Martin Salander

Roman von Gottfried Keller

Martin Salander ist ein Zeitroman von Gottfried Keller, der 1886 erschienen ist. Er ist das letzte Werk des Autors und enthält eine schonungslose Abrechnung mit den Zeitumständen in seinem Land und anderswo. Der idealistische, aber auch leichtgläubige und naive Titelheld kommt nach langjähriger Abwesenheit in seine Schweizer Heimat zurück, wo er sich als Kaufmann betätigt und auch bald politisches Engagement entwickelt. Er muss mitansehen, wie der unbändige Drang nach sozialem Aufstieg bei vielen Zeitgenossen Betrug und Unterschlagung nach sich zieht. Und er wird auch selbst Opfer solcher Machenschaften. Seine Hoffnung, dass die Menschen in einem Land, in dem sie politische Rechte haben, auch verantwortungsvoller miteinander umgehen, wird bitter enttäuscht.[1]

Gottfried Keller hat in seinem Alterswerk gleich in mehrerer Hinsicht ein Experiment gewagt. Einerseits ist er so unmittelbar auf die Zeitgeschichte eingegangen, wie in keinem andern Werk zuvor, und andererseits hat er dabei auch für ihn neue formale Wege beschritten, indem er sich bemüht hat, so weit wie möglich auf einen auktorialen Erzähler zu verzichten.

Keller hat den Roman unter Zeitdruck geschrieben und war selbst nicht glücklich, wie er herausgekommen ist. Er hat die fehlende Poesie beklagt[2] und plante, in einem zweiten Teil die Mängel auszubügeln. Dazu ist es nicht gekommen. Trotzdem entfaltete der Martin Salander für viele spätere Schweizer Schriftsteller normsetzende Kraft.


HandlungBearbeiten

Nach siebenjähriger Abwesenheit kommt der ehemalige Lehrer und jetzige Kaufmann Martin Salander von Brasilien nach Münsterburg, einer Schweizer Stadt, zurück. Überall trifft er auf Anzeichen wirtschaftlicher Prosperität: ein neues Bahnhofsgebäude und neue Strassenanlagen machen, dass er sich nur mit Mühe in der ihm sonst vertrauten Stadt orientieren kann. Noch bevor er seine Frau und seine Kinder aufsucht, erfährt er, dass fast sein gesamtes in Brasilien erworbenes Vermögen dem wenig vertrauenswürdigen Geschäftsmann Louis Wohlwend in die Hände gefallen ist und vermutlich in einem bevorstehenden Konkurs verlorengehen wird. Salander war mit Wohlwend befreundet, seit beide das Lehrerseminar besucht hatten. Eine Bürgschaft, die Salander früher für Wohlwend geleistet hatte und wegen der er seine damalige Firma verloren hatte, war schon der Grund gewesen, dass Salander in Übersee ein neues Vermögen erarbeiten musste. In der Zwischenzeit hatte seine Frau Marie sich und die drei Kinder Setti[A 1], Netti und Arnold mit einer Gastwirtschaft über Wasser gehalten. Das gelang je länger desto schlechter, da die Bäume, unter denen der Gastgarten lag, einer nach dem andern dem allgemeinen Bauboom zum Opfer gefallen waren und die Gäste nach und nach ausblieben. Martin kommt gerade noch rechtzeitig, um den wirtschaftlichen Ruin seiner Frau abzuwenden.

Als nach ein paar Wochen keine Aussichten bestehen, innert nützlicher Frist wieder an das verlorene Vermögen zu kommen, macht sich Salander nochmals nach Brasilien auf. Dank den schon bestehenden Verbindungen hofft er, das Verlorene schneller wieder erwirtschaften zu können. Marie betreibt indessen in Münsterburg einen Laden, in dem sie Waren zum Verkauf bringt, die Martin ihr von Übersee zukommen lässt. Schon nach drei Jahren kommt er wieder zurück und kann nun endlich den Wohlstand im Kreis seiner Familie geniessen; er nimmt seine Geschäftstätigkeit in Münsterburg wieder auf.

Martin ist begeistert von den direktdemokratischen Rechten, die sich das Volk während seiner Abwesenheit genommen hat, indem es neue Verfassungen beschlossen hat. Er beginnt, sich für das Allgemeinwohl einzusetzen und engagiert sich in den politischen Diskussionen.

Indessen haben seine beiden Töchter das heiratsfähige Alter erreicht und beginnen ein Verhältnis mit zwei Zwillingen, ehrgeizigen, aber wenig ausdauernden jungen Burschen, den Söhnen eines Gemüsegärtners. Die Eltern Salander sehen das Verhältnis nicht gerne, sie empfinden es als Mesalliance, da die Knaben deutlich jünger als die Töchter und noch in Ausbildung begriffen sind. Umgekehrt ist die Mutter der Zwillinge, Amalie Weidelich, stolz auf die Bekanntschaft mit den Salanders und macht sich für ihre Söhne Julian und Isidor Hoffnung auf das zu erwartende Frauengut.

Diese schliessen bald ihre Ausbildung zu Notaren ab und beginnen ihre weitere Karriere systematisch zu planen. Zu diesem Zweck engagieren sie sich insbesondere in der Politik, wobei sie in zwei verschiedene Parteien eintreten, damit sie sich besser in die Hände arbeiten können. Es gelingt ihnen auch tatsächlich sehr bald, je ein Amtsnotariat in der Umgebung von Münsterburg zu übernehmen und sich sogar in das Kantonsparlament wählen zu lassen.

Die Eltern Salander können sich jetzt einer Vermählung kaum mehr entgegenstellen, und Martin plant die Doppelhochzeit im Stile eines Volksfestes. Dessen Durchführung entwickelt sich allerdings etwas anders, als von Martin beabsichtigt. Verschiedene Darbietungen arten in Peinlichkeiten aus, die Bräutigame werden verhöhnt und derbe Possen beleidigen die Anwesenden, anstatt die Parteien zu versöhnen. Einzig Salanders Rede kann die Wogen etwas glätten.

Mit der aufsehenerregenden Doppelhochzeit ist Salander in der Gegend bekannt geworden und deshalb wird bald auch er in den Rat gewählt, wo er sich gewissenhaft auf die Sitzungen vorbereitet und an den Geschäften mitarbeitet. Insbesondere interessiert ihn als ehemaligen Lehrer das Schulwesen. Seine ausufernden Pläne zu dessen Ausbau sind allerdings kaum finanzierbar, was ihm seine Frau Marie in einer Art von nachsichtigem Sarkasmus klarzumachen versucht.

Nach der Hochzeit hören Martin und Marie bald länger nichts mehr von ihren Töchtern und besuchen sie deshalb. Dabei stellt sich heraus, dass sowohl Setti als auch Netti in ihrer Ehe unglücklich sind, da ihre Männer keine Rücksicht auf sie nehmen und sich als gefühllose Egoisten erweisen. Die Töchter schämen sich nun, dass sie die Heirat gegen den Willen der Eltern durchgesetzt haben. Diese bieten ihnen an, im schlimmsten Fall wieder ins Elternhaus zurückkehren zu können.

Wohlwend, der sich nach seinem Konkurs in den Osten abgesetzt hatte, kommt als verheirateter Mann nach Münsterburg zurück, sucht wieder die Nähe zu Salander und stellt ihm insbesondere seine Schwägerin Myrrha[A 2] vor, von deren Schönheit Salander bezaubert ist. Wohlwends Fernziel ist aber, Myrrha mit Salanders Sohn Arnold zu verheiraten, um an das Erbe Salanders zu gelangen.

In dieser Zeit kommen täglich mehr Veruntreuungen von Beamten ans Tageslicht, insbesondere werden die beiden Zwillinge verhaftet, da sich in ihrer Amtsführung Unregelmässigkeiten finden. Es stellt sich heraus, dass beide unabhängig voneinander grosse Summen unterschlagen und verspekuliert haben. Sie werden zu je 12 Jahren Gefängnis verurteilt, was ihre Mutter ins Grab bringt und ihren Vater, der mit seiner Bürgschaft für einen grossen Teil des Schadens aufkommen muss, vor existenzielle Probleme stellt. Ihm hilft Salander, indem er seine Schuldtitel bezahlt, gewissermassen als Trost dafür, dass die Töchter sich scheiden lassen werden.

Arnold war längere Zeit für Studien und in Geschäften im Ausland und kommt nun zurück. Er tritt in das Handelsgeschäft seines Vaters ein, möchte aber weiterhin als Privatgelehrter historische Studien treiben. Martin ist aber enttäuscht, dass sich Arnold politisch nicht engagieren mag. Dieser will sich bloss im Hintergrund bereit halten für den Fall, dass seine Mitwirkung im Staat benötigt wird. Bald geht er wieder ins Ausland.

Von diesen Reisen bringt er Dokumente mit, die Wohlwends Betrug bei der Überweisung der Gelder aus Brasilien belegen. Damit könnte Salander ihn hinter Gitter bringen, aber er verzichtet darauf. Es erleichtert ihm aber, die wiederholten Annäherungsversuche Wohlwends abzuwehren. Arnold entdeckt auch sofort, was Martin entgangen war, dass Myrrha geistig zurückgeblieben ist; und so zerschlägt sich auch Wohlwends Heiratsplan. Da er jetzt in der Familie Salander nicht mehr Fuss fassen kann, ist er so verunsichert, dass er mit seiner Familie von Münsterburg wegzieht.

Zeitgeschichtlicher HintergrundBearbeiten

Martin Salander spielt vor dem Hintergrund der politischen und wirtschaftlichen Situation in der Schweiz und besonders im Kanton Zürich in den siebziger und achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Konkrete historische Ereignisse haben in die Romanhandlung Eingang gefunden, so die Annahme der neuen Verfassungen auf eidgenössischer und kantonaler Ebene und die Gründung der Nationalstaaten in der Nachbarschaft der Schweiz.[3] Nun kann man einerseits historische Wirklichkeit und fiktives Romangeschehen nicht einfach kurzschliessen, andererseits sollte man Martin Salander als Zeitroman gerecht werden.[4] Ein Überblick über den zeitgeschichtlichen Hintergrund, vor dem sich die Romanhandlung entwickelt, kann deshalb zum Verständnis wesentlich beitragen.[5]

Politik und Wirtschaft

In der Zeit nach der gescheiterten Julirevolution von 1830 in Frankreich war es den liberalen Kräften in manchen Kantonen der Schweiz gelungen, die konservativen, noch meist aristokratisch geprägten Regierungen abzulösen und die Institutionen des Staates im Sinn der Volkssouveränität umzubauen. Vor allem die Volksbildung erfuhr eine tiefgreifende Umgestaltung, indem in Zürich zum Beispiel höhere Schulen und eine Universität gegründet wurden. Mit der Schaffung eines Lehrerseminars wurde die Qualität der Volksbildung angehoben. Eine Radikalisierung der liberalen Bewegung führte zu Spannungen zwischen den fortschrittlichen und den konservativen Kantonen, die sich 1847 in dem kurzen und glimpflich verlaufenen Sonderbundskrieg entluden. Im Jahr darauf konnten die siegreichen liberalen Kräfte mit einer neuen, freiheitlichen Verfassung das damals fortschrittlichste Grundgesetz in Europa realisieren. Die vordem noch weitgehend souveränen Kantone wurden in vielen Bereichen entmachtet, die Schweiz wurde als Bundesstaat ausgestaltet. Die radikale Umgestaltung der politischen Verfasstheit der Schweiz hatte den Charakter einer Staatsgründung und löste eine nationale Euphorie aus, die sich vom Katzenjammer der umliegenden Staaten abhob, wo die 48er Revolutionen allesamt gescheitert waren.

Bis in die 60er Jahre bestimmten die liberalen Kräfte weitgehend unangefochten die Politik auf Bundesebene und in vielen Kantonen. Eine der treibenden Kräfte in Zürich und gesamtschweizerisch war Alfred Escher (1819–1882). Er war zeitweise Mitglied der Zürcher Regierung und sass seit der Gründung des Bundesstaates bis zu seinem Tod in der Grossen Kammer des nationalen Parlaments, wo er entscheidenden Einfluss geltend machen konnte. Die Gründung der Eidgenössischen Technischen Hochschule 1854/1855, der Schweizerischen Kreditanstalt 1856 sowie der Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt 1857 sind auf sein Betreiben zurückzuführen. Ausserdem forcierte er den Eisenbahnbau, insbesondere auch die Alpendurchquerung mit dem Gotthardtunnel. Seine Machtstellung in der Politik und in der Wirtschaft war zeitweise so stark, dass dafür die Bezeichnung „Eschersches System“ geprägt wurde.

Die liberalen Reformen seit den Dreissigerjahren hatten nicht nur politische Freiheiten, sondern auch wirtschaftliche Entfaltungsmöglichkeiten zum Ziel. Und tatsächlich entwickelte sich im Nachgang zur Gründung des Bundesstaates eine ungeahnte Wirtschaftsdynamik, getrieben vor allem vom Eisenbahnbau. Aber auch die traditionsreiche Textilindustrie und in ihrem Gefolge die Maschinenindustrie florierten in den 1850er Jahren. Dazu kam ein Bauboom: Die Städte Zürich und Winterthur wuchsen rasch und veränderten ihr Gesicht.[6] In Zürich genügte der für die erste Bahn 1847 erbaute Bahnhof nicht mehr. Ein neuer, grösserer Bahnhof konnte 1871 eingeweiht werden.[7]

Aber bald setzte eine Reihe von Ereignissen dieser Prosperität ein Ende: Zum einen verlor die Textilindustrie durch den amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) gleichzeitig sowohl einen wichtigen Absatzmarkt als auch einen wichtigen Rohstofflieferanten.[8] Zum andern kämpften die Bauern mit sinkenden Getreidepreisen bei gleichzeitig steigenden Bodenpreisen und einer Verknappung des landwirtschaftlichen Kredits.[9] Ums Jahr 1860 wurde Zürich von einer Welle von Konkursen erschüttert.[10] Das bereits angeschlagene liberale Regime verlor vollends jeden Kredit, als 1867 eine Choleraepidemie, die vor allem in den Arbeiterquartieren wütete und die Wohngegenden der Reichen weitgehend verschonte, ein städtebauhygienisches Problem offensichtlich machte.[11] Damit war der Boden bereitet für den Erfolg einer Bewegung, die im Laufe der 1860er Jahre das System Escher in Frage zu stellen begann und das die direktdemokratischen Mitwirkungsrechte stärken wollte. In Zürich setzte sich diese demokratische Bewegung 1869 durch mit einer neuen Kantonsverfassung, die Volksinitiativen und Referenden vorsah, die Volkswahl der Regierung brachte (die vorher durch das Parlament bestimmt worden war), und den Bauern und Kleingewerblern besseren Zugang zu Krediten verschaffen wollte durch die Gründung einer Kantonalbank. Auch in der Kantonsregierung übernahmen die Demokraten 1869 die Mehrheit. Und auf gesamtschweizerischer Ebene wurde nur fünf Jahre später ebenfalls eine neue Verfassung erlassen, die den direktdemokratischen Einfluss der Bürger stärkte.

