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Sonja Gerstner

deutsche Malerin und Schriftstellerin

LebenBearbeiten

Sonja Gerstner, jüngere Tochter des DDR-Journalisten Karl-Heinz Gerstner und der Modejournalistin Sibylle Boden-Gerstner, Gründerin der DDR-Modezeitschrift Sibylle, sowie Schwester Daniela Dahns, zeigte mit 17 Jahren erste Symptome einer psychotischen Erkrankung. Mehrere Aufenthalte in der geschlossenen akutpsychiatrischen Station (mit Insulinkoma- und Elektrokonvulsionstherapie) verstärkten ihre Hilflosigkeit und seelische Isolation. Ihre Versuche, sich verständlich zu machen, wurden zumeist ignoriert. Forderungen der Eltern nach psychotherapeutischer Betreuung blieben erfolglos. Gerstner bekam Schwierigkeiten in Schule/Ausbildung, sollte sich auf den Rat der Ärzte hin von ihrem Freund trennen. Nach ihrem dritten Klinikaufenthalt wurde sie im Dezember 1970 entlassen. Sie bezog eine eigene Wohnung, fühlte sich jedoch einsam und lebensunfähig. Am 8. März 1971 setzte sie ihrem Leben ein Ende. Der 8. März gehörte in der DDR als Internationaler Frauentag zu den besonders profilierten Feiertagen.

 
Grabstein für Sonja Gerstner und ihre Mutter Sibylle Boden-Gerstner auf dem Waldfriedhof Kleinmachnow

Nach dem Tod von Sonja Gerstner veröffentlichte die Mutter unter dem Pseudonym Sibylle Muthesius ein viel beachtetes Buch unter dem Titel Flucht in die Wolken über ihre Tochter, das neben Texten mit farbigen Reproduktionen vieler ihrer Bilder ausgestattet ist; es erschien 1981 in der DDR, ein Jahr später in der BRD. Ausstellungen der Bilder und Dokumente folgten.

WerkeBearbeiten

Hoffnungen und Ängste vertraute Sonja Gerstner ihrem Tagebuch an. Daneben schrieb sie Gedichte, Lieder und Briefe. Vor allem seit der mutmaßlich ersten psychotischen Episode äußert sich ihre bildnerische Begabung in surrealistisch-expressionistischen Gemälden und Zeichnungen.

„Sie war vielfältig begabt, hochsensibel, äußerst kreativ. Diese Eigenschaften berechtigten Sonja Gerstner zu der schönen Hoffnung, eine achtbare Künstlerin zu werden. (…) In Bildern, Tagebüchern, Briefen und Gedichten versucht die verstörte junge Frau, ihre Gefühle und Ängste zu verarbeiten. Trotz aller inneren Nöte siegt ihre Liebe zum Leben, zu den Menschen – zunächst.“[1]

Ein großer Teil von Sonja Gerstners Gemälden und Zeichnungen befindet sich als Dauerleihgabe in der Prinzhorn-Sammlung der Universität Heidelberg; sie wurden 2007 von der Mutter übergeben.[2] Ihre Tagebücher, Briefe und andere Texte werden von der Familie archiviert.

Psychiatriegeschichtliche BedeutungBearbeiten

Das Schicksal Sonja Gerstners bildete die Grundlage für das wohl erste, auf jeden Fall aber populärste psychiatriekritische Buch in der DDR, in dem die Situation in den psychiatrischen Einrichtungen recht authentisch beschrieben wird und Behandlungsmethoden wie die Insulinkomatherapie und die Elektrokonvulsionstherapie, aber auch die Isolierung (Bunker) in ihren Auswirkungen auf die Patienten drastisch dargestellt werden.[3][4]

Flucht in die Wolken (...) avancierte durch die kritische Spiegelung der therapeutischen Praxis, die sensible Darstellung psychischer Krankheit und den Tabubruch, Theorien von Sigmund Freud und C. G. Jung zur Interpretation psychischer Krankheiten zu nutzen, in der DDR schnell zum Erfolgsbuch (Übersetzt in acht Sprachen).“[5]

„Aus dem Buch läßt sich die Erkenntnis gewinnen, daß das Elend in der Psychiatrie gesamtdeutsch ist“, resümierte der Spiegel 1982 zum Erscheinen der westdeutschen Ausgabe.[6]

AusstellungenBearbeiten

TagebuchbearbeitungenBearbeiten

  • Sibylle Muthesius: Flucht in die Wolken. Buchverlag Der Morgen, Berlin/DDR 1981. (Eine Zusammenstellung von Gedichten/Songtexten, Tagebuch- und Briefauszügen Sonjas Gerstners, Reproduktionen ihrer Gemälde, Erinnerungen und Interpretationen der Mutter sowie von ihr hinzugefügten Literaturzitaten. Mehrere, leicht unterschiedliche Auflagen.)
  • Auf Grundlage des Buches entstand ein gleichnamiges Theaterstück von Heike Schmidt. Es wurde in der Spielzeit 1991/1992 von den Uckermärkischen Bühnen Schwedt uraufgeführt. Ulrich Schroedter (Gruppe Takayo) vertonte Songtexte von Sonja Gerstner.[12]

Autobiografie des VatersBearbeiten

  • Karl-Heinz Gerstner: Sachlich, kritisch, optimistisch. edition ost, Berlin 1999, ISBN 3-932180-78-X.

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Wulf Skaun: Sonja Gerstners Flucht in die Wolken. In: Leipziger Volkszeitung, 13. Mai 2004.
  2. Sammlung Prinzhorn
  3. Thomas R. Müller: Flucht in die Wolken – Ein außergewöhnliches Kapitel der DDR-Psychiatriegeschichte. In: Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde. Herausgegeben von W. J. Bock und B. Holdorff, Würzburg, Bd. 12 (2006), 427–439.
  4. Thomas R. Müller: Wahn und Sinn. Patienten, Ärzte, Personal und Institutionen der Psychiatrie in Sachsen vom Mittelalter bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. 2. ergänzte Auflage. Frankfurt am Main 2014.
  5. Bernd-Rainer BarthSibylle Boden-Gerstner. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  6. Deutsche Leiden, Rezension in Der Spiegel 30/1982.
  7. Sonja Gerstner: Ausstellung Leipzig 2004
  8. Sächsisches Psychiatriemuseum Leipzig (Memento des Originals vom 13. März 2013 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.durchblick-ev.de
  9. Das Weltrettungsprojekt
  10. Sexualität und Sehnsucht@1@2Vorlage:Toter Link/www.innenwelten-aussenwelten.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven  Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  11. Bild aus der Ausstellung (Memento des Originals vom 12. August 2014 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/lesefutter.en-a.de
  12. Hartmut Krug: Flott daneben. Uckermärkische Bühnen Schwedt: „Flucht in die Wolken“ von Heike Schmidt nach Sibylle Muthesius-Boden. In: Theater der Zeit, 12/1991.