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Säugling während des Stillens

Als Säugling oder Baby bezeichnet man ein Kind im ersten Lebensjahr.

Nach der Geburt wird ein junger Mensch naturgemäß mit Muttermilch ernährt, durch Stillen oder Säugen an der weiblichen Brust. Ähnlich dem Nachwuchs anderer Säugetiere ist der menschliche Säugling für diese Ernährungsform kompetent durch angeborene Reflexe wie den Such- und den Saugreflex. Sie ermöglichen auch die Aufnahme flüssiger Nahrung durch Saugen an einer Flasche und so eine Ernährung mit Muttermilchersatz, wenn der Säugling nicht gestillt wird.

Während der ersten vier Wochen heißt ein Kind auch Neugeborenes. Nach Vollendung des ersten Lebensjahres schließt sich das Kleinkindalter an.

Inhaltsverzeichnis

Körperliche EntwicklungBearbeiten

Der menschliche Säugling ist wie der anderer Primaten ein Tragling. Im ersten Lebensjahr gibt es typische Entwicklungsphasen, deren zeitliche Streuung mit zunehmendem Alter größer wird. Vorübergehende Unterschiede in der Entwicklung sind häufig und können durchaus ausgeglichen werden. Auffällige oder langfristige Abweichungen der körperlichen Entwicklung sind Gegenstand der Pädiatrie. Um Entwicklungsverzögerungen frühzeitig zu erkennen, gibt es Kindervorsorgeuntersuchungen.

 
Neugeborenes auf einer Waage

Nach drei bis fünf[1] Monaten hat ein gesunder Säugling sein Geburtsgewicht verdoppelt und ist um etwa 15 Zentimeter gewachsen. Am Ende des ersten Lebensjahres wiegt das Kind etwa zehn Kilogramm, was rund dem dreifachen Geburtsgewicht entspricht,[1] und ist circa 75 Zentimeter groß. Je älter ein Kind ist, desto größer ist auch die Streubreite für das, was hinsichtlich Gewicht und Größe als normal gelten kann. Um dem Rechnung zu tragen, werden in der Medizin Vergleiche mit der nach Alter und Geschlecht üblichen Entwicklung von Größe und Gewicht nicht nach dem Durchschnittswert, sondern anhand sogenannter Perzentilen vorgenommen.

Auch die Beurteilung der Beziehung zwischen Körpergröße und Körpergewicht orientiert sich an solchen Relativwerten, und berücksichtigt darüber hinaus weitere Faktoren. Von besonderer Bedeutung ist der Verlauf der individuellen Wachstumskurve.

Das Verhältnis von Kopf zu Rumpf beträgt beim Säugling etwa 1 zu 4, während beim Erwachsenen ein Verhältnis von 1 zu 8 vorliegt. Diese Art des Wachstums, das eine Proportionsänderung einschließt, nennt man allometrisches Wachstum.

Die Zeit zwischen der Empfängnis und dem zweiten Geburtstag sind für die Entwicklung über die gesamte Lebensdauer von besonderer Bedeutung, da in dieser Zeit zentrale Grundlagen für Gesundheit, Wachstum und die neuronale Entwicklung gelegt werden.[2]

ZahnentwicklungBearbeiten

Der Ablauf des Zahndurchbruchs unterliegt einer breiten Streuung. Während einige Kinder schon früh zahnen, kann sich der Ablauf auch um mehrere Monate nach hinten verschieben. In der Regel brechen zuerst die unteren und dann die oberen Schneidezähne durch. Es folgen die seitlichen Schneidezähne, die Mahlzähne und schließlich die Eckzähne.

Sensomotorische EntwicklungBearbeiten

Unter sensomotorischer Entwicklung wird die dynamische Wechselwirkung von Wahrnehmungen (über Sinnesreize) und reaktiver Bewegung (über das neuromuskuläre Zusammenspiel) verstanden. Die aktuelle Forschung geht davon aus, dass der Mensch in seinem ersten Lebensjahr auf ein angeborenes Lernprogramm zurückgreift, welches ihm ermöglicht, eine kontinuierliche Entwicklung von der Geburt bis zum aufrechten Stand zu vollziehen.

Schon Säuglinge sind – wie alle Menschen – Individuen. Sie sind verschieden und haben bereits Charaktereigenschaften. Es gibt eine sehr große Bandbreite an gesunden Entwicklungen und die Reihenfolge der erlernten Fähigkeiten kann verschieden sein.

Reflexe und ReaktionenBearbeiten

Reflexe sind unwillkürliche, regelhaft ablaufende Vorgänge als Antwort auf äußere Reize, aufgenommen hauptsächlich über Rezeptoren der Haut und Propriozeptoren sowie Organe des Gleichgewichtssinnes. Sie werden zentral über den Hirnstamm und das Zwischenhirn (Thalamus und Pallidum) vermittelt, die Antwort ist wenig variabel. Reaktionen sind komplexere Antworten auf äußere Reize, die in einem bestimmten Muster erfolgen. Die Muster können unterbrochen und verändert werden.

