Rechtliche Volkskunde

Die Rechtliche Volkskunde (auch Legal Ethnologie, Rechtskulturgeschichte) ist ein interdisziplinäres Forschungsfeld im Schnittbereich zwischen Volkskunde und Rechtsgeschichte. Nach Heiner Lück beschäftigt sich die Rechtliche Volkskunde „mit dem Erkennen rechtsalltäglicher wie rechtspraktischer Tatsachen und Prozesse (vorzugsweise aus dem überlieferten Brauchtum)“. Und konkreter: „Die Rechtliche Volkskunde bemüht sich, aus Volksbräuchen und anderen volkskundlichen Quellen, die nicht vordergründig rechtlich geprägt sein müssen (z. B. Kinderspiele, Märchen, Sagen, Volkslieder, Volkstänze), Rückschlüsse auf das rechtliche Zusammenleben der Menschen zu ziehen.“[1] Überschneidungen mit der Rechtsikonographie und der Rechtsarchäologie sind hierbei kaum vermeidbar und von den meisten Vertretern des Fachs gewollt. Namhafte Vertreter des Fachs haben sich in der „Internationalen Gesellschaft für rechtliche Volkskunde“ zusammengeschlossen.

Ursprung der Bezeichnung „Rechtliche Volkskunde“Bearbeiten

Der Bezeichnung „Rechtliche Volkskunde“ wurde durch den bekannten Heidelberger Rechtshistoriker Eberhard Freiherr von Künßberg (1881–1941) geprägt, der sich dabei an den etablierten französischen Begriff der „folklore juridique“ anlehnte.[2] Der Ausdruck wurde fast allgemein als prägnanter und klarer empfunden als andere Vorschläge zur Betitelung der damals aufblühenden Fachrichtung, weshalb sich die Bezeichnung schnell etablierte.[3] In der jüngeren Forschung gab es wiederholte Versuche, der Fachrichtung eine modernere Bezeichnung zu geben, etwa als „Legal Ethnologie“ oder „Rechtskulturgeschichte“ (Hans Hattenhauer), die sich bislang jedoch nicht durchsetzen konnten.[4]

Geschichtlicher ÜberblickBearbeiten

Forschungsgegenstand ist die rechtliche Volkskunde bereits seit dem 18. Jahrhundert. Justus Möser (1729–1794), Carl Henrich Dreyer (1723–1802), Tileman Dothias Wiarda (1746–1826) oder Carl Gustav Homeyer (1795–1874) gelten als frühe Vertreter des Fachs. Jacob Grimm (1785–1863) fächert in seinen Deutschen Rechtsalterthümern (1. Auflage Göttingen 1828) die verschiedenen Aspekte der Disziplin in voller Breite auf. Denn, so mahnte Grimm in der Einleitung, der sorgsam arbeitende Rechtshistoriker dürfe sich nicht einseitig der Rechtsdogmatik zuwenden, um die „vielgestaltige erscheinung des alten“ voll zu erfassen, müsse er vielmehr auch „materialien für das sinnliche element der deutschen rechtsgeschichte, so viel er ihrer habhaft werden konnte, vollständig und getreu … sammeln“.[5]

Bekannte Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts, die sich mit Themen der rechtlichen Volkskunde befasst haben, sind ferner beispielsweise Eduard Osenbrüggen (1809–1879), Heinrich Zoepfl (1807–1877) und Heinrich Gottfried Gengler (1817–1901).[6] Karl von Amira (1848–1930) spannte mit Werken wie Thierstrafen und Thierprocesse (1891), Die Handgebärden in den Bilderhandschriften des Sachsenspiegels (1905) und Der Stab in der germanischen Rechtssymbolik (1909) die gesamte Bandbreite des Faches aus.[4]

ForschungsgegenstandBearbeiten

Der Namensgeber des Fachs Eberhard Freiherr von Künßberg beschrieb 1925 als Aufgabengebiet der Rechtlichen Volkskunde zunächst den Bereich der „Volksüberlieferung“, etwa „Volkslied, Märchen, Schwank, Sage, Sprichwort und Rätsel“, daneben Flur-, Orts- und Familiennamen sowie Feste und (Kinder-)Spiele. Als zweites Themenfeld führte er die Rechtssymbole an, zu denen er neben Rechtsgebärden auch „gegenständliche Rechtssymbole“ wie „Erde, Halm, Zweig, Stein“, ferner Instrumente, Geräte, Waffen und Münzen rechnete. Als dritten Bereich nannte er die „Rechtsaltertümer“, worunter er (enger als Grimm) rechthistorisch bedeutsame Bauwerke und Stätten (Gerichtsorte, Galgenplätze usw.) sowie Kleindenkmale (etwa Grenzsteine und Sühnekreuze) fasste. Als Beispiel für weitere relevante rechtshistorische Realien nannte er die Schandgemälde.[2]

