Wilhelm Tell

Nationalheld der Schweiz
Tell beim Apfelschuss, Holzschnitt des Basler Künstlers Daniel Schwegler für die Ausgabe von Etterlins Chronik von 1507.
Tellenbrunnen in Schaffhausen (Kopie des Originals von 1522)
Der Apfelschuss auf einer Ofenkachel (um 1700), Schweizerisches Landesmuseum
l'Héroïsme de Guillaume Tell, Ölgemälde von Jean-Frédéric Schall (1793)
Trikolore der Helvetischen Republik (1799), Tell und sein Sohn mit dem durchschossenen Apfel
Darstellung Tells in der Erstausgabe von Schillers Drama (1804)
Wilhelm Tell aus der Schiller-Galerie,
Stahlstich von Raab nach Pecht, um 1859
Wilhelm Tell als Eichel-Ober im doppeldeutschen Kartenspiel nach József Schneider (1864).
Tellensprung, Studie von von Ernst Stückelberg für das Fresko in der Tellskapelle (1879)
Wilhelm-Tell-Denkmal in Altdorf von 1895; auf dem Sockel das Datum des Rütlischwurs nach Tschudi, 1307
Ferdinand Hodlers Wilhelm Tell (1897)
Verhaftung Tells beim Gesslerhut, Mosaik von Hans Sandreuter (1901)
Tell mit seiner Familie, Illustration von Philip Dadd für William Tell Told Again von P. G. Wodehouse (1904)

Wilhelm Tell ist ein legendärer Schweizer Freiheitskämpfer. Seine Geschichte spielt in der heutigen Zentralschweiz und wird auf das Jahr 1307 datiert. Der Dichter Friedrich Schiller verfasste in seiner späten Schaffensphase das berühmte gleichnamige Bühnenwerk. Seit dem 15. Jahrhundert erwähnt, wurde er zu einer zentralen Identifikationsfigur verschiedener, sowohl konservativer als auch progressiver Kreise der Eidgenossenschaft. Seit Ende des 19. Jahrhunderts gilt Tell als der Nationalheld der Schweiz.

ErzählungBearbeiten

Nach der Tell-Legende im Weissen Buch von Sarnen (erstmals gedruckt bei Petermann Etterlin 1507) lässt der habsburgische Landvogt Gessler zu Altdorf (under die linden ze Ure) einen Hut (Gesslerhut) auf eine Stange stecken und befiehlt den einheimischen Untertanen, diesen jedes Mal zu grüssen, wenn sie an ihm vorübergehen. Ein «redlicher Mann» genannt Tell, der heimlich im Bund mit Stauffacher ist, verweigert den Gruss, und der Vogt befiehlt ihm am folgenden Tag, mit der Armbrust einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen: Sein Kind müsse andernfalls mit ihm sterben. Tell tut widerstrebend, wie ihm geheissen, und trifft den Apfel. Er wird gefragt, wozu er sich einen zweiten Pfeil genommen. Nachdem der Vogt ihm zusichert, er würde ihn nicht töten, antwortet er und sagt, wenn er sein Kind getroffen hätte, wäre der zweite Pfeil für den Vogt bestimmt gewesen. Daher lässt der Vogt ihn gefesselt auf seine Burg nach Küssnacht überführen, wo er lebenslang eingekerkert werden soll.

Auf dem Vierwaldstättersee aber bringt ein Sturm das Schiff in Gefahr und Tell wird seiner Fesseln entledigt, um das Boot zu lenken. Geschickt steuert er es gegen das Ufer, wo die Steilwand Axen sich erhebt, und springt dort auf eine hervorstehende Felsplatte, die bereits im Weissen Buch von Sarnen Tellsplatte (tellen blatten) heisst. Er eilt über die Berge nach Küssnacht und erwartet den heimkehrenden Vogt in einem Hohlweg, der Hohlen Gasse, und erschiesst ihn aus dem Hinterhalt mit der Armbrust. Tells Tyrannenmord ist der Auslöser zum bewaffneten Aufstand (der «Burgenbruch»), der nach dem Sieg bei Morgarten (1315) die Eidgenossenschaft als reichsunmittelbare Regionalmacht etabliert.

