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Das Oberpfälzer Braunkohlerevier war ein Bergbaurevier in der Oberpfalz, in dem im 19. und 20. Jahrhundert, vorwiegend im Tagebau, Braunkohle gefördert wurde.

Inhaltsverzeichnis

Entstehung der BraunkohleBearbeiten

Zur Zeit des Miozäns senkte sich das Molassebecken zwischen Donau und Alpen ab, wobei Ostbayern relativ dazu angehoben wurde. Zwischen Pfreimd und Regensburg gruben die Ur-Naab und ihre Nebenflüsse tiefe Rinnen in das Grundgebirge. Als diese Täler mit Kies, Sand und Ton aufgefüllt wurden, entstanden in subtropischem Klima in den verlandenden Seitenarmen und Altwassern ausgedehnte Sumpfwälder. Die Reste dieser Wälder wurden immer wieder von Sedimenten überdeckt. So entstanden abwechselnde Schichten von organischem Material, Tonen, Sand und später auch Kies. Durch Luftabschluss und den Druck der darüber lagernden Sedimente wurde das organische Material mit der Zeit in Kohle umgewandelt.

Geschichte des KohleabbausBearbeiten

 
Aufgeschlossenes Braunkohleflöz bei Wackersdorf
 
Haupteingang zum Verwaltungsgebäude der BBI in Wackersdorf
 
Blick in die Regensburger Friedrich-Zeche
 
Steinberger See

Raum WackersdorfBearbeiten

Im Jahr 1800 stieß in Wackersdorf der Schneidermeister Andreas Schuster bei Grabungsarbeiten für einen Brunnen auf Braunkohle. Es entwickelte sich eine Kohleförderung im Untertagebau in vergleichsweise bescheidenem Umfang, die bereits in den 1840er Jahren wieder eingestellt wurde. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde der Abbaubetrieb wieder aufgenommen, diesmal jedoch als Tagebau. 1904 wurde die Bayerische Braunkohle- und Brikettindustriegewerkschaft Klardorf gegründet, die am 5. Februar 1906 in der Bayerischen Braunkohlen Industrie AG (BBI) aufging. Diese hatte ihren Sitz zunächst in Münster in Westfalen, ab dem 4. März 1908 in Schwandorf.

In Wackersdorf wurde 1908 eine Brikettfabrik errichtet, die mehrfach erweitert wurde. Für die Brikettherstellung war besonders aschearme Kohle nötig. Als die Lagerstätten dieser Kohle erschöpft waren, wurde die Brikettfabrik 1964 geschlossen und in den folgenden Jahren gesprengt. Etwa ein Jahr vor der Schließung betrug die Produktion etwa 175.000 Tonnen pro Jahr.[1] Insgesamt waren dort etwa 5,7 Millionen Tonnen Briketts produziert worden.[2]

1930 wurde das Kohlekraftwerk Schwandorf im Ortsteil Dachelhofen in Betrieb genommen. Bis zur Einstellung der Kohleförderung 1982 wurde das Kraftwerk vom Wackersdorfer Revier aus per werkseigener Eisenbahn mit Brennstoff versorgt. Ab 1982 bis zur Stilllegung des Kraftwerks 2002 wurde für das Kraftwerk tschechische Hartbraunkohle importiert.

Bereits in den 1920er Jahren war geplant worden, den Ort Wackersdorf umzusiedeln, um die darunter liegende Braunkohle gewinnen zu können. Dieses Vorhaben zerschlug sich jedoch zunächst. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Planungen wieder aufgenommen. Zwischen 1950 und 1952 fand dann die Verlegung von Wackersdorf an den heutigen Standort statt.

Im Jahre 1962 wurde im Wackersdorfer Ortsteil Rauberweiherhaus ein weiteres Kohlefeld erschlossen.

1982 waren die wirtschaftlich gewinnbaren Kohlevorräte im Oberpfälzer Revier erschöpft. Am 21. September 1982 wurde die letzte Tonne Kohle gefördert. Die BBI wurde zum 30. September aufgelöst, Rechtsnachfolgerin wurde die Bayernwerk AG.

Insgesamt sind im Gebiet um Wackersdorf rund 185 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert worden.[3] Es war damit das zweitgrößte Braunkohlenrevier in der damaligen Bundesrepublik Deutschland nach dem Rheinischen Braunkohlerevier.

Maxhütte-HaidhofBearbeiten

In den 1830er Jahren wurde auch im Gebiet des heutigen Maxhütte-Haidhof (Ortsteil Ponholz) Braunkohle entdeckt. Ab 1853 wurde sie zur Stahlgewinnung in der neu errichteten Maxhütte verwendet, wegen des hohen Wasser- und Tongehalts jedoch bald durch böhmische Steinkohle ersetzt.