Gottfried Kellers Haltung gegenüber der demokratischen Bewegung war ambivalent. Einerseits hatte er zu den ersten Kritikern des Escherschen Systems gehört, andererseits war er dem neuen politischen Stil der Demokraten gegenüber ablehnend eingestellt, die sich mit verleumderischen Pamphleten und Hinterzimmerabsprachen an die Macht gebracht hatten. Sein Amt als Staatsschreiber im Kanton Zürich, hatte er 1861 von der liberalen Regierung erhalten; als oberster Beamter im Kanton sah sich Keller den politischen Umwälzungen direkt ausgesetzt. Wider Erwarten bestätigte ihn aber die demokratische Regierung nach dem Wechsel 1869 in seiner Funktion. Erst 1876 trat er von seinem Amt zurück.

Krisen

Die massiven wirtschaftlichen und politischen Veränderungen, welche Gottfried Keller miterlebte, zeitigten destabilisierende Wirkungen, die besonders deutlich in Erscheinung traten, als die Wirtschaft nach dem Börsenkrach von 1873 von einer Krise erfasst wurde, die bis in die Mitte der 90er Jahre anhielt.[12] Die Zahl der Konkurse stieg sprunghaft an, und zahlreiche Schweizer waren zur Auswanderung gezwungen. Bei den Zielländern lag Nordamerika an der Spitze, Brasilien stand an zweiter Stelle.[13] Die meisten Auswanderer nach Brasilien schlugen sich als Landarbeiter durch.[14] Nur wenige Schweizer konnten sich als Kaufleute etablieren. Immerhin gab es in der Mitte der 1860er Jahre in Rio de Janeiro mindestens 23 schweizerische Handelshäuser. Weitere Unternehmen „hatten ihren Sitz in Bahia und Sao Paulo, das als Zentrum des Kaffee-Exportes allmählich an Bedeutung gewann. Sie importierten in erster Linie Baumwollerzeugnisse sowie Uhren und Schmuck, aber auch Seide und Spitzen.“[15]

Die grosse Zahl der Konkurse gab viel Arbeit für die Notariate, und nicht alle Notare waren gegen die Versuchung gefeit, von den ihnen anvertrauten Werten etwas für sich abzuzweigen. „1881 wurden kurz nacheinander zwei Notare – im Kanton Zürich handelte es sich um Staatsbeamte, die seit der demokratischen Verfassungsreform vom Volk gewählt wurden – betrügerischer Amtsführung überführt. Notar Theodor Koller aus Thalwil stand der liberalen Partei nahe, während Notar Karl Rudolf aus Dielsdorf [...] Demokrat war.“[16] Der letztere entzog sich einer Verhaftung „vorerst mit der Flucht ins Ausland“ und hinterliess einen Abschiedsbrief, der mit den Worten schloß: „Ich verlasse nun dieses kleine Land der Korruption“.[17]

Chronologie der Romanhandlung

Die Romanhandlung nimmt mannigfach Bezug auf historische Ereignisse; dadurch lässt sie sich zeitlich grob in den historischen Kontext einordnen, wenn auch nicht mit letzter Genauigkeit, dafür ist die Handlung selbst zu wenig konsequent.[18]

Den eindeutigsten Hinweis auf die Zeitgeschichte liefert Salanders Bemerkung in seinem Brief, den er vor seiner zweiten Rückkehr schreibt. Darin nimmt er Bezug darauf, dass die Nationalstaatenbildung in den Nachbarländern der Schweiz zu einem Abschluss gekommen ist.[19] Mit dem italienischen Risorgimento (1861–1870) und der Deutschen Einigung (1871), ergibt sich also, dass dieser Brief im Jahr 1871 oder kurz darauf geschrieben sein muss.

Schon weniger eindeutige Hinweise liefert der Verweis auf „diese neue Verfassung, welche unsere Republiken sich gegeben haben“ in demselben Brief, denn es wird nicht klar, ob die kantonale (Zürich, 1869) oder die eidgenössische Verfassung von 1874 gemeint ist.[20] Eindeutig nicht die eidgenössische Verfassung ist kurze Zeit später gemeint, wo es heisst: "Die neue Verfassung, die die Münsterburger angenommen hatten [...]"[21]. Es wäre aber zu kurz geschlossen, diese mit der Verfassung des Kantons Zürich gleichzusetzen, denn Ort der Handlung ist eben das fiktive Münsterburg und nicht das historische Zürich. So müssen denn alle Ereignisse, die in Münsterburg stattfinden, klar unterschieden werden von realen Vorkommnissen in Zürich. Die zahlreichen Parallelen zwischen beiden – so etwa auch der Bahnhofsneubau – geben bloss das historische Kolorit, nicht eine präzise Identität. Keller hält sich bei der Gestaltung des Romangeschehens „nicht sklavisch an den Kalender der realen Zeit.“[22]

EntstehungsgeschichteBearbeiten

Projekt eines kleineren Romans

In einem Brief vom 8. April 1881 an Julius Rodenberg erwähnte Keller zum ersten Mal den Plan zu einem „einbändigen kleineren Roman“.[23] Rodenberg war der Herausgeber der renommierten Deutschen Rundschau, einer monatlich erscheinenden Zeitschrift für zeitgenössische novellistische und essayistische Literatur, der Keller früher schon die Züricher Novellen zum Vorabdruck überlassen hatte und in der zu diesem Zeitpunkt das Sinngedicht noch im Erscheinen begriffen war. Rodenberg meldete in seinem Antwortbrief vom 16. April 1881 bereits das Interesse an, auch das geplante neue Werk Kellers in seiner Zeitschrift erscheinen zu lassen. Keller war aber vorerst mit andern Projekten beschäftigt und an eine detaillierte Ausarbeitung des Romans war noch nicht zu denken.

War die erste Erwähnung des Romanprojekts noch völlig unbestimmt, sowohl was den Inhalt als auch was den Stil des geplanten Werkes betraf, so wurde Keller im Januar 1882 gegenüber Paul Heyse konkreter, indem er „eine politisch oder social moralische Entwicklung aus der aktuellen Misere heraus in versöhnliche [...] Perspektiven“ ankündigte und festhielt: „Es handelt sich darum, vor Thorschluss noch aus dem ewigen Referiren heraus- und in das lebendige Darstellen hineinzukommen, ohne dass ich just auf endlose Dialoge ausgehe. [...] Ich möchte mich gern in Spielhagens Romantheorien unterrichten, wie ich es anfangen muss.“[24] Keller nahm sich also vor, in seinem Alterswerk poetologisches Neuland zu betreten und einen Roman zu schaffen, „welcher sich ganz logisch und modern aufführen“[25] werde. Zu diesem Zweck wollte er sich sogar in die theoretischen Werke des ihm eigentlich unsympathischen[26] Friedrich Spielhagen einarbeiten. Zu denken ist hier insbesondere an dessen Forderung, „die Person des Erzählers müsse [...] völlig hinter dem objektiven Bericht zurücktreten“.[27] Ausserdem ist da „der Anspruch, das Geschehen anschaulich und szenisch darzustellen, hinzu kommt die Betonung einer Zentralfigur sowie die Vorgabe, den Romanschluß versöhnlich zu gestalten“.[28] „Tatsächlich lassen sich in Kellers Roman Ansätze zu aperspektivischem Erzählen mit wechselnder Figurensicht und szenischem Erzählen feststellen.“[29]

Im Dezember 1882 teilte Keller dem Schriftstellerkollegen Paul Heyse mit, er denke jetzt wieder mehr an sein „Romänchen, worin alles im guten und schlimmen Sinne aufwärts strebt und das mit einer wirklichen Bergfahrt vieler Menschen kataströphlich abschliessen soll.“ Und er fragte: „Glaubst Du als Sprachenmeister, dass hiefür der Titel: Excelsior (Longfellow’schen Angedenkens) angehen würde, oder wäre er zu entlegen u ungeeignet?“[30] Auf Heyses Auskunft hin, dass dieser Titel ganz im Sinne Berthold Auerbachs wäre und an „Gartenlauben-Allüren“[31] erinnere, liess ihn Keller umgehend fallen und zog es vor, stattdessen einen Titel „aus dem sich ergebenden Personenstand [...] mit Vermeidung aller Affektationen“[32] zu suchen.

Vorabdruck in der Deutschen Rundschau

Im Juli 1883 erhielt Rodenberg von Keller die Zusicherung, ihm den „sog. kleinen Roman“[33] zum Vorabdruck in der Deutschen Rundschau überlassen zu wollen. Aber es brauchte noch mehrere wohlmeinende Nachfragen des Verlegers, und es ergaben sich noch mehrere Verzögerungen im Arbeitsprozess des Autors, bevor dieser die erste Manuskriptlieferung für den Abdruck im Januarheft 1886 ankündigen konnte.[34] Wie skeptisch Keller selbst zeitweise seinem Projekt gegenüberstand, zeigen folgende Ausführungen aus einem Brief vom August 1885 an Rodenberg:

Ich hätte diese Arbeit längst aufgegeben, wenn sie nicht annoncirt wäre und ich selbst nicht für nothwendig und ehrenhaft hielte, sie trotz der Abneigung zu machen d. h. mich zu zwingen. Die entstandene Abneigung rührt daher, daß ich mir zu spät inne geworden bin, wie sehr ich mich in die Reihe der auf allen Punkten auftauchenden Verfallspropheten und Sittenrichter stelle und so ein der Mode nachlaufender Skribent zu sein scheine, während das Bedürfniß, das Buch zu schreiben, mir ganz spontan entstanden ist.

Der Umstand jedoch, daß es am Ende lohnt zu zeigen, wie keine Staatsform gegen das allgemeine Uebel schützt, und ich meinem eigenen Lande sagen kann voilà, c'est chez nous comme partout läßt mich über jenes Bedenken hinweg sehen und ausharren. Vielleicht fällt es doch nicht zu schlecht aus.[35]

Der Roman erschien von Januar bis September 1886, mit Ausnahme der Monate März und August, für deren Lieferung Keller im Verzug war.[36] Auch für die letzte Folge im Septemberheft war der Roman eigentlich nicht weit genug gediehen; Keller musste aber zum Abschluss kommen, denn im Oktober begann eine neue Abonnementsperiode der Zeitschrift und es wäre nicht angegangen, von den Lesern den Erwerb eines neuen Abonnements zu verlangen, wenn sie den Schluss des Romans lesen wollten. So brachte Keller den Roman „mehr oder weniger gewaltsam“[37] zu einem schnellen Schluss.

Buchausgabe

Mit Wilhelm Hertz in Berlin, der auch Paul Heyse und Theodor Storm verlegte[38], hatte sich Keller schon früh grundsätzlich auf eine Buchausgabe des Martin Salander geeinigt. Über den Sommer 1886 wurden die Details eines Vertrages brieflich geregelt, der im September abgeschlossen werden konnte. Da Keller mit dem überstürzten Schluss der Zeitschriftenfassung nicht zufrieden war, behielt er sich vor, für die Buchausgabe eine Ergänzung anzubringen. Von den schliesslich 21 Kapiteln des Romans hatte die Fassung der Deutschen Rundschau nur die ersten 19 enthalten, ergänzt um eine ganz kurze abschliessende Wendung. Die Kapitel 20 und 21 waren in der Buchausgabe neu. Aber auch bei der Abfassung dieser beiden Kapitel ergaben sich wieder Terminprobleme, denn der Roman sollte für das Weihnachtsgeschäft 1886 in den Buchhandlungen vorliegen, was Keller nicht bedacht hatte. So fühlte er sich einmal mehr in eine Zwangslage versetzt[39] und musste sich erneut in kürzester Zeit einen Schluss abringen, der nicht ausgereift war und mit dem er selber nicht glücklich war.

Idee einer Fortsetzung

In einem Brief an Sigmund Schott schrieb Keller am 9. Juni 1888:

Der Martin Salander ist mir verunglückt, ich habe jetzt noch den größten Theil der Freiexemplare unausgepackt liegen, so sehr ärgerte es mich. Ich mußte ihn nämlich abbrechen, da die Rundschau, wo er erschien, mit dem Oktoberheft 1886 einen neuen Jahrgang begann und Fortsetzungen in einen solchen unstatthaft sind. Für die Buchausgabe bestand der Verleger auf dem Weihnachtsmarkt, kurz ich wurde um die eigentliche pièce de resistance des Romans gebracht und werde, wenn ich mich besserer Gesundheit erfreue, sehr wahrscheinlich einen weiteren Band unter dem Titel „Arnold Salander“ schreiben, wozu das Material da ist.[40]

Keller versprach sich also von einer Fortsetzung die Lösung jener Probleme, die er im Martin Salander nicht erreicht hatte. Zu dieser Fortsetzung kam es allerdings nicht mehr, und von dem erwähnten „Material“ fanden sich im Nachlass nur wenige Notizen. Diese zusammen mit Berichten von Bekannten, denen Keller die Handlung mündlich skizzierte, ergeben folgendes Bild von dem geplanten zweiten Teil: „Das Motiv einer Bergfahrt verschiedener Volksgruppen an einem Feiertag verknüpft sich vage mit einer Naturkatastrophe, einem politischen Aufstand und einer individuellen Katastrophe des Protagonisten, aus der er von Frau und Sohn gerettet wird.“[41] Dazu kam offenbar die Vorstellung von einer zweiten, diesmal glücklichen Heirat der Töchter.

