Unruhen von Genf 1932

Die Unruhen von Genf ereigneten sich am 9. November 1932, als Rekruten der Schweizer Armee 13[1][2] Demonstranten bei einer antifaschistischen Kundgebung in Genf erschossen und 65[1] schwer verletzten.

Denkmal zur Erinnerung an die Opfer, es befindet sich heute am Boulevard du Pont-d’Arve 40 in Genf.[1]

Ablauf der EreignisseBearbeiten

Anlass war eine Innenveranstaltung der frontistischen Gruppe Union nationale, einer faschistischen[2] Partei um Georges Oltramare, abgehalten in der Rue Carouge,[3] gegen die rund 8000[3][2] Personen aus dem linken Lager demonstrierten und gegen die der Genfer Sozialist Léon Nicole[3] und andere Personen als Redner auftraten. In den Räumen wollten die Faschisten ab 20:30 Uhr eine Art Tribunal («Mise en accusation publique des sieurs Nicole et Dicker»,[4] deutsch Öffentliche Anklageerhebung gegen die Herren [sieurs=verächtlich[5]] Nicole und Dicker) gegen die beiden Genfer Linkspolitiker Léon Nicole und Jacques Dicker errichten.[2] Die Sozialdemokratische Partei,[4] die Kommunistische Partei[4] und andere Organisationen hatten zu der Gegendemonstration mobilisiert.

Als die Genfer Polizei auf Anweisung des Regierungsrats[4] durch die Lausanner Rekrutenschule unter dem Kommando von Oberst Ernest Léderrey verstärkt wurde, eskalierte die Situation, und die Rekruten feuerten auf Befehl um 21:34 Uhr zuerst in die Luft[3] und dann in die Menschenmenge. Dabei kamen auch Maschinengewehre zum Einsatz.[6][7][8] Die insgesamt 600 angeforderten Rekruten befanden sich zu jener Zeit erst in der sechsten Ausbildungswoche.

Tags darauf bewachte das Militär zahlreiche öffentliche Gebäude, und einige sozialistische Politiker um Léon Nicole wurden verhaftet. Begründet wurden die Erschiessungen in den amtlichen Erklärungen mit angeblichen Angriffen auf die Rekruten bei deren Hinweg,[3] dem angeblichen Versuch der Demonstranten, bei der Kundgebung Absperrketten zu durchbrechen,[3] und damit, dass die Demonstranten der Anweisung, die Demonstration aufzulösen, nicht Folge leisteten.[3] Zudem sei es zu einem Handgemenge mit den Demonstranten gekommen.[3]

Der katholisch-konservative Bundespräsident Giuseppe Motta reiste an und stellte fest, dass die Ordnung nun wiederhergestellt sei. In der Zeit nach den Ereignissen gab es schweizweit Solidaritätskundgebungen, die jedoch von den Behörden mit erneuten Militäraufgeboten beantwortet wurden.

In Genf wurde ein Generalstreik[3] von 24 Stunden ausgerufen. Das Volksrecht, die Zeitung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, sprach in ihrer Ausgabe vom 10. November 1932 von einem «Massaker voller Bestialität».[3] Auf der Beerdigung des erschossenen Kommunisten Henri Fürst sprach der spätere kommunistische Nationalrat Jules Humbert-Droz[3] als Redner zu einer grossen Menschenmenge.

Nach den Unruhen wurde die Justiz aktiv, nicht etwa gegen die Verantwortlichen des Militäreinsatzes, die der Militärgerichtsbarkeit unterstanden, sondern allein gegen die Organisatoren der antifaschistischen Demonstration. Sieben von ihnen wurden im Mai 1933 von den Bundesassisen, dem Geschworenengericht des Bundes, wegen Anstiftung zum Aufruhr verurteilt. Der bereits am Tage nach der «Blutnacht» verhaftete Léon Nicole erhielt eine sechsmonatige Gefängnisstrafe.[2] Als Mitglied des Nationalrates beanspruchte Nicole Immunität gegen die Strafverfolgung, das heisst die Entlassung aus der Haft für die Dauer der Sessionen des Nationalrates. Der Nationalrat hat ihm diese Immunität am 6. Dezember 1932 nach einer mehrstündigen, teils tumultuösen Debatte mit 120 zu 47 Stimmen verweigert.[9]

Erinnerung an die UnruhenBearbeiten

Am 9. November 1982[1] wurde beim Plainpalais ein fünf[1] Tonnen schwerer Gedenkstein für die Opfer mit der Inschrift Plus jamais ça (Nie mehr so etwas) aufgestellt.[10] Die ursprünglich unbewilligte Aufstellung durch die Bauarbeitergewerkschaft Fédération des ouvriers du bois et du bâtiment (FOBB)[1] wurde nachträglich bewilligt.

2018/19 lehnte das Bundesparlament eine Standesinitiative des Kantons Genf für die Rehabilitierung der nach den Genfer Unruhen verurteilten Demonstranten ab.[11] Bei den Genfer Unruhen fand die letzte von zehn Bundesinterventionen seit Gründung des Bundesstaats von 1848 statt.

