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Übelkeit

Befindlichkeitsstörung mit Brechreiz
Klassifikation nach ICD-10
R11 Übelkeit und Erbrechen
ICD-10 online (WHO-Version 2019)
Abb. Weibliche Pflegepersonen sind um die Wiederherstellung des diatrophischen Gleichgewichts bemüht.

Übelkeit oder Nausea (lat. nausea, spätgriechisch ἡ ναῦτία nautía „Seekrankheit“, zu altgriechisch ἡ ναῦς naus „Schiff“) ist eine Befindlichkeitsstörung, die auch als „flaues“ Gefühl in der Magengegend und Brechreiz bezeichnet wird. Sie kann aber auch als nicht lokalisierbares Gemeingefühl (Zönästhesie) auftreten oder als Kombination von beidem, d. h. als Gefühl in der Magengegend und als Gemeingefühl (allgemeine Übelkeit).[1][2][3] Sie kann physiologisch als Schutzfunktion nach Aufnahme von Schadstoffen oder als Symptom einer Krankheit vorkommen. Manchmal verschwindet die Übelkeit nach Erbrechen.

Inhaltsverzeichnis

UrsachenBearbeiten

Als Ursache der Übelkeit kommen neben Vergiftungen und Aufnahme verdorbener Nahrungsmittel eine Vielzahl psychischer Störungen, Krankheiten, u. a. des Magen-Darm-Traktes, des Gehirns, des Herzens, der Nieren, der Leber und der Bauchspeicheldrüse, sowie Schädel-Hirn-Verletzungen in Frage. Auch starke Schmerzen, eine Schwangerschaft, ungewohnte Reize des Gleichgewichtsorgans – z. B. während einer Seereise – sowie psychische Einflüsse wie Angst, Ekel oder Erregung können Übelkeit auslösen. Ebenso können narkose- oder operationsbedingt Übelkeit und Erbrechen auftreten (postoperative Übelkeit und Erbrechen). Sie ist zudem eine häufige Nebenwirkung verschiedener Medikamente, insbesondere von Zytostatika zur Behandlung von Tumorerkrankungen (Chemotherapy-induced nausea and vomiting; CINV)[4] und zu Beginn einer Opioid-Therapie,[5] aber auch nach Strahlentherapie (Radiotherapy-induced nausea and vomiting; RINV).[6] Außerdem kann abruptes Absetzen diverser Medikamente (z. B. Antidepressiva wie z. B. Citalopram) Nausea als eines der vorübergehenden Entzugssymptome hervorrufen.

PathophysiologieBearbeiten

An der Entstehung von Übelkeit können sowohl das zentrale als auch das vegetative Nervensystem beteiligt sein. Das Brechzentrum liegt in der Formatio reticularis im verlängerten Mark (Medulla oblongata).

KinetosenBearbeiten

Übelkeit und Erbrechen können im Rahmen von Kinetosen auftreten. Das sind Bewegungskrankheiten wie Seekrankheit, Unwohlsein bei Autofahrten, Fahrstuhlfahrten oder Flugreisen. Dabei sind Mitreisende mehr betroffen als der Fahrer. Wirksamste Auslöser sind rhythmische Bewegungen ohne Horizontsicht 12 – 24 Mal pro Minute. Kinetosen beginnen häufig mit Müdigkeit, Gähnen und Unkonzentriertheit. Dann treten neben Übelkeit auch Kaltschweißigkeit, Blässe und Speichelfluss auf.[7] Wirksame Medikamente sind Scopolamin oder H1-Antihistaminika (Diphenhydramin oder Cinnarizin).[8]

PsychogeneseBearbeiten

Als nicht lokalisierbare Befindlichkeitsstörung stellt Nausea oft eine vegetative Erschöpfungsreaktion dar, die als Scheitern der Aktivitätsstadien (Alarmreaktion und Widerstandstadium) innerhalb des allgemeinen Anpassungssyndroms aufgefasst werden kann. Nausea als Abweisung von Hungergefühlen kann als Stimmung angesehen werden, in der einem der Appetit vergeht. Umgangssprachlich wird diese Stimmung als „zum Kotzen“ beschrieben.[1][2][9][10] Das konkrete Erbrechen stellt oft eine regressive Zuflucht dar. Es stellt eine Exkorpration als unreife Stufe der Identifikation in der oralen Phase bzw. in einer symbiotischen Beziehung dar. Auf der kommunikativen Ebene der anaklitisch-diatrophischen Gleichung stellt das „Sich-Auskotzen“ im Sinne der Selbstreinigung oft eine Korrektur früherer Fehlhaltungen dar. Dabei handelt es sich oft um eine Ich-Reinigung (Katharsis) und ein Sich-Entledigen von falschen zwischenmenschlichen Arrangements, die früher einmal „geschluckt“ wurden, vgl. auch die obenstehende Abb. In der Pädiatrie stellt Nausea häufig eine Störung der Internalisierung im Verhältnis zur Mutter bzw. zur Pflegeperson dar. Identifikation geht sowohl mit Internalisierungen als auch mit Externalisierungen einher. Nausea ist eher als Externalisierungsvorgang zu verstehen.[11][12][13][14][15]

