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Reimann (Unternehmerfamilie)

Deutsche Unternehmerfamile, Eigentümer der JAB Benckiser Gruppe

Die Unternehmerfamilie Reimann aus der Umgebung von Mannheim und Heidelberg ist eine der wohlhabendsten Familien Deutschlands mit einem Vermögen, das seinen Ursprung in der Chemiefirma Benckiser hatte. Das Vermögen der Familie wird unterschiedlich, von 11 Mrd. Euro auf bis zu 33 Mrd. Euro, geschätzt.

Aktionäre der JAB sind Renate Reimann-Haas (* 1951), Wolfgang Reimann (* 1952) sowie deren Cousins Matthias Reimann-Andersen (* 1965) und Stefan Reimann-Andersen (* 1963).[1] Der Familienzweig Reimann-Dubbers mit vier Geschwistern trennte sich in den 1990er Jahren von seinen Anteilen an Reckitt-Benckiser und operiert heute eigenständig.

GeschichteBearbeiten

BenckiserBearbeiten

1823 erwarb Adam Benckiser eine Salmiakhütte in Pforzheim. Der Aufstieg der Familie begann, als der Chemiker Karl Ludwig Reimann im Jahr 1851 zusammen mit Johann Adam Benckiser in Ludwigshafen eine Chemiefabrik gründete. Die Produkte waren Weinsäure und Zitronensäure sowie Phosphate. Der Chemiker Albert Reimann sen. (* 21. August 1868, † 27. Juli 1954),[2] Enkel von Ludwig Reimann, trieb das Geschäft im Laufe der Jahre voran.[3]

Bei den verschiedenen Familienstämmen Reimann handelt es sich um neun Geschwister, deren Vater Albert Reimann jun. (1898–1984) die Joh. A. Benckiser in Ludwigshafen gehörte.[4] Vier Kinder adoptierte Albert Reimann von seiner Schwester Else Dubbers und zwei Kinder von einem Neffen. Seine drei leiblichen Kinder aus der langjährigen außerehelichen Beziehung mit Emilie Landecker wurden später adoptiert. Seine Ehe blieb kinderlos.[5] Jedem der Kinder wurde 1984 der gleiche Erbanteil am Unternehmen Joh. A. Benckiser zugesprochen.[6] Die vier Kinder der Linie Reimann-Dubbers, die Albert Reimann von seiner Schwester adoptiert hatte, ließen sich im Jahre 1997 ihre Anteile auszahlen, um eigene Wege zu gehen.

Am Unternehmen Joh. A. Benckiser – seit 2012 JAB Holding mit Sitz in Luxemburg – blieben die vier Geschwister Renate Reimann, Wolfgang Reimann, Matthias Reimann und Stefan Reimann beteiligt. Heute liegt deren Firmenanteil bei 90 Prozent. Etwa 10 Prozent der Anteile an JAB sind mehrheitlich im Besitz der drei JAB Senior Partner Bart Becht, Peter Harf und Olivier Goudet – zu jeweils gleichen Anteilen. Sie führen die JAB und treffen alle Investmententscheidungen einvernehmlich.[7]

Später traten die Firmengründer mit der englischen Firma Reckitt & Sons in Kontakt und fusionierten 1999.[8] Im Frühjahr 2018 hielt die Familie noch knapp sechs Prozent[9] an dem neu entstandenen Wasch- und Reinigungsmittelkonzern Reckitt Benckiser.[10] Bis Jahresende sank der Anteil auf 0,7 %.[11]

Namhafte Erfindungen in den 1950er Jahren verhalfen dem Unternehmen zum Aufstieg, u. a. erfand Albert Reimann jun. den Wasserenthärter Calgon, in den 1960er Jahren das Spülmittel Calgonit, sowie das Zahnersatz-Pflegemittel Kukident. Die Familie Reimann war zudem von 1996 bis 2013 Alleineigentümer des mittlerweile börsennotierten[12] Parfümherstellers Coty, ein globaler Kosmetikkonzern mit rund 12.000 Mitarbeitern. Auch nach dem Börsengang[13] hält die Familie 38,1 Prozent der Anteile.[14] Teile des Haarpflegespezialisten Wella erwarben die Reimanns im Wettbewerb mit dem Düsseldorfer Konkurrenten Henkel für 13 Milliarden Euro. Im Mai 2012 scheiterte die Übernahme des Kosmetikherstellers Avon.[15]

