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Tulpenfeld, Luftaufnahme (2015)
Blick über die Allianzbauten am Tulpenfeld während der Bauphase (1967)
Das 18-geschossige Tulpenfeld-Hochhaus, heute Sitz der Bundesnetzagentur (2014)
Tulpenfeld, Haus 7 mit ehemaligem Saal der Bundespressekonferenz (2014)

Das Tulpenfeld (auch Allianzbauten am Tulpenfeld) ist ein Gebäudeensemble im Bonner Bundesviertel, das von 1964 bis 1969 auf einem zuvor landwirtschaftlich genutzten Areal entstand. Es wird von einem 18-geschossigen Bürohochhaus mit dreigeschossigem Anbau dominiert, dem sich drei sechsgeschossige Bürohäuser mit niedrigeren Anbauten sowie drei dreigeschossige Atriumhäuser angliedern. Das Tulpenfeld ist eine Station des Geschichtsrundwegs Weg der Demokratie.

Lage und GliederungBearbeiten

Das Ensemble erstreckt sich im Zentrum des Bundesviertels (Ortsteil Gronau) zwischen Helmut-Kohl-Allee (Bundesstraße 9) im Westen und Winston-Churchill-Straße/Fritz-Erler-Straße im Osten sowie Heussallee im Norden und einem zum „Trajektkreisel“ (Helmut-Schmidt-Platz) gelegenen Bürogebäude im Süden. Es ist in die Häuser 1–10 gegliedert, deren gemeinsame Anschrift zunächst Heussallee 2–10, Allianzplatz lautete, bis sie 2000 als Tulpenfeld 1–10 eigene Hausnummern erhielten.[1]

GeschichteBearbeiten

Das Ensemble wurde in sechs Bauabschnitten von 1964 bis 1969 nach einem Entwurf des Düsseldorfer Architekten Hanns Dustmann von der Allianz AG im Auftrag des Bundes errichtet. Als Gartenarchitekt wirkte Wolfgang Darius. Die Bauten waren das Ergebnis des Beschlusses des Deutschen Bundestages von 1956, in Bonn keine weiteren bundeseigenen Gebäude mehr zu verwirklichen, da die Stadt als Bundeshauptstadt zunächst Provisorium blieb. Der dennoch entstehende Raumbedarf sollte angemietet werden. Das zunächst nach dem Bauherren als „Allianzplatz“ bezeichnete Tulpenfeld war das erste städtebauliche Ensemble im Bereich des neu entstandenen Parlaments- und Regierungsviertels.[2] Die Einweihung des Ensembles erfolgte bereits am 27. Oktober 1967, bevor im letzten Bauabschnitt noch ein Hotel („Hotel am Tulpenfeld“; Haus 6) mit 160 Betten und Konferenzanbau dazukam. Zu ihm gehörte auch ein bereits zuvor mit dem Gesamtensemble eröffnetes Restaurant („Restaurant am Tulpenfeld“; Haus 8a) mit weiteren Konferenzräumen.[3][4]

Ab 1968 waren in den Gebäuden verschiedene Bundesministerien untergebracht; von 1978 an hatten auch Abgeordnete des Deutschen Bundestages dort ihre Büros. Bekannt wurde das Tulpenfeld vor allem durch die seit 1967 hier stattfindenden Bundespressekonferenzen, die bis zum 4. August 1999 in dem an beiden Längsseiten verglasten Saal eines der beiden sechsgeschossigen Gebäude (Haus 7) abgehalten wurden. Dieser Bau wurde auch als das „Pressehaus“ bezeichnet; hier waren fast alle Bonner Korrespondenten der großen Tages- und Regionalzeitungen, Presseagenturen wie die dpa, sowie einige ausländische Korrespondenten untergebracht. Das Hotel wurde Mitte der 1980er-Jahre geschlossen und 1986 zum Bürogebäude für den Bundestag umfunktioniert, in dem bis zur Fertigstellung des neuen Plenargebäudes auch das Bundestagspräsidium beheimatet war.[5][6][7] Auch das Restaurant wurde im Juni 1991 geschlossen.[4] Im nördlichen der drei Atriumbauten war bis Sommer 1999 die schwedische Botschaft beheimatet (→ Liste der diplomatischen Vertretungen).

Im Zuge der Verlegung des Parlaments- und Regierungssitzes nach Berlin 1999 musste für die Liegenschaft eine neue Nutzung gefunden werden. Die durch den Auszug der Abgeordneten und der Ministerien freiwerdenden Bürokapazitäten wurden unter anderem durch die Bundesnetzagentur wiederbesetzt, die im 18-geschossigen Hochhaus untergebracht ist. Auch die drei Atriumbauten werden von der Bundesnetzagentur genutzt.[8] Des Weiteren waren bzw. sind in den Gebäuden Organisationen der Entwicklungshilfe beheimatet, so ab 1999 der Deutsche Entwicklungsdienst und seit 2000 das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik. Deshalb wurde das Tulpenfeld auch als „Nord-Süd-Zentrum“ bezeichnet. Der vormalige Saal der Bundespressekonferenz wurde ab 1999 nur noch sporadisch genutzt[9], heute hat er keine aktive Funktion mehr und gehört zu der im ehemaligen Pressehaus ansässigen Organisation Engagement Global.[10]

