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Nancy Fraser

US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Feministin
Nancy Fraser 2008

Nancy Fraser (* 20. Mai 1947 in Baltimore) ist Philosophin und eine der bekanntesten US-amerikanischen Feministinnen.

Zurzeit ist Fraser Professorin für Politikwissenschaften und Philosophie an der New School in New York City. Zusammen mit Andrew Arato ist sie Herausgeberin der Zeitschrift Constellations, einer internationalen Fachzeitschrift für Kritische Theorie und Demokratietheorie. 2010 gewann sie den Alfred Schutz Preis der American Philosophical Society, seit 2019 ist sie Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören die deliberative Demokratie, das Entstehen transnationaler Öffentlichkeiten und feministische Theorie.

Von 2011 bis 2014 war Fraser Einstein Visiting Fellow am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien der FU Berlin.[1]

PositionenBearbeiten

Seit 2009 beschäftigt sich Fraser mit der Vereinnahmung des Feminismus der zweiten Frauenbewegung (ab den 1960er Jahren) durch den neoliberalen Kapitalismus. Sie spricht in diesem Zusammenhang von der „List der Geschichte“.[2][3][4][5] Mit dem Erstarken von Globalisierung und Neoliberalismus haben sich die Linken nach Fraser ein neues Betätigungsfeld gesucht. Weil ihnen die Mittel aus der Hand genommen wurden, die soziale Frage machtpolitisch zu stellen, verlegten sie sich auf das Feld der symbolischen Anerkennung: Niemand dürfe als Konsument diskriminiert werden. Damit schlossen sie unwillentlich ein Bündnis, das Nancy Fraser „progressiven Neoliberalismus“ nennt.[6]

Insbesondere die Frauenbewegung habe – wie auch andere aufstrebenden progressiven Bewegungen – den Fehler begangen, die Sache des sozialen Ausgleichs einem falschen „Emanzipationsverständnis unter den Vorzeichen der Leistung, der Diversität und des Empowerments“ mit hohem moralischen Anspruch zu opfern, sich für den „Aufbau einer meritokratischen Leistungsgesellschaft“ engagiert, den „Sturm auf die Führungsetagen propagiert“ und die einfache Dienstleistungsarbeit auf „arme, farbige Migrantinnen“ abgewälzt, während die „alte Industrie auf den Hund kam“.[7] Dieser neoliberale Feminismus habe eine reine Anerkennungs- oder Differenzpolitik betrieben.

KritikBearbeiten

Kritiker sehen in Frasers Kritik am Differenzfeminismus, die sich rückblickend auch auf Entwicklungen der 1960er und 1970er Jahre bezieht, eine Karikatur der Politik der Neuen Linken dieser Zeit, eine Generalabrechnung mit den 1968ern „und allem, was daraus folgte, [...] um anschließend wieder in den verrosteten Heimathafen der alten Linken mit ihrem Haupt-/Nebenwiderspruchs-Denken und der Unterordnung aller anderen Themen, Anliegen und Bewegungen unter die Hegemonie der ‚Arbeiterbewegung‘ [...] einzulaufen“. Diesen Bewegungen sei es um weit mehr als Anerkennung gegangen.[8]

Schriften in deutscher Übersetzung (Auswahl)Bearbeiten

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Nancy Fraser. In: Einstein Visiting Fellows. Einstein Stiftung Berlin, abgerufen am 23. Mai 2018.
  2. Gudrun-Axeli Knapp: Im Widerstreit. Feministische Theorie in Bewegung. Wiesbaden 2012, S. 13.
  3. Cornelia Klinger: Gender in Troubled Times. Zur Koinzidenz von Feminismus und Neoliberalismus. In: Die Zukunft von Gender. Begriff und Zeitdiagnose (Hg. Anne Fleig). Frankfurt und New York 2014, S. 134: „[...] die feministischen Intentionen hätten die neoliberale Transformation der kapitalistischen Gesellschaft regelrecht befördert, wenn nicht sogar gerechtfertigt.“
  4. Nancy Fraser (2009): Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte (PDF).
  5. Vgl. Nancy Fraser (2013): Neoliberalismus und Feminismus: Eine gefährliche Liaison
  6. Fraser, Umverteilung oder Anerkennung? Eine politisch-philosophische Kontroverse. 2003.
  7. Nancy Fraser: Vom Regen des progressiven Neoliberalismus in die Traufe des reaktionären Populismus. In: Heinrich Geiselberger (Hrsg.): Die große Regression. Berlin 2017, S. 77–91, hier: S. 80, 81, 90.
  8. Detlef Georgia Schulze: Worin Nancy Fraser weiterhin irrt. In: Neues Deutschland, 24. Mai 2017.