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Primärharn ist ein weitgehend eiweißfreies Ultrafiltrat, das bei der Durchblutung der Nieren von den Nierenkörperchen gebildet wird und im Wesentlichen als noch unkonzentrierter Harn bezeichnet werden kann. Der Primärharn heißt auch Tubulusflüssigkeit.[1]

Definitionsgemäß ist die Primärharnbildung[2] identisch mit der glomerulären Filtrationsrate und mit der Kreatinin-Clearance. Insofern ist der Primärharnfluss ein Maß für die filtrative Nierenfunktion. Ein zu kleiner Primärharnfluss wird als Niereninsuffizienz oder filtrative Nierenschwäche bezeichnet. Eine schwere beiderseitige Niereninsuffizienz bezeichnet man als akutes Nierenversagen beziehungsweise chronisches Nierenversagen. Eine Niereninsuffizienz kann zwei verschiedene Ursachen haben. Einmal kann eine Nierenkrankheit (oder eine Erkrankung der ableitenden Harnwege) zur Niereninsuffizienz führen; zweitens führt jede Verkleinerung des Herzzeitvolumens zur Niereninsuffizienz.

Dieser Vorgang wurde erstmals 1842 von Carl Ludwig (1816–1895) in seiner Habilitationsschrift De viribus physicis secretionem urinae adjuvantibus („Beiträge zur Lehre vom Mechanismus der Harnabsonderung“) beschrieben.

Etwa 300-mal pro Tag durchströmt die gesamte Blutmenge eines Menschen seine beiden Nieren, insgesamt also ca. 1500 Liter beim Erwachsenen. Als renaler Blutfluss wird die Menge an Blut bezeichnet, die pro Minute durch die Nieren fließt, als renaler Plasmafluss die Menge des die Nieren pro Minute durchströmenden Blutplasmas. Der renale Plasmafluss ist das Produkt aus renalem Blutfluss und (1 − Hämatokrit).[3] Vom renalen Plasmafluss wird etwa ein gutes Fünftel in den Podozyten der Glomerula filtriert. Die Filtrationsfraktion wird berechnet, indem die glomeruläre Filtrationsrate (GFR) durch den renalen Plasmafluss dividiert wird.

Im Ergebnis beträgt die GFR einer jeden einzelnen Niere etwa ein Prozent des Herzzeitvolumens (HZV); nur bei parenchymalen Nierenkrankheiten sinkt dieser Prozentsatz. Aber auch bei Vorliegen einer Nephropathie sind GFR und HZV in etwa proportional. Ein Proportionalitätsfaktor GFR/HZV<0,02 beweist also gewissermaßen das Vorliegen einer tatsächlichen Nierenkrankheit. Umgekehrt weist ein Quotient GFR/HZV≈0,02 bei einer Niereninsuffizienz auf die Nierengesundheit hin; der Patient hat ein extrarenales Nierensyndrom.[4]

Täglich werden etwa 180 Liter Primärharn gebildet. Das entspricht einer GFR = 125 ml/min. Die Zusammensetzung des Primärharns entspricht mit Ausnahme der Makromoleküle, die ab einer Molekülmasse von 6–15 Kilodalton (kDa) teilweise und ab einer Molekülmasse von ca. 80 kDa normalerweise zurückgehalten werden, der des Blutplasmas.

Auf dem Weg durch die Nierenkanälchen wird aus dem Primärharn durch Resorptions- und Sekretionsvorgänge der Sekundärharn (Urin, Harn, Endharn[5]) gebildet. Nur noch etwa ein Prozent des Primärharns, also bei Erwachsenen täglich etwa anderthalb Liter, gelangt als Sekundärharn in die Harnblase und wird als Urin ausgeschieden.[6] Die tubuläre Rückresorptionsquote beträgt also im Normalfall etwa 99 %; bei der Anurie erreicht sie nahezu 100 %. Diuretika verkleinern die Rückresorption und vergrößern das Sekundärharnvolumen.

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EinzelnachweiseBearbeiten

  1. John W. Boylan, Peter Deetjen, Kurt Kramer: Niere und Wasserhaushalt, Urban & Schwarzenberg, München, Berlin, Wien 1970, ISBN 3-541-04911-1, S. 3.
  2. Ulrich Kuhlmann et alii (Herausgeber): Nephrologie, 6. Auflage, Georg Thieme Verlag, Stuttgart, New York 2015, ISBN 978-3-13-700206-2, Seite 55.
  3. John W. Boylan, Peter Deetjen, Kurt Kramer: Niere und Wasserhaushalt, Urban & Schwarzenberg, München, Berlin, Wien 1970, ISBN 3-541-04911-1, S. 63.
  4. Wilhelm Nonnenbruch: Die doppelseitigen Nierenkrankheiten, Ferdinand Enke Verlag, Stuttgart 1949, S. 170–192.
  5. Venöse Insuffizienz, Therapieprinzip sanfte Diurese, Firma Sanol GmbH, Monheim ohne Jahr, Seite 18.
  6. John W. Boylan, Peter Deetjen, Kurt Kramer: Niere und Wasserhaushalt, Urban & Schwarzenberg, München, Berlin, Wien 1970, ISBN 3-541-04911-1, S. 81.