Einstieg in die KaffeebrancheBearbeiten

Seit 2012 engagiert sich die Unternehmerfamilie Reimann über Benckiser im Kaffeegeschäft und übernahm die US-amerikanischen Kaffeeröstereien und Kaffeehausketten Peet's Coffee & Tea für 825 Millionen Euro und Caribou Coffee für 260 Millionen Euro. Im April 2013 wurde bekannt, dass Reimann für 7,5 Milliarden Euro D.E Master Blenders 1753 (ehemals Douwe Egberts) übernimmt, den niederländischen Marktführer für Kaffee- und Teeprodukte, der auch Senseo-Kaffeepads herstellt.

2014 gaben D.E Master Blenders 1753 und Mondelēz International bekannt,[16] ihre Kaffee-Marken zu einem reinen Kaffeeunternehmen zusammenlegen zu wollen. Das entstehende Joint Venture, an dem Mondelēz International 49 Prozent halten wird, soll Jacobs Douwe Egberts heißen, seinen Sitz in den Niederlanden haben und vom bisherigen Chef von D.E Master Blenders 1753 geführt werden. Jacobs Douwe Egberts kommt auf einen Jahresumsatz von rund 7 Milliarden US-Dollar und einem Weltmarktanteil von 8 Prozent. Im Dezember 2015 wurde zusammen mit anderen Investoren die für 2016 vorgesehene Übernahme des US-amerikanischen Kaffeekapsel-Konzerns und McDonald's-Lieferanten Keurig Green Mountain für 13,9 Milliarden Dollar bekanntgegeben.[17] Nach Zustimmung der Aufsichtsbehörden und der Aktionäre wurde der Abschluss der Transaktion im März 2016 bekanntgegeben.[18] Seit 2015 ist die JAB Holding der größte Kaffeekonzern der Welt.[19]

Weitere Beteiligungen der jüngsten ZeitBearbeiten

Weitere Zukäufe tätigte die JAB Holding im Fast-Food-Geschäft (US-Donutkette Krispy Kreme) und bei Luxus-Lederwaren (Jimmy Choo und andere). Im Juli 2017 verkaufte JAB die Schuhmarke Jimmy Choo an Michael Kors,[20] Ende 2017 die Modemarke Belstaff an Ineos.[21] Seit Februar 2018 hält JAB Holding nur noch eine Minderheitsbeteiligung an Bally.[22] Im Februar 2018 erwarb JAB Holding für 19 Milliarden US-Dollar den US-Softdrinkkonzern Dr Pepper Snapple Group – Hersteller bekannter Marken wie Dr Pepper, 7 Up, Schweppes, A&W Root Beer, Sunkist, Crush, Canada Dry, Evian usw. – und fusionierte ihn mit Keurig Green Mountain.[23][24] Im Mai 2018 erwarb sie die britische Sandwich-Ladenkette Pret a Manger mit weltweit 530 Filialen.[25] Im ersten Halbjahr 2019 beteiligte sich die Holding mehrheitlich an dem US-Tierklinikbetreiber Compassion First mit 41 Tierkliniken in 13 US-Bundesstaaten.[26] Im November 2019 erwarb Coty für 600 Millionen Dollar 51 % an Kylie Jenners Kosmetikmarke Kylie Cosmetics.[27]

VergangenheitsbewältigungBearbeiten

Die heutige Generation der Familie Reimann ließ die Geschichte von Familie und Unternehmen im Dritten Reich vom Wirtschaftshistoriker Paul Erker von der Universität München untersuchen; Christopher Kopper, Wirtschaftshistoriker von der Uni Bielefeld bestätigte später die Verstrickungen der Familie mit dem nationalsozialistischen Regime: Albert Reimann und sein gleichnamiger Sohn – die beiden Benckiser-Geschäftsführer der ersten und zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – waren offene Unterstützer Adolf Hitlers, ihr Unternehmen galt schon vor der Machtergreifung als NS-Musterbetrieb. In Werken und in der Privatvilla der Reimanns in Ludwigshafen sei es zu Gewalt und Missbrauch an Zwangsarbeitern gekommen.[28] Albert Reimann Jr. stellte sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Opfer der Nazis dar. Das ungebrochene Wachstum des Konzerns geht zu einem beträchtlichen Teil auf den hohen Anteil an Zwangsarbeitern zurück. Die zögerliche Aufarbeitung dieser Historie brachte den Reimann-Enkeln und dem Konzern massive Kritik ein.[29] Unter anderem titelte der Boston Globe: „Ich fand heraus, dass Nazi-Kapital hinter meinem Lieblingskaffee steckt. Soll ich ihn weiter trinken?“[30]