Über Künßbergs Auflistung wurde in der Forschung viel gestritten (vgl. die Literaturangaben unten). Eine positive, abschließende Definition des Zuständigkeitsbereichs der Rechtlichen Volkskunde ist aufgrund der starken und bewussten Überschneidungen mit anderen Fächern kaum möglich, weshalb die meisten Vertreter des Fachs darauf verzichten. Wie sich aus dem Untertitel der Fachzeitschrift Signa Iuris ergibt, lokalisiert sich die Rechtliche Volkskunde namentlich in einem offenen Schnittbereich mit den Fächern der Rechtsarchäologie und der Rechtsikonographie.

LiteraturBearbeiten

Literatur zu Geschichte und Gegenstand der Rechtlichen VolkskundeBearbeiten

  • Karl Siegfried Bader: Rechtliche Volkskunde in der Sicht des Rechtshistorikers und Juristen. In: Konrad Köstlin, Kai Detlev Sievers (Hrsg.): Das Recht der kleinen Leute. Festschrift für Karl-Sigismund Kramer zum 60. Geburtstag. Berlin 1976, S. 1–11 (Nachdruck in: Ders., Ausgewählte Schriften zur Rechts- und Landesgeschichte, Bd. 1, hrsg. von Clausdieter Schott, Sigmaringen 1984, S. 124–134).
  • Hermann Baltl: Rechtliche Volkskunde und Rechtsarchäologie als wissenschaftliche Begriffe und Aufgaben. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde = Archives suisses des traditions populaires 48 (1952), S. 65–82.
  • Theodor Bühler: Folklore Juridique – Rechtliche Volkskunde. In: Signa Iuris 1 (2008), S. 177–179.
  • Theodor Bühler: Karl Siegfried Bader als Förderer der rechtlichen Volkskunde. In: Forschungen zur Rechtsarchäologie und zur Rechtlichen Volkskunde 23 (2006), S. 13–25.
  • Louis Carlen: Volkskunde, Rechtliche. In: Handwörterbuch zur Deutschen Rechtsgeschichte, Bd. 4. 1. Aufl., Berlin 1990, Sp. 999–1004.
  • Louis Carlen: Karl S. Bader und die Rechtsarchäologie und Rechtliche Volkskunde. In: Forschungen zur Rechtsarchäologie und zur Rechtlichen Volkskunde 18 (2000), S. 11–25.
  • Daniel Habit: Rechtliche Volkskunde revisited. Zur fachgeschichtlichen Entwicklung 1945–1970 und zu nachfolgenden Konfliktfeldern. In: Johannes Moser, Irene Götz, Moritz Ege (Hrsg.): Zur Situation der Volkskunde 1945–1970. Orientierungen einer Wissenschaft in Zeiten des Kalten Krieges. Münster u. a. 2015, S. 381–400.
  • Karl Frölich: Die rechtliche Volkskunde als Aufgabenbereich der deutschen Universitäten. In: Hessische Blätter für Volkskunde 41 (1950), S. 182–192.
  • Konrad Köstlin: Die Verrechtlichung der Volkskultur. In: Ders., Kai Detlev Sievers (Hrsg.): Das Recht der kleinen Leute. Beiträge zur rechtlichen Volkskunde. Festschrift für Karl-Sigismund Kramer zum 60. Geburtstag. Berlin 1976, S. 109–124.
  • Konrad Köstlin: Karl-S. Kramer und seine Rechtliche Volkskunde. In: Signa Iuris 16 (2019), S. 9–26.
  • Karl-Sigismund Kramer: Problematik der Rechtlichen Volkskunde. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1962, S. 50–66.
  • Karl-Sigismund Kramer: Grundriss einer rechtlichen Volkskunde. Göttingen 1974.
  • Karl-Sigismund Kramer: Warum dürfen Volkskundler nicht vom Recht reden? Zur Problematik der Rezeption meines Buches „Grundriß einer rechtlichen Volkskunde“ (1974). In: Ruth-E. Mohrmann, Volker Rodekamp, Dietmar Sauermann (Hrsg.): Volkskunde im Spannungsfeld zwischen Universität und Museum. Festschrift zum 65. Geburtstag von Hinrich Siuts. Münster u. a. 1997, S. 229–237.
  • Eberhard Freiherr von Künßberg: Rechtsgeschichte und Volkskunde. In: Jahrbuch für historische Volkskunde 1925, S. 67–125 (Neudruck, hrsg. von Pavlos Tzermias, Köln 1965).
  • Eberhard Freiherr von Künßberg: Rechtliche Volkskunde. Halle (Saale) 1936.
  • Michele Luminati: Die Rechtliche Volkskunde: Eine Disziplin mit Zukunft? In: Signa Iuris 16 (2019), S. 27–44.
  • Witold Maisel: Die Abgrenzung der Rechtsarchäologie und der Rechtlichen Volkskunde. In: Forschungen zur Rechtsarchäologie und Rechtlichen Volkskunde 2 (1979), S. 93–104.
  • Klaus F. Röhl: Wie übersetzt man »Popular Legal Culture«? In: Signa Iuris 1 (2008), S. 173–174.
  • Herbert Schempf: Zwischen Rechtssoziologie und ethnologischer Rechtsforschung. Zum Forschungsfeld der Rechtlichen Volkskunde. In: Neue Instanz. Zeitschrift für Recht, Kultur und Gesellschaft 2 (März 1990), S. 61–65.
  • Herbert Schempf: Zum Stand der Rechtlichen Volkskunde in Europa. In: Forschungen zur Rechtsarchäologie und zur Rechtlichen Volkskunde 18 (2000), S. 27–42.
  • Herbert Schempf: Zum Aussagewert der Titelsammlung in der Retrospektive. Überlegungen zur rechtlichen Volkskunde in Europa am Beispiel Italiens. In: Rainer Alsheimer, Eveline Doelman, Roland Weibezahn (Hrsg.): Wissenschaftlicher Diskurs und elektronische Datenverarbeitung. Bremen/Amsterdam 2000, S. 171–180.
  • Herbert Schempf: Rechtliche Volkskunde. In: Rolf W. Brednich (Hrsg.): Grundriss der Volkskunde, Einführung in die Forschungsfelder der europäischen Ethnologie. 3. Aufl. Reimer, Berlin 2001, 423–444.
  • Klaus-Peter Schroeder: „Rechtliche Volkskunde“ an der Universität Heidelberg während der Weimarer Republik und in Dritten Reich. In: Signa Iuris 7 (2011), S. 9–23.