Die Datierung auf 1307 geht auf Tschudi zurück, ebenso die Angabe, Tells Kind sei nicht mehr als sechs Jahre alt gewesen. Tells Vornamen Wilhelm übernimmt Tschudi aus dem Tellenlied. Die Vornamen Walther für Tells Sohn und Herrmann für Gessler werden dagegen erst von Schiller (1804) eingeführt. Ebenfalls bei Tschudi, aber nicht in den frühesten Fassungen, wird berichtet, Tell habe 1315 in der Schlacht bei Morgarten mitgekämpft und 1354[1] im Schächenbach beim Versuch der Rettung eines Kindes den Tod gefunden.

EntstehungBearbeiten

QuellenBearbeiten

Die ersten Quellen, in denen die Erzählung belegt ist, datieren auf die Zeit um 1470. Danach scheint sich die Tell-Sage dann sehr rasch zu verbreiten und ist spätestens um 1510 allgemein volkstümlich.

Erstmals taucht Tell im Weissen Buch von Sarnen als «Thäll» (Varianten «Thall», «Tall») auf,[2] niedergeschrieben um 1472 vom Obwaldner Landschreiber Hans Schriber.[3] In dem «Lied vom Ursprung der Eidgenossenschaft» (auch «Tellenlied» oder «Bundeslied» genannt) taucht um 1477 ebenfalls die Figur des Tell auf. Dieses handelt aus der Zeit der Burgunderkriege und wurde zuerst mündlich weitergegeben, die erste Abschrift stammt von 1501.[4] Tells Sohn wird im Weissen Buch von Sarnen wie auch bei Tschudi nur als Kind bezeichnet und bleibt also unbestimmten Geschlechts; im Tellenlied ist dagegen ausdrücklich von einem Sohn die Rede.[5]

Die Geschichte Tells fand Eingang in die Luzerner Chroniken von Melchior Russ und Petermann Etterlin, die um 1507 erstmals gedruckt wurden, und in die 1508 bis 1516 verfasste Schweizerchronik des Zürcher Heinrich Brennwald. Bereits im Tellenlied wird Tell als der "erste Eidgenoss" bezeichnet, und auch Russ erblickt in Tell den Haupturheber der Befreiung und Stifter des eidgenössischen Bundes.

Der Chronist Aegidius Tschudi erzählt die Tell-Sage in seinem Chronicon Helveticum (um 1550) schliesslich in ihrer endgültigen Form. Es ist Tschudi, der die Ereignisse auf den Herbst des Jahres 1307 datiert, den Apfelschuss selbst auf den Montag, 19. November 1307.[6]

Herkunft des Apfelschuss-MotivsBearbeiten

Das Motiv vom Apfelschuss tritt zuerst in den Gesta Danorum («Geschichte der Dänen») des Saxo Grammaticus (verfasst ca. 1200–1216) auf. Bei Saxo heisst der Schütze Toko.[7] Der prahlerische Schütze Toko ist ein Gefolgsmann des dänischen Königs Harald Blauzahn und wird von diesem gezwungen, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schiessen. Aus Rache erschiesst Toko den König später aus dem Hinterhalt. Die Apfelschuss-Episode im Weissen Buch von Sarnen stimmt bis in ihre Details mit Saxo Grammaticus überein (auch Toko steckt sich einen zweiten Pfeil zu und bekennt auf die Frage des Königs, dass dieser für ihn gewesen wäre, falls er den Sohn getroffen hätte), so dass Saxo evidenterweise als Quelle für die Tell-Sage gelten kann (Die Erzählung von Punker von Rohrbach im Hexenhammer stammt von 1486, ist also etwas jünger als der erste Beleg für Tell; hier muss der Schütze anstelle eines Apfels eine Münze treffen).