Familienzweig Reimann-DubbersBearbeiten

Zum eigenständig operierenden Familienzweig Reimann-Dubbers gehören das Family Office Reimann Investors, die Deutsche Kontor Privatbank (Vermögensverwaltung) sowie deren im Jahr 2010 begründete Marke Sofort Bank (Online-Zahlungssystem). Im November 2014 änderte die „Sofort Bank“ ihren Namen in „Deutsche Handelsbank“.[31]

VermögenBearbeiten

Die Familie belegte 2012 mit einem geschätzten Vermögen von elf Milliarden Euro Rang vier in einer Liste der 500 reichsten Deutschen;[32] wobei Schätzungen aus dem Jahr 2004 noch bei vier Mrd. Euro lagen.[33] 2018 belegte die Familie laut gleicher Quelle mit 33 Milliarden den zweiten Platz in Deutschland.[34] Nach einer anderen Quelle lag das Vermögen Anfang 2018 bei 18 Milliarden Euro.[35] 2019 landete die Familie mit nunmehr 35 Milliarden Euro auf dem ersten Platz.[36]

Gesellschaftliches EngagementBearbeiten

  • Renate Reimann-Haas, Matthias Reimann-Andersen, Stefan Reimann-Andersen und Wolfgang Reimann waren Mitglieder im Stiftungsrat der gemeinnützigen Benckiser Stiftung Zukunft,[37] die 2019 in die Alfred Landecker Foundation überführt wurde.[38]
  • Volker Reimann-Dubbers gründete 1997 die gemeinnützige VRD Stiftung für Erneuerbare Energien. Diese setzt sich für die Förderung und Verbreitung erneuerbarer Energien im In- und Ausland ein.[39]
  • Günter Reimann-Dubbers gründete 2002 die Günter Reimann-Dubbers Stiftung. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinnützige Projekte, insbesondere in den Bereichen Familie, Bildung und Gesundheit ins Leben zu rufen und zu unterstützen.[40]
  • Andrea Reimann-Ciardelli gründete 2004 die gemeinnützige Emily Landecker Foundation.[41]

