Nascha Niwa

belarusische Zeitung

Nascha Niwa (Belarussisch Наша Ніва, deutsch „Unsere Flur“) ist die älteste Zeitung von Belarus. Nascha Niwa spielte als politisches und kulturelles Medium in der „Zeit der belarussischen Wiedergeburt“ (belarussisch Адраджэньне / Адраджэнне) eine zentrale Rolle. Das Wochenblatt erscheint sowohl als Printausgabe als auch im Internet.

Nascha Niwa
Logo der Nascha Niwa in Łacinka-Schreibweise
Beschreibung Zeitung
Verlag VPUP Surodsitschy
Erstausgabe 10. November 1906
Neugründung 1991
Chefredakteur Jegor Martinowitsch
Weblink www.nashaniva.by (belarussisch), (russische Ausgabe)
Erstausgabe der Nascha Niwa

GeschichteBearbeiten

Nascha Niwa, ursprünglich ein Organ der Belarussischen Sozialistischen Hramada, erschien erstmals am 10. November 1906 in Vilnius, das in dieser Zeit eine internationale kulturelle Ausstrahlung besaß. Die Zeitung – in der Originalschreibweise „Nasza Niwa“ betitelt – verwendete die vom Polnischen sehr beeinflusste Schreibweise Łacinka. Herausgeber waren offiziell Privatpersonen, da die Partei zu jener Zeit noch in der Illegalität handelte. Die Initiatoren der Zeitschrift waren die Brüder Iwan und Anton Luzkewitsch sowie Aljaksandar Ulasau, beide Aktivisten der Belarussischen Sozialistischen Hramada.[1]

Die Zeitung richtete sich an einen breiten Leserkreis, nicht zuletzt an die national gesinnte Intelligenzija. Viel Raum in den Berichten der Zeitung nahmen aktuelle Fragen des Lebens der weißrussischen Bevölkerung sowie die Geschichte Weißrusslands ein. Zu den Leitmotiven der Zeitung zählten die Forderung nach der Einrichtung einer belarussischsprachigen Schule sowie einer nationalen Wissenschaft und darüber hinaus die Belebung der belarussischen Presse.

Die Redaktion der Zeitung entwickelte sich zu einem geistigen Zentrum der nationalen Wiedergeburt. Ihr sollten mit der Zeit bedeutende Persönlichkeiten, wie Janka Kupala oder Maksim Bahdanowitsch angehören, die einen starken Einfluss auf die Entwicklung der weißrussischen Kultur des 20. Jahrhunderts hatten. Die Mehrzahl der Autoren waren Autodidakten. Zwischen 1906 und 1909 publizierte die Zeitung 906 Berichte aus 489 Dörfern und Kleinstädten. Im Jahr 1911 betrug die Auflagenstärke 3.000 Exemplare.[1]

Von Anfang an gab es immer wieder Probleme mit den Zensoren des zaristischen Russlands, die in jener Zeit vor allem die in den Sprachen der nationalen Minderheiten erscheinenden Ausgaben aufmerksam beobachteten.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges verschärfte sich die Zensur. Immer wieder wurden einzelne Ausgaben wegen regierungskritischer Artikel eingezogen. Die Idee der Schaffung eines eigenen weißrussischen Nationalstaates konnte nicht mehr in den Artikeln der Zeitung geäußert werden. Staatsbediensteten war es in jener Zeit verboten, die Zeitung zu abonnieren. Im Verlauf des Krieges verschärften sich die Bedingungen, unter denen die Zeitung herausgebracht wurde, bis ihr Erscheinen im August 1915 eingestellt werden musste.

Auch nach Ende des Krieges und während der gesamten Sowjetperiode konnte die Zeitung nicht mehr erscheinen. Obwohl sie sich eindeutig als links gerichtet verstanden hatte, wurde sie von der offiziellen Propaganda nachträglich als konterrevolutionär, bürgerlich liberal oder gar nationalistisch abgestempelt.

Mit der Perestrojka und der mit ihr einhergehenden Welle einer zweiten nationalen Wiedergeburt kamen erste Initiativen zur Neugründung der Nascha Niwa auf. 1991 erschien in Vilnius die neue Nascha Niwa, deren Chefredakteur der weißrussische Intellektuelle, Publizist und Schriftsteller Sjarhej Dubawez war.

Nascha Niwa ist heute eines der wichtigsten Medien der weißrussischen Intelligenzija, die neben Nachrichten und Berichten auch Essays und literarische Werke veröffentlicht. Sie ist seit 1995 jedoch immer wieder dem Druck der weißrussischen Behörden ausgesetzt.