Ob es wirklich nur der Zeitmangel respektive am Ende die gesundheitlichen Probleme Kellers waren, die ein befriedigendes Ende verhinderten, muss dahingestellt bleiben. Möglicherweise waren tieferliegende Gründe ausschlaggebend, die mit der Unvereinbarkeit der moderneren Form und dem traditionellen Inhalt zu tun haben, wie Karl Wagner zu bedenken gibt: „Kellers apokalyptische Untergangsvisionen der Stadt und Gesellschaft von Münsterburg sind eng mit der Plot-Konstruktion verbunden. Sie vertragen sich schlecht mit der temporal-kausalen Finalität der Prämissen eines realistischen Romans; sie übernehmen vielmehr frühere Funktionen des ›Schicksals‹.“[42]

InterpretationBearbeiten

„Schweizerroman“ oder Zeitroman

Martin Salander, der Titelheld, bringt am Anfang des Romans nicht nur ein immenses Vermögen aus der Fremde nach Münsterburg zurück (das sich allerdings bald zu wesentlichen Teilen in Luft auflösen wird), sondern auch den geschärften Blick des längere Zeit Abwesenden, dem die Veränderungen in der Heimat deutlicher ins Auge stechen als dem, der ständig vor Ort ist und an den Entwicklungen Teil hat.[43] (Dass die Trennschärfe seines Blicks sich auch bald verflüchtigen wird, ist ein anderes Problem.[44]) Kaum angekommen, stellt Salander sofort Veränderungen im Stadtbild fest: ein neues Bahnhofsgebäude und neue Strassenanlagen machen die Orientierung schwierig. Und schon bei der ersten Begegnung muss er zur Kenntnis nehmen, dass sich in gewissen Kreisen ein starker Wille zum sozialen Aufstieg ausgebildet hat, der sich unter anderem in sprachlichen Verschiebungen äussert: Amalie Weidelich lässt sich von ihren Buben nicht mehr „Mutter“, sondern „Mama“ nennen, wie es bei den gehobenen Ständen schon früher üblich war.[45] Das Aufwärtsstreben „im guten und schlimmen Sinne“[46], das Keller 1882 gegenüber Heyse erwähnt hatte, erfährt hier seine erste Konkretion im Sinne der sozialen Mobilität. Eine Notiz Kellers, entstanden bei der Vorbereitung des Martin Salander, kann als Erläuterung dieses Aufwärtsstrebens verstanden werden: „Wir haben Sehnsucht nach oben, nach Licht und Ruhe: aber nicht der erfüllten Pflicht und des befriedigten Gewissens, nach dem Lichte der Ordnung sondern nach dem Glanze der befriedigten Selbstsucht des Ehrgeizes und der Ruhe des Geniessens.“[47] Im weiteren Verlauf entfaltet sich das Bild einer „universalen ökonomischen, politischen und geistigen Krise der Gesellschaft“.[48] Und es wird klar, dass der Roman sich viel unmittelbarer mit der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation zur Zeit der Niederschrift auseinandersetzt als die meisten früheren Werke Kellers.

Insofern Münsterburg, der Ort der Handlung, als schweizerische Stadt eingeführt wird und insofern eine Reihe von Vorkommnissen direkt auf schweizerische Eigenheiten wie die direkte Demokratie Bezug nehmen, bot es sich an, die dargestellte Krise zunächst als eine Krise der schweizerischen Gesellschaft zu verstehen. Und so wurde der Roman teilweise auch aufgefasst: als ein eminent schweizerisches Werk, dessen Bedeutung sich im Lokalen erschöpft, was bis zum Missverständnis als Schlüsselroman[49] gehen konnte, wie ein Brief Theodor Storms zeigt:

Den [Martin Salander] hol der Teufel! Bächtold schrieb mir, in Zürich könne man mit den Fingern auf die Originale zeigen; es wirke geradezu befreiend dort. Aber es ist keine Wirkung des praktischen Gehalts; was geht es die Poesie, was uns an, wenn solcher Schwindel dort vor sich geht.[50]

Und Joseph Viktor Widmann schreibt in seiner Rezension vom 27. und 28. Dezember 1886 im Berner Bund unter dem Titel „Der Schweizer Roman Martin Salander“ zwar nicht ebenso abwertend, aber ebenso einengend:

Im neuen Roman ist das Volksleben, und zwar das Volksleben unserer Gegenwart, nicht eine Zutat, sondern der eigentliche Inhalt. [...]
In dieser Beziehung stehen wir nicht an, den neuen Roman Kellers als eine Art Volksepos der Gegenwart, und zwar als ein durch und durch schweizerisches Volksepos, zu bezeichnen.[51]

Widmann verwendete den Ausdruck „Schweizerroman“ „mit großer Emphase in seiner Rezension des Martin Salander, die er nicht nur für den Berner Bund, sondern auch für die Wiener Deutsche Zeitung schrieb“.[52] Gottfried Keller war über diese Verengung der Bedeutungsperspektive auf das Nationale alles andere als erfreut, hatte er Widmann doch schon im September 1886 wissen lassen: „Man schreibt in seinem Lande und aus demselben heraus; aber wenn etwas dran sein soll, so muß es immer auch noch für andere Leute geschrieben sein.“[53]

Dass ein in der Schweiz spielender Roman auch für „andere Leute“ relevant sein kann, obwohl die Schweiz damals aufgrund der realisierten Demokratie andere Voraussetzungen mit sich brachte als die umliegenden Länder, hängt mit der Tatsache zusammen, dass die Unterschiede gar nicht so gross waren, wie sich Keller eingestehen musste. Die Hoffnung, dass eine fortschrittliche Staatsverfassung auch zu einer besseren Gesellschaft führt, hatte sich zerschlagen. Keller kam zur Einsicht, dass „keine Staatsform gegen das allgemeine Uebel schützt“ und er seinen Landsleuten sagen kann „voilà, c'est chez nous comme partout“.[54] Diese Wendung ist ein Schlüsselsatz. Keller hat sie nicht nur wie hier in einem Brief an seinen Verleger Julius Rodenberg gebraucht, sondern auch an zwei Stellen in den Roman eingebaut. Es ist letztlich für Keller nichts weniger als die Rechtfertigung, diesen Roman zu schreiben, wie man einer Notiz entnehmen kann, die für ein geplantes Vorwort gedacht war:

Es scheint jetzt eine Zeit zu sein, in der alle Nationen, große und kleine, eine Art Romanbekenntnisse ablegen, in denen sie ihre Schäden vergleichen und beklagen, Ueberhebungen und Verirrungen abbüßen, und ihre Besserungsrecepte austauschen. So eintönig der Gesang zu werden beginnt, kann sich doch keiner der auf den Bäumen herumsitzenden Vögel ihm entziehen, zumal die Kunstform eine Freiheit der Bewegung gestattet, die sonst nicht leicht vorhanden ist. Auch vorl. kleine Roman stellt sich in diesem Sinne an die Heerstraße und ohne andern Anspruch, als in das allgemeine „es ist bei uns wie überall“ als umgekehrtes „c'est partout comme chez nous“ einzustimmen.[55]

Den Salander als Schweizerroman zu verstehen, war aber schon früh nicht die einzige Möglichkeit. Zahlreiche andere Bestimmungen zeigen das schwankende Verständnis des Kellerschen Alterswerks. So ist für Paul Heyse das Buch „nicht sowohl ein Roman als ein – politisches – Erbauungsbuch.“[56] Scheint hier noch eine sanft ironische Note eingeflochten, so heisst es bei Hans Wysling in seinem Gedenkbuch zum 100. Todesjahr Kellers geradeheraus: „Der Roman ist ein erzieherisches Werk, ein Predigt- und Erbauungsbuch.“[57] Ähnliches meinte Rudolf Fürst schon 1903, wenn er schrieb: „Mit Baechtold [...] verehren wir diese Dreiheit in dem grossen Volks- und Erziehungsbuch von Martin Salander: ein politisches Erbauungsbuch und doch ein Poesiebuch und dazu ein grosses Kunstwerk.“[58] Der pädagogische Einschlag des Romans ist auch sonst festgestellt worden.[59] Eher selten ist dagegen die Einschätzung Adolf Freys: „Auch Martin Salander ist ein Entwicklungsroman, der Held klärt und läutert sich und wird von seinem übertriebenen Optimismus geheilt.“[60] „Die meisten andern Interpreten betonen dagegen den Immobilismus Martin Salanders.“[61] Eine Ausnahme ist Bernd Neumann, der von einem „paradoxen“ Erziehungsroman sprich (weil „der Vater durch den Sohn zu einer gnadenlosen Vernünftigkeit erzogen“ wird[62]) Beide aber sprechen generell von einem Zeitroman und stimmen damit ein in den Chor der meisten Interpreten. Dieses Verständnis des Martin Salander als Zeitroman erscheint schon in den ersten Besprechungen, nicht nur bei Adolf Frey. So schreibt der Rezensent der Basler Nachrichten: „Es ist ein Zeitroman, den G. Keller uns diesmal bietet, und zudem zu einem guten Theile ein politischer Roman.“[63] Dieses Verständnis des Martin Salander als Zeitroman hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts weitgehend durchgesetzt.[64]

Nach Joachim Worthmann geht es im Zeitroman generell darum: „ein Totalbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit in romanhafte Form zu gießen“, indem „individuelles Menschenschicksal als gesellschaftliches Phänomen durchsichtig“ gemacht wird.[65] Dabei ist durchaus zu fragen, in „welcher Weise“[66] der Salander ein Zeitroman sei, denn es ist auch oft festgestellt worden, dass an dem geforderten „Totalbild der gesellschaftlichen Wirklichkeit“ wichtige Elemente fehlen, insbesondere die Welt des Arbeiterproletariats, das im Laufe des 19. Jahrhunderts immer wichtiger geworden war.

Immerhin ergibt sich ein Bild der gesellschaftlichen Realitäten, indem eine Biografie wie die des Protagonisten typisch für seine Zeit ist:

Martin Salander dürfte um 1825 geboren sein und erlebte wie sein Autor in jungen Jahren den liberalen Aufbruch. Die Schule war das Lieblingskind der neuen Regierung, und so entspricht es dem Geist der Zeit, wenn Salander den Lehrerberuf wählt und später noch eine Zusatzausbildung absolviert, um an der neu geschaffenen Sekundarschule zu unterrichten. Auch wenn er sich danach entschließt, in die Stadt zu ziehen und Kaufmann zu werden, verhält er sich zeittypisch: 1850–60 ist das Jahrzehnt einer nie gekannten wirtschaftlichen Prosperität [...]. Noch werden die destabilisierenden Wirkungen und Verunsicherungen, die der Wachstumsschub mit sich brachte, nicht wahrgenommen. Erstes Anzeichen ist dann eine Welle von Konkursen, die den Kanton Zürich um das Jahr 1860 heimsucht. Als Bürge wird Salander in diesem Zeitraum vom Bankrott eines Schul- und Berufskollegen namens Louis Wohlwend in den Ruin gestürzt.[67]

Das geht so weit, dass auch der für heutige Leser möglicherweise etwas exotisch anmutende Brasilienaufenthalt zeittypisch ist, denn „die Handelstätigkeit von Schweizer Kaufleuten in Brasilien erlebte im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt während der 60er Jahre“,[68] also genau zu der Zeit, in der Martin zum ersten Mal abreist. Fraglich im Zusammenhang mit dem Brasilienaufenthalt ist dann allerdings, wie es möglich ist, in so kurzer Zeit einen so grossen, gewissermassen märchenhaften Reichtum zu erwirtschaften. Dominik Müller wirft die Frage auf: „Heißt das, daß es dem Autor mit seinem Projekt eines realistischen Zeitromans doch nicht so ernst ist und er nicht zögert, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen? Oder ist das Märchenhafte hier gerade der adäquate Ausdruck kapitalistischen Wirtschaftens, dem mit der Vorstellung solider, berechenbarer Arbeit nicht mehr beizukommen ist?“[69]

Individuelle Moral oder „Dialektik der Aufklärung“

Die beiden möglichen Erklärungen weisen auf zwei verschiedene Deutungsmodelle hin die von den Interpreten angeboten werden. Das erste geht davon aus, dass das Problem auf der Ebene moralischer Verfehlung der Protagonisten abgehandelt werde, statt die ökonomischen, in der historischen Entwicklung begründeten Zusammenhänge in den Blick zu nehmen, wobei dann oft Bezug genommen wird auf die negativ gezeichneten Charaktere Wohlwend und die Weidelich-Zwillinge. In diesem Modell ist das Scheitern des Romans unausweichlich, da die Überwindung der Probleme mit den zur Verfügung stehenden Mitteln nicht geleistet werden kann. Und dass Arnold, der die Lösung bringen sollte, keine überzeugende Figur ist, (wie praktisch alle Interpreten feststellen) ist dann nicht mehr als folgerichtig.

Das zweite Modell beginnt dort, wo das erste endet und dreht die Deutung um eine dialektische Drehung weiter: Was als Unstimmigkeit im Roman erscheinen mag, ist dann Ausdruck der zu schildernden Problemlage, der mit abgerundeten, in sich stimmigen Erzählungen nicht mehr beizukommen ist. Diese Argumentation wird typischerweise anhand des uneindeutigen Charakters des Haupthelden abgehandelt. In diesem Modell ist es geradezu zwingend, dass Keller den poetischen Realismus hinter sich lassen und sich auf neues Terrain begeben musste.

Die Vertreter des ersten Modells sind zahlreich. Oft wird dabei der moralische Ansatz Kellers dafür verantwortlich gemacht, dass er die sozialen und ökonomischen Veränderungen nicht als Grund für die Krise in den Blick bekomme.

