschließend von den Fatimiden niedergemetzelt wurden.[37] Abū Yazīd konnte allerdings entkommen und zog sich in die Festung Kayāna zurück, wo er von al-Manṣūr’s Truppen eingeschlossen und belagert wurde.[38] Nachdem im Laufe der Kämpfe fast die gesamte Führungselite der Ibaditen gefallen war, entkam Abū Yazīd ein letztes Mal, bevor er endgültig schwer verletzt von den fatimidischen Truppen gefangen genommen wurde.[39] Wenige Tage später verstarb er unter Hausarrest. Auf Anordnung al-Manṣūr’s wurde seine Leiche mumifiziert und in allen Städten Ifriqiyas zur Abschreckung zukünftiger Aufstände öffentlich zur Schau gestellt.[40]

Einordnung der Ereignisse in der GeschichtsschreibungBearbeiten

Über den Beginn des Aufstand finden sich widersprüchliche Angaben. Bei Ibn al-Athīr heißt es, dass Abū Yazīd den Aufstand bereits im Jahr 296 nach der Hijra (909 n. Chr.) begann, als Abū ʿAbdallāh aš-Šīʿī nach Siǧilmāsa ging, um al-Mahdi zu befreien. Al-Maqrīzī datiert den Beginn der Revolte auf das Jahr 303 nach der Hijra (916 n. Chr.), Ibn Ḫaldūn hingegen auf 316 nach der Hijra (929 n. Chr.).[41] Aus dem Werk ʿUyūn al-Aḫbār des fatimidischen Autors Idrīs ʿImād ad-Dīn lässt sich entnehmen, dass Abū Yazīd den Nukkār angehörte, einer besonders militanten Strömung innerhalb der Ibaditen. Die Nukkār waren dafür bekannt, alle anderen Muslime zu Ungläubigen zu erklären (Istiʿrāḍ), womit sie deren Ermordung und sogar Vergewaltigung rechtfertigten. ʿImād ad-Dīn bezeichnete die Ibaditen daher seinerseits als māriqīn, eine Bezeichnung, die sich ursprünglich auf Personen bezog, die ein nur oberflächliches Verständnis vom Islam hatten. Aber auch die Beziehungen zwischen den Fatimiden und den Sunniten Nordafrikas, die größtenteils der malikitischen Rechtsschule angehörten waren angespannt. So wird in dem Werk Riyāḍ an-Nufūs des Geschichtsschreibers Abū Bakr al-Mālikī erwähnt, dass sich eine Gruppe von 85 malikitischen Gelehrten, unter ihnen ein gewisser Abū al-Faḍl ʿAbbās bin ʿIsa bin al-ʿAbbās al-Mumsī, der Rebellion Abū Yazīd's angeschlossen hatte. Bevor der oben genannte Ibrahīm ibn Abī Slās das Lager der Fatimiden verließ, hatte sich seine Familie bei Abū al-Faḍl al-Mumsī erkundigt, ob sie für oder gegen die Fatimiden kämpfen sollten, wobei dieser geantwortet haben soll, dass gegen die Banū ʿUbayd (= Fatimiden) zu kämpfen sogar eine religiöse Pflicht sei, weil die Ibaditen Muslime seien und die Fatimiden Häretiker (maǧūs).[42] Bei Idrīs ʿImād ad-Dīn hingegen wird diese Begebenheit nicht erwähnt. Trotz der Unterstützung vonseiten der Sunniten befahl bzw. duldete Abū Yazīd später zahlreiche grausame Massaker an der überwiegend sunnitischen Bevölkerung Nordafrikas. Dabei soll es auch zu massenhaften Vergewaltigungen gekommen sein, angeblich sogar innerhalb Moscheen.[43]

Idrīs ʿImād ad-Dīn behauptete, dass die Sunniten den Aufstand nur unterstützt hätten, weil sie von Abū Yazīd dazu gezwungen worden wären. Dieser habe ihnen in Aussicht gestellt, die Gewalt seiner Soldaten gegen sie zu unterbinden und wiederum ihre Gemeinschaft zu schützen, wenn sie sich ihm anschlössen.[44] Der Sunnite Abī Bakr al-Mālikī hingegen betont, dass die Motivation der Sunniten durch die Fatwa von Abū al-Faḍl al-Mumsī, die zum Kampf gegen die Fatimiden aufrief, begründet gewesen sei.[45]

