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Peter V. Zima

österreichischer Literaturwissenschaftler

Peter Václav Zima (* 11. März 1946 in Prag) ist ein österreichischer Literaturwissenschaftler. Er studierte Soziologie und Politikwissenschaft an der Universität Edinburg und Literatursoziologie an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) in Paris, wo er mit zwei Dissertationen - Doctorat du 3e Cycle (1971: Paris IV) und Doctorat d'Etat (1979: Paris I) promovierte und sich habilitierte. Er war von 1972 bis 1975 Gastdozent und Assistent an der Universität Bielefeld, von 1976 bis 1983 Dozent an der Universität Groningen. Von 1983 bis 2012 war er ordentlicher Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Er ist seit 2012 emeritierter Professor für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Klagenfurt, seit 1998 korrespondierendes Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften[1] und seit 2010 Mitglied der Academia Europaea in London.[2] 2014 wurde er zum Honorarprofessor der East China Normal University in Schanghai ernannt. Er war Gastprofessor in Neapel (Istituto Universitario Orientale: 1985), Löwen (Katholieke Univ. Leuven: 1988), Graz (Univ. Graz: 1991/92), Wien (Univ. Wien: 1994/95) und Santiago de Compostela (Univ, de Santiago: 2002).

PositionBearbeiten

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Zima – seinem Selbstverständnis nach Soziosemiotiker oder Textsoziologe – forscht auf den Gebieten Soziologie, Ästhetik, Komparatistik, Dekonstruktion, Ideologiekritik und Theorie des Subjekts. In seiner Veröffentlichung Literarische Ästhetik von 1991 (1995) rekonstruiert Zima die ästhetischen Grundlagen literaturwissenschaftlicher Theorien. Dabei führt er eine Neubestimmung der Literaturwissenschaft im philosophisch-ästhetischen System zwischen Kant, Hegel und Nietzsche durch. Dem ästhetischen Bereich gehört auch seine Studie Ästhetische Negation (2005) zu Mallarmé, Valéry, Adorno und Lyotard an. Zima zeigt, wie das individuelle Subjekt versucht, sich mit sprachlichen und ästhetischen Mitteln gegen einen Niedergang zwischen Spätmoderne und Postmoderne zur Wehr zu setzen. Die Studie befasst sich zugleich mit der Kritischen Theorie Adornos, dessen Sprachkritik und negative Ästhetik von Mallarmé und Valéry teilweise vorweggenommen wurden.

In seinen Veröffentlichungen zur Entwicklung des Romans als einer literarischen Gattung zeigt Zima, dass der Roman des 17. und 18. Jahrhunderts von einer auflösbaren Ambiguität der Werte, Handlungen und Charaktere strukturiert wird, während der Roman der Spätmoderne von der unauflösbaren Ambivalenz geprägt ist. Diese stellt als Unentscheidbarkeit sowohl die Romanhandlung als auch die Erzählstruktur bei Autoren wie Musil, Kafka, Proust, Svevo oder Thomas Mann in Frage.

In der Postmoderne gehe die Ambivalenz allmählich in eine Indifferenz über: Sie meint nicht Gleichgültigkeit, sondern Austauschbarkeit von Wertsetzungen. Diese Entwicklung von der Ambiguität zur Ambivalenz und später zur Indifferenz untersucht Zima in Moderne / Postmoderne (1997). Als Vertreter einer dialogischen Theorie, die an Bachtin und Adorno anknüpft, unternimmt Zima in Ideologie und Theorie (1989) sowie in Was ist Theorie? (2004, ²2017) den Versuch einer Abgrenzung: Eine Ideologie ist demnach ein dualistisch strukturierter Monolog, der sich mit der Wirklichkeit (ihren Objekten) identifiziert. Im Gegensatz dazu ist eine Theorie durch Nichtidentität, Ambivalenz und dialogische Offenheit gekennzeichnet. Somit unterscheidet Zima einen allgemeinen Begriff sowie einen kritisch-restriktiven Begriff von Ideologie: Jede kultur- und sozialwissenschaftliche Theorie ist im Prinzip zugleich ideologisch zu nennen, weil sie gruppenspezifische Interessen und Werte artikuliert. Zu einer Ideologie wird sie erst dadurch, dass sie ihre Objekte nicht als mögliche Konstruktionen wahrnimmt, sondern sich mit ihnen und der Wirklichkeit schlechthin identifiziert. Dadurch wird die Ideologie zum monologischen Diskurs, der es konkurrierenden Diskursen untersagt, diese Objekte anders zu erkennen und zu konstruieren. 1999 widmete sich die achte Diskussionseinheit von Heft 4 des Streitforums Ethik und Sozialwissenschaften Zimas Dialogischer Theorie.