So schreibt Joachim Worthmann:

In dieser Intention, die Gefährdung des Bürgertums und damit der demokratischen Ordnung nicht als geschichtlichen Prozeß, sondern als Zerfall seiner Moral zu gestalten, liegt der Grund dafür, daß Keller in «Martin Salander» die konkreten Phänomene und Probleme der Zeit nicht in den Blick bekommt: die Industrialisierung als gesellschaftliche und wirtschaftliche Frage und ihre problematischen Folgen bleiben außerhalb der erzählten Welt, das Thema «Fabrik und Maschine» wird nicht aufgegriffen. Seine Menschen sind Handwerker, Bauern, Beamte, Kaufleute, d. h. Keller spiegelt auch in seinem Roman der Gründerzeit noch eine vorkapitalistische Gesellschaft wider, und der moralische Standard, an dem er seine Gestalten mißt, entspricht einer untergegangenen geschichtlichen Epoche. [...]
Wenn er den ehrgeizigen Aufstieg der Zwillinge beschreibt, so steht dahinter eigentlich der soziale Geltungsdrang des Kleinbürgertums, eine kollektive Bewegung, die sich erst in der gesellschaftlichen Offenheit einer liberalen Demokratie entfalten konnte.[70]
In diesem Zusammenhang durchgängiger Moralisierung findet auch der ursprünglich von Keller geplante Schluß einen Sinn, der «mit einer wirklichen Bergfahrt vieler Menschen kataströphlich» enden sollte. Damit erweist sich die Moralisierung des Geschichtsprozesses als die Voraussetzung der intendierten Versöhnung und das Verfehlen der Zeit-Wirklichkeit als eine Funktion der auf Harmonie abzielenden Erzählintention.[71]

Ähnliche Überlegungen finden sich bei Friedrich Hildt[72], Gerhard R. Kaiser[73] und Adolf Muschg[74]

Dagegen hielt Theodor W. Adorno schon 1958:

Wie es leicht ist, die homerische Einfalt, die selber schon zugleich das Gegenteil von Einfalt war, sei‘s zu belächeln, sei‘s hämisch gegen den analytischen Geist ins Feld zu führen, so wäre es leicht, die Befangenheit von Gottfried Kellers letztem Roman darzutun und der Konzeption des Martin Salander vorzuwerfen, daß das auftrumpfende So-schlecht-sind-heute-die-Menschen kleinbürgerliche Unkenntnis der ökonomischen Gründe der Krisen, der gesellschaftlichen Voraussetzungen der Gründerjahre verrate und das Wesentliche verfehle. Aber nur solche Naivetät wiederum erlaubt es, von den unheilschwangeren Anfängen der spätkapitalistischen Ära zu erzählen und der Anamnesis sie zuzueignen, anstatt bloß von ihnen zu berichten und sie kraft des Protokolls, das von Zeit einzig noch als einem Index weiß, mit trugvoller Gegenwärtigkeit ins Nichts dessen hinabzustoßen, woran keine Erinnerung mehr sich zu heften vermag. In solcher Erinnerung an das, was eigentlich schon gar nicht mehr sich erinnern läßt, drückt dann freilich Kellers Beschreibung der beiden betrügerischen Advokaten, die Zwillingsbrüder, Duplikate, sind, soviel von der Wahrheit aus, nämlich gerade von der erinnerungsfeindlichen Fungibilität, wie erst wieder einer Theorie möglich wäre, die noch den Verlust von Erfahrung aus der Erfahrung der Gesellschaft durchsichtig bestimmte.[75]

In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die Vertreter des zweiten Deutungsmodells gerne die Dialektik der Aufklärung evozieren. So schreibt Bernd Neumann:

Daß die Orientierung am kurzfristigen Gewinn im Umgang mit der Natur schließlich die Existenzgrundlage des menschlichen Lebens überhaupt gefährden kann, ist an dieser Stelle[76] beispielhaft festgehalten; die Zwillinge erscheinen bei Keller als die gleichgültig-bornierten Vollstrecker dieser Tendenz der Moderne, die ihrerseits das vielleicht charakteristischste Derivat der „Dialektik der Aufklärung“ darstellt.[77]

Und für Eva Graef „macht Keller sinnfällig, was Horkheimer und Adorno 1947 als ‘Dialektik der Aufklärung‘ formulierten.“ Sie konstatierten die Selbstzerstörung der aufklärerischen Ideen im Zusammenbruch der bürgerlichen Zivilisation und der Entfesselung der Marktwirtschaft.[78]

Graef arbeitet detailliert heraus, wie sich im „doppelten Gesicht“ Martin Salanders, der „einmal reinen Idealismus und ein anderes Mal blinde Torheit zu erkennen gibt“[79], die zwei verschiedenen Phasen der Entwicklung des Liberalismus widerspiegeln. „In Salanders fortschrittsverbundener und vaterländischer Begeisterung reflektiert Keller nicht nur das eigene Auftreten nach seiner Heimkehr in die Schweiz der 50er Jahre – viel mehr noch läßt er im Optimismus seines Protagonisten die enorme Euphorie der Gründerjahre greifbar werden.“[80] Die Kehrseite dieses Fortschrittsverständnisses zeigt sich in Salanders „bis zur Torheit gehende Blindheit“[81]:

Geblendet von den offenkundigen Erfolgen der 50er Jahre glaubt Salander an die immerwährende Gültigkeit seiner Ideale und betrachtet ihre Umsetzung als Garantie für die unfehlbar positive Fortentwicklung des einmal Geschaffenen.
Daß sich aus den Grundsätzen des liberalen Bürgertums etwas anderes als die stete Verbesserung des freien und demokratischen Gemeinwesens, etwas anderes als ein ständiger Fortschritt an Freiheit, Gleichheit und Solidarität entwickeln könne, liegt dem gründerzeitlichen Selbstverständnis Salanders gänzlich fern. Aus dieser Überzeugung resultiert seine illusionäre Erwartungshaltung und die selektive Wahrnehmungsfähigkeit, mit der er die Münsterburger Verhältnisse aufnimmt.[82]

Salander, der Häuser besitzt, ohne sich dessen bewusst zu sein[83], wird selbst zum Nutzniesser des Baubooms in Münsterburg und ein Treiber jener Dynamik, mit der das Wirtschaften sich die eigene Existenzgrundlage zerstört.[84]

Daß die Folgen der Gründerzeit nicht als Verfallsgeschichte im moralischen Sinne zu bewerten sind, sondern ihre negativen Konsequenzen in den Idealen der Gründergeneration selbst (und denjenigen ihrer Väter) zu suchen sind, macht Keller deutlich an der Eigendynamik, die Salanders Ideen – von ihrem Träger unbemerkt – im Zuge ihrer realen Umsetzung entfalten.[85]

Kellers „pessimistisches Zeitbild zeigt die, Pervertierung der Werte, die von den Ideen der Aufklärung ausgingen“ und in der Vergangenheit ihre Potenz unter Beweis gestellt hatten, ein Land „zu einem freien, demokratischen und wirtschaftlich prosperierenden Gemeinwesen“[86] machen zu können. „Und es zeigt exakt den Punkt auf, an dem sich der Umschlag ins Negative vollzieht: dort nämlich, wo der Glaube an die Ideale der bürgerlich-liberalen Ära mit Blindheit einher geht, wo mangelnde Einsicht in ihre Kehrseite zu einer Torheit führt, welche die Destruktion der Ideale mit herbeiführt.“[87]

Keller beschreibt damit genau jenen Mechanismus, den auch Adorno und Horkheimer in ihrer Dialektik der Aufklärung analysiert haben: „Wo die Ideen der Aufklärung ihr kritisches Element verlieren und ‚als bloßes Mittel in den Dienst eines Bestehenden‘ treten, da ‚verflüchtigt‘ sich ihre Wahrheit und eine gegenläufige Entwicklung setzt ein. Salanders Blindheit verbildlicht dieses Defizit, sie verwehrt dem Protagonisten den Einblick in das zerstörerische Potential seiner Fortschrittsgedanken und läßt ihn zum unbeirrbaren Verfechter der gründerzeitlichen Wertvorstellungen werden.“[88]

Pädagogik

Die Themen Schule, Bildung und Erziehung sind im Salander prominent vertreten. Nicht nur war der Lehrerberuf die erste Berufung Martins; das Erziehungswesen bleibt auch sein bevorzugtes Engagement bei der Arbeit im Rat, das er nicht ohne eine gewisse kompensatorische Note verfolgt.[89] Das Thema lässt ihn auch zwischendurch nicht los: Kaum zu Hause angekommen nach seinem zweiten Brasilienaufenthalt, beginnt er die Kinder über den Schulstoff auszufragen. Dabei wird er gewahr, dass er kaum die richtigen Fragen stellen kann, weil sich das Schulwesen gewandelt hat.[90]

Dass das Erziehungswesen im Martin Salander eine so prominente Stellung einnimmt, ist kein Zufall. Erstens war das Schulwesen ein besonderes Anliegen der Liberalen, die es seit den 1830er Jahren zügig ausgebaut hatten. Und zweitens hatte Gottfried Keller schon 1873 eine Anregung erhalten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Josephine Zehnder-Stadlin, die damals an einem Werk über den Pädagogen und Sozialreformer Johann Heinrich Pestalozzi arbeitete,[91] hatte Keller gegenüber den „tiefinnigen Wunsch“ geäussert, er möge „sich entschließen, Pestalozzis Volksbuch «Lienhard und Gertrud» aus jener Zeit in die unsere, in unsere Verhältnisse und Charaktere herüberzutragen, d. h. auf dem Grund und Boden unsers heutigen Lebens herauswachsen und sich entwickeln lassen.“[92] Keller lehnte das Ansinnen zwar höflich, aber bestimmt ab, mit der Begründung: „Will man das erreichen, was Sie bezwecken, so muß man eben etwas ganz Neues machen, und da muß halt in Gottes Namen wieder ein Pestalozzi kommen.“[93]

Doch wirkt eine Episode des Martin Salander wie eine Reminiszenz dieser Anregung: Als es zum Prozess gegen die Weidelich-Zwillinge kommt, verlegt sich die Verteidigung darauf, „die beklagenswerte Mangelhaftigkeit des öffentlichen Unterrichts, der Volkserziehung“[94] als Milderungs- und Rechtfertigungsgrund anzuführen. Der Gerichtspräsident schmettert dieses Argument ab, indem er mit Hinweis auf den Autor des hundert Jahre zuvor erschienenen Buches Lienhard und Gertrud die enormen Anstrengungen erwähnt, die der Staat seit damals und im Sinne ebendieses Autors, nämlich Pestalozzis, zur Hebung der Volksbildung unternommen hat.[95] So sehr die Logik dieses Arguments einleuchtet, trennen doch unüberbrückbare Differenzen den Martin Salander vom einhundert Jahre älteren Roman Pestalozzis, wie Bernd Neumann festhält:

Allerdings wird der Titel „Lienhard und Gertrud“ im Text des Martin Salander an wichtiger Stelle erwähnt, ebenso werden Fragen der Volkserziehung intensiv erörtert, doch im ganzen gesehen kann man den Salander nur als einen durch und durch pessimistischen Gegenentwurf zum Roman Pestalozzis einschätzen. Bei Pestalozzi sollte ja die institutionalisierte breite Volksbildung das Ende aller Laster und die Bekehrung selbst der verstocktesten Schurken bewirken; [...]. Kellers Salander zeigt im Gegenteil die Wirkungslosigkeit der Volkserziehung in Zeiten des gesellschaftlichen Verfalls. [...] Unter diesem Gesichtspunkt ist der Martin Salander allerdings als Gegenentwurf zu Pestalozzis Gertrud und Lienhard (sic!), darüber hinaus als Absage an Kellers eigene politisch-ideologische Vergangenheit zu verstehen.[96]

Der letzte Punkt, die Absage an die eigene politisch-ideologische Vergangenheit, leitet über zu einem weiteren wichtigen Aspekt:

Widerruf

In den Vorarbeiten zum Salander hat sich folgende Notiz erhalten:

Der Autor stellt sich anläßlich des Festschwindels (Schulreisen etc.) selbst dar als büßenden Besinger und Förderer solchen Lebens. Alternder Mann der unter der Menge geht und seine Lieder bereut etc. Beispiel von ernster Ethik der Nichtkirchlichen.[97]

Keller sieht hier also die häufigen Feste und das Herumreisen kritisch, Dinge, die er selber einst nicht nur bejaht, sondern auch mit Gedichten[98] und Grussworten unterstützt und gefördert hatte und denen er mit dem Fähnlein der sieben Aufrechten ein Denkmal gesetzt hatte. Nun scheint er dies zu bereuen.

Die in der obigen Notiz angeschlagene Thematik hat in vielfältiger Weise Eingang in den Roman gefunden. Explizit wird das an folgender Stelle:

Der Sommer wurde mit jeder Stunde geräuschvoller, so zu sagen üppiger durch eine ungeheure Zahl größerer und kleinerer Feste, Anlässe, Gesamtreisen, Vereinsausflüge und Begehungen aller Art bis in den Herbst hinein in allen Himmelsrichtungen; es war, als ob das ganze Volk wanderte, unter allen Vorwänden, Dorfschaften und städtische Nachbarschaften, Häuflein von Greisen, welche fünfzig, sechszig, siebzig Jahre alt geworden, und Hunderte von Kinderschulen mit flatternden Fähnchen, von denen zuweilen eine an der Sonne lagerte, bis die Vorsteher aus dem berühmten Bierhause kamen, in das sie geschwind untergetreten.[99]

Das beschriebene Verhalten der Leute scheint vor allem deshalb problematisch, weil es im Widerspruch steht zur wirtschaftlichen Lage des Landes:

Ein unkundiger Fremder hätte fragen können, wer eigentlich in diesem Lande im Sommer arbeite [...]. Wenn man [...] sich der Klagen über schlechte Zeiten und stätig wachsende Volksnot erinnerte, so begriff auch der Einheimische nicht recht, wo sie alle das Geld hernahmen, das sie verjubelten.[100]

Auf diese Stelle folgt unmittelbar der Bericht über die reihenweise Verhaftung von Kassierern, Beamten und Verwaltern, die Gelder ertrogen und veruntreut haben – was der Frage, „wo sie alle das Geld hernahmen, das sie verjubelten“, erst ihre tiefere Bedeutung gibt.

Beim Stichwort „Festschwindel“ ist im Zusammenhang mit Martin Salander an die Hochzeit der Salander-Töchter mit den Weidelich-Zwillingen zu denken. Dieses Fest nimmt im Roman eine prominente Stellung ein, indem es das 11. Kapitel bildet und sich damit in der Mitte des Romans befindet, der 21 Kapitel umfasst. Martin inszeniert dieses primär privat-familiäre Ereignis als Volksfest. Dadurch rückt es in die Nähe von Festen, wie sie zum Beispiel das Schützenfest im Fähnlein der sieben Aufrechten darstellen. Der Vergleich des Martin Salander mit dem ein Vierteljahrhundert älteren Fähnlein zeigt verblüffende Parallelen und signifikante Differenzen, wie Karl Pestalozzi in seiner Antrittsrede Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ 1969 herausgearbeitet hat.[101] Diese beziehen sich auf die Funktion des Festes für die Gesellschaft. Demnach galt im Fähnlein noch die Einheit von Einzelnem und Volk, die wechselweise aufeinander einwirken: „Erst die Öffentlichkeit verbürgt auch das Private“[102] – und besonders auch die Liebe, die ihre Gefährdung verliert, wenn sie sich öffentlich zeigen kann. Die Verbindung von Einzelnem und Allgemeinem bedarf der Kunst, die die Selbstdarstellung des Volkes ermöglicht. Bewährte Formen sind dabei Festspiel, Rede, Lieder; dabei spielen auch Gegenstände wie Fahnen, Kränze und Schützenbecher eine Rolle.

Im Fähnlein der sieben Aufrechten schliesst sich all das zu einem geglückten Fest zusammen; nicht so bei der als Volksfest inszenierten Hochzeitsfeier im Martin Salander. Das beginnt schon bei den Brautleuten, die „keine Individuen“[103] sind: Bräute, die so ununterscheidbar sind, dass ihr Bruder ihre Namen Setti und Netti in „Snetti“ zusammenzieht; ihre Bräutigame, Zwillinge, die selbst von ihren Geliebten nur anhand einer Missbildung am Ohrläppchen unterschieden werden können. Dass sie keine Gesinnung haben, wird am Hochzeitsfest possenhaft klar. Dass sie „keine Seele“[104] haben, werden ihre Frauen erst später gewahr. Wenn aber die Einzelnen keine Individualität haben, „fehlt der Gemeinschaft die individuelle Basis, die sie erst zum «Volk»“[105] werden lässt. Dazu kommt die Dysfunktionalität der künstlerischen Darbietungen: Die Blasmusiker sind von ihrer Aufgabe überfordert, die Rede des Pfarrers strotzt vor Peinlichkeiten, der Toast muss mit einem dem Wirt entliehenen „Notpokale“[106] ausgebracht werden und die humoristischen Darbietungen entzweien die Parteien, anstatt sie zu versöhnen, wie es Salander geplant hatte.

