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Wanda Kallenbach

deutsches Opfer der nationalsozialistischen Justiz

Wanda Kallenbach (geborene Möhring, * 13. Juni 1902 in Jankendorf, Kreis Kolmar i. Posen; † 18. August 1944 in Berlin-Plötzensee) war eine Berliner Hausfrau. Wegen spontan-kritischer Äußerungen zum Kriegsalltag und zu den Verantwortlichen Hitler und Göring hingerichtet, steht sie in der Erinnerung Berlins beispielhaft für tausende „namenlose Opfer“ der nationalsozialistischen Terrorjustiz im Zweiten Weltkrieg.[1]

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Wanda Kallenbach verließ als junges Mädchen ihr Heimatdorf, das 1919 an Polen gefallen war, und ging nach Berlin. Dort arbeitete sie als Hausgehilfin, später als Packerin und war zeitweise Mitglied einer Gewerkschaft. Sie heiratete den Kraftwagenführer Fritz Kallenbach, gebar 1933 eine Tochter und wohnte fortan in der Schreinerstraße 47 in Berlin-Friedrichshain.[1]

Während des Krieges besuchte Kallenbach im August 1943 ihre Schwester im heimatlichen Dorf, das im Reichsgau Wartheland wieder deutsch geworden war, um sich dort vom Schrecken der immer häufigeren Luftangriffe der Alliierten auf Berlin zu erholen. Gegenüber Bekannten beklagte sie sich über Hermann Göring, den Oberbefehlshaber der Luftwaffe, der bei Kriegsbeginn verkündet hatte, niemals werde Deutschland von einer feindliche Bombe getroffen werden. Auf die Frage, was „kleine Leute“ nun machen könnten, antwortete sie, einer allein sei machtlos, wenn aber alle streiken und die Soldaten ihre Waffen wegwerfen würden, wäre der Krieg bald zu Ende.[1]

Kallenbach war bereits monatelang wieder in Berlin, als die Gestapo sie am 20. Januar 1944 aufgrund einer Denunziation aus Jankendorf verhaftete. Am 20. April 1944 erhob die Staatsanwaltschaft gegen Kallenbach Anklage wegen „Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung“. Am 21. Juni 1944 kam es zur Verhandlung vor dem Volksgerichtshof (VGH). Den Vorsitz hatte Roland Freisler, mit Herbert Linden als „ehrenamtlichen Beisitzer“[2] und Karl Bruchhaus als Ankläger. Dieser legte Kallenbach neben ihren oben genannten Äußerungen zur Last, sie sei vor 1933 Gewerkschaftsmitglied gewesen, sei „nach der Machtübernahme durch ihre judenfreundliche Einstellung aufgefallen“, gelte nach Einschätzung der örtlichen NSDAP als „politisch nicht einwandfrei“, habe zur aktuellen Lebensmittelknappheit in Berlin zu einer Volksdeutschen in Jankendorf gesagt, „schlechter wie wir es in Berlin haben, könnt ihr es in der Polenzeit auch nicht gehabt haben“, und einen Hitlergruß mit der Bemerkung erwidert, dafür würde man in Berlin „eins auf die Schnauze“ bekommen. Die Verteidigung machte geltend, dass ihre Nachbarn Kallenbach als stets hilfsbereit und freundlich, aber „etwas einfältig“ nannten. Letzteres bestätigte Freisler höhnisch mit den Worten, sie könne „nicht bis drei“ zählen.[3] In einer Verhandlungspause im Luftschutzkeller des VGH, verursacht durch einen Luftangriff, bat Pfarrer Wilhelm Harnisch (1887–1960)[4] von der Samariterkirche, der Kallenbachs Tochter zu sich genommen hatte, den Staatsanwalt Bruchhaus vergebens, das Leben der Mutter zu schonen. Der VGH sprach sie schuldig und verurteilte sie zur Todesstrafe.

Der Ehemann, unterstützt vom Hausarzt Wanda Kallenbachs mit einem Hinweis auf deren „Nervenschwäche, seelische Störungen und Erregungszustände“, bat das Gericht vergeblich um die Umwandlung der Todes- in eine Freiheitsstrafe. Pfarrer Harnisch richtete ein Gnadengesuch an Hitler, doch dieser lehnte es ab. Auf die direkte Anordnung des Reichsjustizministers Otto Georg Thierack an den Oberreichsanwalt Ernst Lautz, mit „größter Beschleunigung das Weitere zu veranlassen“, starb Kallenbach am 18. August 1944 in Plötzensee unter dem Fallbeil.[1][5]

Anklagevertreter Bruchhaus setzte nach Kriegsende seine Karriere in der westdeutschen Justiz bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung mit vollen Bezügen als Oberstaatsanwalt am Landgericht Wuppertal im Jahr 1961 fort. Erst 1998 hob das Gesetz zur Aufhebung nationalsozialistischer Unrechtsurteile in der Strafrechtspflege das Urteil des VGH gegen Kallenbach auf.

EhrungBearbeiten

Im Jahr 2006 benannte der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Wanda-Kallenbach-Straße an der Mercedes-Benz-Arena im Ortsteil Friedrichshain nach ihr.[1]

LiteraturBearbeiten

  • Dietlinde Peters: „... und keiner kriegt mich einfach krumm gebogen ...“ Frauen in Friedrichshain und Kreuzberg. Berlin-Story, Berlin 2014, ISBN 978-3-95723-007-2, S. 29 f.
  • Günther Wieland: Das war der Volksgerichtshof. Ermittlungen. Fakten. Dokumente. Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1989, ISBN 3-329-00483-5, S. 112 f.

WeblinkBearbeiten

  • Wanda Kallenbach. In: Frauenpersönlichkeiten in Berlin Friedrichshain/Kreuzberg. Website des Kulturring in Berlin e. V.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e Dietlinde Peters: „ ... und keiner kriegt mich einfach krumm gebogen ...“. Frauen in Friedrichshain und Kreuzberg. Herausgegeben vom Friedrichshain-Kreuzberg Museum. Berlin Story, Berlin 2015, ISBN 978-3-95723-007-2, S. 29 f.
  2. Götz Aly: Stasi hortete Nazi-Akten, dort auch weitere Einzelheiten zum Fall Kallenbach. In: Die Tageszeitung, 23. April 1991. Abgerufen am 29. Januar 2019.
  3. Zitate aus der Verhandlung mit Nachweis bei Günther Wieland: Das Schicksal der Berliner Arbeiterfrau Wanda Kallenbach. In: ders.: Das war der Volksgerichtshof. Centaurus, Pfaffenweiler 1989, ISBN 3-89085-365-X, S. 112 f.
  4. Seit 1997 erinnert eine Berliner Gedenktafel an Harnisch am Haus Bänschstraße 50
  5. Zitat bei Günther Wieland: Das Schicksal der Berliner Arbeiterfrau Wanda Kallenbach. In: ders.: Das war der Volksgerichtshof. Centaurus, Pfaffenweiler 1989, ISBN 3-89085-365-X, S. 113.