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Walter Muschg

Schweizer Literarhistoriker und Essayist
Walter Muschg-Zollikofer (1898–1965) Literaturhistoriker, Essayist, Politiker, Elli Muschg-Zollikofer (1906–1997) Urnen Grab auf dem Friedhof Hörnli, Riehen, Basel-Stadt
Urnen Grab auf dem Friedhof am Hörnli, Riehen, Basel-Stadt

Walter Muschg (* 21. Mai 1898 in Witikon bei Zürich; † 6. Dezember 1965 in Basel) war ein Schweizer Literaturhistoriker, Essayist und Politiker.

Inhaltsverzeichnis

LebenBearbeiten

Bekannt wurde der Lehrersohn und Halbbruder des Schriftstellers Adolf Muschg erstmals durch seine Dissertation über Kleists Penthesilea. Er hatte von 1917 bis 1921 an der Universität Zürich Germanistik bei Emil Ermatinger, Psychologie und Latein studiert. Im Berlin der 1920er Jahre, wo Muschg seine Studien fortsetzte, traf er mit den zu der Zeit in Berlin lebenden Exponenten des literarischen Expressionismus zusammen. 1928 habilitierte er sich an der Universität Zürich mit einer vielbeachteten Arbeit über Psychoanalyse und Literaturwissenschaft. Auch publizierte er zwei dramatische Werke.[1]

Literatur war für Walter Muschg Weltliteratur, sie begann in der Vorzeit und erreichte erste Höhepunkte in den Propheten des Alten Testaments und in Homer. In der grossen Dichtung suchte und sah er Urformen der menschlichen Kultur, zu ihrer Erforschung suchte er vor allem in den frühen Jahren auch die Psychologie Sigmund Freuds heranzuziehen. Sein Hauptwerk, die Tragische Literaturgeschichte, erschien 1948. Als Motto hätte, so Muschg, ein Wort Hamanns dienen können: „Genie ist eine Dornenkrone, und der Geschmack ein Purpurmantel, der einen zerfleischten Rücken deckt.“[2] Dichtung erwuchs für ihn stets auch aus Leiden und Schmerz, und wer in diesen Prüfungen moralisch versagte, konnte kein echter Dichter sein. Für die ganz Grossen setzte er die Kategorien von "Magier", "Seher" und "Sänger", während die "Gaukler", "Priester", "Poeten" «Abschwächung und Vermischung der Urformen» waren.[3] So sah er in Jeremias Gotthelf den grössten Schweizer Dichter, der ein "Prophetenamt" vertrat und daran verzweifelte, aber auch "zum homerischen Verherrlicher des Bauerntums" wurde, "dessen Männer und Greise, Weiber und Mädchen er zu Idealgestalten eines christlichen Lebens in der Schöpfung Gottes verklärte".[4]

Aus seiner eigenen Zeit schätzte Walter Muschg die Literatur des deutschen Expressionismus. Von George, Hofmannsthal, Thomas Mann, Rilke und manchen anderen bekannten Autoren hielt er dagegen wenig. Ernst Barlach[5], Alfred Döblin[6] und Hans Henny Jahnn[7] hat er nach dem Zweiten Weltkrieg durch Werkausgaben besser zugänglich zu machen geholfen. Mit Jahnn verband ihn eine lange persönliche Freundschaft. Auch um jüngere Autoren bemühte er sich: Nun singen sie wieder von Max Frisch ist 1946 in der von Muschg betreuten Sammlung Klosterberg bei Schwabe in Basel erschienen, im folgenden Jahr Friedrich Dürrenmatts erstes Drama, Es steht geschrieben, und noch mit dem seit seinem polemischen Stück Der Stellvertreter umstrittenen Rolf Hochhuth hat er engen Kontakt gepflegt.[8]

Von 1936 bis zu seinem Tod 1965 wirkte Walter Muschg als Professor für „Neuere deutsche Literaturwissenschaft“ am Deutschen Seminar der Universität Basel. Urs Widmer, der bei ihm studierte, schreibt: "Er war der Erste an einer deutschen Uni, der die Vorlesungen eines ganzen Semesters ausschließlich Franz Kafka widmete".[9] Als Dozent konnte Muschg in den Vorlesungen durch seine engagierte, zuweilen polemische, von persönlichem Erleben der grossen Werke geleitete Interpretation und seine Schilderung der oft schwierigen Existenz ihrer Dichter fesseln, er hat viele seiner Schüler nachhaltig geprägt. Zu offenen Diskussionen im Seminar dagegen kam es kaum, und den Studenten war bewusst, dass man manches auch anders sehen konnte.[10]

Muschg hat sich immer wieder in die öffentliche Debatte eingebracht, als ein streitbarer und oft provozierender Publizist. Vor den Verlockungen der nationalsozialistischen Mythen und Ideologien aller Art schützten ihn ein sicherer Sinn für das Echte und seine hohen ethischen Ansprüche an sich und andere. Von 1939 bis 1943 sass er für den Landesring der Unabhängigen im Nationalrat und trat dort unerschrocken für die Unabhängigkeit der Schweiz und eine grosszügige Asylpolitik ein. Später erregte er Aufsehen zum Beispiel durch seine Polemik gegen Ernst Balzlis beliebte Dialekthörspiele am Radio, in welchen er eine unerträgliche Verharmlosung und Verfälschung der Romane von Jeremias Gotthelf sah.[11] Und zu einer breiten Debatte führte die Aufsatzsammlung, welche er unter dem Titel Die Zerstörung der deutschen Literatur 1956 erscheinen liess. Seine Literaturauffassung konnte sich in der Germanistik der Nachkriegszeit nicht durchsetzen, seine Analysen werden aber als anregende Positionen bis heute geschätzt.[12]