Salanders missglücktes Fest macht somit augenfällig, dass sich in der Gegenwart der Einzelne, das Allgemeine und die Kunst voneinander getrennt und verselbständigt haben. [...] Salanders Versuch, das im Fähnlein vorgegebene Modell in seiner demokratischen Gegenwart nochmals zu erfüllen, hat dieses in seine Bestandteile aufgesplittert.[107]

Soweit scheint Salanders Vorstellung ein Ideal zu sein, das der schlechten Gegenwart eine glücklichere Vergangenheit entgegenhält. Doch in der Myrrha-Geschichte entlarvt sich auch der Idealismus Salanders als unzeitgemäss. Die Schwägerin Wohlwends wird ihm als von griechischer Abkunft vorgestellt; sie erscheint ihm in klassischer Schönheit und betört seine Sinne.[108] Dass die wortkarge Myrrha „blödsinnig“[109] ist, muss Salander von seinem Sohn erfahren; dass Wesen und Erscheinung auseinandertreten könnten, damit hat er nicht gerechnet. Damit hatte er schon damals nicht gerechnet, als ihn Wohlwend mit der Rezitation von Schillers Bürgschaft dazu brachte, für ihn jene verhängnisvolle Bürgschaft zu übernehmen, die ihn dann selbst an den Rand des Bankrotts brachte.

Er [Martin Salander] steht noch im Banne der klassischen Ästhetik und glaubt an das sinnliche Erscheinen der Idee. [...] Deshalb auch glaubt er, dass im Fest die Idee des Volkes zur Erscheinung kommen könne. [...] Der klassische Glaube an die Entsprechung von Wesen und Erscheinung, Gutem und Schönem verführt Salander immer aufs Neue dazu, auf den äusseren Schein hereinzufallen.[110]

Das Auseinandertreten von Wesen und Erscheinung unterminiert auch die Staatsidee der repräsentativen Demokratie: Die gewählten Vertreter des Volkes vertreten nicht länger das Volk, nur mehr sich selbst und ihre Eigeninteressen.[111] Dies wird am ersten Tag der Ratstätigkeit der Weidelich-Zwillinge offensichtlich, wo sie sich überhaupt nicht mit den Ratsgeschäften befassen, sondern das Rathaus als Bühne für ihre Selbstinszenierung missbrauchen.[112] „Das Volksfest, die Idee des Klassisch-Schönen und der liberale Repräsentationsgedanke erscheinen somit als Ausprägungen ein und desselben Geistes.“[113]

Indem Keller im Martin Salander nicht nur seine Gegenwart kritisiert, sondern auch die Ideale der früheren Zeit relativiert, distanziert er sich gleichzeitig von einem wesentlichen Teil seines Werks, insbesondere von Positionen, die im Fähnlein der sieben Aufrechten eine herausragende Gestaltung gefunden hatten. Diese Distanzierung, auf die Karl Pestalozzi in seiner Antrittsrede 1969 unter dem Titel Widerruf hingewiesen hat, ist seither von zahlreichen Interpreten aufgenommen worden.[114] Adolf Muschg verweist noch auf eine weitere Dimension, die nicht nur Kellers poetischen Einsatz für den Staat, sondern vor allem auch seine langjährige Tätigkeit als Staatsschreiber in Anschlag bringt:

Von „Martin Salander“ reden, heisst zurückkommen auf das dunkelste Motiv in diesem Lebenswerk; auf den Verdacht (um ihn nicht eine Erfahrung zu nennen), dass das persönliche Opfer des Staatsdienstes durch die Entwicklung dieses Staatswesens selbst um ihren [sic!] Sinn gebracht sei.[115]

FormBearbeiten

Keller hatte sich für den Martin Salander vorgenommen, einen neuen, nüchterneren Ton anzuschlagen als den, den seine Leser gewohnt waren und schätzen gelernt hatten. Im August 1881 schreibt Keller an Theodor Storm: „Uebrigens ist's jetzt doch zu Ende mit diesen Späßen. Ich gehe jetzt mit einem einbändigen Romane um, welcher sich ganz logisch und modern aufführen wird; freilich wird in anderer Beziehung so starker Tabak geraucht werden, daß man die kleinen Späßchen vielleicht zurückwünscht.“[116] In diesen Worten verbirgt sich nichts weniger als die Abkehr vom Poetischen Realismus, als dessen Meister Keller zu diesem Zeitpunkt galt.

Stattdessen orientiert sich Keller am „zeitgenössischen europäischen Romanschaffen“[117], also am aufkommenden Naturalismus, und speziell an der Romantheorie Friedrich Spielhagens. Von deren Forderungen nach Objektivität und szenischer Darstellung finden sich deutliche Spuren im Martin Salander. Keller versuchte, auf einen auktorialen Erzähler weitgehend zu verzichten und gewissermassen hinter die handelnden Personen zurückzutreten. Das Resultat lässt sich an der Eingangspassage des Romans klar erkennen:

Ein noch nicht bejahrter Mann, wohl gekleidet und eine Reisetasche von englischer Lederarbeit umgehängt, ging von einem Bahnhofe der helvetischen Stadt Münsterburg weg, auf neuen Straßen, nicht in die Stadt hinein, sondern sofort in einer bestimmten Richtung nach einem Punkte der Umgegend, gleich einem, der am Orte bekannt und seiner Sache sicher ist.[118]

Der Erzähler scheint bloss zu wissen, was ein neutraler Beobachter von aussen sehen kann. Der Leser erfährt nicht einmal den Namen der geschilderten Person. Für ihn ist sie im Folgenden zunächst einfach „der Wandersmann“[119], „der mit der Reisetasche“[120] oder „der Fremde“.[121] Dass es der Titelheld ist, wird erst sieben Seiten später klar, als ihn ein Bekannter – der „ewige Spaziergänger und Schoppenstecher“[122] Möni Wighart – mit Namen anspricht. Auffällig ist die Formulierung „gleich einem, der am Orte bekannt und seiner Sache sicher ist“: Der Erzähler gibt sich sichtlich Mühe, sich nicht als allwissend auszugeben, sondern seine Erkenntnis abzuleiten von äusserlich sichtbaren Anzeichen.[123]

Lange hält der Erzähler das allerdings nicht durch. Schon bald bemächtigt er sich Salanders Innenleben, kennt seine Geschichte, seine Gefühle und Absichten:

[...] und als er jetzt rückwärts schaute, bemerkte er, daß er auch nicht aus dem Bahnhofe herausgekommen, von welchem er vor Jahren abgefahren , vielmehr am alten Ort ein weit größeres Gebäude stand. [...] Aber der erhobene Kopf, die an der Hüfte gelind sich hin- und herwiegende Reisetasche ließen erkennen, wie er vom Schwunge der Gedanken bewegt, von Genugthuung erfüllt dahin schritt, um Weib und Kinder aufzusuchen, wo er sie vor Jahren gelassen.[124]

Vollends einen Rückfall ins auktoriale Erzählen stellt der letzte Satz des 1. Kapitels dar. Nachdem Salander und Wighart weggegangen sind, bleibt ein ungefähr 8jähriger Knabe auf dem Platz zurück. Salander hatte sich vorher für den Knaben, eingesetzt, als er von andern angegriffen und ausgelacht worden war, weil er sagte, er warte auf seine Mutter. Und nun heisst es: „Der Platz um den Brunnen war nun gänzlich still und leer; nur in einer Ecke stand noch der Knabe, der auf die Mutter wartete und das jüngste Kind Salanders war, der eben hinweggegangen.“[125] Die unscheinbare Feststellung ist in mehrerer Hinsicht bemerkenswert. Einmal zeigt sie auf, dass Salander seinen eigenen Sohn nicht kennt. Das ist ihm faktisch zwar nicht vorzuwerfen, denn ein Kind, das ein Jahr alt war, als man es zuletzt sah, kann man nach sieben Jahren nicht wiedererkennen, aber symbolisch verweist es bereits auf Salanders beschränktes Urteilsvermögen, das sich im weiteren Handlungsverlauf herausstellen wird. Dann lässt diese Feststellung das zuvor Geschehene in einem neuen Licht erscheinen, da nun klar ist, dass sich Salander nicht für irgendeinen Knaben, sondern für den eigenen Sohn eingesetzt hat, dies allerdings ohne zu wissen, dass er der Vater ist, getrieben bloss von seinem Gerechtigkeitssinn. Und schliesslich eröffnet diese Feststellung einen Spannungsbogen, denn der Knabe wird Salander später, wenn er nach Hause kommt, wiedererkennen, so dass er in seiner Familie nicht verbergen können wird, dass er nicht auf direktem Weg nach Hause gegangen ist, sondern zuerst mit einem Bekannten ein Wirtshaus aufgesucht hat, und die Frage ist, wie das von den Familienangehörigen aufgenommen wird. Keller erreicht mit dieser Feststellung also einen effektvollen Kapitelschluss (und gewissermassen einen Cliffhanger), aber um den Preis, gegen die selbstauferlegte Beschränkung im Gebrauch der erzählerischen Mittel zu verstossen.

Man beobachtet somit, dass „die am Romananfang konstatierte Zurückhaltung des Erzählers nicht lange aufrechterhalten werden“[126] kann, wenigstens nicht in strengem Sinn. Und doch ist Keller bemüht, auktoriale Eingriffe des Erzählers zu minimieren. Er benötigt deshalb ein anderes Mittel, wenn er das Geschehen bewerten will. Die Lösung in Spielhagens Theorie ist es, einer Person der Romanhandlung diese Aufgabe zu überlassen: „Dem ratsuchenden Keller bot sich in Spielhagens Ausführungen [...] die Ermächtigung aus berufenem Munde, vermittels einer Mittelpunktsfigur die eigene Weltanschauung zum Maßstab der Weltbetrachtung im Roman zu erheben.“[127] Diese Mittelpunktsfigur ist Martin Salander, dessen idealistische Weltsicht an sich schon einen vernichtenden Kommentar zu den beobachteten Zeitumständen darstellt. Diese Figur erlaubt es Keller, Kritik zu üben an der Gesellschaft, ohne Eingreifen einer auktorialen Erzählinstanz. Gleichzeitig sollen aber auch die Ideale Salanders als unzeitgemäss entlarvt werden. Keller braucht also auch eine Möglichkeit, sich von Salander zu distanzieren. Deswegen ist dieser so widersprüchlich angelegt: einerseits der Idealist, der verantwortungsvolle Staatsbürger, der sich uneigennützig und umsichtig für das Gemeinwohl einsetzt, andererseits der „Illusionär“[128], dessen hochfliegende Pläne an der Realität laufend zuschanden werden, und der gutmütige Naivling, der sich von den ihn umgebenden gerissenen Betrügern Mal um Mal über den Tisch ziehen lässt.

Diese schwache Seite Salanders zeigt sich zum Teil von selbst im Fortgang der Handlung, zum Teil wird sie aber auch thematisiert durch eine andere Identifikationsfigur des Erzählers, durch Salanders eigene Frau Marie. Marie Salander gehört zu Kellers starken Frauenfiguren.[129] Wo Martin zu naiv, zu nachgiebig und zu gutgläubig ist, erkennt sie scharfsichtig die Probleme. Sie kann zum Beispiel Wohlwend mit wenigen, scharfen Worten in seine Schranken weisen, dass er „wie versteinert in seinem Bache“[130] steht und in ihm die Furcht aufsteigt, „es gäbe noch höhere Mächte als Konkursrichter und Gläubigerversammlungen.“[131] Sie erkennt auch frühzeitig die Mesalliance, die sich zwischen ihren Töchtern und den Weidelich-Zwillingen anbahnt. Doch wo es um die Problemlösung ginge, versagt auch sie: Als die Verlobung unvermeidlich wird, zieht sie es vor, das Feld zu räumen.[132] Es wurde mehrfach festgehalten, dass ihr der Weitblick fehlt[133] beziehungsweise, dass sie nicht die „Strahlkraft“ hat „mit der sie gegen den Schein stehen und durchdringen könnte.“[134] Oder mit den Worten von Gerhard R. Kaiser: „Als die sittliche Instanz steht sie im emphatischen Zentrum des Romans, in der Konstellation der Handelnden aber bleibt sie exzentrisch, an die Peripherie verwiesen. Darin zeigt sich ebensosehr, mimetisch, die reale Lage der bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert wie, zeichenhaft, die gesellschaftliche Marginalisierung der den Roman konstituierenden positiven Normen.“[135]

Auch wenn es also Marie an „durchgängiger Überzeugungskraft“[136] mangelt, so kann sie doch vom Erzähler als Figur eingesetzt werden, um „eine zweite Identifikationslinie aufzubauen“.[137] „Durch diese Erzähleridentifikation wird Maries Rolle als moralische Instanz und als Maßstab zur Beurteilung der Salanderschen Irrungen legitimiert.“[138] Ein typisches Beispiel für diese Rolle ist ihre Reaktion auf Salanders übertriebene Pläne zur Volksbildung. Er möchte, dass die Ausbildung der Jugendlichen bis zum 20. Altersjahr dauert, weil es so viel zu lernen gibt. Marie dagegen gibt die unrealistisch hohen Kosten zu bedenken und verweist sarkastisch auf: „den schrecklichen Kriegszug , welchen die Schweizer nach Asien oder Afrika werden unternehmen müssen, um ein Heer von Arbeitssklaven, oder besser ein Land zu erobern, das sie liefert. Denn ohne Einführung der Sklaverei, wer soll denn den ärmeren Bauern die Feldarbeit verrichten helfen, wer die Jünglinge ernähren?“[139]

Der Aufbau dieser zweiten Erzählerfigur droht aber, der Erzählinstanz die Glaubwürdigkeit zu entziehen. „Die Verläßlichkeit der Erzählinstanz wird endgültig brüchig, wenn im Folgenden der Erzähler zusätzlich die Perspektive einer weiteren Figur übernimmt und mit ihr denjenigen der Torheit und Realitätsverfehlung bezichtigt, aus dessen Warte doch gerade die im Roman dargestellte Realität entworfen wird.“[140] Man kann in solchen Effekten das Negative sehen und Kellers Abkehr vom poetischen Realismus beklagen; man kann darin aber auch mit Thomas Binder eine zukunftsweisende Leistung des Romans würdigen:

