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Ordelafo Faliero

Doge von Venedig (1102–1118)
Wappen des „Odelafo Falier“ nach Vorstellungen des 17. Jahrhunderts
Elfenbeinkästchen mit zoomorphen Motiven, Venedig, 1100–1150

Ordelafo Faliero (* in den 1070er Jahren in Venedig (?); † 1118 bei Zara), auch Falier, Faletro, Faledro, regierte von 1102 bis 1118 als Doge von Venedig. Nach der historiographischen Tradition, wie die staatlich gesteuerte Geschichtsschreibung Venedigs genannt wird, war er der 33. Doge. Ordelafo selbst unterschrieb eine Urkunde mit dem Palindrom ordelaf faledro, man konnte den Namen also vorwärts und rückwärts lesen, und er hängte unmittelbar dodoni an.[1]

Inhaltsverzeichnis

Herkunft und FamilieBearbeiten

Ordelafo Falier war, folgt man der Chronik des Andrea Dandolo und der Origo civitatum, der Sohn des Dogen Vitale Falier, der das Amt von 1084 bis 1096 bekleidet hatte und unter dessen Regierungszeit die verschollenen Gebeine des hl. Markus, des Stadtpatrons, angeblich auf wunderbare Weise wiedergefunden worden waren. Wahrscheinlich wurde er in Venedig geboren, etwa in den 1070er Jahren. Wie sein Vater wurde er mit Dedoni oder Deodoni benannt, wobei es sich womöglich um einen Zweig der großen Falier-Familie handelte.

Die Chronisten bemängelten, dass Falier seine Verwandtschaft in hohe geistliche und weltliche Ämter brachte. So wurde eine Maria Falier Äbtissin von San Zaccaria, des bedeutendsten Nonnenklosters der Stadt, ein Faletro Falier wurde Abt des Klosters Ss. Trinità e di S. Michele von Brondolo. Ein Giovanni und ein Domenico wurden vom Dogen 1107 und 1112 zu iudices erhoben. Unter den Gesandten am Hof Heinrichs V. befand sich ein anderer Vitale Falier, den der Kaiser als consobrinus des Dogen bezeichnete.

Mindestens zehn Jahre überlebte den Dogen seine Frau Matelda. Nach unsicheren Quellen war sie mit den Este verwandt, oder aber sie entstammte dem Haus Balduins, des Königs von Jerusalem. Die Höhe ihrer Dotierung lag bei 8000 Libra, was auf eine überaus vermögende Abkunft hindeutet. Sie hatte wahrscheinlich zwei Söhne, nämlich Bonifacio, vielleicht jener Bonifacio Falier, Kaplan von S. Marco, der später Bischof von Castello wurde, sowie Vitale, der als Gesandter am ungarischen Hof tätig war.

Das DogenamtBearbeiten

Die Regierungszeiten der Dogen der Zeit um 1100 lassen sich nur anhand der Angaben der Chronisten über die Dauer ihrer jeweiligen Herrschaft errechnen, woraus sich eine gewisse Unsicherheit ergibt. Wenn man etwa akzeptiert, dass der Vater Ordelafos, der Doge Vitale Falier, im Dezember 1095 und nicht 1096 starb, und dass sein Nachfolger Vitale Michiel dementsprechend Ende 1095 oder Anfang 1096 gewählt wurde, folge daraus, dass Ordelafo Falier erst 1110 Doge geworden sein konnte, nicht 1102.

Faliers Regierungszeit, den die Quellen als „iuvenis“ bezeichnen, als ‚jung‘, war von Katastrophen aller Art geprägt. Dazu zählten ausgedehnte Stadtbrände, wie etwa im Januar und im April 1105 (oder 1106). 1117, vielleicht abermals 1118, erfolgte ein Erdbeben, doch viel gravierender war die Springflut, die 1110 Malamocco zerstörte. Dabei war Malamocco, das alte Zentrum der Lagune von Venedig, bereits in den Vorjahren von schweren Überschwemmungen und Stürmen getroffen worden. 1108 musste das Cipriano-Kloster von dort nach Murano umziehen, und das Nonnenkloster Ss. Basso e Leone Confessore, gleichfalls in Malamocco, zog auf die Insel San Servolo. Im selben Jahr wurde die Bischofskirche Ss. Felice e Fortunato – und damit am 10. April 1110 der Bischofssitz – von Malamocco nach Chioggia verlegt. Am 3. Januar 1117 beschädigte das Erdbeben von Verona zahlreiche Häuser auf Rialto.