Der Name TellBearbeiten

Ein alemannischer Rufname Tello oder Tallo (zu einem *dallo- "stolz, leuchtend, prunkend") ist in Ortsnamen bezeugt, Delligen in Obwalden, Dallenwil in Nidwalden,[8] ferner Dällikon und Thalwil in Zürich und Delsberg im Jura.[9] Wahrscheinlicher ist, dass der Tall im Weissen Buch von Sarnen einen Spitznamen darstellt. Täll ist eine Bezeichnung für "Einfältiger, Tor", von einem Verb talen "einfältig, kindisch tun". Diese Bedeutung wird impliziert, wenn bei Tschudi Tell zu Gessler sagt denn wëre ich witzig, und ich hiessi anders und nit der Tall ("wäre ich verständig, hiesse ich anders und nicht der Tall").[10] Das Schweizerische Idiotikon stellt einen Bezug her zum Namen des Apfelschuss-Helden bei Saxo Grammaticus, Toko, zu dänisch tokke "wild umherrennen, albern sein". Mythologisierende Historiker wie Alois Lütolf bevorzugten allerdings die Herleitung von "stolz, prunkend" (das zweite Element im Götternamen Heimdallr).[11]

RezeptionsgeschichteBearbeiten

Die breite Rezeption der Tell-Sage im 16. Jahrhundert ist belegt durch zahlreiche bildliche Darstellungen der Apfelschuss-Szene und die Existenz von öffentlichen Gedenkstätten. Volkstümliche Dramatisierungen in der Tradition der Fasnachtsspiele (Tellenspiele) sind ab 1512 fassbar. Die Tellskapelle auf der Tellsplatte bestand bereits im frühen 16. Jahrhundert. Eine weitere Tellskappelle wurde 1582 in Bürglen gebaut. Ein erstes Telldenkmal in Altdorf stammt von 1583. Im 17. Jahrhundert wird "die Drei Tellen" dann eine volkstümliche Bezeichnung für die Drei Eidgenossen.

Tschudis «Chronicon Helveticum» wurde erst 1734–1736 publiziert. Tschudis Fassung der Sage erreichte dennoch, über Josias Simlers «De Republica Helvetiorum libri duo», dessen Werk 1576 erstmals erschien und immer neu aufgelegt wurde, vom späteren 16. bis zum beginnenden 19. Jahrhundert ein breites Publikum.

Ein Lied «Wilhelm bin ich der Telle» ist in Drucken von 1613 bis 1633 überliefert, «gebessert und gemehrt» durch den Pritschenmeister Hieronymus Muheim aus Uri, wohl eine Überarbeitung eines älteren Originals.[12]

Der Geograph und Universalgelehrte Johann Gottfried Gregorii alias Melissantes verbreitete die Geschichte zwischen 1708 und 1729 durch mehrere seiner volksnahen Geographiebücher im deutschsprachigen Raum.[13] Schliesslich wurde vor allem durch die Dramatisierung Friedrich Schillers (1804), aber auch durch den Historiker Johannes Müller die Geschichte zunächst in Europa und später auch weltweit bekannt. 1818 nahmen die Brüder Grimm die Sage in ihr Werk Deutsche Sagen auf.[14]

Mit der Bearbeitung durch Schiller wird Tells Tyrannenmord auch international wahrgenommen und als politisches Symbol wirksam. So soll ein republikanischer Bürger in Mulhouse 1829 anlässlich eines Besuchs von Charles X. in der Stadt die Fassade seines Hauses mit einer Darstellung Tells, der mit seinem Pfeil auf das französische Königswappen zielt, bemalt haben. Das wurde allgemein als Bedrohung des Königs verstanden und der Hausbesitzer wurde gezwungen, mindestens den Lilienschild wieder zu tilgen.[15] Einen noch direkteren Bezug zu Tell wurde hergestellt in der Revolution von 1848/1849 im Kaisertum Österreich, namentlich in Ungarn, da hier die bekämpfte «Tyrannei» wie in der Urschweiz immer noch vom Haus Habsburg ausging. Bereits um 1835 wurden in Ungarn, um die Zensur zu umgehen, Figuren aus Schillers Tell auf Spielkarten dargestellt.

