Rummelsberger Diakonie

Diakonie im Nürnberger Land in Bayern
Rummelsberger Diakonie
Rechtsform Eingetragener Verein
Gründung 1948[1]
Sitz Rummelsberg
Leitung Reiner Schübel (Vorstandsvorsitzender), Martin Neukamm, Karl Schulz, Elisabeth Peterhoff[2]
Mitarbeiterzahl 5400[1]
Branche Soziales
Website www.rummelsberger-diakonie.de

Die Rummelsberger Diakonie e.V. ist ein Träger der Diakonie und Mitglied im Wohlfahrtsverband Diakonisches Werk der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Die Rummelsberger Dienste für Menschen gGmbH unterhalten zurzeit knapp 250 Einrichtungen und Dienste in Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen, Behindertenhilfe-Einrichtungen, Alten- und Pflegeeinrichtungen, Schulen und Ausbildungsstätten.

GeschichteBearbeiten

Die historischen Wurzeln der heutigen Rummelsberger Diakonie liegen in der Landesdiakonenanstalt, die der damals erst wenige Jahre alte Landesverein für Innere Mission in Bayern im Jahr 1890 in Nürnberg gründete. Der erste Ausbildungsjahrgang für Diakone umfasste acht Männer im Alter zwischen 17 und 38 Jahren. Ihr wichtigstes praktisches Einsatzfeld war die Krankenpflege im Nürnberger Krankenhaus. Während es seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in Neuendettelsau und Augsburg bereits zwei prosperierende Diakonissenhäuser gab, gelang es mit der Nürnberger Gründung erstmals im evangelischen Bayern, eine kirchlich geprägte Ausbildung für Sozialberufe auch für Männer dauerhaft zu etablieren. Ein erster entsprechender Versuch auf dem Puckenhof bei Erlangen war zuvor gescheitert.[1]

Während die Diakonissenanstalt in Neuendettelsau geistlich von dem streng lutherischen Theologen Wilhelm Löhe geprägt wurde, sah sich der Landesverein für Innere Mission eher in der Tradition des Hamburger Theologen und Sozialreformers Johann Hinrich Wichern.

Die Verabschiedung eines neuen Jugendfürsorgegesetzes im Königreich Bayern eröffnete dem Landesverein die Möglichkeit, ein neues Arbeitsfeld zu eröffnen und dieses gleichzeitig als Ausbildungseinrichtung für den Diakonennachwuchs zu nutzen. So erwarb man 1904 das Bauerngut Rummelsberg (heute Ortsteil der Gemeinde Schwarzenbruck bei Nürnberg) und eröffnete dort 1905 die „Rummelsberger Anstalten“, die aus einer Erziehungseinrichtung für Jungen und einer Ausbildungsstätte für Diakone bestand. Beide waren in einem Gebäude untergebracht (heute Fachakademie für Sozialpädagogik).

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges erlebten die Rummelsberger Anstalten unter der Leitung des ersten Rektors Karl Nicol (1886–1954) eine Phase starken Wachstums. In kurzer Folge wurden ein „Kriegssiechenheim“ (1920, heute Waldheim), ein erstes Brüderhaus (1922, heute Waldheim), die ortsprägende Philippuskirche (1927), ein Handwerkerhaus (1927, heute Diakoniemuseum) und das Brüderhaus (1931) errichtet. Die Zahl der Diakone stieg von 117 (1919) auf 227 im Jahr 1933.[2] Mit dem Wurzhof (1912, heute Gemeinde Postbauer-Heng in der Oberpfalz) und mit dem Wichernhaus in Altdorf (1925), der ehemaligen reichsstädtisch-nürnbergischen Universität, entstanden erste Einrichtungen außerhalb von Rummelsberg. Vor allem das Wichernhaus, das damals als reichsweite Vorbildeinrichtung für körperlich behinderte Menschen galt, besaß in jener Zeit eine enorme Bedeutung für die Rummelsberger Anstalten.[3]