LiteraturBearbeiten

  • Abī Bakr ʿAbdallah bin Muḥammad al-Mālikī: Riyāḍ an-Nufūs fī Ṭabaqāt ʿUlamāʾ Qayrawān wa-Ifriqiya wa-Zuhādihim wa-Nusākihim wa-Sīyar min Aḫbārihim wa-Faḍāʾilihim wa-Awṣāfihim. 2. Auflage, kommentiert von Bašīr al-Bakūš. Dār al-Ġarb al-Islāmī, Beirut 1994.
  • Ulrich Haarmann: Geschichte der arabischen Welt. C. H. Beck, München 2001.
  • Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. Der Aufstieg der Fatimiden. C. H. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35497-1.
  • Heinz Halm: Der Mann auf dem Esel. Der Aufstand des Abū Yazīd gegen die Fatimiden nach einem Augenzeugenbericht. In: Die Welt des Orients. Band 15, 1984, S. 144–204.
  • Idrīs ʿImād ad-Dīn al-Quraišī (gest. 1488): ʿUyūn al-Aḫbār wa-funūn al-Aṯār: Tarīḫ al-Ḫulafāʾ al-Fāṭimiyīn fī-l-maġrib. 5. Band. Kommentiert von Muḥammad al-Yaʿalāwī. Dār al-Ġarb al-Islāmī, Beirut 1985.
  • S. M. Stern: Abū Yazīd al-Nukkārī. In: The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band I, S. 163a–164a.
  • Werner Schwartz: Die Anfänge der Ibaditen in Nordafrika Der Beitrag einer islamischen Minderheit zur Ausbreitung des Islam. Harassowitz, Wiesbaden 1983.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Band 4, S. 739.
  2. Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. Der Aufstieg der Fatimiden. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35497-1, S. 265–267.
  3. Halm: Das Reich des Mahdi. S. 268.
  4. Idrīs: ʿImād ad-Dīn al-Quraišī (gestorben 1488): ʿUyūn al-Aḫbār wa-funūn al-Aṯār: Tarīḫ al-Ḫulafāʾ al-Fāṭimiyīn fī-l-maġrib. Band 5. Kommentiert von Muḥammad al-Yaʿalāwī. Dār al-Ġarb al-Islāmī, Beirut 1985, S. 301.
  5. Idrīs ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār S. 277.
  6. Werner Schwartz: Die Anfänge der Ibaditen in Nordafrika Der Beitrag einer islamischen Minderheit zur Ausbreitung des Islam. Wiesbaden: Otto Harassowitz, 1983. S. 274–275.
  7. Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. S. 266.
  8. Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. S. 267
  9. Heinz Halm: Das Reich des Mahdi. S. 266.
  10. The Encyclopaedia of Islam. New Edition, Band 3. S. 295.
  11. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī, ʿUyūn al-Aḫbār. S. 269.
  12. Idrīs: ʿImād ad-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 272.
  13. Idrīs: ʿImād ad-Dīn al-Quraišī, ʿUyūn al-Aḫbār. S. 273 f.
  14. Idrīs: ʿImād ad-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 275f
  15. Idrīs: ʿImād ad-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 277.
  16. Idrīs: ʿImād ad-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 278.
  17. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī :ʿUyūn al-Aḫbār. S. 279.
  18. Vgl. Stern: Art. Abū Yazīd al-Nukkārī In: EI² Band I, S. 163 und Halm: Das Reich des Mahdi. S. 280.
  19. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 288.
  20. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 280–281.
  21. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 283.
  22. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 298–299.
  23. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī :ʿUyūn al-Aḫbār. S. 302–304.
  24. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī :ʿUyūn al-Aḫbār. S. 307–309.
  25. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 312 f.
  26. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī :ʿUyūn al-Aḫbār. S. 316.
  27. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 317.
  28. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 318–319
  29. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḥbār. S. 320 f.
  30. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 322.
  31. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 324.
  32. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 325–327.
  33. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 328.
  34. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 337.
  35. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 349 f.
  36. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 350–375.
  37. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 376 f.
  38. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 415
  39. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 436 f.
  40. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 452.
  41. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-QuraišīʿUyūn al-Aḫbār. S. 264
  42. Abī Bakr ʿAbdallah bin Muḥammad al-Mālikī (gestorben 1046 ): Riyāḍ an-Nufūs fī Ṭabaqāt ʿUlamāʾ Qayrawān wa-Ifriqiya wa-Zuhādihim wa-Nusākihim wa-Sīyar min Aḫbārihim wa-Faḍāʾilihim wa-Awṣāfihim. Kommentiert von Bašīr al-Bakūš. 2. Auflage. Dār al-Ġarb al-Islāmī, Beirut 1994, S. 297–298.
  43. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 277.
  44. Idrīs: ʿImād al-Dīn al-Quraišī ʿUyūn al-Aḫbār. S. 294.
  45. Abī Bakr ʿAbdallah bin Muḥammad al-Mālikī (gest. 1046 ): Riyāḍ an-Nufūs. S. 297.