Adolf Hitler äusserte sich zunächst enthusiastisch zu Schillers Stück. Er zitiert es in Mein Kampf, und autorisierte eine Aufführung, in der Emmy Sonnemann, die Geliebte Hermann Görings, Tells Frau spielte. Später, am 3. Juni 1941, verbot Hitler allerdings die Aufführung des Stücks, möglicherweise im Zusammenhang mit dem versuchten Attentat durch den Schweizer Maurice Bavaud, von Rolf Hochhuth (1976) als "neuer Wilhelm Tell" gefeiert.[16] Bei einem Tischgespräch im Februar 1942 soll er sich verärgert über Schillers Tell gezeigt haben («Ausgerechnet Schiller musste diesen Schweizer Heckenschützen verherrlichen»)[17]

IkonographieBearbeiten

Die älteste bekannte Darstellung der Tell-Sage ist die Apfelschuss-Szene im Holzschnitt von Daniel Schwegler (ca. 1480 – vor 1546) für die Chronik von Petermann Etterlin, gedruckt 1507. Bereits um 1520–1530 wurden die Darstellungen zahlreich und finden sich auf verschiedenen Bildträgern, unter anderem ein Holzrelief im Klauser-Haus in Luzern (um 1523), im Berner Predigt-Mandat von 1523 und in einer Wappenscheibe des Zürcher Geschlechts Froschauer (um 1530). Ein weiterer früher Holzschnitt ist in der Chronik von Johannes Stumpf, gedruckt bei Froschauer 1527. Alle diese frühesten Darstellungen zeigen die Apfelschuss-Szene und sind in ihrer Komposition vom Holzschnitt Schweglers abhängig.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurden in Uri mehrfach Silbermedaillen mit der Apfelschuss-Szene geprägt.[18]

Tell wurde auch früh als Brunnenfigur dargestellt, zuerst in Schaffhausen (1522). Die Tellstatue von Joseph Benedikt Curiger (1786) war Brunnenfigur in Altdorf, seit 1891 in Bürglen. Das Telldenkmal von Friedrich Schäferle (1709–1786), errichtet 1780 auf dem Lindenhof in Zürich, wurde 1800 gestohlen.

Weitere noch nicht von Schiller abhängige Darstellungen Tells entstanden zur Zeit der französischen Revolution. In der aquarellierten Federzeichnung Wilhelm Tell bekämpft die Revolution von Balthasar Anton Dunker (1798) ist Tell ein allegorischer Vertreter der Eidgenossenschaft und wehrt mit einem Schild, auf dem die Rütlischwur-Szene abgebildet ist, die also Chimäre allegorisierte Französische Revolution ab. Umgekehrt stellte Jean-Baptiste Marie Poisson 1794 Tell im Moment des Tyrannenmordes als Helden der Revolution dar. Das Siegel der Helvetischen Republik stellte Tell dar, wie er nach dem Apfelschuss seinen Sohn in die Arme schliesst.

In den Darstellungen vor 1800 wird Tell meist nicht in bäuerlichem Gewand dargestellt, sondern als mit Schwert oder Schweizerdegen bewaffneter Landsknecht, oft mit geschlitzter Tracht und Federhut.

Darstellungen nach 1804 sind stark von Schillers Drama beeinflusst. In der Nationalromantik wird Tell nun oft in der Tracht eines Alphirten dargestellt. Ernst Stückelberg (1879) gestaltete die Szene von Tells Sprung auf die Tellsplatte für die dortige Tellskapelle. Besonders bekannt ist das Telldenkmal von Richard Kissling in Altdorf (1895). Einflussreich war auch das Gemälde von Ferdinand Hodler (1897), eigentlich eine Studie für ein grösseres Werk Gesslers Tod, das Hodler für den Wettbewerb des Landesmuseums plante. Hodlers Darstellung von Tell wurde als «sakral» beschrieben und mit der klassischen Ikonographie von Gottvater, Moses, Johannes des Täufers oder Jesus verglichen.[19] Für das Landesmuseum in Zürich schuf Hans Sandreuter 1901 ein Mosaik, das die Szene der Verhaftung Tells durch die Schergen Gesslers zeigt.

GeschichtskritikBearbeiten

Dass die Erzählung von Tell eine Sage sei wurde schon relativ früh erwogen, durch den Freiburger Franz Guillimann 1607, dann die Basler Christian und Isaak Iselin, der Berner Pfarrer Uriel Freudenberger 1760 sowie Voltaire («Annales de l’Empire»). Freudenberger stellte in einer anonym veröffentlichten Abhandlung die These auf, es handele sich beim schweizerischen Wilhelm Tell um die Nachdichtung der Toko-Episode aus den Gesta Danorum. Gottlieb Emanuel von Haller übersetzte die Abhandlung Freudenbergers ins Französische und veröffentlichte sie wegen der Befürchtungen Freudenbergers unter seinem eigenen Namen.

