Tranexamsäure

chemische Verbindung

Tranexamsäure (AMCHA oder TXA) ist eine Substanz, die in der Medizin zur Hemmung des Fibrinolysesystems verwendet wird. Der Wirkungsmechanismus beruht dabei auf einer Komplexbildung mit Plasminogen, wodurch dessen Bindung an die Fibrinoberfläche gehemmt wird. Damit resultiert letztlich eine Hemmung der Gerinnselauflösung (Fibrinolyse). Es wird daher als Antifibrinolytikum (Fibrinolysehemmer) bezeichnet.

Strukturformel
Strukturformel von Tranexamsäure
Allgemeines
Freiname Tranexamsäure
Andere Namen

trans-4-(Aminomethyl)cyclohexan-1-carbonsäure (AMCHA)

Summenformel C8H15NO2
Kurzbeschreibung

beigefarbener Feststoff[1]

Externe Identifikatoren/Datenbanken
CAS-Nummer 1197-18-8
EG-Nummer 214-818-2
ECHA-InfoCard 100.013.471
PubChem 5526
ChemSpider 10482000
DrugBank DB00302
Wikidata Q418666
Arzneistoffangaben
ATC-Code

B02AA02

Wirkstoffklasse

Fibrinolyse-Hemmer

Wirkmechanismus

Lysin-Analog

Eigenschaften
Molare Masse 157,21 g·mol−1
Aggregatzustand

fest

Schmelzpunkt

386–392 °C (Zersetzung)[2]

Löslichkeit
Sicherheitshinweise
Bitte die Befreiung von der Kennzeichnungspflicht für Arzneimittel, Medizinprodukte, Kosmetika, Lebensmittel und Futtermittel beachten
GHS-Gefahrstoffkennzeichnung [1]
07 – Achtung

Achtung

H- und P-Sätze H: 315​‐​319​‐​335
P: 261​‐​305+351+338 [1]
Toxikologische Daten

1200 mg·kg−1 (LD50Rattei.v.)[1]

Soweit möglich und gebräuchlich, werden SI-Einheiten verwendet. Wenn nicht anders vermerkt, gelten die angegebenen Daten bei Standardbedingungen.

Pharmakologische Informationen
Verabreichungsart peroral (p.o.); intravenös (i.v.); lokal
Bioverfügbarkeit 30–50 % nach peroraler Gabe, unbeeinträchtigt durch gleichzeitige Nahrungsaufnahme. Plazentagängig 100 %. Plasmaproteinbindung 3 % (fast ausschließlich an Plasmin). Muttermilchgängig 1 %.
Metabolismus geringfügig in der Leber; terminale Halbwertszeit 2 Stunden, Verteilungsvolumen 9–12 L
Wechselwirkungen Faktor IX Thromboserisiko Steigerung
Ausscheidung Urin 95 % als unveränderte Substanz
Stuhl
Inkompatibilität N.N.
Klinische Informationen
Indikation(en) Kinder Blutungsprävention oder -minderung bei Hämophilie (z. B. Zahnfleischbluten)
Erwachsene Blutungsprävention oder -minderung bei Hämophilie (z. B. Zahnfleischbluten)
Nebenwirkungen Sehstörungen. Übelkeit, Erbrechen, Durchfall. Blutdruckabfall (bei schneller i.v. Gabe).
Kontraindikation(en) Niereninsuffizienz (Dosisanpassung erforderlich). Harnwegsblutung (Obstruktionsgefahr). Bestehende Thrombosen.
Zulassungsstatus
  Deutschland USA EU
Zulassungsdatum TT.MM.JJJJ 30.12.1986 TT.MM.JJJJ
Status Apothekenpflichtig. Rezeptpflichtig.

Herkunft und HerstellungBearbeiten

Tranexamsäure ist ein synthetischer Stoff, der der Aminosäure Lysin ähnelt. Er zählt wie ε-Aminocapronsäure und p-Aminomethylbenzoesäure zur Gruppe der sogenannten ε-Aminocarbonsäuren.

WirkungsmechanismusBearbeiten

Tranexamsäure blockiert die Bildung von Plasmin durch Hemmung der proteolytischen Aktivität der Plasminogenaktivatoren. Dadurch wird Plasmin in seiner Fähigkeit Fibrin zu lysieren behindert. Bei niedriger Dosis wirkt Tranexamsäure als kompetitiver Hemmer des Plasmins, bei hoher Dosierung als nicht-kompetitiver Hemmer. Alle ε-Aminocarbonsäuren wirken analog.

PharmakokinetikBearbeiten

Aufnahme und BioverfügbarkeitBearbeiten

Tranexamsäure ist nach peroraler Gabe zu 30–50 % bioverfügbar. Das Verteilungsvolumen beträgt 9–12 L. Die Halbwertszeit ist 2 Stunden.

VerstoffwechselungBearbeiten

Tranexamsäure wird nur sehr geringfügig in der Leber verstoffwechselt. Als Stoffwechselprodukte haben sich Carboxylsäure (1 % der verabreichten Dosis) und die acetylierte Form von Tranexamsäure (0,1 % der verabreichten Dosis) im Urin vorfinden lassen.

AusscheidungBearbeiten

Die Ausscheidung erfolgt zu 95 % über die Nieren und Harnwege (renale Elimination). Auf Grund der fast ausschließlich renalen Eliminierung der Substanz muss die Dosis bei Niereninsuffizienz vor allem bei längerer Anwendung reduziert werden, damit keine Akkumulation von Tranexamsäure im Plasma erfolgt. In Abhängigkeit vom Kreatinin im Serum wird die Anzahl der Einzeldosen pro Tag vermindert.