Es gelang Nicol, das Diakonenamt in der bayerischen Landeskirche institutionell fest zu verankern. Diakone waren bald überall in Bayern nicht nur in sozialen Berufen, sondern auch als Mesner, Organisten oder Jugendarbeiter tätig. Der erste bayerische Gemeindediakon war ab 1919 Heinrich Schlötterer (1890–1978) in München-St. Matthäus. 1942 war im „Kirchengesetz über das Amt des Diakons“ erstmals formuliert: „Das Amt für männliche Diakonie ist seinem Wesen nach ein kirchliches Amt eigener Prägung.“[4]

Die Machtübernahme der NSDAP im Jahr 1933 quittierten auch die Verantwortlichen in Rummelsberg mit Genugtuung, wenn nicht Begeisterung. Eine 40-köpfige Rummelsberger Delegation mit Brüderpfarrer Wilhelm Strohm (1902–1937) nahm mit großer Begeisterung am „Deutschen Diakonentag“ in Hamburg teil, der sich mit einer begeisterten Ergebenheitsadresse Hitler unterstellte.[5] In Rummelsberg agierten Untergliederungen der Hitlerjugend, SA, Deutsche Arbeitsfront und Betriebsgemeinschaft. Die Fürbitte für den „Führer“ gehörte zu den Gebetsanliegen jedes Sonntagsgottesdienstes.[6]

Im Mai 1934 war Rummelsberg Gründungsort der „Bayerischen Pfarrbruderschaft“, die zu einer wichtigen Institution innerhalb der „Bekennenden Kirche“ wurde.[7] 1941 gelang es Nicol, die in Rummelsberg lebenden geistig behinderten Menschen, die von der T4-Aktion betroffen waren, vor dem Abtransport und der Ermordung zu bewahren, indem sich die Rummelsberger Anstalten verpflichteten, für alle künftigen Kosten für diese Menschen aufzukommen. Dies war nur möglich, weil es sich hier – anders als etwa in Neuendettelsau – nur um sehr wenige Menschen handelte, die im „Kriegssiechenheim“ lebten.[8]

1943 unterblieb die bereits angeordnete vollständige Räumung der Rummelsberger Anstalten zugunsten des Luftwaffenlazaretts Mögeldorf nur deswegen, weil das Lazarett kurz vor der geplanten Verlagerung bei einem Bombenangriff zerstört wurde. In der gesamten Kriegs- und Nachkriegszeit war Rummelsberg Auffang- und Wohnort für Umsiedler, Flüchtlinge und Vertriebene, u. a. aus Bessarabien, Südtirol, Serbien, Schlesien und Ostpreußen. Die Brüderschaft aus dem ostpreußischen Carlshof trat 1947 geschlossen der Rummelsberger Brüderschaft bei. Das schlesische Diakonissenhaus Lehmgruben (Breslau), das 1950 in Marktheidenfeld neu gebaut worden war, gehörte seit 1988 zu den Rummelsberger Anstalten.[9]

1948 wurde die Innere Mission in Bayern organisatorisch neu aufgestellt. Ein neu gegründeter „Landesverband für Innere Mission“ (heute: Diakonisches Werk Bayern) übernahm die Funktion als Dachverband aller diakonischen Träger in Bayern. Der „Landesverein für Innere Mission“ wurde umbenannt in „Rummelsberger Anstalten der Inneren Mission e.V.“. Damit waren die Rummelsberger Anstalten erstmals seit ihrer Gründung rechtlich selbständig. Etwa 40 Einrichtungen in ganz Bayern, meist Flüchtlings- und Altenheime, die zuvor in der Obhut des Landesvereins gewesen waren, kamen nun unter Rummelsberger Verantwortung. Unter ihnen war etwa der Auhof bei Hilpoltstein (vormals „Erziehungsanstalt Veilhof“), der ab 1953 zu einem Zentrum der Arbeit mit geistig behinderten Menschen wurde, oder das Altenheim „Schertlinhaus“ in Burtenbach (Schwaben).[10]