SchriftenBearbeiten

  • Kleists Penthesilea. Verlag Seldwyla, Zürich 1923
  • Kleist. Zürich 1923
  • Babylon, Ein Trauerspiel. Amalthea-Verlag, Zürich/Leipzig/Wien 1926
  • Psychoanalyse und Literaturwissenschaft. Junker und Dünnhaupt, Berlin 1931
  • Gotthelf. Die Geheimnisse des Erzählers. C.H. Beck, München 1931
  • Die Mystik in der Schweiz, 1200–1500. Huber, Frauenfeld/Leipzig 1935
  • Tragische Literaturgeschichte. Francke, Bern 1948; 3., veränderte Aufl. 1957
  • Jeremias Gotthelf. Eine Einführung in seine Werke. Francke, Bern 1954
  • Dichtertypen. Helbing und Lichtenhahn, Basel 1954
  • Die Zerstörung der deutschen Literatur. Francke, Bern 1956; Neuausgabe: Diogenes, Zürich 2009, ISBN 978-3-257-06645-6
  • Goethes Glaube an das Dämonische. Separatabdruck aus: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Bd. 32, H. 3. Metzler, Stuttgart 1958
  • Schiller. Die Tragödie der Freiheit. Francke, Bern/München 1959
  • Von Trakl zu Brecht. Dichter des Expressionismus. Piper, München 1961
  • Studien zur tragischen Literaturgeschichte. Francke, Bern 1965
  • Gespräche mit Hanns Henny Jahnn. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt 1967; Neuausgabe: Rimbaud, Aachen 1994
  • Gestalten und Figuren. Herausgegeben von Elli Muschg-Zollikofer. Francke, Bern/München 1968
  • Pamphlet und Bekenntnis. Aufsätze und Reden. Herausgegeben von Peter André Bloch. Walter, Olten/Freiburg i.Br. 1968
  • Die dichterische Phantasie. Herausgegeben von Elli Muschg-Zollikofer. Mit Bibliographie. Francke, Bern/München 1969

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Walter Muschg: Babylon. Ein Trauerspiel. Amalthea, Zürich/Leipzig/Wien 1926. Walter Muschg: Das Leben der Vögel. Oratorium. Huber, Frauenfeld/Leipzig 1934.
  2. Walter Muschg: Tragische Literaturgeschichte. 3., veränderte Auflage, Franke, Bern 1957, S. 15 (aus dem Vorwort zur 2. Auflage).
  3. Walter Muschg: Tragische Literaturgeschichte. 3., veränderte Auflage, Franke, Bern 1957, S. 6.
  4. Walter Muschg: Tragische Literaturgeschichte. 3., veränderte Auflage, Franke, Bern 1957, S. 145f.
  5. Walter Muschg: Nachwort. In: Ernst Barlach: Das dichterische Werk in drei Bänden. Band 3. R. Piper, München 1959, S. 673–689.
  6. Alfred Döblin: Ausgewählte Werke in Einzelbänden. Begründet von Walter Muschg, in Verbindung mit den Söhnen des Dichters hrsg. von Anthony W. Riley und Christina Althen. Walter, Olten u. a. 1960–2007.
  7. Hans Henny Jahnn: Fluss ohne Ufer, dritter Teil: Epilog. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Walter Muschg. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1961.
  8. Rolf Hochhuth: Epilog. In: Karl Pestalozzi / Martin Stingelin (Hrsg.): Walter Muschg (1898-1965). Gedenkreden zum 100. Geburtstag gehalten an der Feier in der Alten Aula am 20. Mai 1998 (=Basler Universitätsreden 96). Schwabe, Basel 1999, ISBN 978-3-7965-1367-1, S. 56f.
  9. Urs Widmer: Reise an den Rand des Universums. Diogenes, Zürich 2013, S. 232.
  10. Peter André Bloch: Walter Muschg als akademischer Lehrer (aus der Sicht des Studenten). In: Karl Pestalozzi / Martin Stingelin (Hrsg.): Walter Muschg (1898-1965). Gedenkreden zum 100. Geburtstag gehalten an der Feier in der Alten Aula am 20. Mai 1998 (=Basler Universitätsreden 96). Schwabe, Basel 1999, ISBN 978-3-7965-1367-1, S. 31–44.
  11. Peter Niederhauser: «Fassen». Der Radiostreit um Jeremias Gotthelf 1954. In: Schweizer Monatshefte, 77. Jahr, Heft 10, S. 35f. (Link)
  12. Hans-Peter Kunisch: Polemiker mit Charakterkopf. Walter Muschgs temperamentvolle Essays sind wieder aufgelegt, In: Die Zeit, 20. Mai 2010 Nr. 21 (Link).

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten