Trockenwohner

Als Trockenwohner (auch Trockenbewohner;[1] Trockenmieter[2]) bezeichnete man in der Zeit der Industrialisierung Menschen, die zeitweilig in neu errichteten Wohngebäuden wohnten (auch als Mietskasernen bezeichnet), deren Wände noch nicht ausreichend getrocknet waren.

Heinrich Zille: In der Dachstube (um 1912)

WortgeschichteBearbeiten

Der Begriff wurde 1863 von der Satirezeitschrift Kladderadatsch geprägt. Sie definierte ihn wie folgt: „,Trockenwohner‘ nennt man in Berlin die Proletarier, welchen die Häuserspekulanten die Wohnungen in ihren neu erbauten, eben fertig gewordenen Häusern ohne Forderung eines Mietzinses überlassen, bis jede Feuchtigkeit aus dem Neubau verschwunden ist und das Haus für zahlende Mieter bewohnbar ist.“[3] Der Ausdruck wurde von der Zeitschrift scherzhaft im übertragenen Sinne für Personen des öffentlichen Lebens verwendet, etwa einen abberufenen preußischen Minister.[4]

Bautechnischer HintergrundBearbeiten

Anders als Zementmörtel setzt der zu dieser Zeit beim Häuserbau noch dominierende billigere Kalkmörtel bei seiner Aushärtung noch einmal weiteres Wasser frei, so dass ein mit solchem Mörtel gebautes Haus typischerweise drei Monate benötigte, bis es bewohnbar war. In dieser Zeit wurde es kostenlos oder zu niedriger Miete an „Trockenwohner“ vergeben, die das Haus schon allein durch ihre Anwesenheit beheizten und außerdem mit dem Kohlenstoffdioxid ihrer Atemluft zur schnelleren Aushärtung des Mörtels beitrugen, bis es schließlich so weit getrocknet war, dass man die Wohnungen zur vollen Miete regulär vermieten konnte.

Gesellschaftlicher HintergrundBearbeiten

Da die neue städtische Arbeiterklasse in der Zeit der Industrialisierung unter permanentem Wohnungsmangel und überhöhten Mieten litt, stellte das „Trockenwohnen“ eine Alternative zur Obdachlosigkeit dar. Die Feuchte der Häuser allerdings hatte auch negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Bewohner, die zudem alle drei Monate die Wohnung wechseln mussten. Hinzu kam, dass die potenziellen Trockenwohner in der Regel keine Möbel besaßen, um die Wohnungen zu möblieren, und meist auch keine Heizung.

Rezeption in der KulturBearbeiten

Der Berliner Zeichner Heinrich Zille stellte das Milieu der Trockenwohner auf seinen Arbeiten dar. Der Maler Otto Nagel beschreibt die Trockenwohner 1955 in seinem Werk über Zille:

Die Rabitzwand feierte Triumphe. Die Bezeichnung „Schwindelbauten“ für Häuser, die aus mehr Schutt als Steinen errichtet waren, wurde zu einer geläufigen Redensart. Die Kategorie der „Trockenwohner“ entstand, Menschen, die bereit waren, in die noch nassen Bauten einzuziehen, um durch ihr Wohnen den Trockenprozeß zu beschleunigen, und damit gleichzeitig den Ruin ihrer Gesundheit. Diese Mieter waren meist, mit den Ärmsten der Armen, die gleichen Menschen, die jene Häuser erbaut hatten; durch die Witterung waren sie arbeitslos geworden und wohnten während dieser Arbeitslosenzeit eben als Trockenmieter.[5]

Der Schriftsteller Hans Fallada erwähnt in seinem 1953 erschienenen Roman Ein Mann will nach oben die Situation von Trockenwohnern in den Berliner Neubaugebieten um die Wende zum 20. Jahrhundert. Der Philosoph Walter Benjamin schreibt 1936 in seinem Aufsatz Der Erzähler: „Heute sind die Bürger in Räumen, welche rein vom Sterben geblieben sind, Trockenwohner der Ewigkeit, und sie werden, wenn es mit ihnen zu Ende geht, von den Erben in Sanatorien oder in Krankenhäusern verstaut.“[6] In seinem im gleichen Jahr verfassten Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit schreibt er über Charlie Chaplin als Exzentriker: „In den neuen Spielräumen, die durch den Film entstanden, ist er als erster zu Hause gewesen; ihr Trockenbewohner.“[7]

LiteraturBearbeiten

  • N.N.: „Aus den Aufzeichnungen eines Trockenwohners“, in: Kladderadatsch, 23. August 1863, S. 150, Digitalisat
  • Oscar Wagner: Die Trockenwohner. Parodistisch-realistischer Vorgang in einem Aufzug. Reclam, Leipzig 1893. (Universal-Bibliothek 3054)
  • Otto Nagel: H. Zille. Veröffentlichung der Deutschen Akademie der Künste. Henschelverlag Berlin, 1955.
  • Gerhard A. Ritter / Klaus Tenfelde: Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871–1914. Bonn, 1992. S. 594.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Theodor Fontane: Werke, Schriften und Briefe. Hanser, 1970, ISBN 978-3-446-10697-0, S. 1151 (google.de [abgerufen am 23. November 2021]).
  2. Kurt Tucholsky: Schloss Gripsholm. 1931, S. 76 (google.de [abgerufen am 23. November 2021]).
  3. Archiv für die Geschichte deutscher Sprache und Dichtung. Verlag von Kusala Voigt, 1874, S. 279 (google.de [abgerufen am 23. November 2021]).
  4. Otto Ladendorf: Historisches Schlagwörterbuch: Ein Versuch. Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 2019, ISBN 978-3-11-149620-7, S. 315 (google.de [abgerufen am 23. November 2021]).
  5. Otto Nagel: H. Zille. Henschelverlag Berlin, 1970, S. 146 ff.
  6. Walter Benjamin: Der Erzähler. Beobachtungen zum Werk Nikolai Lesskows. In: Ders.: Illuminationen. Ausgewählte Schriften. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, S. 385–410.
  7. Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Band I, Werkausgabe Band 2, herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1980, ISBN 3-518-28531-9, S. 431–469; S. 462.