Bis 1965 wuchs die Zahl der Diakone auf 737 an. Eine weitere Wachstumsphase erlebten die „Rummelsberger Anstalten“ unter Rektor Karl Heinz Neukamm (1929–2018). Große Einrichtungen wie das Krankenhaus „Wichernhaus“, das Berufsbildungszentrum, das Jugendhilfezentrum wurden erbaut. In dem 1968 errichteten Altenpflegeheim „Stephanusheim“ lebte von 1971 bis 1988 der als 25-facher Mörder zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilte ehemalige SS-Hauptscharführer Martin Sommer, der zeitweise Arrestaufseher des KZ Buchenwald (bekannt als der Henker von Buchenwald) gewesen ist.[3] 1982 wurde in Rummelsberg eine Diakoninnengemeinschaft gegründet. Seither ist in Rummelsberg sowohl die Ausbildung zum Diakon als auch zur Diakonin möglich. Im Jahr 2007 trat der Rektor und Vorstandsvorsitzende Karl Heinz Bierlein zurück, als Vorwürfe laut wurden, er habe Diakone misshandelt.[4] Auf der Mitgliederversammlung 2012 wurde der Verein umstrukturiert und dabei auch zum heutigen Namen umbenannt. Seit 2015 betreibt die Rummelsberger Diakonie ein Diakoniemuseum, das in wechselnden Ausstellungen die Geschichte der Diakonie in Bayern darstellt. Der Verein betreibt Einrichtungen an über 40 Orten in ganz Bayern. Dort werden derzeit etwa 6.100 Mitarbeitende beschäftigt. Der derzeitige Rektor und Vorstandsvorsitzende Reiner Schübel hat seinen Dienst am 1. Januar 2020 angetreten.[5]

1 Wehr, Gerhard: Gutes tun und nicht müde werden. Ein Jahrhundert Rummelsberger Diakonie. München 1989, S. 35f.
2 Greif, Thomas: Der Landesverein für Innere Mission mit den Rummelsberger Anstalten. In: Greif, Thomas (Hg.): Feldlazarett und Wanderkino. Die Innere Mission in Bayern zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Begleitband zur
  Ausstellung im Diakoniemuseum Rummelsberg. Lindenberg 2018, S. 93–122.
3 Tölken, Christian: Von damals bis heute. Zur Geschichte des Wichernhauses Altdorf. Altdorf 1990
4 Wehr, Gerhard, Gutes tun, S. 273f. und 341f.
5 Strohm, Albert: Wilhelm Strohm als Brüderpfarrer in Rummelsberg 1928–1936. Eine Fallstudie. ZBKG 68 (1999), S. 133–155.
6 Wehr, Gutes tun, S. 147f.; Deinlein, Aus der Geschichte Rummelsbergs, S. 111ff.
7 Hager, Angela: Kurt Frör (1905–1980). In: Greif, Thomas (Hg.): Kaiser, Kanzler, Rummelsberger. 21 Fußnoten deutscher Geschichte. Begleitband zur Ausstellung im Diakoniemuseum Rummelsberg, Lindenberg 2017, S. 125–137.
8 Christine-Ruth Müller, Hans-Ludwig Siemen: Warum sie sterben mussten. Leidensweg und Vernichtung von Behinderten aus den Neuendettelsauer Pflegeanstalten im „Dritten Reich“. Neustadt/Aisch 1991; Greif, Thomas: Karl Nicol (1886–1954). In: Greif, Kaiser, Kanzler, Rummelsberger, S. 55–75.
9 Haas, Willi: Arthur Krumm (1908–1975) und Greif, Thomas: Gertrud Hampel (1925–2018). In: Greif, Kaiser, Kanzler, Rummelsberger,21 Fußnoten deutscher Geschichte. Begleitband zur Ausstellung im S. 139–149 und S. 179–191.
10 Greif, Thomas: Zur Neuorganisation der Inneren Mission in Bayern nach 1945. Manuskript Vortrag vor der Mitgliederversammlung des Diakonischen Werkes Bayern v. 22.10.2018; Deinlein, Konrad: Aus der Geschichte Rummelsbergers. Komm. Neudruck der Originalausgabe von 1982, Nürnberg 2019.