1907 wurde in Haidhof-Ponholz eine Brikettfabrik in Betrieb genommen. Wegen der schlechten Qualität der Kohle war die Brikettherstellung jedoch nicht rentabel. Man entschloss sich daher zum Bau eines Kohlekraftwerks, das nicht nur die umliegenden Gemeinden versorgen, sondern den Strom bis nach Regensburg liefern sollte. Am 12. Juni 1908 wurde die Bayerische Überlandcentrale gegründet. Das Kraftwerk ging im April 1910 in Betrieb. In den 1920er Jahren wurde es jedoch zunehmend unwirtschaftlich. Am 31. März 1931, ein Jahr nach Inbetriebnahme des Kraftwerks Schwandorf-Dachelhofen, wurde das Kraftwerk der BÜC abgeschaltet. Aus der Gesellschaft ging später die OBAG hervor.

Die Gruben wurden später auch für den Abbau von Ton genutzt.

RegensburgBearbeiten

In Regensburg wurden seit 1903 in der Friedrich-Zeche im Stadtteil Dechbetten Braunkohle und Ton abgebaut, zunächst unter Tage, dann im Tagebau. Die nahe gelegene Ziegelei war bis 1997 in Betrieb. Die Braunkohle wurde als Zuschlagstoff für die Ziegelherstellung und als Brennstoff verwendet. Die Zeche wurde von der Firma Gerhard Rösl GmbH & Co. KG übernommen und ist heute noch in Betrieb, eine Abbaugenehmigung liegt bis 2029 vor. Neben Braunkohle und Ton werden inzwischen auch Gesteine, Sande und Erden abgebaut sowie Erdaushub und Bauschutt eingelagert. Die Braunkohle wird heute auch als Bodensubstrat als Alternative zu Rindenmulch vermarktet.[4]

PettendorfBearbeiten

In Kneiting, das damals noch selbstständig war und erst im Zuge der Gemeindegebietsreform 1978 zu Pettendorf kam, wurde bereits 1834 Braunkohle abgebaut.[5] Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man aufgrund der Brennstoffknappheit verstärkt, heimische Energieträger zu nutzen. Dabei erschienen auch zwei Standorte nördlich und südlich von Schwetzendorf als abbauwürdig. Während nördlich von Schwetzendorf ein reiner Tagebau entstand, war die Grube Reifenthal südlich von Schwetzendorf in zwei Teile gegliedert – im südlichen Teil entstand ein Tagebau, während nördlich davon untertägig abgebaut wurde. Die Förderung wurde im Oktober 1948 aufgenommen. Da sich die Versorgungslage rasch besserte, wurde der Abbau der relativ minderwertigen Braunkohle bei Schwetzendorf jedoch bald unrentabel, so dass die Förderung bereits im Februar 1950 wieder eingestellt werden musste. Mit 240 Metern Länge und 70–80 Metern Breite erreichte der Tagebau nur etwa ein Viertel der ursprünglich geplanten Größe.

NachnutzungBearbeiten

Die meisten der ehemaligen Tagebaue wurden, sofern sie nicht mit Abraum verfüllt wurden, geflutet. In der Gegend um Wackersdorf entstanden sechs größere Tagebauseen mit einer Wasserfläche von zusammen ca. 650 ha, das heutige Oberpfälzer Seenland. Das Westfeld nordwestlich des Steinberger Sees wurde als Deponie für Asche aus dem Kraftwerk in Dachelhofen verwendet.

Mehrere Beamtenwohnhäuser der BBI in Wackersdorf stehen unter Denkmalschutz.[6]

Das ehemalige Verwaltungsgebäude der BBI wurde zu einem Bürogebäude umgebaut.[7]

Am 17. Juni 2015 beschloss der Wackersdorfer Gemeinderat gegen die Stimmen des Bürgermeisters und zweier weiterer Ratsmitglieder, das ehemalige Gemeinschaftshaus der BBI abzureißen und durch eine neue Veranstaltungshalle zu ersetzen.[8]

Der Tagebau der Grube Reifenthal ist heute als Schwetzendorfer Weiher ein beliebtes Naherholungsgebiet.