Er setzt der dominierenden Figurenrede einen zwar reduzierten, aber doch vorhandenen Erzählerkommentar, dem ‚objektiven‘ ein indirektes, zeichenhaftes Darstellen entgegen. Diese schwankende, gleichsam doppelsinnige, keine geschlossene, sichere Weltsicht mehr suggerierende Erzählstrategie kann man auch als erstes Tasten nach Verfahrensweisen lesen, die auf Autoren des 20. Jahrhunderts vorausdeuten [...].[141]

SelbstzeugnisseBearbeiten

  • Auf einer Landkarte vom Kanton Zürich habe Gottfried Keller auf der Suche nach einem klingenden Titel die Ortschaft Saland gefunden.[142]
  • Keller schreibt am 9. August 1887 an Ida Freiligrath: „Es ist freilich mehr ein trockenes Predigtbuch als ein Roman und zudem leider nicht fertig. In meinem Lande ist es wohl verstanden und unter großem Gebrumme gelesen worden. Draußen aber haben nur wenige gemerkt, was es sein soll und daß es sie auch etwas angeht. So geht es, wenn man tendenziös und lehrhaft sein will. Ich bin froh, mich wieder an die ‚zwecklose Kunst‘ halten zu können, wenn es eine gibt.“[143][A 3]
  • „Es ist nicht schön! Es ist zu wenig Poesie darin!“[144]

RezeptionBearbeiten

  • Theodor Storm schreibt am 9. und am 12. Januar 1887 an Keller, er sei „etwas verschnupft“, könne mit der „Salanderie“ „nicht recht was anfangen“ und favorisiere den früheren Keller, der „weniger grausam realistisch“ daherkomme.[145]
  • Paul Heyse ist von der Lektüre „schwer enttäuscht“.[146]
  • Hesse[147] rechnet mit „entbehrlichen Philologen“ ab, die diesen „modernen Musterroman“ wegen seiner vermeintlichen Zeitnähe geschmäht hatten. Hesse feiert die „lange Reihe unvergeßlicher, reiner Bilder“ und begründet, weswegen dieses Werk „reine Kunst“ sei.
  • Hans Wysling empfindet anno 1990 den Roman „in seiner Lehrhaftigkeit etwas sklerotisch“.[148]
  • Breitenbruch[149] zitiert aus Briefen Kellers an Heyse und an Rodenberg. Danach hat der Autor das „Romänchen“ immer einmal „wegen zu großer Aktualität“, die doch der Poesie abträglich sei, beiseitegelegt und sich auch mit dem Abfassen des Romanschlusses schwergetan. Zu der beabsichtigten Fortsetzung Arnold Salander sei es unter anderem auch nicht mehr gekommen, weil Keller ab Ende 1888 kränkelte.[150] Adolf Frey erinnert sich, wie Gottfried Keller seinen dritten Roman geplant hatte: Arnold avanciert zum Haupt der Familie Salander und seine Schwestern heiraten noch einmal; diesmal die Richtigen.[151]
  • Nach Neumann[152] ist Kellers großes Romanthema verbunden mit der bohrenden Frage „nach der Fortdauer des Schönen in der neuen Zeit“. Zudem sei der Text eine Auseinandersetzung mit Pestalozzis Erbe. Der Schulmeister Salander müsse bei der anstrengenden Volkserziehung in der Gründerzeit versagen. In diesem Alterswerk nehme Keller seine diesbezüglichen liberal angehauchten[153] Hoffnungen aus den 1850er Jahren ebenso zurück wie den zuvor gepriesenen bürgerlichen Aufstiegswillen.[154] Die 1869 in Zürich durchgesetzte allgemeine Schulbildung habe die kriminellen Delikte von Isidor und Julian nicht verhindern können.[155] Sowohl die Gattin Marie Salander als schließlich auch der „allwissende Erzähler“ widersprächen Salanders „Volkserziehungs-Idealismus“.[156] Mit Louis Wohlwend und den betrügerischen Zwillingen stelle Keller vaterlandslose Gesellen aus der Gründerzeit dar. Die beiden Notare – allerdings keine Zwillinge – habe es wirklich gegeben. Der liberale Notar Koller habe 1881 in Thalwil die Schweizer um etwa 350 000 Franken betrogen und der Demokrat Rudolf von Dielsdorf habe im selben Jahr etwa 300 000 Franken unterschlagen.[157] Neumann[158] nennt einen Romanschluss, den Keller erwogen habe, doch nicht genommen hat: Der alternde Volksfreund Martin Salander – gutmütig, gutgläubig, schwach und sinnlich veranlagt – strauchelt über seine Affäre mit Myrrha.
  • Schilling bringt das gut gemeinte, idealistische Anliegen Martin Salanders, scheiternd in einer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Kapital regierten Schweiz, auf die passende Formel „Alle Menschen werden Bürger“.[159][A 4] Während der Bauernsohn Salander „in dem betont realitätsbezogenen Roman“[160] reich und wieder sesshaft wird, muss Wohlwend vor den Gläubigern bis nach Ungarn flüchten.[161] Keller klammert die dem Kapitalismus nun einmal immanente Arbeiterschaft kurzerhand aus[162]. Schilling sucht nach den Ursachen und beleuchtet die Unterschiede in Deutschland und in der Schweiz. Während es seinerzeit in der Schweiz eine – im heutigen Jargon gesagt – arbeitnehmerfreundliche Gesetzgebung gegeben habe, hat Bismarck diese im Deutschen Reich bekanntlich bis 1890 verhindert.[163] Die Dominanz des Kapitals in jener Zeit mache es auch verständlich, weshalb Martin Salander den Lehrerberuf an den Nagel hängt und die Zwillingsbrüder ihre Parteizugehörigkeit auswürfeln (siehe oben). Alles folgt im Roman aus dem einzigen Satz: Das Kapital hat die Alleinherrschaft.[164] Als Kapitalist sei Martin Salander ein Feind der Demokraten und folglich Liberaler.[165] Obwohl Martin Salander seine Gattin Marie zur Kauffrau macht, delegiert er sie nach erreichtem Wohlstand an den Herd zurück. Marie, eigentlich Martins erste Kritikerin, begehrt nicht dagegen auf. In der Schweiz herrscht Ordnung.[166] Keller führt in seinem letzten Roman den Satz „Wissen ist Macht“ ad absurdum: Macht besitzt nur, wer Geld hat.[167] Schilling erkennt die Hoffnungsträger, also die Figur des jungen Arnold samt seiner „Jünger“, als perspektivlose „ideologische Konstruktion“ und fragt nach dem „Inhalt der Hoffnung“.[168]
  • Nach Graef würden Individuum wie Gesellschaft durch die Macht des Geldes zersetzt und der liberale „Weltentwurf zur Fiktion eines törichten Träumers“ (Graef, zitiert bei Schilling, S. 232, 10. Z.v.u.). Sprengel nennt Martin Salander „eine Art Don Quichote der Gründerjahre“ (Sprengel, S. 252, 21. Z.v.o.). Genauer trifft Selbmann das merkwürdige Phänomen mit seiner Hypothese vom oszillierenden Schreiben: Keller wechsele „zwischen identifikatorischer Nähe... und ironischer Distanz“ zu seinem Helden. Im ersten Falle könne man manchmal Martin Salander als „das Sprachrohr Kellers“ vermuten und im zweiten Falle habe man eine „Witzfigur“ (Selbmann, S. 174, 11. Z.v.o.) unter der Leselupe.
  • Auf weiter führende Stellen weisen Breitenbruch, Neumann, Schilling und Selbmann hin:

WirkungsgeschichteBearbeiten

Gottfried Kellers zweiter Roman hat nie die gleich grosse Beachtung gefunden wie sein erster, der Der grüne Heinrich. Trotzdem galt er bis weit ins 20. Jahrhundert hinein als Vorbild oder Anstoss für Schweizer Autoren, wenn es darum ging, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten. So erging um 1900 an Robert Walser und andere „der Kritiker-Auftrag, den Martin Salander ihrer Zeit zu verfassen“.[173] Und noch 1918 beklagte Eduard Korrodi in seinem ersten Literaturbrief, dass „der zweite Teil des Martin Salander, des politischen Romans von grossem Stil, noch nicht geschrieben wurde“.[174] 1938 schliesslich erinnert Carl Helbling beim Erscheinen des Schweizerspiegels von Meinrad Inglin an den „zweiten Band des Martin Salander“.[175] Dass Adolf Muschg seinen Roman Sax (2010) ebenfalls in einem fiktiven Münsterburg spielen lässt, kann als eine Hommage an Gottfried Keller verstanden werden.[176] Und in Thomas Hürlimanns Roman Heimkehr (2018) findet sich eine weitgehende Anspielung auf die Eingangsszene des Martin Salander im Zeisig: Bei Hürlimann heisst ein Haus „zum Zeisig“, wie bei Keller der Platz, auf dem Martin nach seiner Rückkehr den Streit der Knaben beobachtet und sich mit den Weidelichs unterhält; bei Hürlimann heisst das Abwarte-Ehepaar „Weideli“, Wasser sprudelt aus einem Flintenrohr, „das die letzte Kugel vor zwei Jahrhunderten abgefeuert hatte“, während bei Keller das Wasser „durch einen abgesägten Flintenlauf“ sprudelt. Um die Reverenz vollkommen zu machen, erwähnt Hürlimann an dieser Stelle sauber geputzte „Kellerfenster“.[177]

LiteraturBearbeiten

ErstausgabeBearbeiten

  • Martin Salander. Roman. Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1886. 351 Seiten, goldgeprägte rote Leinwand

Andere AusgabenBearbeiten

  • Gottfried Keller‘s Gesammelte Werke, Verlag von Wilhelm Hertz, Berlin 1889, Band 8: Martin Salander. Roman von Gottfried Keller
  • Martin Salander. Roman. Cotta’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1914, 368 Seiten
  • Martin Salander. Roman. Rascher & Co, Zürich 1920, 404 Seiten, Leinen
  • Martin Salander. Roman. Voigtländers Verlag, Leipzig um 1920, 357 Seiten
  • Kellers Werke. Kritisch-historische und erläuterte Ausgabe. Herausgegeben von Max Nussberger, Leipzig: Bibliographisches Institut (1921), (=Meyers Klassiker Ausgaben), Band 8: Martin Salander
  • Martin Salander. Roman. Schreitersche Verlagshandlung, Berlin 1926, 304 Seiten
  • Gottfried Keller: Sämtliche Werke, herausgegeben von Jonas Fränkel (1926–1939) und Carl Helbling (1942–1949), Erlenbach-Zürich/München: Rentsch 1926–1927; Bern/Leipzig: Benteli 1931–1949. 22 in 24 Bänden. Band 12: Martin Salander. Roman. Herausgegeben von Carl Helbling. Bern/Leipzig 1943
  • Martin Salander. Roman, herausgegeben von Rémy Charbon, Basel 1989, (Birkhäuser-Klassiker. N.F.)
  • Sieben Legenden. Das Sinngedicht. Martin Salander. Herausgegeben von Dominik Müller. Band 6 aus: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden. Herausgegeben von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann, Dominik Müller und Bettina Schulte-Böning. Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1991, ISBN 3-618-61740-2
  • Martin Salander. Roman. Mit einem Nachwort von Peter Bichsel. Kollektion. Nagel & Kimche, München 2003, ISBN 3-312-00326-1
  • Gottfried Keller: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe, herausgegeben unter der Leitung von Walter Morgenthaler im Auftrag der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe (HKKA); Band 8: Martin Salander, herausgegeben von Thomas Binder et al., Stroemfeld Verlag, Basel und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 2004, sowie Band 24: Martin Salander. Apparat zu Band 8, herausgegeben von Thomas Binder et al., Stroemfeld Verlag, Basel und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 2004.

Verwendete AusgabeBearbeiten

  • Martin Salander. Roman. S. 5–328 in: Gottfried Keller: Sämtliche Werke in acht Bänden. Band V. Aufbau-Verlag, Berlin 1961

SekundärliteraturBearbeiten

  • Bernd Breitenbruch: Gottfried Keller. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1968 (Aufl. 1998), ISBN 3-499-50136-8
  • Jenseits der Poesie – „Martin Salander“. S. 266–302 in: Bernd Neumann: Gottfried Keller. Eine Einführung in sein Werk. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1982 (AT 2170), ISBN 3-7610-2170-4
  • Volker Michels (Hrsg.): Hermann Hesse. Die Welt im Buch I. Rezensionen und Aufsätze aus den Jahren 1900–1910. In: Hermann Hesse. Sämtliche Werke in 20 Bänden, Bd. 16. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988 (Aufl. 2002), 646 Seiten, ohne ISBN
  • Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman. Königshausen & Neumann, Würzburg 1992, ISBN 3-88479-698-4
  • Pathologie des Bürgers: »Martin Salander«. S. 216–243 in: Diana Schilling: Kellers Prosa. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-631-34190-3. Zugleich Diss. Uni Münster (Westfalen) anno 1996
  • Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1870–1900. Von der Reichsgründung bis zur Jahrhundertwende. Beck, München 1998, ISBN 3-406-44104-1
  • Misslungener Altersroman oder Vorgefühl der Moderne? Martin Salander (1886). S. 172–183 in: Rolf Selbmann: Gottfried Keller. Romane und Erzählungen. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2001 (Klassiker-Lektüren Bd. 6), ISBN 3-503-06109-6
  • Thomas Binder: Martin Salander. Zwischen Experimentierfreude und Pflichtgefühl. S. 154–171 in: Walter Morgenthaler (Hrsg.): Interpretationen. Gottfried Keller. Romane und Erzählungen. Reclam RUB 17533, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-017533-0
  • Margarete Merkel-Nipperdey: Gottfried Kellers „Martin Salander“. Untersuchungen zur Struktur des Zeitromans. Göttingen 1959, Palaestra Band 228, 152 Seiten
  • Joachim Worthmann: Probleme des Zeitromans. Heidelberg 1974, 179 Seiten. Zu Martin Salander insbesondere die Seiten 117–129
  • Adolf Muschg: Gottfried Keller (Kindlers literarische Porträts), 2. Auflage, München 1977, 412 Seiten. Zu Martin Salander insbesondere die Seiten 290–305
  • Gerhard Kaiser: Gottfried Keller. Das gedichtete Leben, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981, 727 Seiten. Zu Martin Salander insbesondere die Seiten 578–597
  • Hartmut Laufhütte: Ein Seldwyler in Münsterburg. Gottfried Kellers «Martin Salander» und die Deutungstradition, in: Gottfried Keller. Elf Essays zu seinem Werk, herausgegeben von Hans Wysling, Zürich 1990, Seiten 23–43
  • Michael Böhler: Gottfried Kellers Altersroman ‚Martin Salander‘. Die Liquidierung des Poetischen Realismus in den Phantasmagorien der Moderne (Benjamin). Geringfügig überarbeiteter und erweiterter Vortrag im Rahmen einer Ringvorlesung an der Universität Zürich zum Europäischen Roman im 19. Jahrhundert, 19. Mai 1998. Als PDF zugänglich unter: https://www.researchgate.net/publication/283515260_Gottfried_Kellers_Altersroman_Martin_Salander_-_Die_Liquidierung_des_Poetischen_Realismus_in_den_Phantasmagorien_der_Moderne_Benjamin
  • Gerhard R. Kaiser: »Marienfrau« und verkehrte Männerwelt. Gottfried Kellers verkanntes Alterswerk. In: Der unzeitgemäße Held in der Weltliteratur. Herausgegeben von Gerhard R. Kaiser, Heidelberg 1998, Seiten 149–173
  • Karl Wagner: Kapitel zu Martin Salander in: Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, herausgegeben von Ursula Amrein, 2. Auflage, Stuttgart 2018, Seiten 144–151
  • Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seiten 251 bis 266

