Melitta Wiedemann

deutsche Journalistin und Publizistin

Melitta Wiedemann (* 2. April 1900 in Sankt Petersburg; † 13. September 1980 in München[1]) war eine deutsche Journalistin und Publizistin.

LebenBearbeiten

Wiedemann wurde als Tochter deutscher Eltern in Sankt Petersburg geboren. Ihr Vater war Direktor einer Orientbank und habilitierter Orientalist. Sie wuchs in Petersburg und später in Teheran auf. In der Klosterschule der Heiligen Nina in Baku wurde ihr eine humanistische Erziehung zuteil.

Ab den frühen 1920er Jahren lebte Wiedemann in Deutschland, wo sie als Journalistin zu arbeiten begann. Um 1928 trat Wiedemann in die Redaktion der nationalsozialistischen Zeitung Der Angriff ein, für die sie bis Anfang 1931 tätig war. Etwa zur selben Zeit wurde sie Mitglied der NSDAP. Bis zu ihrer Entfernung aus der Redaktion des Angriffs im Gefolge des Stennes-Revolte von 1931 arbeitete Wiedemann in Pressefragen eng mit Joseph Goebbels als dem Herausgeber der Zeitung zusammen. Während ihrer Zusammenarbeit erkannte Goebbels zwar das handwerkliche Können von Wiedemann an, die er ironisch als „das einzige Mannsbild“ in der Redaktion des Angriffs beschrieb,[2] distanzierte sich aber aufgrund von wachsendem persönlichem Misstrauen – im März 1931 schrieb Goebbels in sein Tagebuch, Wiedemann sei „der böse Geist“ der Redaktion und hielt fest: „Eine Frau wird Macht immer missbrauchen“ – immer stärker von ihr.[3]

In der Ausgabe des Angriffs vom 4. April 1931 wurde Wiedemanns Ausschluss aus der NSDAP öffentlich bekannt gegeben. Als Begründung wurde angegeben: "Bekenntnis zu dem ausgeschlossenen Hauptmann Stennes und Zuwiderhandlung gegen die Bestrebungen der Partei." Sie legte hiergegen Widerspruch beim Reichs-Untersuchungs-und-Schlichtungsausschuss der Partei ein, der jedoch abgelehnt wurde. Nach 1945 behauptete sie wahrheitswidrig, dass sie von sich aus aus der Partei ausgetreten sei.[4]

NS-ZeitBearbeiten

Von Juni 1935 bis Mai 1936 war Wiedemann Schriftleiterin des Sonntagsblattes Zeitschrift Evangelium im Dritten Reich (EvDR), einem Organ der Deutschen Christen (DC)[5], sowie ab 1935 Schriftleiterin der Wochenzeitung Positives Christentum, ein Kampf- und Führerblatt der DC-Reichsleitung.

Während des Zweiten Weltkriegs unterhielt Wiedemann enge Kontakte zu führenden SS-Funktionären, darunter auch Heinrich Himmler, Reinhard Heydrich.[6] Außerdem arbeitete sie dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda zusammen.

Von 1939 bis 1944 war Wiedemann Hauptschriftleiterin und Herausgeberin der Zeitschrift Die Aktion. Kampfblatt gegen Plutokratie und Volksverhetzung (zeitweise auch mit dem Untertitel Kampfblatt für das neue Europa), die vor allem durch ihren rabiaten Antisemitismus auffiel. Trotz der von ihr vertretenen rassistischen Anschauungen – so der Betonung des hohen Wertes des germanisch-deutschen Blutes – wandte Wiedemann sich während des Zweiten Weltkrieges gegen die Klassifizierung der Bewohner von Russland als „Untermenschen“, was sie in ihrer Korrespondenz mit Heinrich Himmler unter anderem mit dem Verweis auf den Mut und die Kampfkraft der Rotarmisten im Krieg zu belegen suchte. Stattdessen plädierte sie für den Aufbau der Wlassow-Armee und den Schulterschluss mit den Völkern der Sowjetunion gegen „den Bolschewismus“. Im November 1944 wurde sie wegen Einmischung in die deutsche Ostpolitik für einige Tage in Haft genommen.

NachkriegszeitBearbeiten

Nach dem Zweiten Weltkrieg betätigte sich Wiedemann weiterhin als Publizistin und als Übersetzerin. Politisch stand sie Ende der 1970er Jahre den Grünen nahe.