WechselwirkungenBearbeiten

Bei gemeinschaftlicher Verabreichung von Tranexamsäure und Faktor IX wird ein erhöhtes Thromboserisiko beobachtet.

AnwendungsgebieteBearbeiten

  • Zur Verhinderung oder Linderung von Blutungen bei Zahnextraktion oder Zahnfleischblutungen bei Hämophilie.
  • Generalisierte und/oder lokale Hyperfibrinolyse (verstärkte Fibrinolyse). Minderung der Hyperfibrinolyse, entstanden entweder durch Überschuss an Plasmin (Hyperplasminämie) oder als Folge einer thrombolytischen Behandlung mit beispielsweise Streptokinase. Eine erhöhte lokale Fibrinolyse kann bei Prostataoperationen und Operationen an den Harnwegen, bei rezidivierenden Blutungen des Gastrointestinaltraktes, bei Colitis ulcerosa, bei essentieller oder IUP-induzierter Hypermenorrhoe (vermehrter Monatsblutung), bei Nasenbluten und nach Zahnextraktion bei Patienten mit Gerinnungsstörungen (Koagulopathien) auftreten. Ebenso wird Tranexamsäure bei Operationen mit extrakorporalem Kreislauf (Herz-Lungen-Maschine) verwendet und auch beim akuten Schädel-Hirn-Trauma[3] eingesetzt.
  • Tranexamsäure findet als Antidot (Gegenmittel) bei der Blockierung von Fibrinolytika wie Streptokinase eine weitere Anwendung. Alternativ gab man hier auch den Proteinaseinhibitor (Antiplasmin) Aprotinin, der wegen seiner thrombogenen Wirkung 2007 vom Markt genommen wurde.

NebenwirkungenBearbeiten

  • Allergische Reaktionen kommen sowohl systemisch (am ganzen Körper) als auch in Form von Hautausschlägen vor.
  • Tranexamsäure kann insbesondere bei Patienten mit angeborener oder erworbener Neigung zu Thrombosen (Thrombophilie) zu einer Bildung oder Vermehrung von Thrombosen führen. Thrombosen können nachfolgend zu Embolien führen (Lungenembolie, Schlaganfall). Eine Meta-Analyse von 216 Studien zur Häufigkeit thrombotischer Komplikationen nach der intravenösen Gabe von Tranexamsäure fand kein erhöhtes Risiko im Vergleich zu Placebo oder keinem Eingriff.[4] Die Meta-Analyse legt nahe, dass intravenös verabreichte TXA auch unabhängig von der Dosierung das Risiko thromboembolischer Ereignisse nicht erhöht – auch nicht bei Neurologie-Patienten. Allerdings kritisieren mehrere Kommentatoren die Heterogenität der Studien.[5]
  • Vorhofflimmern mit erhöhtem Schlaganfallrisiko.
  • Tranexamsäure kann bei Menschen Sehstörungen auslösen. Im Tierexperiment wurden Schädigungen der Netzhaut beschrieben.

Gegenanzeigen (Kontraindikationen)Bearbeiten

  • Stillzeit. Tranexamsäure geht in die Muttermilch über (in sehr geringen Konzentrationen von ca. 1 % der Plasmakonzentration).
  • Blutungen im Harntrakt. Es können durch Anwendung von Tranexamsäure Verstopfungen der Harnleiter mit nachfolgendem Urinaufstau entstehen.
  • Thrombosen. Thrombosen (vorbestehend) werden bei Gabe von Tranexamsäure gefördert.
  • Sepsis und DIC (disseminierte intravasale Gerinnung).

Darreichungsformen und WirkstärkenBearbeiten

  • 1 Filmtablette enthält 500 mg Tranexamsäure.
  • 1 Ampulle mit 5 ml enthält 500 mg Tranexamsäure.
  • 1 Ampulle mit 10 ml enthält 1000 mg Tranexamsäure.
  • 1 Brausetablette enthält 1000 mg Tranexamsäure.

HandelsnamenBearbeiten

Cyklokapron, Hersteller: MEDA Pharma; Quixil Hersteller: OMRIX biopharmaceuticals

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b c d Datenblatt trans-4-(Aminomethyl)cyclohexanecarboxylic acid, 97% bei Sigma-Aldrich, abgerufen am 24. April 2011 (PDF).Vorlage:Sigma-Aldrich/Abruf nicht angegeben
  2. a b c Eintrag zu Tranexamsäure. In: Römpp Online. Georg Thieme Verlag, abgerufen am 28. Dezember 2014.
  3. Nicola Siegmund-Schultze: Akutes Schädel-Hirn-Trauma. Tranexamsäure, früh infundiert, verringert verletzungsbedingte Sterblichkeit. In: Deutsches Ärzteblatt. Band 116, Heft 51 f., 23. Dezember 2019, S. B 1974 f.
  4. Isabel Taeuber et al.: Association of Intravenous Tranexamic Acid With Thromboembolic Events and Mortality - Published online. In: JAMA Surg. April 2021. doi:10.1001/jamasurg.2021.0884.
  5. John B. Holcomb et al.: Tranexamic Acid and Safety in the Right Patient - Published online. In: JAMA Surg. April 2021. doi:10.1001/jamasurg.2021.0929.