Rocco und seine Brüder

Film von Luchino Visconti (1960)

Der Film Rocco und seine Brüder (Originaltitel: Rocco e i suoi fratelli) von Luchino Visconti aus dem Jahr 1960 ist Teil seiner Trilogie über Süditalien. Der in Schwarzweiß gedrehte Film gehört zur Spätphase des italienischen Neorealismus. Er nimmt Personen und Motive des Buches Il ponte della Ghisolfa von Giovanni Testori auf.

Film
Deutscher TitelRocco und seine Brüder
OriginaltitelRocco e i suoi fratelli
Produktionsland Italien, Frankreich
Originalsprache Italienisch
Erscheinungsjahr 1960
Länge 177 Minuten
Altersfreigabe FSK 16[1]
Stab
Regie Luchino Visconti
Drehbuch Suso Cecchi D’Amico
Pasquale Festa Campanile
Massimo Franciosa
Enrico Medioli
Luchino Visconti
Produktion Goffredo Lombardo
Musik Nino Rota
Kamera Giuseppe Rotunno
Schnitt Mario Serandrei
Besetzung

HandlungBearbeiten

Italien in den 1950er-Jahren: Rosaria Parondi reist nach dem Tod ihres Ehemannes mit ihren vier Söhnen Rocco, Simone, Ciro und Luca aus dem verarmten Lukanien im Süden Italiens nach Mailand, das reicher als weite Teile Italiens ist und daher als Anlaufpunkt für viele ärmere Menschen vom Lande dient. Vincenzo, der älteste der fünf Brüder, lebt schon seit einiger Zeit in Mailand und hat inzwischen eine feste Anstellung als Bauarbeiter gefunden. Die jüngsten Brüder, Luca und Ciro, sind noch im Kindes- beziehungsweise Teenageralter, während die anderen Brüder bereits die Schule abgeschlossen haben. Vincenzo feiert mit seiner Freundin Ginetta und deren Familie gerade die Verlobung, als seine Familie unerwartet eintrifft. Gleich am ersten Abend überwirft sich Rosaria mit der Familie Ginettas, da diese fürchten, die Mutter wolle alle ihre Söhne auf ihre Kosten ernähren, was Rosaria als Beleidigung empfindet. Die Familie Parondi muss in eine ärmliche Sozialwohnung ziehen.

Rosaria hofft, dass Vincenzo ihnen eine Arbeit verschaffen kann, was aufgrund der Lage am Arbeitsmarkt schwierig ist. Bald werden Simone und Rocco von Vincenzo in den Boxsport eingeführt, aber nur Simone, der Stärkere, wird von dem ehemaligen Boxer Morini „entdeckt“. Simone feiert bald erste kleinere Boxerfolge und verliebt sich in die Prostituierte Nadia, die allerdings keine dauerhafte Beziehung mit ihm eingehen will. Rocco tritt inzwischen seinen Militärdienst in einer anderen Stadt an und trifft dort etwa ein Jahr später Nadia, die vor kurzem aus dem Gefängnis entlassen wurde, in dem sie wegen Prostitution eine Strafe absitzen musste. Rocco kommt mit Nadia ins Gespräch, die er zuvor nur flüchtig kannte, und macht ihr Hoffnung, dass sie ihr altes Dasein aufgeben und etwas aus ihrem Leben machen könne. Als beide wieder in Mailand sind, gehen sie eine Beziehung ein.

Die Situation der Familie bessert sich langsam, so können Vincenzo und Ginetta heiraten und die Parondis endlich die Sozialwohnung verlassen. Ciro hat eine Schulausbildung erfolgreich abgeschlossen und findet eine bescheidene und von Simone verlachte, aber beständige Arbeit in einer Autofabrik. Simones eigene Karriere als Boxer ist inzwischen ins Stocken geraten und er wird nach einem blamablen Niederlage von seinen Arbeitgebern entlassen. Cecchi, Vincenzos Boxtrainer, entdeckt unterdessen das Boxtalent von Rocco und nimmt ihn unter seine Fittiche. Simone wird zum erbarmungslosen Rivalen Roccos, nicht nur weil dieser nun der erfolgreiche Boxer ist, sondern vor allem wegen dessen Beziehung mit Nadia. Simone vergewaltigt eines Nachts Nadia vor den Augen Roccos und schlägt diesen bewusstlos. Rocco verzeiht seinem Bruder mehrfach dessen Untaten und beendet sogar seine Beziehung zu Nadia, obwohl er sie liebt, mit der Begründung, nur diese könne seinem Bruder wieder aus seiner Krise befreien. Nadia, die sich Hoffnung auf ein besseres Leben mit Rocco gemacht hatte, kehrt widerwillig zu Simone zurück und verbittert zusehends. Trotzdem versinkt der arbeitslose Simone immer mehr in Alkoholsucht und kriminellen Aktivitäten. Rocco hilft ihm immer wieder, obwohl ihm seine pragmatischeren Brüder Ciro und Vincenzo davon abraten, und unterschreibt trotz seiner Abneigung gegen das Boxen einen Zehnjahresvertrag als Boxer, um eine von Simone gestohlene Geldsumme zurückzuzahlen.

