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Als Moschus (deutsch seit 17. Jahrhundert; wie lateinisch muscus von griechisch μόσχος und dies laut Walde und Hofmann[1] über altpersisch musk von altindisch muskah, ‚Hoden‘) wird ein Duftstoff genannt, der ursprünglich das getrocknete, pulverförmige Sekret aus dem Moschusbeutel (zwischen Nabel und Penis) vom männlichen Moschustier bezeichnete.[2] Heute werden industriell hergestellte Ersatzstoffe bei Herstellung von Parfümen und Seifen verwendet. Moschus enthält Bestandteile, die Strukturähnlichkeiten mit Pheromonen haben und aphrodisierend wirken sollen.[3]

Sibirisches Moschustier (Moschus moschiferus)[4]
Abbildung und Text zum Kapitel Muscus im Tacuinum sanitatis in medicina, 12. Jh.[5]
Phantasierte Abbildung eines Moschustiers im Gart der Gesundheit. Mainz 1485

Inhaltsverzeichnis

Natürlicher MoschusBearbeiten

Der deutsche Chemiker Heinrich Walbaum (1864–1946) konnte im Jahre 1906 die Hauptkomponente von Moschus in Form weißer Kristalle isolieren.[6] Er nannte die Verbindung Muscon, die Struktur wurde 1926 von Lavoslav Ružicka geklärt.[7]

Natürliches Muscon wird aus Moschus gewonnen, der schon seit Jahrhunderten als Parfum dient. Es ist eine ölige Flüssigkeit, die in der Natur als Enantiomer (R)-(−)-3-Methylcyclopentadecanon vorgefunden wird. Ursprünglich wurde nur das Sekret aus einer Drüse am Bauch des Moschustiers vor den Geschlechtsorganen „Moschus“ genannt. Bereits im Altertum war Moschus über die Vermittlung durch die Perser bekannt; Moschushirsche lebten an den Ostgrenzen ihres Reiches. Üblicherweise wurden die Tiere getötet und die Drüse entfernt. Erst im 20. Jahrhundert begann man mit Versuchen, lebenden Moschushirschen in Farmen das Sekret zu entnehmen.[8][9]

Der Begriff „Moschus“ wird auch auf Drüsensekrete anderer Tiere und auch auf Pflanzensäfte angewandt, die einen ähnlichen Geruch haben.[10] Unter den Tieren sondern Moschusochsen, Moschusböcke, Bisamratten und Moschusenten solchen „falschen Moschus“ ab; bei den Pflanzen sind dies die Gauklerblume und der Abelmoschus.

PharmaziegeschichteBearbeiten

Die europäischen Medizinschriftsteller der Antike, so auch Dioskurides, Plinius und Galen, erwähnten den Moschus nicht. Erst die arabischen Ärzte berichteten über diese als äußerst kostbar angesehene Droge, die von einem in „Indien“, also im Himalaya, lebenden gazellenähnlichen Tier stamme, das „zwei weiße lange Zähne wie zwei Hörner“ habe. Nach der Säftelehre wurde der Moschus als „Warm und Trocken im Zweiten Grad“ eingestuft. Man schrieb ihm bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zu, allgemein kräftigend und belebend sowie nervenstärkend und krampflösend zu wirken.[11][12][13][14][15][16][17][18][19][20][21][22][23][24]

Anwendung im SportBearbeiten

Die orale Anwendung von Moschus gehört zur chinesischen Volksmedizin, erhöht den Testosteronspiegel und gilt daher als Doping. Das fanden Forscher des Kölner Anti-Doping-Labors eher zufällig heraus, die bei erhöhten Testosteronwerten die Personen nach der Quelle befragten und dann mit Hilfe des Kölner Zoos Original-Moschus testeten und die Aussagen überprüften.[25]

Künstlicher Moschus und ErsatzstoffeBearbeiten

Heutzutage werden Moschus und Muscon aus Gründen des Artenschutzes synthetisch hergestellt.