Die Gebäude wurden von 2001 bis 2006 im Auftrag des Bundes für etwa 50 Millionen Euro saniert. Seit Juli 2009 steht der Tulpenfeld-Komplex teilweise als Baudenkmal unter Denkmalschutz.[11] Einer seitens des Gebäudeeigentümers erhobenen Klage gegen die Unterschutzstellung wurde in Teilen stattgegeben, sodass nunmehr die Fassade und die Kubatur der Gebäude, Teile des Inneren (darunter der Saal der Bundespressekonferenz) sowie der Freiflächen unter Schutz stehen.[12]

RezeptionBearbeiten

„[E]ine phantasielos-glatte Ansammlung mehrerer Gebäudekomplexe (…). Teure Materialien und aufwendige Verarbeitung können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Großbauten aus dem städtebaulichen Zusammenhang Bonns herausfallen und nicht zu einem integrierenden Bestandteil kommunalen Lebens geworden sind. Die gesamte Gebäudefolge, weder vom Verkehr aktiviert noch von der Fluktuation einer breiteren Öffentlichkeit mit Leben erfüllt, bildet ein Ensemble kalter Pracht in unattraktiver Umgebung.“

„Die vielfach gescholtenen Allianzbauten am Tulpenfeld von Hanns Dustmann, geplant als städtebauliche Ordnungsfaktoren, haben einen für das Regierungsviertel ganz eigentümlichen Charakter von kühler Distanziertheit. (…) Die glatten Fassaden der Stahlbetonskelettbauten mit ihren edlen Verkleidungen schaffen eine eigenartige virtuelle Kulissenatmosphäre von fotographischer Kälte.“

„Der 1964 bis 1969 erbaute Gebäudekomplex des ‚Tulpenfeldes‘ an der B 9 war längst zur mächtigen, bezeichnenderweise aber als solches nicht wahrnehmbaren Dependance des Deutschen Bundestages geworden (…). Denn das Verbergen der wahren Größe und Bedeutung gehörte zu den städtebaulichen Charakteristika dieses Machtzentrums – eine frappierende Korrespondenz zwischen staatlichem Selbstverständnis und Stadtgestalt.“

„Die ‚Allianzbauten‘ am Tulpenfeld sind als städtebauliche Ordnungsfaktoren geplant worden und bilden innerhalb des Regierungsviertels einen eigenen Akzent, gleichsam eine ‚Bürostadt‘, die eine geschlossene städtebauliche Einheit bildet, die man regelrecht betritt und die in sich gegliedert ist mit ihrer weiträumigen, verkehrsfreien Anordnung, einer platzräumlichen – wenn auch heute im Detail veränderten – Gestaltung.“

LiteraturBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Liste der Straßen im Bonner Ortsteil Gronau
  2. Die Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn (Hrsg.); Friedrich Busmann: Vom Parlaments- und Regierungsviertel zum Bundesviertel. Eine Bonner Entwicklungsmaßnahme 1974–2004. Bonn, Juni 2004, S. 33.
  3. Karl Gutzmer: Chronik der Stadt Bonn. Chronik-Verlag, Dortmund 1988, ISBN 3-611-00032-9, S. 237.
  4. a b Die letzte freie Kneipe macht dicht, Das Ostpreußenblatt, 6. Juli 1991
  5. Nicht pingelig. In: Der Spiegel. Nr. 31, 1986, S. 34–36 (online28. Juli 1986).
  6. Ursula Salentin: Ich bleibe Rita Süssmuth: eine Biographie. Herder, Freiburg im Breisgau 1993, ISBN 978-3-451-04162-4, S. 9.
  7. a b Die Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn (Hrsg.); Friedrich Busmann: Vom Parlaments- und Regierungsviertel zum Bundesviertel. Eine Bonner Entwicklungsmaßnahme 1974–2004. Bonn, Juni 2004, S. 105.
  8. Bonner Bundesnetzagentur breitet sich im Tulpenfeld aus, General-Anzeiger, 13. Oktober 2006
  9. Schröder lädt erfahrene Reformer nach Bonn ein, Sueddeutsche Zeitung, September 2004.
  10. Der alte Saal der Bundespressekonferenz öffnet seine Türen, General-Anzeiger, 9. September 2013.
  11. Denkmalliste der Stadt Bonn (Stand: 15. März 2019), Nummer A 4056.
  12. a b Angelika Schyma: Bonn, ehemaliges Regierungsviertel, Tulpenfeld 2–10. Denkmalwert vor dem Verwaltungsgericht Köln. In: Landschaftsverband Rheinland (Hrsg.): Denkmalpflege im Rheinland, 28. Jahrgang Nr. 4, 4. Vierteljahr 2011, S. 181–184 (PDF; 490 kB).
  13. Frank-Lothar Kroll: Bundeshauptstadt Bonn. Ein Danaergeschenk? In: Bundesministerium für Bauwesen, Raumordnung und Städtebau (Hrsg.): Vierzig Jahre Bundeshauptstadt Bonn 1949–1989. C. F. Müller, Karlsruhe 1989, ISBN 3-7880-9780-9, S. 92–115 (hier: S. 109/110).
  14. Angelika Schyma: »Eine kleine Stadt in Deutschland« – das Regierungsviertel der ehemaligen Bundeshauptstadt. In: Landschaftsverband Rheinland, Rheinisches Amt für Denkmalpflege: Denkmalpflege im Rheinland, ISSN 0177-2619, 16. Jahrgang, Nr. 2, 1999, S. 49–62 (hier: S. 55/56).


Koordinaten: 50° 42′ 56,6″ N, 7° 7′ 25,7″ O