Im 19. Jahrhundert wurde Tell zusammen mit der Befreiungstradition als Ganzes durch eine «kritische Schweizer Geschichtsschreibung», als deren Begründer Joseph Eutych Kopp (um 1835) gilt, in Frage gestellt. Eine internationale «Historikerdebatte» zum Thema fand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt, angestossen durch die Wiederentdeckung des Weissen Buchs von Sarnen 1856. Die Ansicht, dass Tell keine Geschichtlichkeit zukomme, setzte sich noch vor 1900 unter Historikern weitgehend durch, vor allem aufgrund der kritischen Darstellungen durch Moritz von Stürler und Johannes Dierauer. Besonders die Apfelschuss-Episode wurde nun auch von Vertretern eines historischen Tyrannenmordes als sagenhaft anerkannt, aufgrund der schon um 1760 von Gottlieb Emanuel von Haller und Simeon Uriel Freudenberger entdeckten Parallele zu einem «dänischen Märchen». Im frühen 20. Jahrhundert galt die Frage allerdings auch unter Historikern weiterhin als kontrovers und wird so durch Anton Largiadèr im Historisch-biographischen Lexikon der Schweiz von 1931 gewürdigt. In derselben Publikation verteidigt Karl Meyer noch die geschichtliche Existenz Tells. Erst nach 1945 wird die Tell-Sage von Historikerseite einhellig als sagenhaft eingestuft. Als historischer Kern der Legende wurde von Bruno Meyer noch 1959 die tatsächliche Ermordung eines Landvogts im frühen 14. Jahrhundert vermutet.[20]

Das Hauptargument gegen die historische Existenz Tells ist das völlige Fehlen von zeitgenössischen Belegen für die Person Tells oder die Ermordung eines Landvogtes namens Gessler. Die Existenz der Tell-Sage kann vor dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts nicht belegt werden, also mehr als 150 Jahre nach den erzählten Ereignissen. Auch bildliche Darstellungen der Apfelschuss-Szene fehlen vor dieser Zeit vollständig.

In Uri liess sich auch keine Familie «Tell» ermitteln. Vermeintliche Hinweise auf diesen Namen in den Erkenntnissen der Urner Landsgemeinden von 1387 und 1388 wie auch Einträge wie «Tello» und «Täll» in Totenregistern und Jahrzeitbücher von Schattdorf und Attinghausen, wurden bereits im 19. Jahrhundert als spätere Fälschungen eingestuft.[21]

Künstlerische AdaptionenBearbeiten

Theateraufführungen der Tell-Sage in der Tradition der Fasnachtsspiele fanden in der Innerschweiz seit spätestens 1512 statt. Das Urner Tellspiel ist die älteste schriftliche Überlieferung eines solchen Stücks. Es wurde vermutlich im Winter 1512/3 in Altdorf aufgeführt. Es ist wahrscheinlich, dass ähnliche Aufführungen, als Improvisationen ohne festen Text nach dem Vorbild der Commedia dell'Arte, bereits auf das spätere 15. Jahrhundert zurückgehen. Ulrich Zwingli lobt das Urner Tellspiel in einem Brief an seinen Freund Valentin Compar und rühmt Wilhelm Tell als der gotskrefftig held und erster anheber eidgnossischer fryheit ..., ursprung und stiffter einer loblichen Eydgnoschafft.[22]

Die Tragödie «Guillaume Tell» von Antoine-Marin Lemierre wurde erstmals 1766 von den Comédiens ordinaires du Roi (Ludwig XV.) aufgeführt. Basierend auf Lemierres Stück schrieb Michel-Jean Sedaine das Libretto für die Oper «Guillaume Tell» von André-Ernest-Modeste Grétry (1791) für die Comédie-Italienne in Paris..[23]

Sehr einflussreich wurde Schillers Drama «Wilhelm Tell» von 1804 für die Rezeption des Tell-Stoffs sowohl international als auch in der Schweiz. Rossinis Oper «Guillaume Tell» von 1829 ist eine Adaptation von Schillers Stück, mit einem Libretto von Étienne de Jouy.