Künstlicher MoschusBearbeiten

Seit 1888 wird Muscon (Hauptduftstoff von Moschus) auch auf synthetischem Wege hergestellt. Dem Chemiker Albert Baur gelang als erstem die Herstellung von künstlichem Moschus. Der Begehrtheit des tierischen Originalmoschus tut dies allerdings wenig Abbruch, vor allem, da er auch in der Traditionellen Chinesischen Medizin Bedeutung hat und dort kein synthetischer Ersatzstoff eingesetzt wird. Synthetisch hergestelltes Muscon ist ein Racemat, besteht also aus einem 1:1-Gemisch von (R)-(−)-3-Methylcyclopentadecanon und (S)-(+)-3-Methylcyclopentadecanon.[4]

Künstliche ErsatzstoffeBearbeiten

Industriell werden vor allem polycyclische Moschusersatzstoffe statt des natürlichen Moschus für Kosmetika und die Parfümierung von Waschmitteln eingesetzt. Es handelt sich dabei meist um Gemische aus Substanzen mit den Handelsnamen Galaxolid (HHCB) und Tonalid, seltener auch Celestolid und Pantolid.[26][27]

Früher wurde auch häufig Moschusxylol verwendet.

Umweltverträglichkeit der ErsatzstoffeBearbeiten

Polycyclische Moschusersatzstoffe (vgl. Cashmeran) sind kaum wasserlöslich und haben eine geringe Polarität.[28] Durch diese lipophilen Eigenschaften reichern sie sich im Fettgewebe an (Bioakkumulation).[28] Ihre Verwendung in Kosmetikprodukten ist daher umstritten. Aufgrund ihrer schweren Abbaubarkeit werden sie durch die Abwasseraufbereitungsprozesse in kommunalen Kläranlagen nur teilweise aus den Abwässern entfernt. Daher sind Galaxolid und Tonalid, untergeordnet auch Celestolid und Pantolid, in Wasser, Sedimenten und Schwebstoffen aller deutschen Flüsse nachweisbar.

ZusammensetzungBearbeiten

 
Strukturformel von Muscon

Bestandteile von Moschus sind:

Literatur und MedienBearbeiten

  • Lukas Schröck: Historia moschi. Ad normam academiæ naturæ curiosorum conscripta. Göbel, Augsburg 1682.
  • Tilman Achtnich: Der Geruch des Todes. Moschus – vom teuersten Duft der Welt. Südwestrundfunk, 2001 (Filmdokumentation).
  • D. J. Rowe: Chemistry and technology of flavors and fragrances. Blackwell, Oxford u. a. 2005, S. 143–165 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).