Zima hat in einer Theorie des Subjekts (2000, 2017, vierte Aufl.) eine dialogische Theorie der Subjektivität vorgeschlagen: Das Subjekt wird als eine sich wandelnde und zugleich gleichbleibende Instanz aufgefasst, die sich nur in einem permanenten Dialog mit anderen Personen entfalten kann. Zimas psychoanalytische und soziologische Studie Narzissmus und Ichdeal (2009) schließt an diese Argumentation an.

AuszeichnungBearbeiten

  • 1993 erhielt Zima den Forschungspreis der Ellen-und-Max-Woitschach-Stiftung für ideologiefreie Wissenschaft im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft (Bonn).[3]

VeröffentlichungenBearbeiten

als Autor
  • Le Désir du mythe, Lecture sociologique de Marcel Proust. Nizet, Paris, Nizet, 1973.
  • Goldmann. Dialectique de l'immanence, Paris, Editions universitaires, 1973.
  • L'Ecole de Francfort. Dialectique de la particularité, Paris, Editions universitaires,1974. Neue überarbeitete und ergänzte Fassung: Paris, L'Harmattan, 2005, ISBN 2-7475-7719-8.
  • Kritik der Literatursoziologie. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1978, ISBN 3-518-10857-3; frz. Fassung: Pour une sociologie du texte littéraire, Paris, UGE-10/18, 1978, L'Harmattan, 2000, ISBN 2-7384-9081-6, 1978.
  • Textsoziologie. Ein kritische Einführung, Stuttgart, Metzler, 1980, ISBN 3-476-10190-8.
  • L'Ambivalence romanesque. Proust, Kafka, Musil, Paris, Le Sycomore, 1980, L'Harmattan, 2002 (2., überarbeitete Aufl.), ISBN 2-7475-3117-1.
  • Literatuur en maatschappij, Inleiding in de literatuur – en tekstsociologie. Assen, Van Gorcum, 1981, ISBN 90-232-1831-0.
  • L'indifférence romanesque, Sartre, Moravia, Camus, Paris, Le Sycomore, 1982, L'Harmattan, 2005 (2., korrigierte Aufl.), ISBN 2-7475-8001-6; dt. Fassung: Der gleichgültige Held. Textsoziologische Untersuchungen zu Sartre, Moravia und Camus. Stuttgart, Metzler, 1983, Trier, WVT, 2004, ISBN 3-88476-600-7.
  • Manuel de sociocritique, Paris, Picard, 1985, L'Harmattan, 2000 mit neuer kommentierter Bibliografie, ISBN 2-7384-9087-5.
  • Roman und Ideologie. Zur Sozialgeschichte des modernen Roman, München, W. Fink Verlag, 1986, ISBN 3-7705-2365-2.
  • Ideologie und Theorie, Eine Diskurskritik, Tübingen, Francke, 1989, ISBN 3-7720-1823-8 (Forschungspreis der Ellen-und-Max-Woitschach-Stiftung für ideologiefreie Wissenschaft, Bonn 1993).
  • Literarische Ästhetik, Methoden und Modelle der Literaturwissenschaft, Tübingen, Francke, 1991, 1995 (2. Aufl.), ISBN 3-8252-1590-3.
  • Komparatistik, Einführung in die Vergleichende Literaturwissenschaft, Tübingen, Francke, 1992, 2011 (2. Aufl.) ISBN 978-3-8252-1705-1.
  • La Déconstruction. Une critique, Paris, PUF, 1994, ISBN 978-2-13-045997-2; erw. dt. Fassung: Die Dekonstruktion, Einführung und Kritik, Tübingen, Francke, 1994 (2016, 2. Aufl.), ISBN 978-3-8252-1805-8; erw. engl. Fassung: Deconstruction and Critical Theory, London-New York, Continuum, 2002, ISBN 978-1-84790-008-1.
  • Moderne / Postmoderne. Gesellschaft, Philosophie, Literatur. Tübingen, Francke, 1997 (2016, 4. Aufl.), ISBN 978-3-8252-4690-7; erw. engl. Fassung: Modern/Postmodern. Society, Philosophy, Literature, London-New York, Continuum, 2010, ISBN 9781--4411-9901-0.
  • The Philosophy of Modern Literary Theory, London-Brunswick, Athlone-Continnuum, 1999, ISBN 0-485-11540-9; erw. frz. Fassung: Critique littéraire et esthétique. Les fondments esthétiques des théories de la littérature, Paris, L'Harmattan, 2004, ISBN 2-7475-5810-X.
  • Theorie des Subjekts. Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne, Tübingen, Francke, 2000 (2017, 4. Aufl.), ISBN 978-3-8252-4796-6; erw. engl. Fassung: Subjectivity and Identity. Between Modernity and Postmodernity, London-New York, 2015 ISBN 978-1-78093-780-9.
  • Das literarische Subjekt. Zwischen Spätmoderne und Postmoderne, Tübingen, Francke, 2001, ISBN 3-7720-2775-X.
  • La Négation esthétique. Le Sujet, le beau et le sublime de Mallarmé et Valéry à Adorno et Lyotard, Paris, L'Harmattan, 2002, ISBN 2-7475-3116-3; erw. dt. Fassung: Ästhetische Negation. Das Subjekt, das Schöne und das Erhabene von Mallarmé und Valéry zu Adorno und Lyotard, Würzburg, Königshausen & Neumann, 2005, 2018 (erw. 2. Aufl.), ISBN 978-3-8260-6178-3.
  • Théorie critique du discours, La discursivité entre Adorno et le postmodernisme, Paris, L'Harmattan 2003, ISBN 978-2-7475-5247-9.
  • Was ist Theorie? Theoriebegriff und Dialogische Theorie in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Tübingen, Francke, 2004 (2017, 4. Aufl.), ISBN 978-3-8252-4797-3; engl. Fassung: What is Theory? Cultural Theory as Discourse and Dialogue, London-New York, Continuum, 2007, ISBN 0-8264-9050-6.
  • Der europäische Künstlerroman. Von der romantischen Utopie zur postmodernen Parodie, Tübingen, Francke, 2008, ISBN 978-3-7720-8263-4.
  • Narzissmus und Ichideal. Psyche, Gesellschaft, Kultur, Tübingen, Francke, 2009, ISBN 978-3-7720-8337-2.
  • Komparatistische Perspektiven. Theoriebildung in der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Tübingen, Francke, 2011, ISBN 978-3-7720-8407-2.
  • Texte et société. Perspectives sociocritiques, Paris, L'Harmattan, 2011, ISBN 978-2-296-55926-4.
  • Entfremdung. Pathologien der postmodernen Gesellschaft, Tübingen, Francke, 2014, ISBN 978-3-8252-4305-0.
  • Essay / Essayismus. Zum theoretischen Potenzial des Essays. Von Montaigne bis zur Postmoderne, Würzburg, Königshausen & Neumann 2012, ISBN 978-3-8260-4727-5, erw. frz. Fassung: Essai et Essayisme. Le potentiel théorique de l'essai: de Montaigne jusqu'à la postmodernité, Paris, Classqiues Garnier, 2018, ISBN 978-2-406-06835-8.