Auch kam es mit den Nachbarn der Lagune zu schweren Konflikten. Bischof Gotpul von Treviso ließ 1107 das Kloster S. Ilario am Rande der Lagune zerstören, Padua widersetzte sich den Umleitungsarbeiten am Brenta, wobei es zu einer Schlacht an diesem Fluss kam, die, wie es scheint, von Venedig gewonnen worden ist. Angeblich fand die Schlacht bei Bebbe an der südlichen Lagune statt; die Venezianer machten 507 Gefangene. Es heißt, Heinrich V. habe diesen Auseinandersetzungen Einhalt geboten. Ebenso kam es zu Konflikten mit Ravenna. Nur mit Verona gelang der Abschluss eines Handelsvertrages und einer Militärallianz.[2] Eine folgenreiche Entscheidung Faliers war der Beschluss zum Bau des Arsenals im Stadtteil Castello, mit dem eine wesentliche Grundlage für die Expansion Venedigs ins Mittelmeer und für seine Position als erste Seemacht Europas gelegt wurde, ebenso wie für eine stark anwachsende Schiffbauindustrie. 1104 wurde das Arsenal von einer Mauer umringt.

Als 1108 die Normannen unter Bohemund, dem Sohn Robert Guiscards, einen neuen Angriff gegen Byzanz begannen, gefährdeten sie damit, wie schon 1081 bis 1085, die freie Schifffahrt in der Adria, die für Venedig von zentraler Bedeutung war. Trotz der enormen Probleme, die sich auftürmten, gelang es Venedig eine hinreichende Flotte auszustatten, was Bohemund wenig später zur Kapitulation zwang.

 
Die Darstellung des Dogen Ordelafo Falier an der Pala d'oro in der Markuskirche mit der Inschrift „OR.FALE/TRUS“ und „DEI GRATIA / VENECI/E DUX“

In gutem Einvernehmen scheint Venedig unter Falier mit dem Römisch-deutschen Reich gestanden zu haben, mit dem es am 20. Mai 1111 zu einer Erneuerung der alten Privilegien kam. Damit wurden auch die Ansprüche einiger Bischöfe des Festlands zurückgewiesen. Kaiser Heinrich V. kam 1116 selbst nach Venedig. Stadt und Doge feierten diesen Besuch, bei dem der Kaiser Privilegien für die Klöster San Giorgio Maggiore und San Zaccaria erteilte, mit großem Aufwand. Außenpolitisch ging Falier zudem zielstrebig das Projekt der Wiedereroberung Dalmatiens an, wo sich die Ungarn seit 1100 festgesetzt hatten. Außerdem waren die dalmatinischen Häfen wichtige Stützpunkte für die Flotte und konnten den Kaufleuten als Handelsbasis dienen. In einem der Kämpfe gegen die konkurrierenden Ungarn fiel Falier in der Schlacht von Zadar.

Für San Marco, wo schon die Reliquien des Evangelisten Markus aufbewahrt wurden, wurden weitere Reliquien erworben: neben den Gebeinen des Heiligen Stephan auch ein Splitter aus dem Kreuz Christi – die insgesamt die Stadt Venedig als Ziel von Pilgerfahrten noch anziehender machten. Ein Teil der ältesten Mosaiken, so etwa die Figuren der Heiligen in der Apsis, dann zumindest eines der Bronzeportale des Atriums wurden unter Ordelafo Falier ausgeführt. Auch der Auftrag, die berühmte Pala d'oro in Byzanz zu schaffen, erfolgte in dieser Zeit, nach Andrea Dandolo im Jahr 1105.[3] Möglicherweise handelt es sich aber auch um ein Geschenk des byzantinischen Kaisers Alexios I. an den Verbündeten. An dem Kunstwerk lässt sich ein Porträt identifizieren, das Falier mit der Aureole, dazu Namen und Titel angibt. Unklar ist, ob es sich um ein zeitgenössisches, originales Werk handelt, und wenn, ob es überarbeitet und verändert worden ist, oder ob es überhaupt erst 1209 angefertigt wurde, als der Doge Pietro Ziani und Angelo Falier, Prokurator von S. Marco und Nachkomme des Ordelafo Falier, die Pala vergrößern und umgestalten ließen.

