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Sophia Goudstikker

Fotografin, Frauenrechtlerin
Sophia N. Goudstikker, Ausschnitt aus einer Gruppenaufnahme, um 1894
Fassade des Hofateliers Elvira in München

Sophia N. Goudstikker (* 15. Januar 1865 in Amsterdam; † 21. März 1924 in München) war eine in Deutschland wirkende Fotografin, Unternehmerin und Frauenrechtlerin niederländischer Herkunft.

Jugend, Ausbildung und LebenBearbeiten

Sophia Goudstikker war die Tochter des Amsterdamer Kunst- und Antiquitätenhändlers Salomon Elias Goudstikker und seiner Frau Grietje, geborene Klisser. Die Familie siedelte Ende 1865 nach Hamburg über, 1879 dann nach Dresden, wo Sophia sich ab Mitte der 1880er Jahre in der Malschule von Amalie Augspurg ausbilden ließ. Dort lernte sie auch deren Schwester, die spätere Frauenrechtlerin Anita Augspurg kennen.

Zwischen Goudstikker und der sieben Jahre älteren Augspurg entwickelte sich eine enge Verbindung. 1886 entschieden sich die beiden Frauen, gemeinsam nach München zu ziehen, sich dort als Fotografinnen ausbilden zu lassen und ein Fotoatelier zu gründen. Die Eröffnung des Atelier Elvira fand am 13. Juli 1887 statt.

1898 konvertierte Goudstikker vom Judentum zum Protestantismus. Im gleichen Jahr erwarb sie die bayerische Staatsbürgerschaft sowie das Bürgerrecht der Stadtgemeinde München. Auch privat kam es zu Veränderungen: Goudstikker und Augspurg trennten sich um 1899; Goudstikker lebte fortan mit der Frauenrechtlerin Ika Freudenberg zusammen.

1908 zog Goudstikker sich aus der professionellen Fotografie zurück, um sich verstärkt der Arbeit in der Frauenbewegung zu widmen. 1912 starb ihre Lebensgefährtin Ika Freudenberg an Brustkrebs. In den 1920er Jahren wurde es stiller um Sophia Goudstikker; sie starb im März 1924 nach schwerer Krankheit.[1]

FrauenrechtlerinBearbeiten

Neben ihrer Arbeit als Fotografin setzte sich Sophia Goudstikker für Frauenrechte ein, zunächst gemeinsam mit Anita Augspurg, später mit Ika Freudenberg. Bereits im Jahr 1894 hatte Goudstikker gemeinsam mit Freudenberg die Gesellschaft zur Förderung geistiger Interessen der Frau, den späteren Verein für Fraueninteressengegründet, der 1899 in München den ersten Bayerischen Frauentag ausrichtete.

Goudstikker war Vorsitzende der von ihr in München gegründeten Rechtsauskunftsstelle für Frauen. Sie vertrat schutzlose Frauen vor Gericht und erntete in der Bevölkerung wie auch in Fachkreisen Respekt für ihre Arbeit. Obwohl sie nie Jura studiert hatte, wurde sie 1908 als erste Frau als Verteidigerin an Münchner Jugend- und Schöffengerichten zugelassen. Ab 1912 arbeitete sie mit einer der ersten deutschen Juristinnen, Marie Munk, in ihrer Rechtsschutzstelle zusammen. Die Wege beider Frauen trennten sich jedoch Ende des Jahres 1914.

Zu Goudstikkers Bekanntenkreis und Arbeitsumfeld zählten auch prominente Aktivistinnen wie Helene Stöcker und Gertrud Bäumer, sowie zahlreiche Schriftstellerinnen, darunter Ricarda Huch und Lou Andreas-Salomé.

Unternehmerin und Münchner BohémienneBearbeiten

1887 eröffnete Sophia Goudstikker in München gemeinsam mit Anita Augspurg das Atelier (später: Hof-Atelier) Elvira. Es war eins der ersten von Frauen geführten Unternehmen im Deutschen Reich. Goudstikker und Augspurg waren mit ihren kurz geschnittenen Haaren, der unangepassten Kleidung und ihrem offenen Bekenntnis zur Notwendigkeit eines Befreiungskampfes der bürgerlichen Frau sowie ihrem kaum verborgenen homoerotischen Habitus prominente Erscheinungen der Münchner Bohème ihrer Zeit. Das Geschäft wurde bald zur führenden „hofphotographischen Anstalt“ und zum gesellschaftlichen Treffpunkt, wo neben bekannten Schriftstellern wie Thomas Mann und Heinrich Mann auch Mitglieder des bayerischen Königshauses zu den Kunden zählten. Zunächst war das Unternehmen in der Kaulbachstraße ansässig; um 1900 bezog Goudstikker mit dem Atelier einen von dem Architekten August Endell entworfenen Neubau an der Von-der-Tann-Straße, Ecke Königinstraße.

Augspurg blieb noch einige Jahre wirtschaftlich an dem Unternehmen beteiligt; die Lebenswege der beiden Frauen hatten sich jedoch mittlerweile getrennt. 1908 übergab Goudstikker, nach Augspurgs Rückzug aus dem Geschäft alleinige Eigentümerin, das Atelier Elvira schließlich an die Fotografin Emma Pförtner-Uibleisen, blieb jedoch mit Ika Freudenberg in dem angrenzenden Wohnhaus an der Königinstraße 3 wohnen. Dieses „kleine merkwürdige graugrüne Haus“ beschreibt die besonders mit Ika Freudenberg eng befreundete Berliner Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer in ihren Memoiren als lebendigen, inspirierenden Treffpunkt für „starke [...], lebensvolle [...] Menschen, die sich einen Zugang zu reicheren und freierem Dasein bahnen wollten.“[2]

Der ebenfalls mit Goudstikker und Freudenberg befreundete Schriftsteller Ernst von Wolzogen setzte den Frauen und ihrem Freundinnenkreis in seiner Satire Das Dritte Geschlecht (1899) ein bissig-ironisches Denkmal.[3]

LiteraturBearbeiten

  • Oda Cordes: Marie Munk (1885–1978). Leben und Werk. Böhlau Verlag, Köln / Weimar / Wien 2015, S. 89–93, S. 830.
  • Rudolf Herz, Brigitte Bruns (Hrsg.): Hof-Atelier Elvira 1887–1928. Ästheten, Emanzen, Aristokraten. (Ausstellungskatalog des Münchner Stadtmuseums) München 1985.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Atelier Elvira – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Rudolf Herz: Das Fotoatelier Elvira (1887-1928). Seine Fotografinnen, seine Kundschaft, seine Bilder, in Rudolf Herz, Brigitte Bruns (Hrsg.): Hof-Atelier Elvira 1887–1928. Ästheten, Emanzen, Aristokraten, München 1985, S. 63–128.
  2. Gertrud Bäumer: Lebensweg durch eine Zeitenwende. Rainer Wunderlich Verlag, Tübingen 1933, S. 182 f.
  3. Brigitte Bruns: Das dritte Geschlecht von Ernst von Wolzogen, in Rudolf Herz, Brigitte Bruns (Hrsg.): Hof-Atelier Elvira 1887–1928. Ästheten, Emanzen, Aristokraten, München 1985, S. 171–190.