Im April 2006 versuchte die Verwaltung der Stadt Minsk das Wochenblatt mit der Begründung zu schließen, dass ihr Chefredakteur Andrej Dynko einen Monat zuvor verhaftet worden war. Sein Vergehen bestand darin, dass er oppositionelle Demonstranten mit Lebensmitteln versorgt hatte. „Weil er einen Beutel Tee und belegte Brote trug, wurde Dynko noch im Bus festgenommen. Zwei Tage wusste seine Familie nicht, wo er war. Zehn Tage musste Dynko in Haft verbringen.[2]

Nascha Niwa ist heute eine der wenigen verbliebenen weißrussischen Periodika. Ihr Chefredakteur ist seit November 2006 Andrej Skurko, der bis dahin Stellvertreter von Andrej Dynko war.

Im November 2008 wurde Nascha Niwa – zusammen mit der ebenfalls oppositionellen Zeitung Narodnaja Wolja – nach dreijähriger Unterbrechung wieder für den Verkauf an den staatlichen Sojuspetschat-Zeitungskiosken, den Druck in staatlichen Druckereien und den Periodikavertrieb der Staatspost zugelassen.[3]

Seit August 2020 wurde der Zugang zur Internetseite von Nascha Niwa auf dem Territorium der Republik Belarus wegen der Berichterstattung des Portals über die Proteste in Weißrussland 2020 blockiert.[4] Am 23. September 2020 durchsuchten Sicherheitskräfte die Wohnung von der Leiter der Redaktion Jegor Martinowitsch und beschlagnahmten sämtliche technischen Geräte und Datenträger.[5] Er wurde vom Ermittlungskomitee verhört und blieb anschließend drei Tage in Isolationshaft, außerdem gegen ihn wurde ein Strafverfahren wegen Verleumdung in die Wege geleitet.[5] Die internationale Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte diese Politik in Bezug auf Nascha Niwa.[5]

Auszeichnungen und PreiseBearbeiten

  • Chefredakteur Andrej Dynko erhielt den Internationalen Preis „Freedom of Speech“[6] und den Lorenzo-Natali-Medienpreis in 2006[7]
  • Gerd Bucerius-Forderpreis Freie Presse (2007)[8]
  • „Ich liebe Belarus“ (2010)[9]
  • Jegor Martinowitsch erhielt den „Press Freedom“ Preis von Reporters Without Borders (2015)[10]
  • Jegor Martinowitsch und Dmitry Pankaviec erhielten den „Wolnaje Slowa“ Preis des Weißrussischen Journalistenverbands (2015)[11]
  • Andrej Dynko erhielt den ersten Preis beim Journalistenwettbewerb „Belarus in Focus“[12]

WeblinksBearbeiten

Commons: Nasha Niva – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Rainer Lindner: Historiker und Herrschaft: Nationsbildung und Geschichtspolitik in Weißrußland im 19. und 20. Jahrhundert. Oldenbourg Verlag, 1999, S. 99f.
  2. Siarhiej Prytycki: Ein Beutel mit belegten Broten. Weißrussland verbietet die älteste Zeitung des Landes. In: „Berliner Zeitung“, 22. April 2006.
  3. Belorusski Partisan: Власти обещают вернуть «Нашу ниву» и «Народную волю» в систему распространения (Memento vom 13. Dezember 2013 im Internet Archive), belaruspartisan.org, 21. November 2008.
  4. Information Ministry about blocked websites: Creating conflict between society and state. In: Belsat TV. Abgerufen am 8. September 2020 (englisch).
  5. a b c Kritik an Lukaschenkos Medienpolitik (de) Reporter ohne Grenzen. 6. Oktober 2020. Archiviert vom Original am 6. Oktober 2020. Abgerufen am 6. Oktober 2020.
  6. Главный редактор белорусскоязычной еженедельной газеты "Наша ніва" Андрей Дынько стал лауреатом ежегодной международной премии "Свобода высказывания" (ru) Naviny.by. 22. November 2006. Archiviert vom Original am 3. Oktober 2020. Abgerufen am 2. August 2020.
  7. Белорусский журналист Андрей Дынько удостоен премии Еврокомиссии имени Лоренцо Натали (ru) TUT.BY. Abgerufen am 8. August 2020.
  8. "Наша Ніва" получила международное признание (ru) Deutsche Welle. 21. Juni 2007. Abgerufen am 2. August 2020.
  9. Прэмію «Люблю Беларусь» нарэшце ўручылі ляўрэатам (be) Radio Free Europe. 20. Februar 2010. Archiviert vom Original am 20. März 2021. Abgerufen am 20. März 2021.
  10. Наталья Радина и Егор Мартинович стали лауреатами премии "Свобода прессы" организации "Репортеры без границ" (ru) Weißrussischer Journalistenverband. 11. Dezember 2015. Abgerufen am 2. August 2020.
  11. Журналисты "НН" Мартинович, Гордиенко и Панковец — среди победителей конкурса "Вольнае слова" (ru) In: Nascha Niwa. Archiviert vom Original am 7. Mai 2015. Abgerufen am 8. August 2020.
  12. Шеф-редактор "Нашай нівы" победил в журналистском конкурсе Belarus in Focus (ru) Салiдарнасць. 16. März 2013. Abgerufen am 24. August 2020.