Schillers Stück wird in der Schweizer Nationalromantik dankbar aufgenommen. Der im Weissen Buch von Sarnen erwähnte Mythenstein wird 1859 als Schillerdenkmal gestaltet, der «Schillerstein», mit der Inschrift «Dem Sänger Tells». Die volkstümlichen Tellspiele in der Innerschweiz werden von Schillers Stück völlig verdrängt. In Altdorf wird Schillers Stück zum ersten Mal 1823 aufgeführt. 1898 entsteht die Tellspielgesellschaft Altdorf und verpflichtet sich, Schillers «Wilhelm Tell» mindestens zwanzig Mal aufzuführen. Die jährlichen Tellspiele in Interlaken finden erstmals 1912 statt. Sowohl die Altdorfer als auch die Interlaker Tellspiele bestehen bis in die Gegenwart weiter.[24]

Im Folgenden sind Adaptationen der Tell-Sage seit 1900 aufgelistet:

Jahr Titel Medium Beschreibung
1900 Film Stummfilm-Fragment von Charles Pathé
1904 «William Tell Told Again» Roman Erzählung von P. G. Wodehouse, mit Illustrationen von Philip Dadd.
1913 «Die Befreiung der Schweiz und die Sage vom Wilhelm Tell» Film Stummfilm von Friedrich Feher
1923 «Wilhelm Tell» Film Deutscher Stummfilm mit Hans Marr als Tell und Conrad Veidt als Gessler.
1924 «Die Entstehung der Eidgenossenschaft» Film Schweizerisch-amerikanischer Stummfilm mit freier Anlehnung an historische Tatsachen, Legenden und Schillers Drama.
1925 «Wilhelm Tell» Hörspiel Deutsches Hörspiel von Nordische Rundfunk AG (NORAG, Hamburg), Regie: Hermann Beyer; Bearbeitung: Hans Bodenstedt.
1934 «Wilhelm Tell» Film Deutscher Tonfilm, Regie: Heinz Paul (mit Hans Marr, Conrad Veidt und Emmy Sonnemann).
1951 «Wilhelm Tell» Hörspiel Deutsches Hörspiel, Produktion: Bayerischer Rundfunk, Regie: Hannes Küpper.
1955 «Wilhelm Tell» Hörspiel Deutsches Hörspiel, Produktion: Hessischer Rundfunk, Regie: Gustav Rudolf Sellner.
1958 «Wilhelm Tell» Hörspiel Deutsches Hörspiel, Produktion: Bayerischer Rundfunk, Regie: Heinz-Günter Stamm.
1960 «Wilhelm Tell (Burgen in Flammen)» Film Schweizer Film, Regie Michel Dickoff und Karl Hartl, Robert Freytag, Hannes Schmidhauser, Zarli Carigiet und Alfred Rasser.[25]
1968 «Wilhelm Tell» Film Deutscher Fernsehfilm einer Aufführung von Schillers «Wilhelm Tell» am Staatstheaters Stuttgart mit Max Eckard als Tell und Peter Roggisch als Gessler.
1971 «Wilhelm Tell für die Schule» Roman Entheroisierende Parodie von Max Frisch. Der Tell-Stoff wird aus der Sicht Gesslers erzählt, Tell und die Urner werden als fremdenfeindlich, dickköpfig und stolz dargestellt.[26]
1975 «Der Schütze Tell» Theaterstück Entheroisierende Parodie von von Hansjörg Schneider. Tell ist ein unpolitischer Querkopf, der Gessler aus rein privaten Motiven niederschiesst und damit die lokale Elite begünstigt, die ihre eigenen Machtinteressen durchzusetzen wollen.
1998 «The Legend Of William Tell» Fernsehserie 16-teilige Fernsehserie aus dem Fantasy-Genre ohne direkten Bezug zum Tell-Stoff.[27] Die deutsche Fassung erschien unter dem Titel Tell – Im Kampf gegen Lord Xax.[28]
2007 «Tell» Film Schweizer Persiflage auf den Tell-Stoff von Mike Eschmann, mit Mike Müller als Tell. Tell ist ein österreichischer Quacksalber der zusammen mit dem Eskimo Val-Tah durch die Schweiz zieht. Die beabsichtigte Provokation misslang und der Film floppte.[29]
2012 «Tell – Das Musical» Musical Musical von Hans Dieter Schreeb (Textbuch), Wolfgang Adenberg (Liedtexte), Marc Schubring (Musik) und John Havu (Creative Development), erstmals aufgeführt auf der Walensee-Bühne in Walenstadt.
«Tell 3D» Film Unrealisierter Hollywoodfilm, bereits 2008 angekündigt, dann nach finanziellen Problemen verzögert,[30] 2011 erneut angekündigt mit Brendan Fraser und Til Schweiger in den Hauptrollen,[31] mit geplanter Veröffentlichung 2014.[32][33]
2016 «Tell — Mann. Held. Legende.» Roman Historischer Roman von Thomas Vaucher.[34]
2017 «Der Schwertmacher Wilhelm Gorkeit» Roman Im Selbstverlag vertriebener Roman von Monica Beckmann, der die Theorie von Schärer (1986) aufnimmt, nach der der historische Tell ein Zürcher namens Wilhelm Gorkeit gewesen sei.[35]