WeblinksBearbeiten

AnmerkungenBearbeiten

  1. Setti ist die Koseform von Elisabeth (siehe verwendete Ausgabe, S. 108, 9. Z.v.o.)
  2. Myrrha: arabisch „die Bittere“ (Neumann, S. 293, 17. Z.v.o.)
  3. Keller-Interpreten möchten auch noch andere Auslegungen gelten lassen. Nach Ermatinger heiße Salander im Züritüütsch der Witzemann und spiele auf den Charakter des Titelhelden an. Kaiser hingegen denke an den Salamander, jenes Fabelwesen, das Prüfungen im Feuer bestehe (Ermatinger und Kaiser, zitiert bei Neumann, S. 268 Mitte). Neumann kommt beim Lesen des Vornamens des Salander eine mehr ironische Semantik in den Sinn. Er erinnert an St. Martin, den Heiligen, der seinen Mantel (hier mit Wohlwend) teilte (Neumann, S. 268 Mitte).
  4. Alle Menschen werden Brüder

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Die „Bilanz: ‚Es ist bei uns wie überall‘ (nach der Redensart ‚C’est partout comme chez nous‘) bildet im Roman ein Leitmotiv.“ Gottfried Keller: Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe, herausgegeben unter der Leitung von Walter Morgenthaler im Auftrag der Stiftung Historisch-Kritische Gottfried Keller-Ausgabe (HKKA); Band 8: Martin Salander, hrsg. von Thomas Binder et al., Stroemfeld Verlag, Basel und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 2004, sowie Band 24: Martin Salander. Apparat zu Band 8, hrsg. von Thomas Binder et al., Stroemfeld Verlag, Basel und Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 2004. Die Bände dieser Ausgabe werden zitiert mit dem Kürzel HKKA, gefolgt von Band- und Seitennummer. Hier: HKKA, 24, Seite 9
  2. Von Adolf Frey ist ein Zitat Kellers überliefert, demgemäss er gesagt haben soll „Es ist nicht schön! Es ist nicht schön! Es ist zu wenig Poesie darin!“ (HKKA, 24, Seite 39)
  3. HKKA 8, 74
  4. Vgl. HKKA 24, 42
  5. Die folgende Darstellung stützt sich insbesondere auf den Abschnitt 1.1.7 Besonderes: Zeitgeschehen in ‚Martin Salander‘ in: HKKA, 24, 41–56. Vgl. dazu auch Gordon A. Craig: Geld und Geist. Zürich im Zeitalter des Liberalismus 1830–1869, übersetzt von Karl-Heinz Siber, C.H. Beck, München 1988
  6. Vgl. HKKA 24, 50
  7. Gordon A. Craig: Geld und Geist. Zürich im Zeitalter des Liberalismus 1830–1869, übersetzt von Karl-Heinz Siber, C.H. Beck, München 1988, Seite 120
  8. Gordon A. Craig: Geld und Geist. Zürich im Zeitalter des Liberalismus 1830–1869, übersetzt von Karl-Heinz Siber, C.H. Beck, München 1988, Seite 262
  9. Gordon A. Craig: Geld und Geist. Zürich im Zeitalter des Liberalismus 1830–1869, übersetzt von Karl-Heinz Siber, C.H. Beck, München 1988, Seite 261f
  10. Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden, herausgegeben von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann u. a., Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/Main, 1986–1995, Band 6: Sieben Legenden, Das Sinngedicht, Martin Salander, herausgegeben von Dominik Müller, Frankfurt/Main, 1991, hier Seite 1127
  11. Gordon A. Craig: Geld und Geist. Zürich im Zeitalter des Liberalismus 1830–1869, übersetzt von Karl-Heinz Siber, C.H. Beck, München 1988, Seite 268
  12. HKKA 24, 51
  13. Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden, herausgegeben von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann u. a., Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/Main, 1986–1995, Band 6: Sieben Legenden, Das Sinngedicht, Martin Salander, herausgegeben von Dominik Müller, Frankfurt/Main, 1991, hier Seite 1149
  14. Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden, herausgegeben von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann u. a., Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/Main, 1986–1995, Band 6: Sieben Legenden, Das Sinngedicht, Martin Salander, herausgegeben von Dominik Müller, Frankfurt/Main, 1991, hier Seite 1149f
  15. Gottfried Keller: Sämtliche Werke in sieben Bänden, herausgegeben von Thomas Böning, Gerhard Kaiser, Kai Kauffmann u. a., Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt/Main, 1986–1995, Band 6: Sieben Legenden, Das Sinngedicht, Martin Salander, herausgegeben von Dominik Müller, Frankfurt/Main, 1991, hier Seite 1150
  16. HKKA 24, 52
  17. HKKA 24, 52
  18. Die Inkonsequenz zeigt sich darin, wie unterschiedlich sich das Alter der Kinder entwickelt. Für den Tag der ersten Rückkehr Salanders aus Brasilien, nach siebenjährigem Aufenthalt, gilt für das Alter der Kinder: Setti 10, Netti 9, Arnold 8, die Weidelich-Zwillinge 6 Jahre alt (HKKA 8, Seiten 7, 28 und 40). Bei der zweiten Rückkehr, drei Jahre später, geht Setti „seinem sechzehnten Jahre entgegen“, ist also 15 (HKKA 8, Seite 71), während Arnold da 11 Jahre alt ist, passend zu den drei Jahren, die seither vergangen sind (HKKA 8, Seite 75). Dementsprechend ist auch die Altersdifferenz der Mädchen zu den Zwillingen, die am Anfang noch 3 und 4 Jahre betrug, nun auf 5 und 6 Jahre angewachsen: „Denke Dir doch, zwei Mädchen von fünf- und sechsundzwanzig Jahren wollen zwei zwanzigjährige Zwillinge heiraten!“ (HKKA 8, Seite 104).
  19. „Rings um uns hat sich in den grossen geeinten Nationen die Welt wie mit vier eisernen Wänden geschlossen“ (HKKA 8, Seite 74)
  20. Die Historisch-Kritische Kellerausgabe bezieht es auf die Bundesverfassung (HKKA 24, Seite 43); ebenso Margarete Merkel-Nipperdey, Gottfried Kellers „Martin Salander“. Untersuchungen zur Struktur des Zeitromans. Göttingen 1959, Palaestra Band 228, Seite 56, Anm. 24. Und nicht zuletzt Karl Wagner, der im Gottfried Keller-Handbuch Salanders erste Rückkehr auf 1871 datiert, und damit für die zweite Rückkehr drei Jahre später das zeitliche Zusammentreffen mit der neuen Bundesverfassung impliziert: Ursula Amrein (Hg.) Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, 2. Auflage, Stuttgart 2018, Seite 146. Dagegen beziehen eine ganze Reihe anderer Autoren diese Bemerkung auf die kantonalzürcherische Verfassung. So Carl Helbling: Gottfried Keller, Sämtliche Werke, herausgegeben von Jonas Fränkel und Carl Helbling. Band 12, Martin Salander, Bern und Leipzig 1943, Seite 507; ebenso Max Nussberger in: Kellers Werke, herausgegeben von Max Nussberger. Kritisch-historische und erläuterte Ausgabe, Band 8, Leipzig 1921, Seite 481 und Rémy Charbon: Gottfried Keller, Martin Salander. Roman, herausgegeben von Rémy Charbon, Basel 1989, (Birkhäuser-Klassiker. N.F.), Seite 351
  21. HKKA 8, Seite 89
  22. HKKA 24, Seite 43
  23. HKKA 24, Seite 451
  24. HKKA 24, Seite 455
  25. Brief an Theodor Storm vom 16.8.1881, HKKA 24, Seite 452
  26. „aber ich kann den verkehrten Galimatias nicht lesen. Wenn er so pro domo docirt und skribelt, so kommt er mir vor, wie ein Insekt mit vielen Füssen, das auf dem Rücken liegt, zappelt und rudert, um sich auf zu arbeiten auf Kosten der andern.“ So im Brief an Paul Heyse vom 30.1.1882, HKKA 24, Seite 455
  27. Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, 7. Auflage, Stuttgart 1989, Artikel Roman (Seite 786)
  28. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman. Königshausen & Neumann, Würzburg 1992, 141 Seiten, ISBN 3-88479-698-4 (Diss. Univ. Heidelberg, 1991), Seite 124
  29. HKKA 24, Seite 17 (Anmerkung 11)
  30. HKKA 24, Seite 457. Bei dem Verweis auf Henry Wadsworth Longfellow geht es um dessen Gedicht Excelsior, in dem ein Wanderer im Schnee der Alpen ums Leben kommt. Die letzte Zeile jeder Strophe wiederholt refrainartig den Ausruf „Excelsior!“
  31. Brief von Paul Heyse an Gottfried Keller, 1.1.1883, HKKA 24, Seite 458
  32. Brief an Paul Heyse vom 8.1.1883, HKKA 24, Seite 459
  33. HKKA 24, Seite 461
  34. Brief vom 3. November 1881 an Julius Rodenberg, HKKA 24, Seite 488
  35. HKKA 24, Seite 482. – Die französische Redewendung und ihre Umkehrung (‚c'est partout comme chez nous‘) erscheinen auch im Roman selbst: HKKA 8, Seiten 337f und 342
  36. HKKA 24, Seite 78
  37. HKKA 24, Seiten 29f
  38. HKKA 24, Seite 30
  39. HKKA 24, Seite 32
  40. HKKA 24, Seite 557
  41. HKKA 24, Seite 40
  42. Karl Wagner, Kapitel Martin Salander in: Ursula Amrein (Hg.) Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, 2. Auflage, Stuttgart 2018, Seite 144
  43. Salander steht damit in einer Reihe mit zahlreichen Protagonisten Schweizerischer Romane vor und nach ihm, wie Ulrich Bräkers Armer Mann in Tockenburg, Carl Spittelers Viktor in Imago und Max Frischs Stiller. Vgl. Peter Rusterholz, Andreas Solbach (Hrsg.): Schweizer Literaturgeschichte, Stuttgart, Weimar: J. B. Metzler, 2007, ISBN 978-3-476-01736-9, Seite 132
  44. In der Sekundärliteratur wurde mehrfach auf den bedeutsamen Umstand hingewiesen, dass Salander zum Lesen eine Brille benötigt, seine Frau dagegen nicht. (HKKA 8, Seite 308 – Gerhard Kaiser: Gottfried Keller. Das gedichtete Leben, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981, Seite 581; Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman. Königshausen & Neumann, Würzburg 1992, Seite 91)
  45. HKKA 8, Seite 9
  46. HKKA 24, Seite 457
  47. HKKA 24, Seite 351
  48. Gerhard Kaiser: Gottfried Keller. Das gedichtete Leben, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981, Seite 580
  49. „Die umstandslose Gleichsetzung des fiktiven Schauplatzes mit Zürich ist indes bedenklich. Sie hat in der Rezeption auch wiederholt als unproduktive Einladung gedient, den Roman als Schlüsselroman zu lesen.“ Karl Wagner in: Ursula Amrein (Hg.) Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, 2. Auflage, Stuttgart 2018, Seite 147
  50. Brief vom 8. Juni 1886 an Wilhelm Petersen. Zitiert nach: Gottfried Keller, Sämtliche Werke in sieben Bänden, herausgegeben von Thomas Böning et al., Band 6: Sieben Legenden, Das Sinngedicht, Martin Salander, herausgegeben von Dominik Müller, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main 1991. Die Bände dieser Ausgabe werden zitiert mit dem Kürzel DKV, gefolgt von Band- und Seitennummer Hier: DKV 6, Seite 1094
  51. Zitiert nach: Gottfried Keller, J. V. Widmann, Briefwechsel, herausgegeben von Max Widmann, Basel 1922, Seite 164
  52. Karl Wagner: Von Schweizerromanen. »Martin Salander« und »Der Gehülfe«, in: Tradition als Provokation, herausgegeben von Ursula Amrein et. al, Zürich 2012, Seite 36
  53. Brief an Joseph Viktor Widmann vom 5. September 1886, HKKA 24, Seite 524 Zur Auseinandersetzung Kellers mit Widmann, inwiefern Martin Salander ein „Schweizerroman“ sei vgl. Karl Wagner: Von Schweizerromanen. »Martin Salander« und »Der Gehülfe«, in: Tradition als Provokation, herausgegeben von Ursula Amrein et. al, Zürich 2012
  54. Brief vom 5. August 1885 an Julius Rodenberg, HKKA 24, Seite 482
  55. HKKA 24, Seite 377
  56. Brief an Gottfried Keller vom 12. Dezember 1886, HKKA 24, Seite 542
  57. Hans Wysling in: Gottfried Keller 1819 – 1890. Gedenkband zum 100. Todesjahr, herausgegeben von Hans Wysling, Zürich und München, 2. Auflage, 1990, Seite 357
  58. Rudolf Fürst: Martin Salander, Reihe Deutsche Dichter des neunzehnten Jahrhunderts, Bändchen Nr. 8, G.B. Teubner, Leipzig und Berlin 1903, Seiten 41f
  59. Johannes Proelss sieht eine „pädagogische Absicht“ als „Grundimpuls“ für den Salander-Roman (Frankfurter Zeitung Nr. 209, 28. Juli 1887, zitiert nach DKV 6, 1122)
  60. Neue Zürcher Zeitung Nr. 361, 28. Dezember 1886
  61. DKV 6, 1110. Dieser „Immobilismus“ wird auch im Roman selbst thematisiert, wenn Marie über Martin denkt: „der ändert sich nicht, bis er zerbricht!“ HKKA 8, Seite 240
  62. Bernd Neumann: Gottfried Keller. Eine Einführung in sein Werk, Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1982, Seite 292
  63. Basler Nachrichten Nr. 6, 7. Januar 1887, zitiert nach DKV 6, 1115
