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Familienwappen der Thurzos

Die Thurzo oder Turzo (auch: Thurzo von Bethlenfalva (dt. von Bethelsdorf, slow. z Betlanoviec); ungarisch Thurzó; slowakisch Thurzo/Turzo) waren eine wohlhabende mitteleuropäische Kaufmannsfamilie der Frühen Neuzeit.

GeschichteBearbeiten

 
Stammsitz der Thurzo in Betlanovce (Bethelsdorf)/Zips

Der Name taucht erstmals in einer bayerischen Urkunde aus der Mitte des 12. Jahrhunderts auf, Zusammenhänge zu den Thurzo aus der Zips sind aber umstritten und nicht geklärt. Georg I. Thurzo († 1460) nannte sich seit 1430 Herr von Bethelsdorf. Die Familie gehörte zu den ältesten der „sedes decem lanceatorum“ (nobilitas lanceati) in der Zips, die 1412 bis 1772 vom Königreich Ungarn an Polen verpfändet war. Ihr Stammsitz war um 1430 in der Bergstadt Leutschau (slowakisch: Levoča, ungarisch: Lőcse, polnisch: Lewocza). Von dort siedelte Johann I. Thurzo (Ján Thurzo) 1464 ins polnische Krakau um, wo er 1465 das Bürgerrecht erwarb, bald das Amt eines Ratsherrn bekleidete und später Bürgermeister wurde.

 
Stadtpalais der Thurzo in Levoča (Leutschau)
 
Stadtpalais der Thurzo in Banská Bystrica (Neusohl)

Johann und einige seiner Söhne betrieben einen umfangreichen Rohstoffhandel in ganz Europa, vor allem mit Kupfer, Silber und Blei. Umfangreich engagierten sie sich im Bergbau, hauptsächlich nach Schwarzkupfererz (mit Silberanteilen) in der heutigen Slowakei (Ober- und Niederungarn, in den größten Minen von Neusohl seit 1475) und nach Blei- Silbererz in Siebenbürgen, Böhmen, Schlesien und Kleinpolen. Finanz- und Handelspartner der Thurzo wurden neben wohlhabenden Krakauer Ratsherren vor allem die Augsburger Fugger, die sich auch auf diesem Gebiet kaufmännisch engagierten und durch Heiraten mit den Thurzos in verwandtschaftliche Beziehungen traten. 1494 wurde die Gesellschaft „Ungarischer (Kupfer-)Handel“ mit Jakob Fugger gegründet, die auch „Fugger-Thurzo-Gesellschaft“ genannt wurde, die bis 1526 den Kupfer- und Silberbergbau der Länder im überregionalen Saigerhandel zusammenschloss und monopolisierte. Dazu wurden große Mengen Werkblei aus Kleinpolen, Böhmen, Schlesien und Siebenbürgen an die Seigerhütten der Gesellschaft geliefert, wo sie im relativ neu entwickelten siebenstufigen Verfahren der Seigerung mit Schwarzkupfer (Kupfer-Silbererz) aus Oberungarn eingeschmolzen und schließlich in Kupfer, Silber und Blei getrennt wurden. Die drei Seigerhütten der Fugger-Thurzo-Gesellschaft standen in Neusohl, Moštenica und Mogiła.[1] Es entstand ein Wirtschaftsimperium, das bis in den Westen des Kontinents reichte. Während die Silber- und Golderträge auf dem europäischen Währungsmarkt gehandelt wurden, wurde die Kupferausbeute (in den 1520er Jahren jährlich 37.000 Zentner) meist über die Oder, Ost- und Nordsee zum zentralen europäischen Kupfermarkt in Antwerpen verschifft, auf dem sie an portugiesische, niederländische und englische Überseehändler verkauft wurde.[2] Die überseeischen Entdeckungen hatten in Westafrika und Indien neue Märkte für das dort sehr seltene Kupfer erschlossen, in Indien war es als dominierendes Münzmetall beliebter, als die dort häufigeren Edelmetalle.[3] Die Thurzo zählten zu den reichsten Kaufleuten Europas. Sie dominierten zeitweise das Wirtschaftsleben in Städten wie Frauenbach (rum.:Baia Mare; ung.: Nagybánya), Neusohl (slow.: Banská Bystrica; ung.: Besztercebánya) und Kuttenberg (Kutná Hora), aber auch in der niederschlesischen Region des Reichensteiner Gebirges. Johanns Söhne Alexius Thurzo (Alexej Thurzo; Aleksy Thurzo) und Georg Turzo (Juraj Thurzo) dehnten das Imperium bis nach Kleinpolen (Olkusz und Mogiła) aus, erwarben zeitweise das oberschlesische Fürstentum Pleß und kurzzeitig das niederschlesische Herzogtum Wohlau und entwickelten enge Kontakte zum polnischen Königshof. Die für den geistlichen Stand bestimmten Söhne Johannes und Stanislaus wurden Bischöfe.

Die Familie trat außerdem als Förderin von Kunst und Kultur in Erscheinung, u. a. durch den engen Kontakt zum Renaissance-Humanismus und als Auftraggeber der Renaissance in Ostmitteleuropa.

