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Die Liberian Armyworm Plague 2009 war eine zum Jahreswechsel 2008/2009 auftretende Massenvermehrung von Raupen in den westafrikanischen Staaten der Mano River UnionLiberia und Guinea. Als Verursacher der Kalamität wurde noch im Januar 2009 die tropische Falterart Spodoptera exempta (Lepidoptera: Noctuidae) – in Afrika bekannt als African Armyworm – gemeldet; eine Überprüfung ergab jedoch die Falterart Achaea catocaloides (ebenfalls aus der Familie der Eulenfalter) als tatsächlichen Verursacher.[1]

Zu den Ursachen der Massenvermehrung bestehen bisher nur Vermutungen.[2]

BedeutungBearbeiten

Die liberianische Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf schätzte die Situation als besonders kritisch bezüglich der hygienischen Bedingungen (Zusammenbruch der regionalen Trinkwasserversorgung) und des volkswirtschaftlichen Schadens ein.

Als Grundlage für eine Soforthilfe durch staatliche und internationale Hilfsprojekte wurde in den betroffenen Gebieten erstmals der State of Emergency (deutsch: Nationaler Notstand) ausgerufen.[3] Dieser Notfall gestattet es der Regierung, die wegen der hohen Auslandsverschuldung und Zahlungsunfähigkeit unter Aufsicht der Weltbank steht, den Zugriff auf spezielle Finanzfonds zum Krisenmanagement.[4] Zur Bekämpfung bat die Regierung bei der FAO um die Erlaubnis in den betroffenen Countys stark wirksame Pflanzenschutzmittel einsetzen zu dürfen, da bereits in drei Countys die Massenvermehrung der Raupen zu einer Vernichtung der Ernte geführt hatte. Über 20.000 Menschen mussten vorübergehend ihre Dörfer verlassen. Die von den Raupen abgesonderten Exkremente wurden im Trinkwasser der ländlich strukturierten Regionen nachgewiesen und hatten allergische Erkrankungen ausgelöst.[5][6]

VorgeschichteBearbeiten

Das von der Katastrophe betroffene Gebiet befindet sich im Norden Liberias, es handelt sich um die Countys Nimba, Bong und Lofa. In diesen drei Provinzen lag im Zweiten liberianischen Bürgerkrieg zunächst der Schwerpunkt der Kämpfe zwischen den Bürgerkriegsparteien. In der Folge entstanden in Grenznähe Flüchtlingslager mit insgesamt etwa 300.000 Binnenflüchtlingen sowie in der Grenzregion Guineas weitere Flüchtlingslager mit nochmals etwa 50.000 Flüchtlingen. Die humanitäre Situation in den Flüchtlingslagern wird durch Hilfsprogramme erleichtert, die Umsiedlungsprogramme und der Wiederaufbau der kriegszerstörten Wirtschaft in den betroffenen Countys stagniert noch wegen fehlender Finanzierung.[7] Die Landwirtschaft ist die tragende Säule in der liberianischen Volkswirtschaft und umfasst in der Mehrzahl bäuerliche Selbstversorger, sie dient der regionalen Versorgung. Ein wirtschaftlich bedeutsamer Binnenhandel konnte in Liberia wegen der schlechten Transportsituation bisher nicht aufgebaut werden. In der Regenzeit bricht der Straßenverkehr wegen Unbefahrbarkeit der Straßen zusammen.[8][9] Von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung für Liberia ist der grenzüberschreitende Handel mit Agrarprodukten mit den Nachbarstaaten Guinea und Sierra Leone.[10]

AuswirkungenBearbeiten

Als Folge des Schädlingsbefalls wurde ein Großteil der Ernte an Grundnahrungsmitteln und den für den Welthandel angebauten Plantagenfrüchten (Kaffee, Kakao, Bananen, Ananas – sogenannte cash crops) vernichtet.[10] Für die amtierende Regierung Johnson-Sirleaf bedeutete diese, mit einer Naturkatastrophe vergleichbare Situation, eine weitere, ernste innenpolitische Belastungsprobe, die mit Hilfe der internationalen Gemeinschaft bewältigt werden konnte.[11]