1112 wurde auf Initiative des Dogen ein öffentliches Gelände an die Familie Basilio (Baseggio) für 2000 libra verkauft. Dieses Grundstück befand sich nahe der Kirche San Bartolomeo, wo sich zeitweise die Zecca befand. Mit der besagten Summe beglich die Stadt ihre Schulden bei einem Bürger und ermöglichte mit dem Rest dem Patriarchen von Grado die Ausstattung einer Legation nach Konstantinopel. Auch wurde eine Flotte, vermutlich für die Rückeroberung Dalmatiens, aufgelegt.

Dalmatien stellte eines der gewichtigsten Problemfelder des Dogats dar. Seit der Personalunion zwischen Ungarn und Kroatien, also seit 1102, intervenierte der ungarische König auch in Dalmatien. Er unterstellte seiner Herrschaft die Städte zwischen Spalato und Zara sowie die dortigen Inseln. Aufgrund der genannten Massierung von enormen Problemen sah sich Venedig nicht in der Lage, darauf zu reagieren. So verzichtete Ordelafo Falier auf den Titel eines Dux Chroatiae, zumindest erscheint dieser Titel in keiner seiner Urkunden.[4] Erst 1115 konnte nach Überwindung der wesentlichen Konflikte eine Offensive beginnen. Diese führte der Doge persönlich und mit Erfolg, so dass Venedig wieder uneingeschränkt die Adria beherrschte. Doch unter seinen Nachfolgern entglitt Venedig die Kontrolle über Dalmatien abermals. Wohl in einer der dortigen Schlachten kam der Doge nahe Zara ums Leben. Aufgrund der verschiedenen Angaben über die Herrschaftsdauer, die die zeitlich nächsten Quellen bieten, ist das Jahr seines Todes nicht mit Sicherheit zu bestimmen. So herrschte er nach der Origo civitatum 15 Jahre lang, während Marino Sanudo ihm 15 Jahre, 6 Monate und 13 Tage zumisst. So dürfte er 1117 oder spätestens 1118 ums Leben gekommen sein. Zunächst wurde sein Leichnam nach Zara verbracht, dann nach Venedig ins Atrium von San Marco. Von seinem Grab blieb keine Spur.