 
Grabstein von Georg III. Thurzo in der Kapelle der Arwaburg

Steigende Investitionskosten beim Vordringen des Bergbaus in größere Tiefen für Planung, Verwaltung und besonders für Pumptechnik gegen häufigere Grundwassereinbrüche, sinkende Ausbeute, die Konkurrenz Mansfelder Kupfers und amerikanischen Silbers, die rapide steigende Steuerlast zur Finanzierung des Türkenkrieges der Habsburger gegen die osmanische Besetzung Ungarns nach der Schlacht von Mohács und Bergarbeiteraufstände in Oberungarn gegen Lohnrückgänge verschlechterten die Geschäfte nach 1525 sehr schnell. Die Thurzo stiegen schon 1527 aus der Fugger-Thurzo-Gesellschaft aus und zogen sich auf ihre Landgüter in der ungarischen und polnischen Zips und in Oberschlesien zurück. Die Fugger führten die Gesellschaft noch bis 1546 weiter, bis ihnen die Habsburger als Könige von Ungarn die Konzession für die zuletzt schlecht geführte Gesellschaft entzogen und sie in die königlich ungarische Bergbaudirektion eingliederten.[4]

Auch durch ihr Vermögen stiegen die Thurzos in Ungarn in den Magnatenstand auf, Georg III. Thurzo war Palatin von Ungarn. Sie wurden zeitweilig Besitzer der prominenten Arwaburg, auf der Georg III. Thurzo bestattet ist, der ehemals königlichen Zipser Burg, der Burg Trenčín, der Burg Lietava, errichteten den Renaissance-Palast auf der Burg in Bytča usw. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts starben die Hauptlinien der Familie Thurzo aus.

WappenBearbeiten

Geteilt; Oben in Rot ein goldener, wachsender Löwe; Unten in Gold drei (2, 1) rote Rosenblüten; Helm: ein gekrönter Turnierhelm; Helmzier: ein goldener, wachsender Löwe. Helmdecken: gold, rot.

Bedeutende Angehörige der FamilieBearbeiten

– Alle Namen werden auf Deutsch auch "Turzo" geschrieben. –

Johanns Söhne:

  • Johann(es)/Hans V. Thurzo (1466–1520), Professor und Rektor der Krakauer Akademie, Fürstbischof von Breslau
  • Georg I. Thurzo (Juraj Thurzo, György Thurzó) (1467–1521), verh. mit Anna Fugger, Tochter des Ulrich Fugger. Oberster Münzmeister von Ungarn; führte die Geschäfte in Ungarn weiter.
  • Stanislaus Thurzo (Stanislav Thurzo) (1470–1540), Bischof von Olmütz
  • Alexius Thurzo (Alexej Thurzo, Aleksy Thurzó) (1490–1525), Hofrichter am ungarischen Hof; führte die Geschäfte in Krakau weiter.
  • Johann(es)/Hans Thurzo (* 1492), Graf von Zips, Kammerpräfekt und Graf auf der Kremnitz, Freiherr von Pleß, Pfandherr von Wohlau mit Raudten und Steinau

Johanns Neffe:

  • Sigismund Thurzo († 1512), katholischer Bischof und Humanist. Studierte in Padua. 1503 Bischof von Neutra, ab 1506 Bischof von Transsilvanien und Großwardein. Sein Name steht in Verbindung mit dem Neubau des bischöflichen Palastes in Großwardein im Renaissance Stil.

Johanns Urgroßneffe:

LiteraturBearbeiten

  • Karen Lambrecht: Aufstiegschancen und Handlungsräume in ostmitteleuropäischen Zentren um 1500. Das Beispiel der Unternehmerfamilie Thurzó. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropaforschung. Band 47, 1998, S. 317–346
  • Oskar Paulinyi: Johann V. Thurzo, Bischof von Breslau. In: Schlesische Lebensbilder. Band 4, S. 1–5, Breslau 1931.
  • Josef Joachim Menzel: Johannes V. Turzo. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 10, Duncker & Humblot, Berlin 1974, ISBN 3-428-00191-5, S. 482 f. (Digitalisat).

WeblinksBearbeiten

FußnotenBearbeiten

  1. Christoph Bartels u. a. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Bergbaus., Münster 2012, Band 1, S. 254–255, 269, 317, 321, 496–497. ; Ian Blanchard: International Lead Production and Trade in the „Age of the Saigerprozess“ 1460–1560. Stuttgart 1994, S. 15–74.
  2. Christoph Bartels u. a. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Bergbaus., Münster 2012, Band 1, S. 496–497.; Ian Blanchard: International Lead Production and Trade in the „Age of the Saigerprozess“ 1460–1560. Stuttgart 1994, S. 15–74.
  3. Christoph Bartels u. a. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Bergbaus., Münster 2012, Band 1, S. 421–423, 450–453; Ian Blanchard: International Lead Production and Trade in the „Age of the Saigerprozess“ 1460–1560. Stuttgart 1994, S. 15–74.
  4. Christoph Bartels u. a. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Bergbaus., Münster 2012, Band 1, S. 496–497.