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Wilhelm Tell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wikisource: Wilhelm Tell – Quellen und Volltexte

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Tell, Wilhelm. Meyers Konversationslexikon, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig und Wien, Vierte Auflage, 1885–1892, S. 576/577 in Band 15.
  2. Nu was da ein redlicher man hiess der thäll Sarnen, Staatsarchiv Obwalden, Sig. A.02.CHR.0003 (Weisses Buch von Sarnen), S. 447. Nu was der tall gar ein gut schütz. Digitalisat: e-codices – Virtual Manuscript Library of Switzerland. In: e-codices.unifr.ch. Abgerufen am 7. Juli 2015.
  3. Angelo Garovi: Schriber, Hans. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  4. Das alte Tellenlied «Vom Ursprung der Eidgnoschaft», ed. Ludwig Tobler, Schweizerische Volkslieder; mit Einleitung und Anmerkungen (1882), 1–5, Einleitung xvi-xviii; ed. Rocholz, Tell und Gessler in Sage und Geschichte (1877), 180–187.
  5. wie einer muost sim eignen sun ein epfel ab der scheitel schon mit sinen henden schiessen. Tobler (1882), S. 4.
  6. Aegidius Tschudi, Chronicon Helveticum, ed. J. R. Iselin, Basel (1734), s. a. 1307, S. 238. ein redlicher Land-Mann von Uri, Wilhelm Tell genant (der ouch heimlich in der Pundts-Gsellschaft was); Die Weigerung Tells, den Hut zu grüssen, wird für den "Sonntag nach Othmari, was der 18. Wintermonats" angegeben, die Begegnung mit Gessler "morndes danach am Montag". Nach dem gängigen julianischen Kalender ist der 18. November 1307 allerdings ein Samstag.
  7. Vgl. Hans-Peter Naumann: Tell und die nordische Überlieferung. Zur Frage nach dem Archetypus vom Meisterschützen. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 71, 1975, S. 108–128.
  8. älteste Nennung als Tellewilare, bis im 14. Jh. Tellenwile; die Herleitung von einem Personenanemn Tello, Dallo ist unsicher, möglicherweise auch von einem Dag-al- bzw. Dag-ilo- von *daga- "brennen".(ortsnamen.ch)
  9. Als Personenname ist Tello auch bei Walahfrid Strabo belegt; spätestens im 14. Jh. scheint der Name aber nicht mehr gebräuchlich gewesen zu sein. (ortsnamen.ch; Förstemann, Namenbuch (1856), 330f.)
  10. Christoph Landolt, Wilhelm Tell – woher kommt dieser Name? idiotikon.ch (2014); Der Thall der sprach: Es ist geschen angeverd, denn ich han nit gewüsset, das es uwer gnad so hoch besachen solti, denn were ich witzig und ich hiessi anders und nit der Tall; bei Tschudi sagt Tell: Lieber Herr, es ist ungevärd, und nit uß Verachtung geschechen, verziehend mirs, wär ich witzig, so hieß ich nit der Tell, bitt umb Gnad, es soll nit mer geschechen. (ed. Iselin 1734, S. 238); bei Schiller: Verzeiht mir lieber Herr! Aus Unbedacht, Nicht aus Verachtung Eurer ists geschehn, Wär ich besonnen, hieß ich nicht der Tell, Ich bitt um Gnad’, es soll nicht mehr begegnen.
  11. Schweizerisches Idiotikon 12.1398-1409
  12. Tobler (1882), xvi
  13. Zum Beispiel Melissantes: Cosmographia universalis, Leipzig, Frankfurt [und Erfurt] 1715, S. 810 f.; Geographia novissima, Frankfurt, Leipzig [und Erfurt] 1709, Teil 1, S. 600 f.