LiteraturBearbeiten

  • Haggis, M. J. Distribution of the African armyworm, Spodoptera exempta (Walker) (Lepidoptera: Noctuidae), and the frequency of larval outbreaks in Africa and Arabia. In: Bulletin of Entomological Research 76 (1986) S. 151–170.
  • Anelia Milbrandt: Assessment of Biomass Resources in Liberia. In: National Renewable Energy Laboratory NREL (Hrsg.): Technical Report. NREL/TP-6A2-44808. Golden, CO 2009, S. 46. (Volltext (PDF; 3,7 MB) als Digitalisat)

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Severe Outbreak of Defoliating Caterpillars in Liberia - SPECIAL BULLETIN N° M01/09 February 2009. (PDF; 211 kB) (Nicht mehr online verfügbar.) AGRHYMET Regional Centre Niamey (Niger), Februar 2009, S. 2, ehemals im Original; abgerufen am 28. Januar 2011 (englisch): „In January 2009, fifty five Liberian localities were infested by signifi cant defoliating caterpillar populations. Confronted with this plague, the Liberian government declared a state of emergency and solicited support from the International Community. Therefore, international (FAO) and regional (CILSS and ECOWAS) Institutions conducted missions to provide technical support to Liberia. The insect was identified as Achaea catocaloides Guenee. It is a pest known since 1925 but not much studied.“
  2. Karen Lange: Nightmarish Caterpillar Swarm Defies Control in Liberia. National Geographic, 4. Februar 2009, abgerufen am 28. Januar 2011 (englisch): „During the dry season, a strong wind called the harmattan blows from the Sahara across West Africa. Perhaps in late 2008, this wind picked up Achaea catocaloides moths and then deposited a large concentration along the Guinea-Liberia border. Or perhaps there was an unnoticed local increase in Achaea catocaloides numbers and, when the temperature was right, the population exploded, said Gregory Tarplah, an entomologist with Liberia's Ministry of Agriculture.“
  3. The Constitution of the Republic of Liberia. 1986, abgerufen am 28. Januar 2011 (englisch, Chapter IX «Emergency Powers», Article 86b): „A state of emergency may be declared only where there is a threat or outbreak of war or where there is civil unrest affecting the existence, security or well-being of the Republic amounting to a clear and present danger.“
  4. Der Armyworm fällt über Westafrika her. Der Standard (Wien), 29. Januar 2009, abgerufen am 28. Januar 2011 (deutsch): „Liberia und Nachbarstaaten kämpfen mit Raupeninvasion - Agrar-Schädling frisst ganze Landstriche kahl und verseucht das Trinkwasser“
  5. Q&A: Caterpillars ravage Liberia. BBC News, 27. Januar 2009, abgerufen am 19. Januar 2011 (englisch).
  6. Liberia faces second worm wave. BBC News, 29. Januar 2009, abgerufen am 28. Januar 2011 (englisch).
  7. IDP and Refugee Returns as of April 2006. United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (UNOCHA), 22. Oktober 2002, abgerufen am 1. August 2010 (englisch, Flüchtlingslager nach Lage und Belegung).
  8. Anelia Milbrandt: Assessment of Biomass Resources in Liberia. NREL/TP-6A2-44808, Agricultural Resources, S. 3 f.
  9. Anelia Milbrandt: Assessment of Biomass Resources in Liberia. NREL/TP-6A2-44808, Figure 1. Food Crop Residues in Liberia by County, S. 5.
  10. a b Jean-Martin Bauer (et al): Cross-border trade and food security. World Food Programme Organization WFP, Mai 2010, S. 29, abgerufen am 28. Januar 2011 (englisch).
  11. Die 1979 als „Reis-Unruhen“ in Monrovia bezeichneten blutigen Zusammenstöße beruhten auf einer Versorgungskrise mit dem Grundnahrungsmittel Reis. Die Ereignisse führten wenige Monate später zum Militärputsch des Master Sergeant Samuel K. Doe.