An dem Tag, als Rocco seinen ersten großen Kampf hat, ermordet Simone die wieder als Prostituierte arbeitende Nadia aus Eifersucht und verletzter Eitelkeit. Rocco hält nach seinem Sieg vor seiner Familie eine melancholische Rede, in der er den Zusammenhalt der Familie und die Sehnsucht nach der Rückkehr nach Lukanien ausdrückt, die für ihn wegen seines Langzeitvertrages in weite ferne gerückt ist. Da platzt Simone in die Familienfeier und berichtet von seinem Mord an Nadia. Rocco versucht seinen Bruder erneut zu verzeihen und zu beschützen, allerdings meldet Ciro den Mord bei der Polizei und Simone wird wenig später verhaftet. Die Familie, einst Grundpfeiler der süditalienischen Tradition und Lebensweise, verliert in der Großstadt zusehends ihre Funktion und ihren Zusammenhalt. Zitat: „Wir sind Feinde geworden“.

Zuletzt sieht man die jüngsten Söhne Ciro und Luca miteinander sprechen. Der jüngste Sohn will einmal nach Süditalien zurückkehren, aber Ciro gibt zu Bedenken, dass der Süden weiterhin große Probleme habe und sich ebenfalls seit ihrer Kindheit verändert habe. Trotzdem drücken beide am Ende ihre Hoffnung auf einen Wandel aus, der eine verbesserte Lebenssituation für die Menschen bringt.

ProduktionBearbeiten

Drehorte waren neben Mailand die norditalienische Gemeinde Bellagio, die westitalienische Hafenstadt Civitavecchia und der Lago di Fogliano, ein Küstensee südlich von Rom.[2] In der Szene, in der Rocco Nadia verlässt, dient das Dach des Mailänder Doms mit dem Blick auf die Stadt als Kulisse. Für den Regisseur gestalteten sich die Dreharbeiten schwierig. Bereits erteilte Drehgenehmigungen wurden mehrfach von diversen Stadtverwaltungen widerrufen. So musste er auf eigentlich ungeeignete Orte ausweichen.[3]

Selbst die italienische Version wurde großteils synchronisiert, jedoch nicht von den Darstellern.[3]

RezeptionBearbeiten

Rocco und seine Brüder wurde 1960 bei den Filmfestspielen in Venedig zwar preisgekrönt, aber erst 1993 in einer restaurierten Fassung in voller Länge im gesamtdeutschen Fernsehen ZDF gezeigt. In der DDR lief der Film allerdings bereits ab 1962 im Kino, ab 1974 auch im DFF. Die Weltpremiere des Films erfolgte mit Schnitten, weil ihm schockierende Brutalität und Pessimismus vorgeworfen wurden. Trotzdem war Viscontis Film in Italien ein kommerzieller Erfolg. Wegen seiner kraftvollen und überzeugend gespielten Emotionen führte er nicht nur zum Durchbruch von Alain Delon, sondern auch zur weiteren Anerkennung Viscontis als Regisseur.

Zwei Jahre später arbeiteten Luchino Visconti, Alain Delon und Claudia Cardinale in Der Leopard erneut zusammen.

Am 27. September 2008 wurde die aus dem Niederländischen ins Deutsche übersetzte Bühnenfassung in der Jahrhunderthalle Bochum uraufgeführt, in einer Koproduktion von Toneelgroep Amsterdam und RuhrTriennale unter der Regie von Ivo van Hove.