Alle frühkindlichen Reflexe und Reaktionen sind einem bestimmten Bereich und einem gewissen Integrationsniveau im Zentralnervensystem zugeordnet. Innerhalb eines bestimmten Zeitraumes gelten sie als physiologisch und werden erwartet. Sie begleiten die sensomotorische Entwicklung des Kindes in verschiedenen Phasen und werden später abgelöst. Im Folgenden werden nur einige für die Diagnose und Behandlung wichtige Reflexe und Reaktionen erläutert (Wo = Woche, LM = Lebensmonat, LJ = Lebensjahr). Wenn nichts anderes vermerkt ist, wird die Rückenlage als Ausgangsstellung betrachtet.

PrimitivreflexeBearbeiten

Palmarer Greifreflex

  • Bestreichen der Handinnenflächen mit dem Daumen ⇒ Greifen, Faustschluss
  • physiologisch: 0. bis 6. LM., danach verhindert er den Handstütz und koordiniertes Greifen

Plantarer Greifreflex

  • Bestreichen der Zehenballen mit dem Daumen ⇒ Zehenkrallen
  • physiologisch: 0. bis 11. LM., ab Laufbeginn stört bzw. verhindert er das Gehen

Moro

  • laute Geräusche oder Erschütterungen ⇒
  1. Abstreckphase (Anspannung der Streckmuskulatur und Kopfstreckung): Die Arme schnellen seitlich nach oben mit tiefem Luftholen und anschließendem Erstarren.
  2. Umklammerungsphase (Anspannung der Beugemuskulatur und Kopfbeugung): Die Arme werden wieder zum Rumpf geführt und das Kind beginnt sehr laut zu schreien.
  • physiologisch: ab 6. Woche nur noch Abstreckphase, baut ab mit der Fixierung des Kopfes

Galant

  • Kind wird in Bauchlage in der Schwebe gehalten, zwei cm neben der Wirbelsäule (WS) mit den Fingern vom Schulterblatt bis zum Beckenkamm entlang streichen ⇒ WS-Seitbeugung und Kopfdrehung zur gleichen Seite
  • physiologisch: 0. bis 2. LM., Abschwächung bis 5. LM.

Schreitreflex (automatisches Gehen)

  • man trägt das Kind mit beiden Händen seitlich am Brustkorb und lässt die Füße wechselseitig geringes Gewicht übernehmen ⇒ das Kind schreitet voran.
  • physiologisch: 0. bis 3. LM., die Beine müssen dabei gebeugt bleiben.

Extensorstoß

  • man trägt das Kind mit beiden Händen seitlich am Brustkorb und lässt die Füße gleichzeitig geringes Gewicht übernehmen ⇒ das Kind antwortet mit einer raschen Streckung der Beine und des Rumpfes.
  • physiologisch: 0. bis 3. LM.

Tonische ReflexeBearbeiten

 
Säugling beim Babyschwimmkurs

Nach dem Abbau der Massenbewegungen und der Primitivreflexe entwickeln sich differenzierte Bewegungen, wobei der Muskeltonus von der Kopfstellung abhängt. Es entstehen tonische Reflexe, die bei einem gesunden Säugling aber nie so stark ausgeprägt sind, dass sie die Einnahme differenzierter Körperstellungen behindern. Wenn sie über den physiologischen Zeitraum hinaus persistieren, verhindern sie die Aufrichtung und die Entwicklung der Stell- und Gleichgewichtsreaktionen.

TLR (Tonischer Labyrinthreflex)

  • Vorbeugen des Kopfes ⇒ zunehmender Beugetonus
  • Rückstrecken des Kopfs ⇒ zunehmender Strecktonus
  • physiologisch: 0 bis 3. LM.

STNR (Symmetrisch tonischer Nackenreflex)

  • Vorbeugen des Kopfes ⇒ Beugung der Arme und Streckung der Beine
  • Rückstrecken des Kopfes ⇒ Streckung der Arme und Beugung der Beine
  • physiologisch: 0. bis 3. LM.

ATNR (Asymmetrisch tonischer Nackenreflex)

  • Seitwärtsdrehung des Kopfes ⇒ Gesichtseite: Arm gestreckt, Hand locker gefaustet, Bein gestreckt mit aufgesetztem Vorfuß, Hinterhauptseite: Arm gebeugt in lockerer U-Halte, Bein locker gebeugt mit Bodenkontakt. Diese Körperhaltung wird auch als Fechterstellung bezeichnet.
  • physiologisch: 4. bis 8. Woche

StellreaktionenBearbeiten

Die Stellreaktionen dienen dazu, Kopf und Rumpf bei einer Lageveränderung im Raum einzustellen. Sie entwickeln sich nach dem Abbau der tonischen Reflexe, dienen der Antischwerkraftentwicklung und sind die Voraussetzung für die Stütz- und Gleichgewichtsreaktionen. Sie werden in die Willkürbewegungen integriert und bleiben in modifizierter Form ein Leben lang erhalten.

LSR (Labyrinthstellreaktion)

  • ab der 6. Woche beginnt das Kind, in Bauchlage den Kopf zu heben und ihn gegen die Schwerkraft einzustellen.
  • physiologisch: volle Entwicklung bis zum 5. LM.