  14. Deutsche Sagen. Hrsg. von den Brüdern Grimm. Nicolai, Berlin 1865, 2. Aufl., Band 1–2. Digitalisierte Ausgabe Nr. 518 Wilhelm Tell in Bd. 2
  15. Revue nationale de Belgique 4 (1840), p. 381.
  16. Luc Weibel: Maurice Bavaud. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 2004.
  17. G. Ruppelt, Hitler gegen Tell (2004), zitiert nach: Martin Steinacher, Maurice Bavaud - verhinderter Hitler-Attentäter im Zeichen des katholischen Glaubens? (2015), S. 97.
  18. Gottlieb Emanuel von Haller, Schweizerisches Münz- und Medaillenkabinett (1780/1), S. 8; Salve Urania Filia Martis (Yale University Art Gallery).
  19. J. Stückelberger: Hodlers Weg zum Nationalmaler am Beispiel seines «Wilhelm Tell». In: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 53/4 (1996), doi:10.5169/seals-169495.
  20. Peter Kaiser: Befreiungstradition. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 2013.
  21. Anton Gisler in Die Tellfrage (1895, S. 126) erwähnt für Schattdorf als «kleine Täuschung [...], mit welcher eine unberufene Hand aus einem anderen Geschlechtsnamen denjenigen Tells heraus gekünstelt» habe, die Abänderung des Namens Walter de trullo in einen Walter de tello.
  22. Jean-François Bergier, Wilhelm Tell: Realität und Mythos. München: Paul List Verlag, 1990, S. 76.
  23. Wilhelm Tell von André Grétry an der Opéra Royal de Wallonie (Memento des Originals vom 31. August 2013 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/liveweb.arte.tv, Video auf arte Live-Web, 1 Std. 27 Min, Aufzeichnung vom 9. August 2013
  24. Geschichte der Altdorfer Tellspiele; tellspiele-altdorf.ch; Tell Freilichtspiele Interlaken.
  25. Urs-Film
  26. Apfelschuß war nicht verlangt, Adolf Muschg über Max Frisch: Wilhelm Teil für die Schule, Artikel im Spiegel vom 9. August 1971
  27. The Legend of William Tell – Overview Informationsseite zu dem Film auf der Website der Produktionsfirma Cloud 9 Productions, abgerufen am 5. Mai 2012
  28. Tell – Im Kampf gegen Lord Xax Eintrag in der deutschen Version der Internet Movie Database
  29. Christoph Egger: Tell, ein Trauerspiel. Die Schweizer Filmkomödie erreicht einen neuen Tiefpunkt. Neue Zürcher Zeitung, 27. September 2007. Abgerufen am 20. Februar 2012.
  30. Hollywood dreht Wilhelm Tell in der Schweiz Artikel im 20 Minuten vom 8. Mai 2008. Tell-Filmprojekt wegen Finanzkrise auf Eis gelegt. Artikel auf nachrichten.ch vom 10. Oktober 2008
  31. Lorenz Hanselmann: Brendan Fraser spielt Tell. 20 Minuten Online, 9. Mai 2011. Abgerufen am 20. Februar 2012.
  32. The Legend Of William Tell Informationsseite zu dem Film auf filmkritiker.com, abgerufen am 15. August 2013
  33. The Legend of William Tell: 3D Eintrag in der deutschen Version der Internet Movie Database, abgerufen am 15. August 2013
  34. Thomas Vaucher: Tell – Mann. Held. Legende. Stämpfli Verlag, Bern 2016, ISBN 978-3-7272-7900-3.
  35. Arnold Claudio Schärer, «...und es gab Tell doch», Harlekin-Verlag (1986). Als Werk eines Autodidakten provozierte Schärers Vorschlag von Historikerseite heftigen Widerspruch (etwa Jean-François Bergier, Guillaume Tell, 1988, SS. 415, 446.).