Letztmals öffentlich hervor trat Wiedemann im Jahr 1977, als sie sich in die damals auf ihrem Höhepunkt stehende Kontroverse um den Reichstagsbrand vom März 1933 einschaltete. Hierbei standen sich das sogenannte Luxemburger Komitee (das die Nationalsozialisten als die Verantwortlichen für den Brand des Reichstagsgebäudes im Februar 1933 betrachtete) und die Gruppe um den Verfassungsschützer Fritz Tobias (die eine Alleintäterschaft des Niederländers Marinus van der Lubbe als erwiesen ansah) gegenüber. Namentlich verschickte sie im März 1977 zahlreiche Kopien eines pro forma an Walther Hofer adressierten sechsundzwanzigseitigen „Offenen Brief“ an verschiedene Zeitungsredaktionen und herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (darunter Willy Brandt). In diesem Brief attackierte Wiedemann einige Vertreter des Luxemburger Komitees und insbesondere Hofer als den leitenden Kopf desselben scharf. Sie versuchte dabei Hofer als wissenschaftlich und politisch fragwürdige Persönlichkeit hinzustellen und warf ihm „ideologischen Marxismus“ vor. Später wurde vermutet, dass Fritz Tobias der tatsächliche Verfasser dieses Briefes war und Wiedemann, die politisch mit ihm übereinstimmte, diesem lediglich ihr Briefpapier und ihren Briefkopf zur Verfügung gestellt hatte, um sich bei einem Angriff auf seinen Kontrahenten Hofer hinter einem Strohmann verstecken zu können.

PublikationenBearbeiten

Schriften

  • Die neuen hauswirtschaftlichen Berufe, 1928.
  • Frau, Wirtschaft und Kultur, 1929.
  • Die Sünde wider das Leben. Die Kunst entlarvt den Bolschewismus, in: Die Aktion vom Februar 1944, S. 97–105

Übersetzungen

  • Norman O. Brown: Zukunft im Zeichen des Eros, Pfullingen 1962.
  • W.I. Samkowoj: Krieg und Koexistenz in sowjetischer Sicht, Pfullingen 1969.

LiteraturBearbeiten

  • Walter Birnbaum: Zeuge meiner Zeit - Aussagen zu 1912 - 1972. Musterschmidt, Göttingen, Frankfurt [Main], Zürich 1973.
  • „Neue Provokation nach Gestapomodell. Die frühere antisemitische Ideologin Melitta Wiedemann verbreitet einen Schmähbrief gegen das Luxemburger Komitee“, in: Freiheit und Recht, Jg. 23, Nr. 3, Mai/Juni 1977.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Werner Renz (Hrsg.): „Von Gott und der Welt verlassen“. Fritz Bauers Briefe an Thomas Harlan. Mit Einführungen und Anmerkungen von Werner Renz und Jean-Pierre Stephan, Campus, Frankfurt a. M. 2015, ISBN 978-3-593-50468-1, S. 245, Anm. 248; Sterberegister der Stadt München: Sterbregister Nr. 1980/1945.
  2. Elke Fröhlich (Hrsg.): Goebbels-Tagebücher, Bd. 2/I, S. 288 (Eintrag vom 21. November 1930).
  3. Elke Fröhlich (Hrsg.): Goebbels-Tagebücher, Bd. 2/I, S. 359f. (Einträge vom 9. und 10. März 1931).
  4. So gab Wiedemann zum Beispiel in einem Interview vom 23. Juni 1971 an: "[Ich] war aus der Partei ausgetreten 31 schon im März". (vgl. IfZ: Zeugenschrifttum Wiedemann, Bl. 1).
  5. Rainer Hering, Die Glaubensbewegung Deutsche Christen und ihre Periodika, In: Michel Grunewald, Uwe Puschner, Hans Manfred Bock, Das evangelische Intellektuellenmilieu in Deutschland, seine Presse und seine Netzwerke: 1871-1963, Verlag Peter Lang 2008, S. 450
  6. David Bankier, Fragen zum Holocaust: Interviews mit Christopher Browning, Jacques Derrida, Saul Friedländer, Hans Mommsen u.a, Wallstein Verlag 2006, S. 278