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Immer diese Reimanns. In: faz.net. 11. August 2012, abgerufen am 22. Oktober 2019.
  2. Kurt Oberdorffer (Hrsg.): Ludwigshafener Chemiker. Düsseldorf 1958–1960.
  3. Billionaires Unmasked as Coty Persists in Pursuit of Avon. In: Bloomberg.com, 9. April 2012.
  4. Die Reimanns von nebenan. In: Die Zeit, 12. April 2012.
  5. The love affair between a Jew's daughter and a Nazi businessman at JAB. 14. Juni 2019, abgerufen am 21. Juli 2019.
  6. Familie Reimann – Die Steuerkünstler. In: Manager Magazin, 9. Juli 2012
  7. Christoph Kapalschinski: Reimann-Holding-Chairman Bart Becht: „Kaffee bietet eine einmalige Chance“. In: handelsblatt.com. 1. Januar 2018, abgerufen am 22. November 2019 (Anmeldung erforderlich).
  8. Deutsche Milliardärsfamilie will Avon übernehmen. In: T-Online, 3. April 2012.
  9. Holding(s) in Company. Abgerufen am 13. März 2018.
  10. Milliardärsfamilie Reimann – Erben Mannheims. In: Spiegel Online, 3. April 2012.
  11. Emmanuel Vanbrussel: Rotjaar voor Duitslands rijkste familie. In: tijd.be. 25. März 2019, abgerufen am 3. Oktober 2019 (flämisch)
  12. Börsengang in den USA: Milliardärsclan Reimann macht Kasse mit Parfumfirma Coty. In: Spiegel Online. 13. Juni 2013 (spiegel.de [abgerufen am 12. Februar 2018]).
  13. Lee Spears: Reimanns Coty wird im Börsengang mit 25% Abschlag angeboten. In: DIE WELT. 12. Juni 2013 (welt.de [abgerufen am 12. Februar 2018]).
  14. Familienholding JAB: Die Macht der Reimann-Manager. (handelsblatt.com [abgerufen am 13. März 2018]).
  15. Familie Reimann verliert Lust an Avon-Übernahme – Offerte zurückgezogen. In: focus.de. 15. Mai 2012, abgerufen am 31. März 2019.
  16. Pressemitteilung von D.E Master Blenders 1753
  17. 14-Milliarden-Dollar-Deal: Jacobs-Eigner kaufen US-Kaffeekapselkonzern. In: Spiegel Online, 9. Dezember 2015.
  18. JAB completes acquisition of Keurig Green Mountain. In: Vermont Business Magazine, 3. März 2016.
  19. Deutsche Milliardärsfamilie kauft Pret A Manger faz.net, 29. Mai 2018, abgerufen am 20. Oktober 2018
  20. Luxus an den Füßen: Eine Schuhmarke für eine Milliarde Euro. In: FAZ.NET. 25. Juli 2017, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 13. März 2018]).
  21. Jan Schroder: JAB verkauft Belstaff an britischen Chemiekonzern. (fashionunited.de [abgerufen am 13. März 2018]).
  22. Traditionsunternehmen: Chinesen kaufen Schweizer Luxusfirma Bally. In: FAZ.NET. 9. Februar 2018, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 13. März 2018]).
  23. Deutsche Milliardärsfamilie erschafft Cola-Kaffee-Imperium welt.de, 5. Februar 2018, abgerufen am 20. Oktober 2019
  24. Brands keurigdrpepper.com, abgerufen am 20. Oktober 2019
  25. Milliardärsfamilie Reimann schnappt sich Sandwichkette Pret A Manger handelsblatt.com, 29. Mai 2018, abgerufen am 20. Oktober 2019
  26. Warum der Reimann-Clan jetzt in Tierkliniken investiert manager-magazin.de, 26. Februar 2019, abgerufen am 20. Oktober 2019
  27. Coty kauft Kosmetikfirma von Kylie Jenner boerse.ard.de, 19. November 2019, abgerufen am 20. November 2019
  28. Die Nazi-Vergangenheit des Calgon-Clans: "Wir waren sprachlos und weiß wie eine Wand". Stern, 27. März 2019, abgerufen am 27. März 2019.
  29. Katrin Bennhold: Nazis Killed Her Father. Then She Fell in Love With One. In: The New York Times. 14. Juni 2019, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 14. Juni 2019]).
  30. Devra First Globe Staff: I found out Nazi money is behind my favorite coffee. Should I keep drinking it? - The Boston Globe. Abgerufen am 14. Juni 2019 (amerikanisches Englisch).
  31. Über uns: Deutsche Kontor. In: deutsche-kontor.com. Archiviert vom Original am 13. März 2018; abgerufen am 5. November 2019.
  32. Vermögens-Ranking: Aldi-Clan dominiert Deutschlands Milliardäre. In: Spiegel Online, 9. Oktober 2012
  33. Siehe auch Chronologie der reichsten Deutschen
  34. mm-Studie zu Vermögen in Deutschland | Die reichsten Deutschen. In: manager-magazin.de. 5. Oktober 2018, abgerufen am 26. August 2019.
  35. Reimann-Imperium plant neue Beteiligungen: Deutschlands reichste Familie sammelt Geld – für die nächste Mega-Übernahme. In: focus.de. 3. Januar 2018, abgerufen am 7. März 2019.
  36. Die reichsten Deutschen 2019: Familie Reimann verdrängt Stefan Quandt und Susanne Klatten. Abgerufen am 1. Oktober 2019.
  37. Stiftungsrat der Benckiser Stiftung Zukunft
  38. Benckiser Stiftung Zukunft | Intro. Abgerufen am 21. Juli 2019.
  39. VRD Stiftung für Erneuerbare Energien
  40. Projekte. In: elke-und-guenter-reimann-dubbers-stiftung.de. Abgerufen am 26. August 2019.
  41. Fortune From German Conglomerate Undergirds Family’s Giving. In: vnews.com. 15. Juli 2018, abgerufen am 11. Dezember 2018 (englisch).