Aggregator (Pseudo-Serapion)

literarisches Werk

Der Aggregator (Pseudo-Serapion), auch Liber aggregatus in medicinis simplicibus, ist eine von Ibn Wafid im 11. Jahrhundert wahrscheinlich in Toledo („Tortosa“) verfasste Arzneimittellehre. Sie wurde irrtümlich Yūhannā Ibn Sarābiyūn, latinisiert Johannes Serapion (junior), einem arabischen Autor aus dem 9. Jahrhundert, zugeschrieben. Simon von Genua übersetzte das Werk um 1290 mit Hilfe des Juden Abraham von Tortosa ins Lateinische.

Entstehungsgeschichte und InhaltBearbeiten

 
Seite aus einer italienischen Übersetzung des Aggregators (um 1400).

Ibn Wafid verwendete in seinem Drogenhandbuch Kitāb al-adwiya al-mufrada eine arabische Quelle, das Ǧāmiʿ al-adwiya al-mufrada des Abu Bakr Hāmid ben Samagūn aus dem 10. Jahrhundert, die ihrerseits hauptsächlich auf den Schriften von Galenos von Pergamon und Pedanios Dioskurides basierte und die er um weitere arabische Quellen erweiterte. Um 1250 wurde der bereits im 11. Jahrhundert durch „Pseudo-Serapion“ erweiternd bearbeitete Text noch einmal anonym aktualisiert. Daraus entstand dann Ende des 13. Jahrhunderts die Fassung von Simon von Genua und Abraham aus Tortosa, welche als Liber aggregatus in medicinis simplicibus bekannt wurde.[1] Der Kanon der Medizin des Avicenna wurde für die Bearbeitungen nicht herangezogen.

Aus dem 14. und 15. Jahrhundert sind zwei italienische Übersetzungen erhalten (darunter vor 1404 das Erbario Carrarese genannte Ms. Egerton 2020[2] in paduanischer Mundart), deutschsprachige Ausgaben (etwa die Bearbeitung durch den Zürcher „Apothekerknecht“ Hans Minner[3][4]) seit dem 15. Jahrhundert.[5][6]

Im ersten Teil des Werkes werden Wirkungsgrade und Wirkungsweisen beschrieben, der zweite Teil enthält Darstellungen von rund 460 Einzeldrogen pflanzlicher, tierischer und mineralischer Herkunft.

NachwirkungBearbeiten

Zusammen mit dem Circa instans bildete der Aggregator die Basis für große Kompilationen des Spätmittelalters, u. a. für das Leipziger Drogenkompendium und das erste gedruckte illustrierte Kräuterbuch, den Gart der Gesundheit.

Werkausgaben und ÜbersetzungenBearbeiten

  • Octavianus Scotus (Hrsg.): Serapio: Liber Serapionis de simplici medicina. In: Practica Io. Serapionis dicta breviarum [...]. Bonetus Locatellus Venedig 1497 (Digitalisat).
  • Pseudo-Serapion: Eine große arabische Arzneimittellehre. Band 2: Der „Liber aggregatus in medicinis simplicibus“ des Pseudo-Serapion aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Deutsche Übersetzung nach der Druckfassung von 1531 von Jochem Straberger-Schneider. Baden-Baden 2009 (= DWV-Schriften zur Medizingeschichte. Band 6.2).
  • Jochem Straberger-Schneider: Pseudo-Serapion: Eine große arabische Arzneimittellehre. Deutscher Wissenschaftsverlag, Baden-Baden 2009. ISBN 978-3-8688-8009-0.

LiteraturBearbeiten

  • Johannes Gottfried Mayer: Das 'Leipziger Drogenkompendium' (Leipzig, Universitätsbibliothek, Cod. 1224) und seine Quellen. In: Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil. Königshausen und Neumann, Würzburg 2000. ISBN 3-8260-1851-6. S. 207 ff.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Gundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 96 f.
  2. Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Würzburg 1994) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 65). ISBN 3-8260-1667-X, S. 241.
  3. Ursula Schmitz (Hrsg.): Hans Minners ‚Thesaurus medicaminum‘. Pharmaziehistorische Untersuchungen zu einer alemannischen Drogenkunde des Spätmittelalters. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Marburg/L.) Würzburg 1974 (= Quellen und Studien zur Geschichte der Pharmazie. Band 13).
  4. Gundolf Keil: Hans Minner. In: François Ledermann (Hrsg.): Schweizer Apotheker-Biographie. Mosaiksteine zur Geschichte des Schweizerischen Apothekervereins (1843–1993). Festschrift zum 150jährigen Bestehen [...]. Bern 1993 (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Band 12), S. 244–246.
  5. Gundolf Keil (2012/2013), S. 97.
  6. Gundolf Keil (2012/20113), S. 118.