Zeitschriften und Reihen zur Rechtlichen VolkskundeBearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Heiner Lück: Was ist und was kann Rechtsarchäologie? In: Denkströme. Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Band 8 (2012), S. 35–55, 40 f.
  2. a b Eberhard von Künßberg: Rechtsgeschichte und Volkskunde. In: Jahrbuch für historische Volkskunde. 1925, S. 67–125, 69 ff.
  3. Karl-Siegfried Bader: Gesunkenes Rechtsgut – Zur Begriffsbildung und Terminologie in der Rechtlichen Volkskunde. In: Kunst und Recht – Festgabe für Hans Fehr. Karlsruhe 1948, S. 7–25, 11 (nachgedruckt in: Ders. Ausgewählte Schriften zur Rechts- und Landesgeschichte, Bd. 1, hrsg. von Clausdieter Schott, Sigmaringen 1984, S. 107–123).
  4. a b Andreas Deutsch: Was ist rechtliche Volkskunde? In: Homepage der Internationalen Gesellschaft für Rechtliche Volkskunde. Abgerufen am 27. Februar 2019.
  5. Jacob Grimm: Deutsche Rechtsalterthümer. Hrsg.: Andreas Heusler/Rudolf Hübner. 4. Auflage. Band 1. Leipzig 1899, S. VII (archive.org [abgerufen am 27. Februar 2019]).
  6. Hermann Baltl: Rechtliche Volkskunde und Rechtsarchäologie. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde. Band 48, 1952, S. 65–82.