HauptsitzBearbeiten

 
Feierabendhaus

Am Hauptsitz betreibt die Rummelsberger Diakonie eine Altenpflegeeinrichtung (Stephanushaus), ein Berufsbildungswerk mit angeschlossenem Internat für junge Menschen mit Körperbehinderung, einen großen Jugendhilfeverbund mit mehreren Häusern, das Studienzentrum (vormals Diakonenschule), ein Tagungszentrum. Die beiden Krankenhäuser (Laurentius- und Wichernhaus) wurden 2010 an die Sana Kliniken verkauft. Letzteres ist europaweit als eine der führenden orthopädischen Fachkliniken bekannt. Neben der Ausbildung zum Diakon / zur Diakonin gibt es noch eine Vielzahl weiterer Ausbildungsmöglichkeiten in Rummelsberg, vor allem für verhaltensauffällige Jugendliche und Menschen mit Körperbehinderung. Zu diesen Ausbildungsbetrieben gehören ein Café, eine KFZ-Werkstatt, eine Schreinerei, eine Gärtnerei, diverse Industrie- und verwaltungstechnische Ausbildungen im Berufsbildungswerk, eine Malerei und der Metallbau. Diese Betriebe zählen zu den produktiven Betrieben und stehen auch für Kunden aus der Umgebung offen.

Die Rummelsberger Dienste für MenschenBearbeiten

Die Rummelsberger Dienste für Menschen gemeinnützige GmbH ist die Muttergesellschaft der folgenden Dienste und steuert in Verantwortung gegenüber der Rummelsberger Diakonie e. V. den Unternehmensbereich:[3]

  • RDA Rummelsberger Dienste für Menschen im Alter gemeinnützige GmbH
  • RDB Rummelsberger Dienste für Menschen mit Behinderung gemeinnützige GmbH
  • RDJ Rummelsberger Dienste für junge Menschen gemeinnützige GmbH
  • Rummelsberger Servicegesellschaft mbH (RSG)

Das Unternehmen ist Inhaber aller Gesellschaftsanteile der aufgeführten Gesellschaften. Darüber hinaus ist sie als eigenständig gemeinnützige Aktivität Trägerin des Fachbereichs Bildung und Entwicklung der Rummelsberger, zu dem die Fachakademien, die Berufsfachschulen und die Fachschulen gehören.

Die Geschäftsführer sind Reiner Schübel, Harald Frei und Karl Schulz.[3]

Rummelsberger Dienste für Menschen im AlterBearbeiten

Die gemeinnützige Gesellschaft RDA Rummelsberger Dienste für Menschen im Alter gemeinnützige GmbH ist innerhalb der Rummelsberger Diakonie Träger von 17 stationären Altenpflegeeinrichtungen, drei ambulanten Diensten und weiteren Angeboten für Menschen im Alter in Bayern.

Berufsbildungswerk RummelsbergBearbeiten

Das Berufsbildungswerk (BBW) Rummelsberg ist in drei Bereiche gegliedert: der Ausbildungsbetrieb, die staatlich anerkannte Berufsschule und das Internat, welches behindertengerecht ausgebaut ist. Im BBW werden jeweils Jugendliche mit körperlichen, oder geistigen Beeinträchtigungen ausgebildet. Die Ausbildung erfolgt jeweils im kaufmännischen und gewerblichen Bereich. Die Ausbildungsgänge sind dem Stand von Berufsausbildungen außerhalb identisch. Das Berufsbildungswerk beinhaltet auch eine staatliche Berufsschule, die zum Großteil von Teilnehmern des BBWs genutzt wird. Der größte Kostenträger des Berufsbildungswerkes ist die Agentur für Arbeit.

Aufgrund verschiedenster Ausbildungsarten, die andere Berufsbildungswerke nicht bieten, kommen zum Teil Teilnehmer aus ganz Deutschland nach Rummelsberg.

Kliniken RummelsbergBearbeiten

Am 26. Juli 2010 gaben die Rummelsberger den Verkauf des Krankenhaus Rummelsberg an die Klinikkette Sana bekannt. Die Kliniken in Rummelsberg gehen an die Sana Kliniken AG. Die Kinderklinik in Garmisch-Partenkirchen wird vom bisherigen Chefarzt Johannes-Peter Haas und dem Investor Karl-Heinz Schmiegelt übernommen.[4]

PersönlichkeitenBearbeiten

WeblinksBearbeiten

Commons: Rummelsberg (Schwarzenbruck) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Die Rummelsberger Diakonie über sich
  2. Der Verein über sich
  3. a b Die Rummelsberger Dienste für Menschen gemeinnützige GmbH
  4. consilia::blog: Rummelsberger verkaufen Kliniken (Memento des Originals vom 7. August 2010 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/blog.consilia-sozial.de