QuellenBearbeiten

  • Marino Sanudo: Le vite dei dogi, hgg. von Giovanni Monticolo, (= Rerum Italicarum Scriptores XXII,4), 2. Aufl., S. 168–180.
  • Ester Pastorello (Hrsg.): Andrea Dandolo, Chronica per extensum descripta aa. 460-1280 d.C., (=Rerum Italicarum Scriptores XII,1), Nicola Zanichelli, Bologna 1938, S. 259–267.
  • Gottlieb Lukas Friedrich Tafel, Georg Martin Thomas (Hrsg.): Urkunden zur älteren Handels- und Staatsgeschichte der Republik Venedig, Wien 1856, in: Fontes Rerum Austriacarum, Abt. II. Diplomataria et Acta, 3 Bde., Bd. 1: 814–1205, Wien 1856, n. XXXII-XXXV, S. 67–76.
  • Henry Simonsfeld (Hrsg.): Annales Venetici breves, in: Monumenta Germaniae Historica, Scriptores, XIV, hgg. v. G. Waitz, Hannover 1883, S. 70 f.
  • Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense) (=Fonti per la storia d’Italia, LXXIII), Rom 1933, S. 120.
  • Roberto Cessi, Fanny Bennato (Hrsg.): Venetiarum historia vulgo Petro Iustiniano Iustiniani filio adiudicata, Venedig 1964, S. 88, 90ff.
  • Luigi Andrea Berto (Hrsg.) Historia ducum Venetorum (Testi storici veneziani: XI–XIII secolo), Padua 1999.
  • Henry Simonsfeld (Hrsg.): Historia ducum Veneticorum (=Monumenta Germaniae Historica. Scriptores in Folio, 14), Hannover 1883, S. 72–89, hier: S. 73. (Digitalisat der Edition)
  • Flaminio Corner: Ecclesiae venetae antiquis monumentis nunc etiam primum editis illustratae ac in decades distributae, Bd. V, Venedig 1749, S. 107 f.
  • Luigi Lanfranchi (Hrsg.): S. Giorgio Maggiore, Bd. II, Venedig 1968, n. 110 f.
  • Andrea Gloria (Hrsg.): Codice diplomatico padovano dal secolo sesto a tutto l'undicesimo, Bd. I, Padua 1877, n. 78.
  • Ludwig Weiland (Hrsg.): MGH, Legum sectio IV, Constitutiones, I, Hannover 1893, S. 152–156.
  • Luigi Lanfranchi, Bianca Strina (Hrsg.): Ss. Ilario e Benedetto e S. Gregorio, Venedig 1965, S. XXII f.

LiteraturBearbeiten

  • Irmgard Fees: Falier, Ordelaffo, in: Dizionario Biografico degli Italiani 44 (1994) 451 f. (bildet die Grundlage für den darstellenden Teil).
  • Andrea Da Mosto: I Dogi di Venezia, Mailand 1960, S. 55, 57 f.
  • Helmut Dumler: Venedig und die Dogen, Düsseldorf 2001.
  • Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. I, Gotha 1905, S. 203 (Pala d'oro), 221–223, 242, 457 f. (Anmerkungen).
  • Otto Demus: Zwei Dogengräber in S. Marco, Venedig, in: Jahrbuch der Oesterreichischen byzantinischen Gesellschaft V (1956) 42–59.
  • Roberto Cessi: Politica, economia, religione, in: Storia di Venezia, Bd. II, Venedig 1958, S. 28, 34, 56, 350, 356, 359 f., 426, 429.
  • Roberto Cessi: Venezia ducale, Bd. II, 1, Venedig 1965, S. 136, 154 f., 173, 186, 190ff, 203–206, 210, 212 f., 216.

WeblinksBearbeiten

  Commons: Ordelafo Faliero – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

AnmerkungenBearbeiten

  1. Irmgard Fees: Die Unterschriften der Dogen von Venedig im 12. und 13. Jahrhundert, in: Christian Lackner, Claudia Feller (Hrsg.): Manu propria. Vom eigenhändigen Schreiben der Mächtigen, Böhlau, 2016, S. 149–169, hier: S. 155.
  2. Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. I, Gotha 1905, S. 221.
  3. Zur Pala d'oro vgl. Wolfgang Fritz Volbach: Gli smalti della pala d'oro, in: Hans Robert Hahnloser (Hrsg.): Il tesoro di S. Marco, Bd. I: La pala d'oro, Sansoni, Florenz 1965, S. 254, 258, 268, 271, 273–276, 279, Tafel 58; Josef Deér: Die Pala d'Oro in neuer Sicht, in: Byzantinische Zeitschrift LXII (1969) 308–344; Sergio Bettini: Le opere d'arte importate a Venezia durante le crociate, in: Steven Runciman et al. (Hrsg.): Venezia dalla prima crociata alla conquista di Costantinopoli nel 1204, Fondazione Giorgio Cini, Storia della civiltà veneziana, Bd. I, Florenz 1979, S. 157–190.
  4. Vittorio Lazzarini: I titoli dei dogi di Venezia, in: Vittorio Lazzarini: Scritti di paleografia e diplomatica, Padua 1969, S. 195–226, zuerst in: Nuovo Archivio Veneto 2 (1903) 271–313.
VorgängerAmtNachfolger
Vitale Michiel I.Doge von Venedig
1102–1118
Domenico Michiel