LiteraturBearbeiten

  • Die Blutnacht von Genf: 9. November 1932. Sozialdemokratische Partei der Schweiz, 1932.
  • Claude Torracinta: Genève 1930–1939 : Le temps des passions. Tribunes éditions, Genève 1978.
  • Jean Batou: Quand l’esprit de Genève s'embrase. Au-delà de la fusillade du 9 novembre 1932. Éditions d’en bas, Lausanne 2012.
  • Charles Heimberg et al. (Hrsg.): Mourir en manifestant: Répressions en démocratie le 9 novembre 1932 en perspective. Lausanne 2008.
  • Christian Koller: »Die Ordnung ist wiederhergestellt.« – Das Massaker von Genf vor 75 Jahren. In: Rote Revue 84/4 (2007), S. 32–37.
  • Christian Koller: Die Toten und die Verurteilten. In: Die Wochenzeitung, 21. Juni 2018.
  • Christian Koller: Vor 90 Jahren: Die »Blutnächte« von Zürich und Genf. In: SozialarchivInfo 2 (2022). S. 46–58.
  • Marco Tackenberg, Dominique Wisler: Die Massaker von 1932. Protest, Diskurs und Öffentlichkeit. In: Schweizerische Zeitschrift für Politische Wissenschaft. Vol. 4, Iss. 2, 1998, S. 51–78.
  • Marco Tackenberg, Dominique Wisler: Hutlose Burschen und halbreife Mädels. Protest und Polizei in der Schweiz. Haupt Verlag, Bern/Stuttgart/Wien 2007, ISBN 978-3-258-07188-6.

WeblinksBearbeiten

Commons: Fusillade du 9 novembre 1932 à Genève – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d e f Katharina Hohmann, Ambroise Tièche, Fritz von Klinggräff: 111 lieux à Genève à ne pas manquer. Emos Verlag, Köln 2020, ISBN 978-3-7408-0868-6, S. 124 f.
  2. a b c d e Matthias Venetz: Die «Genfer Blutnacht» – vor 90 Jahren erschoss die Armee 13 Zivilisten. In: Neue Zürcher Zeitung. 7. November 2022, abgerufen am 7. November 2022.
  3. a b c d e f g h i j k Christian Schütt (Redaktor): Chronik der Schweiz. Chronik Verlag/Ex Libris Verlag, Dortmund/Zürich 1987, ISBN 3-7178-0026-4, S. 521 (ISBN der Ausgabe bei Ex Libris).
  4. a b c d Raymond Spira: « Ce soir à 20 heures les Fascistes... » – Les événements du 18 septembre 1934 à La Chaux-de-Fonds (= Collection Découverte. Nr. 1). Éditions Alphil, Neuchâtel 2014, ISBN 978-2-88930-004-4, S. 11.
  5. Frédéric Auvrai, Rachel Gachod-Schinko, Monika Kopyczinski et al.: Handwörterbuch Französisch – Rund 255.000 Stichwörter und Wendungen. Hrsg.: Majka Dischler, Projektleitung. Ernst Klett Verlag, Stuttgart 2004, ISBN 3-12-517581-X, S. 760 (das Pons-Handwörterbuch Französisch übersetzt sieur mit Herr Soundso).
  6. Aufstand in Genf. In: Salzburger Chronik für Stadt und Land / Salzburger Chronik / Salzburger Chronik. Tagblatt mit der illustrierten Beilage „Die Woche im Bild“ / Die Woche im Bild. Illustrierte Unterhaltungs-Beilage der „Salzburger Chronik“ / Salzburger Chronik. Tagblatt mit der illustrierten Beilage „Oesterreichische/Österreichische Woche“ / Österreichische Woche / Salzburger Zeitung. Tagblatt mit der illustrierten Beilage „Österreichische Woche“ / Salzburger Zeitung, 10. November 1932, S. 1 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/sch
  7. Ursachen und Ziele der Genfer Aufruhrbewegung. In: Innsbrucker Nachrichten, 11. November 1932, S. 2 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/ibn
  8. Mobilisierung einer Teiles der Schweizer Armee. In: Neue Armee-Zeitung / Danzer’s Armee-Zeitung / Oesterreichische Wehrzeitung. Zeitschrift für Wehrfragen, Politik u(nd) Wirtschaft, 18. November 1932, S. 2 (Online bei ANNO).Vorlage:ANNO/Wartung/daz
  9. 2903. Verhaftung des Hrn. Nationalrat Nicole. Immunitätsfrage. In: Amtliches stenographisches Bulletin der Bundesversammlung, Winter-Session 1932. S. 1045 ff., 1067 ff., abgerufen am 8. November 2022.
  10. Laura Hunter: Les manifestants condamnés seront-ils réhabilités? In: Le Courrier. 18. Februar 2016, abgerufen am 5. März 2016.
  11. 17.300 Standesinitiative Genf. Rehabilitierung von sieben wegen der Beteiligung an der Demonstration vom 9. November 1932 verurteilten Personen. In: Geschäftsdatenbank Curia Vista (mit Text der Initiative, Links auf Kommissionsberichte und Ratsdebatten). Parlamentsdienste, abgerufen am 8. November 2022.