  64. So zum Beispiel bei Margarete Merkel-Nipperdey: Gottfried Kellers „Martin Salander“. Untersuchungen zur Struktur des Zeitromans. Göttingen 1959; Joachim Worthmann: Probleme des Zeitromans. Heidelberg 1974, darin insbesondere das Kapitel über Martin Salander, Seiten 117 bis 129; Adolf Muschg: Gottfried Keller (Kindlers literarische Porträts), 2. Auflage, München 1977, Seiten 291 bis 295; Bernd Neumann: Gottfried Keller. Eine Einführung in sein Werk. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1982, Seiten 269, 298 und 299; Karl Wagner, Kapitel zu Martin Salander in: Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, herausgegeben von Ursula Amrein, 2. Auflage, Stuttgart 2018, Seite 146. Demgegenüber spricht Hartmut Laufhütte von der „wissenschaftlich unbrauchbaren Metapher ‹Zeitroman›“ (Hartmut Laufhütte: Ein Seldwyler in Münsterburg. Gottfried Kellers «Martin Salander» und die Deutungstradition, in: Gottfried Keller. Elf Essays zu seinem Werk, Hg. von Hans Wysling, Zürich 1990, Seiten 23–43, hier Seite 23). Leider gibt er an der Stelle weder Gründe an, warum ‹Zeitroman› eine Metapher, noch weshalb der Begriff wissenschaftlich unbrauchbar sein soll. Dirk Göttsche moniert denn auch die „unnötige Form einer Polemik gegen die Zeitromanthese“ (Dirk Göttsche: Zeit im Roman. Literarische Zeitreflexion und die Geschichte des Zeitromans im späten 18. und im 19. Jahrhundert, München, 2001 {Corvey-Studien, Band 7}, Seite 727, Anmerkung 328)
  65. Joachim Worthmann: Probleme des Zeitromans. Heidelberg 1974, Seite 10
  66. DKV 6, 1126
  67. DKV 6, 1127
  68. DKV 6, 1128
  69. DKV 6, 1128 - Der letzteren Meinung scheint Michael Böhler zu sein, wenn er schreibt: In diesem Zusammenhang gewinnt auch die oft diskutierte Merkwürdigkeit, dass über die Wirtschaftstätigkeit Salanders und die zweimalige Gewinnung eines Vermögen im fernen Brasilien nur Schemenhaftes verlautet, einen höchst einleuchtenden und künstlerisch durchaus überzeugenden Sinn. Denn die radikale Fernstellung des Orts, wo Reichtum erwirtschaftet wird, in ein beinahe mythisch anmutendes Eldorado ist wiederum nur ein Reflex und Ausdrucksphänomen der Realpraxis einer Abkoppelung der Warenwirtschaft von der Wirtschaftsproduktion in der Sphäre der bürgerlichen Kultur. (Michael Böhler: Gottfried Kellers Altersroman ‚Martin Salander‘. Die Liquidierung des Poetischen Realismus in den Phantasmagorien der Moderne (Benjamin). Geringfügig überarbeiteter und erweiterter Vortrag im Rahmen einer Ringvorlesung an der Universität Zürich zum Europäischen Roman im 19. Jahrhundert, 19. Mai 1998, Seite 27)
  70. Joachim Worthmann: Probleme des Zeitromans. Heidelberg 1974, Seiten 126f
  71. Joachim Worthmann: Probleme des Zeitromans. Heidelberg 1974, Seite 128
  72. Friedrich Hildt: Gottfried Keller. Literarische Verheißung und Kritik der bürgerlichen Gesellschaft im Romanwerk, Bonn 1978, Seiten 67f
  73. Gerhard R. Kaiser: »Marienfrau« und verkehrte Männerwelt. Gottfried Kellers verkanntes Alterswerk. In: Der unzeitgemäße Held in der Weltliteratur. Hrsg. von Gerhard R. Kaiser, Heidelberg 1998, Seite 155
  74. Adolf Muschg: Gottfried Keller (Kindlers literarische Porträts), 2. Auflage, München 1977, Seiten 295f
  75. Theodor W. Adorno: Über epische Naivetät. in: Noten zur Literatur, Frankfurt am Main 1958 (Bibliothek Suhrkamp, Band 47), Seiten 54f
  76. Neumann bezieht sich auf die Stelle, wo Isidor zum Entsetzen Martins ankündigt, ein Buchenwäldchen schlagen zu lassen, das sein Haus vor Murgängen schützt. HKKA 8, Seite 220
  77. Bernd Neumann: Gottfried Keller. Eine Einführung in sein Werk. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1982, Seite 286
  78. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 82
  79. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 76
  80. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 77
  81. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 78
  82. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 78
  83. HKKA 8, Seite 244
  84. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 80
  85. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 79
  86. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 81
  87. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 81
  88. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 83, Binnenzitate aus: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt 1971, Seite 2
  89. „Sein Lieblingsfeld war aber die Volkserziehung; sie galt ihm als die wahre Heimat, in welcher er seinen frühen Abfall von der Schule gut machen müsse.“ HKKA 8, Seite 206
  90. „Er [Martin Salander] begann den Knaben abwechselnd mit den Mädchen zu befragen, während er das ihm bereitete Nachtmahl mit vielen Unterbrechungen einnahm; er merkte aber endlich, dass er in Hinsicht auf Methoden und Gegenstände nicht mehr auf dem Laufenden war und daher die Kinder nicht ganz richtig fragen konnte.“ HKKA 8, Seite 75
  91. HKKA 24, Seite 449 (Anmerkung 3)
  92. Gottfried Keller: Gesammelte Briefe. Herausgegeben von Carl Helbling, 4 Bände, Zürich 1950–1954. Hier: Band 4, Seiten 149f
  93. Gottfried Keller: Gesammelte Briefe. Herausgegeben von Carl Helbling, 4 Bände, Zürich 1950–1954. Hier: Band 4, Seite 151
  94. HKKA 8, Seite 319
  95. HKKA 8, Seiten 320f
  96. Bernd Neumann: Gottfried Keller. Eine Einführung in sein Werk. Athenäum Verlag, Königstein/Ts. 1982, Seite 270
  97. HKKA 24, Seite 373
  98. Z. B. mit dem Gedicht Auf das eidgenössische Schützenfest von 1872
  99. HKKA 8, Seite 266
  100. HKKA 8, Seite 266
  101. Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seiten 251 bis 266, hier Seiten 258 bis 261
  102. Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seite 259
  103. Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seite 260
  104. HKKA 8, Seite 277
  105. Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seite 260
  106. HKKA 8, Seite 174
  107. Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seite 261
  108. „Ich sage Dir, eine Antigone, eine Nausikaa, die schöne Helena selbst“ HKKA 8, Seite 240 und: „Es ist doch, bei Gott! Eine schöne Sache um das Schöne, das klassisch Schöne!“ HKKA 8, Seite 238
  109. HKKA 8, Seite 346
  110. Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seiten 261f
  111. Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seite 262
  112. „... zur Erbauung der Leute, die ihm von der Galerie herab zuschauten.“ HKKA 8, Seite 142
  113. Karl Pestalozzi: Gottfried Kellers Widerruf im „Martin Salander“ (1969); jetzt neu in: Karl Pestalozzi: Gottfried Keller. Kursorische Lektüren und Interpretationen, Basel 2019, Seite 262
  114. So schreibt Gerhard Kaiser: „In ähnlicher Weise widerruft auch Keller durch Radikalisierung in einem Roman, der nicht mehr Lebensgeschichte des einzelnen, sondern Gesellschaftsbild zu sein beansprucht, getragen von der gemeineuropäischen Zeitbewegung realistischer Gesellschaftskritik, die sich auch gegen eigene frühere Positionen Kellers richtet.“ (Gerhard Kaiser: Gottfried Keller. Das gedichtete Leben, Insel Verlag, Frankfurt am Main 1981, Seiten 578f.) – Und Bernd Neumann hält fest: „Die ökonomische Schwindelhaftigkeit und brutale Vorteilsjagd, wie sie sich im Gemeinwesen breitmachen, vertreiben alle Poesie, die der Natur zuerst, und schließlich auch die der Feste. Darin widerruft der „Salander“ das frühere Werk Kellers [...].“ (Bernd Neumann: Gottfried Keller. Eine Einführung in sein Werk, Athenäum Verlag, Königstein/Ts., 1982, Seite 287)
  115. Adolf Muschg: Gottfried Keller (Kindlers literarische Porträts), 2. Auflage, München 1977, Seite 290
  116. HKKA 24, Seite 452
  117. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 121
  118. HKKA 8, Seite 5
  119. HKKA 8, Seiten 6, 9
  120. HKKA 8, Seiten 8, 9
  121. HKKA 8, Seiten 10, 11, 12
  122. HKKA 8, Seite 13
  123. Keller erfüllt damit mustergültig Friedrich Spielhagens Forderung nach dem, was er „Objectivität“ nennt: Der Schriftsteller soll „objectiv“ darstellen, das heisst die Seelenzustände aus den Umständen selbst sich entwickeln lassen, nicht sie „gleichsam hinter dem Rücken der Betheiligten“ dem Leser präsentieren. So Friedrich Spielhagen in dem Aufsatz Ueber Objectivität im Roman in: Friedrich Spielhagen’s Sämmtliche Werke, Supplementband: Vermischte Schriften und Amerikanische Gedichte, Leipzig 1877, Seiten 205–220, hier Seiten 215 und 216
  124. HKKA 8, Seite 5. Vgl. auch Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 122f
  125. HKKA 8, Seiten 14f
  126. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 126
  127. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seiten 125f
  128. So Keller selber in einer Notiz: HKKA 24, Seite 415. Vgl. auch diese Notiz: „Salander wechselt, dem Zuge der Zeit gemäss, wiederholt den Beruf, d. h. die Erwerbsart. Erst Ansätze zum Studiren, dann Lehrer, dann kleiner Fabrikant oder Händler mit irgend etwas. Daher die Fragmente einiger Bildung und die Fähigkeit zu einer Weltanschauung, wenn auch illusorischen.“ HKKA 24, Seite 409
  129. Vgl. Georg Lukács: Gottfried Keller [1939], in: Deutsche Literatur in zwei Jahrhunderten, Neuwied und Berlin 1964 (Georg Lukács, Werke, Band 7), Seite 366: „Ihr Lieben ist immer hellsichtig, alle Schwächen klar durchschauend, jede menschliche Verfehlung hart verurteilend und doch fest und dauernd im Zutrauen zu dem mit sicherem Instinkt Gewählten.“; Rolf Selbmann: Gottfried Keller. Romane und Erzählungen, Berlin 2001, Seite 176: „Sie gehört nicht nur in die Reihe der starken Frauen Kellers seit Frau Regel Amrain, sondern erlaubt eine positive Lektüre aus der Perspektive einer Frau, die ihr Leben bewältigt.“ Dazu auch: Beatrice von Matt: Marie Salander und die Tradition der Mutter-Figuren im schweizerischen Familienroman, in: 58. Jahresbericht der Gottfried-Keller-Gesellschaft (1989), Zürich 1990
  130. HKKA 8, Seite 64
  131. HKKA 8, Seite 65
  132. HKKA 8, Seite 148
  133. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 94
  134. Margarete Merkel-Nipperdey: Gottfried Kellers „Martin Salander“. Untersuchungen zur Struktur des Zeitromans. Göttingen 1959, Seite 132
  135. Gerhard R. Kaiser: »Marienfrau« und verkehrte Männerwelt. Gottfried Kellers verkanntes Alterswerk. In: Der unzeitgemäße Held in der Weltliteratur. Hrsg. von Gerhard R. Kaiser, Heidelberg 1998, Seite 157
  136. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 130
  137. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 128
  138. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 129
  139. HKKA 8, Seite 209
  140. Eva Graef: Martin Salander. Politik und Poesie in Gottfried Kellers Gründerzeitroman, Würzburg 1992, Seite 130
  141. Thomas Binder: Martin Salander. Zwischen Experimentierfreude und Pflichtgefühl. S. 154–171 in: Walter Morgenthaler (Hrsg.): Interpretationen. Gottfried Keller. Romane und Erzählungen. Reclam RUB 17533, Stuttgart 2007, Seite 169
  142. Verwendete Ausgabe, S. 450, 14. Z.v.u.
  143. zitiert in der verwendeten Ausgabe, S. 452, 8. Z.v.u. (siehe auch Kellers Brief in Lexikus.de)
  144. zitiert nach Adolf Vögtlin, bei Neumann, S. 299, 19. Z.v.u.
  145. Storm, zitiert bei Selbmann, S. 173, 1. Z.v.o.
  146. Heyse am 19. Juli 1890 an Baechtold, zitiert bei Selbmann, S. 173, 8. Z.v.o.
  147. Hesse im Münchner „März“ vom 15. Juli 1910, zitiert bei Michels, S. 476 bis S. 479 oben
  148. Wysling, zitiert bei Selbmann, S. 173, 1. Z.v.u.
  149. Breitenbruch, S. 157–158
  150. Breitenbruch, S. 160 unten
  151. Freys Erinnerungen, zitiert bei Schilling, S. 231 oben
  152. Neumann, S. 269 unten
  153. Neumann, S. 273 Mitte
  154. Neumann, S. 270 unten sowie S. 297, 5. Z.v.o.
  155. Neumann, S. 272 unten
  156. Neumann, S. 274, 13. Z.v.u.
  157. Neumann, S. 282 Mitte und S. 292
  158. Neumann, S. 291 Mitte
  159. Schilling, S. 216, 3. Z.v.u.
  160. Schilling, S. 221, 3. Z.v.o.
  161. Schilling, S. 218
  162. Schilling, S. 222 oben
  163. Schilling, S. 224 unten
  164. Schilling, S. 225 oben und S. 226 unten
  165. Schilling, S. 229 oben
  166. Schilling, S. 235 oben
  167. Schilling, S. 238 unten
  168. Schilling, S. 242–243
  169. Breitenbruch, S. 186 unten
  170. Neumann, S. 352
  171. Schilling, S. 269
  172. Selbmann, S. 188–189
  173. Karl Wagner in: Ursula Amrein (Hg.) Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, 2. Auflage, Stuttgart 2018, Seite 146 nach: Ursula Amrein, Die Signatur der Großstadt in der deutschsprachigen Schweizer Literatur um 1900. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 45 (2001), 302f
  174. Eduard Korrodi, Schweizerische Literaturbriefe, Frauenfeld und Leipzig, 1918, Seite 8
  175. Neue Zürcher Zeitung, 8. Dezember 1938 (Mittagausgabe), Nr. 2174
  176. Karl Wagner in: Ursula Amrein (Hg.) Gottfried Keller-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, 2. Auflage, Stuttgart 2018, Seite 146
  177. Thomas Hürlimann, Heimkehr. Roman, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2018 (2. Auflage), Seite 157 – die Zitate aus dem Martin Salander bei HKKA 8, Seite 6