Life Engineering

Life Engineering (LE) hat das Ziel das Potenzial der Informationstechnologie zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen zu nutzen.[1] LE beobachtet die Entwicklung der Informationstechnologie und ihrer Anwendungen aus Sicht der Menschen in den Rollen von Konsumenten, Berufstätigen usw. und sammelt die Erkenntnisse zur Lebensqualität der Menschen. Daraus formuliert LE Anforderungen an soziotechnische Lösungen und bewertet digitale Services anhand menschzentrierter Anforderungen.[2] Es verbindet empirische Erkenntnisse, Methoden, Konzepte und Modelle aus den Disziplinen Informatik, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Politologie, Psychologie, Neurowissenschaften, Ethik, Philosophie und Religion.

Erster Ansatz des Life Quality Modell[1]

Arbeitsgebiete des Life EngineeringBearbeiten

Im Mittelpunkt des LE steht die Lebensqualität der Menschen. LE ist eine gestaltungsorientierte Wissenschaft mit dem Ziel, die vorhandene und künftige Technologie, vor allem die Informationstechnologie, zur Steigerung der Lebensqualität einzusetzen.[3]

DatensammlungBearbeiten

Die wichtigste Grundlage für das Verständnis der Lebensqualität sind die Sammlungen von Personen- und Sachdaten im Internet. Diese umfassen sowohl die Datenbestände von Megaportalen wie Google und Facebook oder Tencent und Alibaba, aber u. a. auch die medizinischen Daten von Ärzten, Krankenhäusern und Versicherungen, die Finanzdaten von Banken und Zahlungsdienstleistern und die Datensammlungen der staatlichen und halbstaatlichen Stellen.

MustererkennungBearbeiten

Die Megaportale entwickeln Modelle des menschlichen Verhaltens, in denen sie vor allem das Konsumverhalten modellieren. LE will aus den Datensammlungen Verhaltensmuster mit ihrer Wirkung auf das kurzfristige Glück oder Unglück (Hedonia) und auf das langfristige Wohlbefinden (Eudaimonia) ableiten.

LebensqualitätBearbeiten

Jede Wahrnehmung des Menschen wirkt auf seine Bedürfnisse[4] und erzeugt damit positive oder negative Gefühle, die in ihrer Gesamtheit die Lebensqualität ausmachen. Wahrnehmungen entstehen aus Signalen der menschlichen Sinne (einschließlich der physiologischen Zustände), aber auch aus Gedanken. Lob, Beleidigung, Verbrennung, Rausch, Orgasmus, Kälte und Zahlungseingang sind Beispiele für Wahrnehmungen. Die Ableitung von Wahrnehmungsmustern und deren Wirkung auf die Bedürfnisse sind Gegenstand von psychologischen oder neurowissenschaftlichen Studien und bis heute in einem sehr rudimentären Stadium, doch die digitalen Datensammlungen, die Biometrie und Verfahren des maschinellen Lernens versprechen rasche Fortschritte.[5]

InformationstechnologieBearbeiten

LE erfasst die Funktionalität von Millionen von digitalen Services und bewertet ihr Potential für die Menschen. Eine besondere Rolle nimmt die Mensch-Maschine-Kollaboration ein, beispielsweise in Super-Apps, Chatbots, Virtual Reality, Augmented Reality bis hin zu Visionen wie Metaverse.

HandlungsanleitungenBearbeiten

Ein Gestaltungsgegenstand des LE sind Verhaltenshinweise für den Umgang des Individuums mit der Informationstechnik, beispielsweise zur Auswahl der digitalen Services, zur Freigabe von persönlichen Daten oder zum Aufbau von Wissen im Umgang mit den Services.

LE soll der Ethik und dem Konsumentenschutz Grundlagen liefern. So kann LE beispielsweise Ideen des chinesischen Corporate Social Scoring[6] auf die Bemühungen um eine Corporate Social Responsibility sowie auch Corporate Digital Responsibility übertragen oder standardisierte Allgemeine Geschäftsbedingungen formulieren.

Die Komplexität von Technik, Wirtschaft und Gesellschaft hat ein Maß erreicht, das die Möglichkeiten der Mitsprache jedes Individuums und damit die Grundlage der Demokratie in Frage stellt. Die Verarmung einzelner Bevölkerungsteile, die beinahe ausschließliche Messung des Fortschritts an Kapital und Konsum, die Zerstörung der Umwelt und der Erfolg von populistischen Vereinfachern sind Symptome für eine Entwicklung, die durch die technologische Entwicklung ausgelöst oder mindestens beschleunigt wird. LE versucht, die Datensammlungen, das Wissen über die Lebensqualität und die Technologie zu nutzen, um das Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell für eine Welt mit allgegenwärtiger maschineller Intelligenz weiterzuentwickeln.[7]

LiteraturBearbeiten

  • Lis, J. (2014). Nutzen Oder Glück: Möglichkeiten und Grenzen Einer Deontologisch-Theoretischen Fundierung der Economics of Happiness. Stuttgart: Lucius & Lucius.
  • Tegmark, M. (2018). Life 3.0. Being human in the age of artificial intelligence.New York: Knopf.
  • Damasio, A. R. (2018). The strange order of things: Life, feeling, and the making of cultures. New York: Pantheon Books.
  • Mau, Steffen, (1968). Das metrische Wir – Über die Quantifizierung des Sozialen. Originalausgabe Auflage. Berlin, ISBN 978-3-518-07292-9
  • Schmidt, E., & Cohen, J. (2013). The new digital age. Reshaping the future of people, nations and business. London: Alfred A. Knopf.
  • Kotler, Steven, (2012). Abundance: The Future Is Better Than You Think. 1st Free Press hardcover ed. Free Press, New York.
  • Lupton, Deborah, (2016). The Quantified Self, Cambridge, UK
  • Swan, M. (2013). The quantified self: Fundamental disruption in big data science and biological discovery.
  • Portmann, E. (2019). Fuzzy Humanist Trilogie Teil III: Von der Fuzzy-Logik zum Computing with Words. Springer Vieweg.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. a b Hubert Österle: Life Engineering: Mehr Lebensqualität dank maschineller Intelligenz? Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2020, ISBN 978-3-658-28334-6, doi:10.1007/978-3-658-28335-3.
  2. Kyarash Shahriari, Mana Shahriari: IEEE standard review — Ethically aligned design: A vision for prioritizing human wellbeing with artificial intelligence and autonomous systems. In: 2017 IEEE Canada International Humanitarian Technology Conference (IHTC). IEEE, 2017, ISBN 978-1-5090-6264-5, doi:10.1109/ihtc.2017.8058187.
  3. Hubert Osterle: Life engineering. In: Electronic Markets. Band 30, Nr. 1, März 2020, ISSN 1019-6781, S. 49–52, doi:10.1007/s12525-019-00388-1.
  4. Steven Reiss: Multifaceted Nature of Intrinsic Motivation: The Theory of 16 Basic Desires. In: Review of General Psychology. Band 8, Nr. 3, September 2004, ISSN 1089-2680, S. 179–193, doi:10.1037/1089-2680.8.3.179.
  5. Organisation for Economic Co-operation and Development.: How's life in the digital age? : opportunities and risks of the digital transformation for people's well-being. Paris, ISBN 978-92-64-31180-0.
  6. Daithí Mac Síthigh, Mathias Siems: The Chinese social credit system : a model for other countries? 2019 (Online [abgerufen am 30. April 2020]).
  7. Capitalism without Capital. 2017, ISBN 978-0-691-17503-4.