als Herausgeber und Mitherausgeber
  • Textsemiotik als Ideologiekritik. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1977, ISBN 3-518-10796-8.
  • Semiotics and Dialectics. Ideology and the Text. J. Benjamins, Amsterdam 1981, ISBN 90-272-1505-7.
  • Degrés 25–26, „Texte et idéologie“. Brüssel 1980/81.
  • mit J. Strutz: Europäische Avantgarde. Peter Lang, Frankfurt am Main/Paris/Bern 1987, ISBN 3-8204-0057-5.
  • mit J. Strutz: Komparatistik als Dialog. Peter Lang, Frankfurt am Main/Paris/Bern 1991, ISBN 3-631-42279-2.
  • Literatur intermedial. Musik-Malerei-Photographie-Film. Wiss, Buchgesellschaft, Darmstadt 1995, ISBN 3-534-12315-8.
  • mit J. Strutz: Literarische Polyphonie. Übersetzung und Mehrsprachigkeit in der Literatur. Tübingen, Narr 1996, ISBN 3-8233-5163-X.
  • Vergleichende Wissenschaften. Interdisziplinarität und Interkulturalität in den Komparatistiken. Narr, Tübingen 2000, ISBN 3-8233-5212-1.
  • mit J. Wertheimer: Strategien der Verdummung. Infantilismus in der Fun-Gesellschaft. Beck, München 2001, ISBN 3-406-45963-3.
  • Krise und Kritik der Sprache. Literatur zwischen Spätmoderne und Postmoderne. Francke, Tübingen 2004, ISBN 3-7720-8055-3.
  • mit R. Winter: Kritische Theorie heute. Transcript, Bielefeld 2007, ISBN 3-89942-530-8.

LiteraturBearbeiten

  • Hrsg. S. Bartoli, D. Böhme, T. Floreancig (Hgg.): Das Subjekt in Literatur und Kunst. Festschrift für Peter V. Zima. Francke, Tübingen 2011.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Mitglieder der ÖAW: Peter V. Zima. Österreichische Akademie der Wissenschaften, abgerufen am 28. Juli 2017.
  2. Mitgliederverzeichnis: Peter V. Zima. Academia Europaea, abgerufen am 28. Juli 2017 (englisch).
  3. Ellen-und-Max-Woitschach-Stiftung für ideologiefreie Wissenschaft: Preisträger.