Basierend auf dem Filmklassiker gibt es auch ein abendfüllendes Handlungsballett in zwei Akten (I fratelli – Die Brüder), das Mauro Bigonzetti 2006 für das Stuttgarter Ballett schuf und das in der Saison 2010/2011 erneut auf dem Spielplan stand.

Charakterisierung der HauptpersonenBearbeiten

Rosaria ist die mütterliche Autorität und Mittelpunkt der Familie Parondi; sie muss auch den verstorbenen Vater für die „Jungens“, wie sie in der deutschen Fassung genannt werden, ersetzen. Für sie wie auch für Rocco ist die Familie und deren Zusammenhalt das Allerwichtigste.

Vincenzo ist der älteste Sohn der Familie Parondi. Er ist aus Lukanien in den wohlhabenden Norden nach Mailand gezogen und gründet dort eine eigene Familie. Er versucht seinen Brüdern Arbeit zu verschaffen und bringt Simone und Rocco in Kontakt mit dem Boxsport.

Simone ist der physisch stärkste, aber psychisch labilste der Brüder. Geblendet von der „Glitzerwelt“ der Großstadt, lebt er über seine Verhältnisse und erliegt der Illusion von schnellem Reichtum. Er ist besessen von Nadia, einer Prostituierten, und dem Bild, das sie für ihn verkörpert. Durch mehrere Diebstähle und den Mord an Nadia lädt er Schuld auf sich und bewirkt schlussendlich den Zerfall der Familie.

Rocco versucht die Einheit der Familie zu bewahren; er ist sensibel, naiv und opferbereit. Zugunsten seines Bruders Simone verzichtet er auf Nadia und nimmt für ihn sogar einen riesigen Kredit auf. Anfangs arbeitet er in einer Wäscherei und ist dann der weniger leidenschaftliche, aber schließlich erfolgreichere Boxer. Trotz all dem, was er durch Simone erlitten hat, steht er ihm zur Seite, weil er sein Bruder ist.

Ciro erhält nach der Schulausbildung eine feste Stelle in der Autofabrik Alfa Romeo und ist – wie Rocco – in die Gesellschaft integriert. Er erkennt, dass es von einem bestimmten Moment keinen Sinn mehr macht, Simone zu unterstützen, weil dieser durch sein Verhalten die Familie ruiniert. Schließlich zeigt er ihn an und spaltet dadurch die Familie. Er gibt seine Sicht der Dinge an seinen jüngsten Bruder Luca weiter.

Luca, der jüngste Parondi, verkörpert die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Er möchte mit Rocco, der eine starke Verbundenheit mit der alten Heimat erkennen lässt, dorthin zurückkehren. Bei einem Gespräch darüber mit Ciro ist dieser skeptisch. Es bleibt offen, ob der Rückweg angetreten wird.

Nadia nutzt ihren Körper als Existenzgrundlage, reagiert dabei zuerst abgeklärt und selbstbewusst. Rocco durchbricht ihren Schutzpanzer, macht sie glücklich, aber auch verletzlich; sie beginnt jetzt eine Ausbildung als Stenotypistin. Nach der Enttäuschung durch Rocco, der sich zugunsten seines Bruders Simone von ihr zurückzieht, nimmt sie ihre frühere Tätigkeit wieder auf. Sie will den immer tiefer sinkenden Simone zerstören und bezahlt dafür mit ihrem Leben.

AuszeichnungenBearbeiten

  • 1960 erhielt Regisseur Luchino Visconti für Rocco e i suoi fratelli beim Filmfestival in Venedig den Silbernen Löwen und den Sonderpreis der Jury
  • 1961 erhielt Goffredo Lombardo, der Produzent des Films, den „David di Donatello“ für die beste Filmproduktion (zusammen mit Dino De Laurentiis)
  • 1962 wurde Rocco e i suoi fratelli beim Bodil Festival in Kopenhagen als bester europäischer Film ausgezeichnet.

KritikenBearbeiten

„Ein ausdrucksstarkes, tragisch überhöhtes Sozialdrama, angesiedelt zwischen dem Neorealismus von Viscontis Frühwerken und der ausladenden Epik seiner späteren Familienporträts.“

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Freigabebescheinigung für Rocco und seine Brüder. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, Juli 2006 (PDF; Prüf­nummer: 24 571 V/DVD/UMD).
  2. IMDb Drehorte
  3. a b IMDb Trivia
  4. Rocco und seine Brüder. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 2. März 2017.Vorlage:LdiF/Wartung/Zugriff verwendet