HSR (Halsstellreaktion)

  • Wird der Kopf in Rückenlage gedreht, folgt der Körper „en bloc“.
  • physiologisch: bis zum 3. LM, danach sollte eine selektive Beweglichkeit möglich sein.

Körperstellreaktion auf den Körper

  • sie ermöglicht bei einer Drehung die Rotation zwischen Schulter- und Beckengürtel.
  • physiologisch: sie sollte bis zum 7. LM voll entwickelt sein, wenn sich das Kind von Rücken- in Bauchlage und zurückdrehen kann. Sie ist Voraussetzung für die Ausrichtung des Kopfes, des Rumpfes und der Extremitäten gegen die Schwerkraft.

Sprungbereitschaft

  • Mit den Händen seitlich am Becken wird das getragene Kind zügig bauchwärts zur Unterlage geführt ⇒ das Kind bringt die Arme zum Abstützen nach vorne.
  • physiologisch: ab dem 5. LM auslösbar.

SozialverhaltenBearbeiten

 
Lächelnder Säugling

Einen Ausdruck des Lächelns zeigen Säuglinge schon in den ersten Lebenswochen, meist im Schlaf. Mit etwa 2 Monaten wird diese Ausdrucksbewegung als soziales Lächeln zur Antwort auf einen Kontakt.

Mit der Fähigkeit, zwischen bekannten und fremden Personen zu unterscheiden, werden auch die Antworten differenzierter. So kommt es zwischen etwa vier und acht Monaten zum Fremdeln, das eine Distanz gegenüber unbekannten Personen zeigt. Häufig beginnen Kinder in diesem Alter zu weinen, wenn sie von jemand anderem als der Mutter auf den Arm genommen werden.

Mit etwa neun Monaten fängt das Kind an, von sich aus Kontakt zu einem noch unbekannten Gegenüber aufzunehmen, etwa durch Lächeln. Gegen Ende der Säuglingsperiode kann das Kind dann vertrauten Personen auf verschiedene Weise seine Zuneigung ausdrücken.

SpielverhaltenBearbeiten

Während mit drei bis vier Monaten noch das Spiel mit den eigenen Fingern eine häufige Beschäftigung des Säuglings ist, kann das Kind schon bald durch die fortschreitende motorische Entwicklung seine Umgebung erkunden.

Mit etwa fünf bis sieben Monaten greift der Säugling nach umherliegenden Gegenständen. Schon jetzt können diese zwischen den Händen gewechselt werden. Mit Händen, Augen und Mund beginnt der Mensch, die äußere Form eines gegriffenen Gegenstand zu erforschen. Am Ende der Säuglingsperiode spielt das Kind mit Gegenständen und untersucht auch deren inneren Zusammenhalt, indem es sie schüttelt, wirft, damit klopft oder sie wiederholt herab fallen lässt.

Galerie: NeugeboreneBearbeiten

SprachentwicklungBearbeiten

In den ersten Lebensmonaten beschränken sich die Lautäußerungen des Kindes auf gelegentliches Schreien als Unmutsäußerung. Mit etwa drei bis vier Monaten beginnt der Säugling langsam, zu lallen und zu brabbeln. Schon bald werden gezielte Lautäußerungen zur Kommunikation genutzt, indem der Säugling auf Ansprache mit einzelnen Vokalen antwortet. In dieser Zeit verbessert sich die Motorik des Stimmapparates, sodass am Ende der Säuglingsperiode in den meisten Fällen Doppelsilben wie „Mama“ oder „Papa“ gesprochen werden können.

LiteraturBearbeiten

  • Martin Dornes: Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1994, ISBN 3-596-11263-X
  • Remo H. Largo: Babyjahre. Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht, München: Piper, 15. Auflage 2001, ISBN 3-492-23319-8
  • Björn Hoffmann: Crashkurs Pädiatrie. Repetitorium zum Gegenstandskatalog 3. Mit Einarbeitung der wichtigen Prüfungsfakten, Urban und Fischer, 2003, ISBN 978-3-437-43200-2
  • Josef Rosenecker, Heinrich Schmidt: Pädiatrische Anamnese, Untersuchung, Diagnose, Springer, 2008, ISBN 3-540-72581-4
  • Robby Sacher: Angeborene Fremdreflexe – Haltung und Verhalten früh regulieren, Elsevier Urban&Fischer, 2012, ISBN 978-3-437-21121-8

WeblinksBearbeiten

  Wiktionary: Säugling – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  Commons: Säuglinge – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikibooks: Babybuch – Lern- und Lehrmaterialien
  • Das 1. Lebensjahr – kindergesundheit-info.de: unabhängiges Informationsangebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Wilfried de Nève, Wolfgang Presber (Hrsg.): Ergotherapie: Grundlagen und Techniken. 4. Auflage. Elsevier, Urban&FischerVerlag, 2003, ISBN 3-437-47980-6. S. 384 (Scan bei Google Buchsuche)
  2. UNICEF Office of Research- Innocenti: The first 1,000 days of life: The brain’s window of opportunity. Abgerufen am 28. März 2019 (englisch).
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