WeblinksBearbeiten

  Commons: Moschus – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Alois Walde: Lateinisches etymologisches Wörterbuch. 3. Aufl. besorgt von Johann Baptist Hofmann, I–III, Heidelberg 1938–1965, II (1956), S. 134.
  2. Ruth Spranger: Zur Verwendung des Moschus (Bisam) und seiner Ersatzstoffe in der mittelalterlichen Medizin, insbesondere im ‚Breslauer Arzneibuch‘. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 17, 1998, S. 181–186; hier: S. 181 f.
  3. Johannes Friedrich Diehl: Chemie in Lebensmitteln Rückstände, Verunreinigungen, Inhalts- und Zusatzstoffe. John Wiley & Sons, 2012, ISBN 978-3-527-66084-1 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. a b Bernd Schäfer: Naturstoffe in der chemischen Industrie. Spektrum Akademischer Verlag, 2007, ISBN 978-3-8274-1614-8, S. 118–119.
  5. = Ibn Butlan. 11. Jh. Taqwim es-sihha. Tacuinum sanitatis in medicina. Druck in lateinischer Übersetzung. Johann Schott. Straßburg 1531, S. 111 (Digitalisat)
  6. H. Walbaum:Das natürliche Moschusaroma In: Journal für Praktische Chemie 73, 1906, S. 488, doi:10.1002/prac.19060730132.
  7. L. Ruzicka: Zur Kenntnis des Kohlenstoffringes VII. Über die Konstitution des Muscons. In: Helvetica Chimica Acta. 9, 1926, S. 715, doi:10.1002/hlca.19260090197.
  8. Georg Schwedt: Betörende Düfte, sinnliche Aromen. John Wiley & Sons, 2012, ISBN 978-3-527-64118-5 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Goutam Brahmachari: Chemistry and Pharmacology of Naturally Occurring Bioactive Compounds. CRC Press, 2013, ISBN 978-1-4398-9167-4, S. 16 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  10. Ruth Spranger: Zur Verwendung des Moschus (Bisam) und seiner Ersatzstoffe in der mittelalterlichen Medizin, insbesondere im ‚Breslauer Arzneibuch‘. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 17, 1998, S. 181–186.
  11. Avicenna. 10.-11. Jh. Kanon der Medizin. Überarbeitung durch Andrea Alpago (1450–1521). Basel 1556. Buch II. Einfache Arzneimittel Kapitel 460: De Muscho (Digitalisat)
  12. Konstantin der Afrikaner. 11. Jh. Liber des gradibus simplicium = Übersetzung von Liber des gradibus simplicium des Ibn al-Dschazzar. 10. Jh. Druck. Opera. Basel 1536, S. 354 (Digitalisat)
  13. Circa instans. 12. Jh. Druck. Venedig 1497, Blatt 203v (Digitalisat)
  14. Pseudo-Serapion. 13. Jh. Druck. Venedig 1497, Blatt 123r (Digitalisat)
  15. Abu Muhammad ibn al-Baitar. 13. Jh. Kitāb al-jāmiʿ li-mufradāt al-adwiya wa al-aghdhiya - Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel. Übersetzung. Joseph Sontheimer unter dem Titel Große Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel. Hallberger, Stuttgart Band II 1842, S. 513-516 (Digitalisat)
  16. Konrad von Megenberg. 14. Jh. Hauptquelle: Thomas von Cantimpré, Liber de natura rerum. Ausgabe. Franz Pfeiffer. Konrad von Megenberg. Buch der Natur. Aue, Stuttgart 1861, S. 151 (Digitalisat)
  17. Gart der Gesundheit. Peter Schöffer, Mainz 1485, Kapitel 272 (Digitalisat)
  18. Hortus sanitatis. Jacobus Meydenbach, Mainz 1491, De animalibus, Kapitel 100 (Digitalisat)
  19. Hieronymus Brunschwig. Liber de arte distillandi de compositis. Johann Grüninger, Straßburg 1512, S. 80r (Digitalisat)
  20. Nicolas Lémery. Dictionnaire universel des drogues simples, contenant leurs noms, origines, choix, principes, vertus, étymologies, et ce qu’il y a de particulier dans les animaux, dans les végétaux et dans les minéraux, Laurent d'Houry, Paris, 1699 Deutsche Übersetzung : Vollständiges Materialien-Lexicon. Vollständiges Materialien-Lexicon. Zu erst in Frantzösischer Sprache entworffen, nunmehro aber nach der dritten, um ein grosses vermehreten Edition […] ins Hochteutsche übersetzt / Von Christoph Friedrich Richtern, […]. Leipzig: Johann Friedrich Braun, 1721, S. 744-746 (Digitalisat)
  21. Johann Baptista du Halde. Ausführliche Beschreibung des Chinesischen Reichs und der grossen Tartarey. 3. Teil. Johann Christian Koppe, Rostock 1749, S. 517-519: Von dem Musc oder Bisam (Digitalisat)
  22. William Cullen. Lectures on the materia medica. Deutsch. J. P. Ebeling. Weygand, Leipzig 1781, S. 429 (Digitalisat)
  23. Theodor Husemann. Handbuch der gesammten Arzneimittellehre. Springer, Berlin 1873–1875. 2. Aufl., Springer, Berlin 1883. Band II, S. 930-933 (Digitalisat) 3. Aufl., Springer, Berlin 1892, S. 490-492 (Digitalisat)
  24. Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. 9. unveränderter Abdruck 1920, Julius Springer, Berlin 1920, S. 406-409 (Digitalisat)
  25. M. Thevis, W. Schänzer, H. Geyer u. a.: Traditional Chinese medicine and sports drug testing: identification of natural steroid administration in doping control urine samples resulting from musk (pod) extracts. In: Br J Sports Med. 47(2), Jan 2013, S. 109–114. vgl. Arnd Krüger: Naturmedizin. In: Leistungssport (Zeitschrift). 42, 5, 2012, S. 31. (PDF)
  26. Peter Brandt: Berichte zur Lebensmittelsicherheit 2007 Lebensmittel-Monitoring. Springer-Verlag, 2009, ISBN 978-3-7643-8913-0, S. 76 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  27. Günter Fred Fuhrmann: Toxikologie für Naturwissenschaftler Einführung in die Theoretische und Spezielle Toxikologie. Springer Science & Business Media, 2006, ISBN 3-8351-0024-6, S. 331 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  28. a b Umweltbundesamt: Fact Sheet Polymoschusverbindungen (Memento vom 12. November 2011 im Internet Archive) (PDF; 35 kB).