Museale AufarbeitungBearbeiten

Die Geschichte des Braunkohleabbaus im Wackersdorfer Revier wird heute in zwei Museen präsentiert, dem Heimat- und Industriemuseum in Wackersdorf im ehemaligen Laborgebäude der BBI sowie dem Heimat- und Braunkohlemuseum in Steinberg am See. Beide Museen sind durch einen 3,5 km langen Museumslehrpfad verbunden.[9]

Unweit des Wackersdorfer Museums wurde ein Tertiärwald angelegt mit Gehölzen, die bereits zur Zeit der Entstehung der heutigen Braunkohle hier wuchsen. Auf dem Gelände sind außerdem diverse Großexponate zu besichtigen, wie Eisenbahnwagen, Baggerschaufeln oder der Läufer einer Dampfturbine aus dem Kraftwerk in Dachelhofen.

Am Ortseingang von Maxhütte-Haidhof erinnert ein aus Holz nachgebauter Förderturm an die Bedeutung des Bergbaus für die Geschichte der Stadt.

In Regensburg wurde 2004 am Rand der Friedrich-Zeche von der Firma Rösl in Zusammenarbeit mit der Universität Regensburg ein Lehrpfad für Geologie, Landschaft und Rohstoffabbau mit einer gesamten Weglänge von 450 Metern angelegt. Auch hier wurde ein Tertiärwald gepflanzt.[10] Außerdem befindet sich hier ein Feldbahnmuseum.[11]

Bedeutung als GeotopeBearbeiten

In der Nähe des Wackersdorfer Museums befindet sich am Rand des Westfeldes eine Aussichtsplattform, von der aus Besucher freigelegte Braunkohleflöze besichtigen können. Dieser Aufschluss wird vom Bayerischen Landesamt für Umwelt zu den 100 schönsten Geotopen Bayerns gezählt.[12]

Tagebau Friedrich-ZecheBearbeiten

Der Tagebau Friedrich-Zeche ist vom Bayerischen Landesamt für Umwelt als bedeutendes Geotop (Geotop-Nummer: 362G001) ausgewiesen.[13]

Braunkohletagebau bei WackersdorfBearbeiten

Der Braunkohletagebau bei Wackersdorf ist vom Bayerischen Landesamt für Umwelt als wertvolles Geotop (Geotop-Nummer: 376A031) ausgewiesen.[14]

Ehemaliges Braunkohlengrubenfeld RauberweiherBearbeiten

Das ehemalige Braunkohlengrubenfeld Rauberweiher ist vom Bayerischen Landesamt für Umwelt als bedeutendes Geotop (Geotop-Nummer: 376G001) ausgewiesen.[15]

Siehe auchBearbeiten

LiteraturBearbeiten

FilmeBearbeiten

  • Erben des Tertiär – Der Aufstieg einer ländlichen Region zum modernen Industriestandort, 85 min. (2013)

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Dr. G. Pedall Ing.-Büro GmbH: Untersuchung der ehem. Bayerischen Braunkohle-Industrie AG in Wackersdorf (PDF)
  2. Geschichte und Entwicklung des Wackersdorfer Braunkohlen-Bergbaus vor Gründung der BBI
  3. Ehemalige Braunkohlegrube Oberpfälzer Seenland
  4. Engelbert Weiß: Braunkohle soll Agrarchemie ersetzen auf www.mittelbayerische.de, 29. September 2015
  5. Chronik auf www.kneiting.de
  6. Denkmalliste für Wackersdorf des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege
  7. Kathrin Bayer: Ein Stück Geschichte mit neuem Leben erfüllt auf www. mittelbayerische.de, 5. Mai 2009
  8. Johann Ippisch: Ein Stück BBI-Geschichte muss weichen auf www. mittelbayerische.de, 18. Juni 2015
  9. Museumslehrpfad auf der Webpräsenz des Heimatkundlichen Arbeitskreises Steinberg am See
  10. Lehrpfad für Geologie, Landschaft und Rohstoffabbau in der Friedrich-Zeche in Regensburg/Dechbetten (Memento des Originals vom 3. April 2016 im Internet Archive)   Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.roesl.de auf www.roesl.de
  11. Feldbahn-Museum Friedrich-Zeche
  12. Wackersdorfer Braunkohle auf der Webpräsenz des Bayerischen Landesamtes für Umwelt
  13. Bayerisches Landesamt für Umwelt, Geotop Tagebau Friedrich-Zeche bei Dechbetten (abgerufen am 16. Oktober 2017).
  14. Bayerisches Landesamt für Umwelt, Geotop Braunkohletagebau S von Wackersdorf (abgerufen am 16. Oktober 2017).
  15. Bayerisches Landesamt für Umwelt, Geotop Ehemaliges Braunkohlengrubenfeld "Rauberweiher" (abgerufen am 16. Oktober 2017).

WeblinksBearbeiten

  Commons: Oberpfälzer Braunkohlerevier – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Koordinaten: 49° 16′ 44,4″ N, 12° 9′ 46,8″ O