TherapieBearbeiten

Eine Behandlung der Grunderkrankung sowie das Unterlassen oder Entfernen des Übelkeitsreizes sind sinnvoll. Medikamente, bei denen Übelkeit als unerwünschte Wirkung eintritt, sollten auf ihre Notwendigkeit hin überprüft werden.[16] Bei manchen Ursachen, wie zum Beispiel Tumoren, Infektionen, Entzündungen, sind gegebenenfalls pharmakologische oder operative Eingriffe notwendig. Eine symptomatische Therapie ist in vielen Fällen ausreichend, z. B. durch Einnahme von Antiemetika und Antihistaminika oder pflanzliche Mittel (Ingwer, Fenchel, aber auch Cannabis). Letzteres wird beispielsweise in der Palliativmedizin angewendet, wie auch – in geringer Dosierung im Off-Label-Use – bestimmte Neuroleptika wie Haloperidol. Bei Übelkeit im Zusammenhang mit Chemotherapie wird häufig der Serotonin-Hemmer Ondansetron eingesetzt.[16]

Bei psychogener Ursache kann eine Psychotherapie hilfreich sein.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Nausea, Magen und allgemeine Erschöpfung. In: Thure von Uexküll: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963, S. 195.
  2. a b Nausea als Ergebnis der fehlgeschlagenen Bereitstellung = Sonderfall einer Stimmung. In: Thure von Uexküll: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963, S. 173, 176.
  3. Gemeingefühle. In: Hermann Rein, Max Schneider: Einführung in die Physiologie des Menschen. 15. Auflage. Springer, Berlin 1964, S. 674 ff.
  4. K. Jordan, C. Sippel, H. J. Schmoll: Guidelines for antiemetic treatment of chemotherapy-induced nausea and vomiting: past, present, and future recommendations. In: Oncologist. 2007 Sep;12(9), S. 1143–1150. Review. PMID 17914084
  5. Claudia Bausewein, Susanne Roller, Raymond Voltz (Hrsg.): Leitfaden Palliative Care. Palliativmedizin und Hospizbetreuung. Elsevier München, 5. Aufl. 2015, S. 109. ISBN 978-3-437-23313-5
  6. P. C. Feyer, E. Maranzano, A. Molassiotis, F. Roila, R. A. Clark-Snow, K. Jordan; MASCC/ESMO: Radiotherapy-induced nausea and vomiting (RINV): MASCC/ESMO guideline for antiemetics in radiotherapy: update 2009. In: Support Care Cancer. 2011 Mar;19 Suppl 1, S. S5–14. Epub 2010 Aug 10. PMID 20697746
  7. T Jelinek: Kursbuch Reisemedizin: Beratung, Prophylaxe, Reisen mit Erkrankungen. Georg Thieme Verlag 2012 Stuttgart, New York, ISBN 9783131508515
  8. A. Koch, I. Cascorbi, M. Westhofen, Manuel Dafotakis, S. Klapa, J.P. Kuhtz-Buschbeck: The neurophysiology and treatment of motion sickness. In: Deutsches Ärzteblatt International. Band 115, S. 687–696. DOI: 10.3238/arztebl.2018.0687
  9. Thure von Uexküll: Untersuchungen über das Phänomen der ‹Stimmungen› mit einer Analyse der Nausea nach Apomorphingaben verschiedener Größe. In: Zeitschr. klin. Med. 149, 132 (1952).
  10. Nausea. In: Thure von Uexküll u. a. (Hrsg.): Psychosomatische Medizin. 3. Auflage. Urban & Schwarzenberg, München 1986, ISBN 3-541-08843-5, S. 6, 86, 91, 536, 544, 546, 732, 774, 1298.
  11. Exkorporation. In: Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuerer Perspektiven. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 1992, ISBN 3-596-42239-6, S. 46 f.
  12. anaklitisch-diatrophische Gleichung. In: Wolfgang Loch: Zur Theorie, Technik und Therapie der Psychoanalyse. (Conditio humana). S. Fischer, 1972, ISBN 3-10-844801-3, S. 262.
  13. Internalisierung. In: Sven Olaf Hoffmann, G. Hochapfel: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. CompactLehrbuch. 6. Auflage. Schattauer, Stuttgart 2003, ISBN 3-7945-1960-4, S. 17–22, insbes. S. 20.
  14. Katharsis. In: Peter R. Hofstätter (Hrsg.): Psychologie. Das Fischer Lexikon, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt am Main 1972, ISBN 3-436-01159-2, S. 18, 273, 274, 319.
  15. Katharsis. In: Philip G. Zimbardo, Richard J. Gerrig: Psychologie. Pearson, Hallbergmoos bei München 2008, ISBN 978-3-8273-7275-8, S. 601.
  16. a b Claudia Bausewein, Susanne Roller, Raymond Voltz (Hrsg.): Leitfaden Palliative Care. Palliativmedizin und Hospizbetreuung. Elsevier München, 5. Aufl. 2015, S. 159. ISBN 978-3-437-23313-5

WeblinksBearbeiten

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