Kurt Flasch

deutscher Philosoph

Kurt Flasch (* 12. März 1930 in Mainz) ist ein deutscher Philosoph und Philosophiehistoriker, spezialisiert auf die Philosophie der Spätantike und des Mittelalters. Unter anderem befasste er sich eingehend mit den Werken von Augustinus von Hippo, Dietrich von Freiberg, Meister Eckhart und Nikolaus von Kues. Seine Darstellungen sind von den theoretischen Überlegungen geprägt, die er in seinem zweibändigen Werk Philosophie hat Geschichte veröffentlichte. Als Forscher und Herausgeber von Texten beim Corpus Philosophorum Teutonicorum Medii Aevi leistete er Grundlagenarbeit.

Kurt Flasch, 2012

Seine wissenschaftliche Methode knüpft an historische Ideen des 19. Jahrhunderts an, als zunehmend Vorstellungen von Geschichtlichkeit und Wandelbarkeit aller Lebensäußerungen einen Umbruch des Denkens anzeigten.[1] Die philologisch-historische Basis seines Arbeitens bilden gründliche Studien, die gültige Denkmuster in Frage stellen, bzw. zerstören. Geschichte der Philosophie versteht er als „Geschichte des Denkens“, das sich an unvorhersehbaren historischen Ereignissen entzündet und feststellbare Wechselwirkungen im philosophischen Diskurs zeigt. Derartige zeitlich bedingte Antworten auf Ereignisse, bzw. deren Originalität sind philosophische und historische Themen seiner Forschung.[2]

Kurt Flasch war vielfach als Autor und als Übersetzer im Bereich der Geisteswissenschaften tätig. Der Literaturhistoriker Gustav Seibt würdigt seine Werk, indem er 2020 schrieb: „Die Zahl seiner Zeitungsartikel und Essays geht in die Tausende. Er debattierte mit Päpsten, Gelehrten und Dichtern in vielen Sprachen, mischte sich selten, aber dann mit schneidender Schärfe in die Politik ein, am hörbarsten immer, wenn ein Kriegsgeschrei laut wurde.“[3] Er entwickelte „einen neuen Stil der Philosophiegeschichte“. Philosophisches Denken ist für ihn – im Unterschied zur vorherrschenden, an Dauer interessierten Begriffsphilosophie – eine „nie endende Bewegung“[4]

LebenBearbeiten

Flasch ist 1930 als drittes von vier Kindern in einer katholischen Mainzer Eisenbahnerfamilie geboren. Er entstammt einem Milieu, das seine Familie resistent gegen den Nationalsozialismus machte, äußerten Gustav Seibt und Karl Heinz Bohrer.[5] Er besuchte von 1936 bis 1940 die Volksschule in Mainz-Kastel. Er fühlte sich hier nicht wohl, die Schulzeit „war erschreckend und beängstigend“, erinnert er sich.[6] Der Ton des Nazi-Lehrers sei rau, paramilitärisch und laut gewesen. „Das forcierte Mannestum, die forsche Diktion, der kommandierte Sport, das alles stieß mich ab […].“[7] Er konnte bereits lesen, lernte schreiben, Rechnen und Naturkunde blieben ihm gefühlsmäßig fern. Er war „ein leidlich guter Schüler“ und lernte sich unauffällig zu verhalten. Die Lektüre katholischer Zeitschriften vermittelten ihm durch Berichte über General Franco den Eindruck, den er später korrigierend ergänzte, dass Kommunisten rohe Kerle sind, die Priester und Nonnen massakrieren.[7] Sein eigentliches Kinderleben fand im Grünen statt. Es gab Banden zu denen er gehörte, und Feinde. Prügeleien und blutige Kämpfe gehörten dazu. Er erlebte Neues: Die Kumpane ermöglichten einander Zugang zu Innenhöfen, Scheunen und Werkstätten und er lernte unbekannte soziale Welten kennen.[7]

Von 1940 bis zum Abitur im Sommer 1949 besuchte er das Großherzogliche Realgymnasium zu Mainz. Das Gymnasium, das damals den Namen Hermann Görings trug, hatte ihm wenig zu bieten. Seine Lehrer waren für ihn Anlass zu Menschenstudien. Einige waren „Weltkriegsteilnehmer“ gewesen, die zur Vertretung für neue 2. Weltkriegsteilnehmer aus der Pension zurückgerufen worden waren.[8] Positiv erwähnt Flasch u. a. einen zum Nazi bekehrten Priester und Geschichtslehrer, der spannend und anschaulich erzählte, sowie auf die pedantische Wiedergabe von Jahreszahlen verzichtete.[9] Im Vertretungsunterricht des Deutsch- und Religionslehrers Dumont, Freimaurer und späterer Direktor, beeindruckte ihn dessen „nuanciertes“ Interpretieren und „ausdrucksvolles“ Vorlesen, durch das er eine Atmosphäre schuf, die in Texten Zusammenhänge spüren ließ. Störungen waren bei Dumont selten: er wirkte wehrlos und offen.[10]

Flasch profitierte in dieser Zeit im Kontakt mit dem theologisch und philosophisch ausgebildeten Kaplan, Ludwig Berg, entwickelte dabei Interesse an der Philosophie des Mittelalters, vor allem an Thomas von Aquin und las 14-jährig Nietzsches Zarathustra. Ein Priester, mit dem Berg ihn bekannt machte, der als Bibliothekar fungierte und promovierter Historiker war, leitete ihn an, Fragmente aus mittelalterlichen Handschriften zu transkribieren. „So lernte ich lateinische Paläographie.“ Sie ist ein wichtiges Hilfsmittel der historischen Forschung, um die Zuverlässigkeit von Quellen bewerten und deren Entstehungsweise nachvollziehen zu können. Methodisch ermittelte Fakten werden ein Leben lang Flaschs Handwerkszeug.[11] 1944 starben seine Mutter und seine jüngster Bruder während eines Bombenangriffs auf Mainz. Flasch wurde verschüttet und überlebte. Für die weitere Zeit wurde er von Verwandten und mit ihm befreundeten Klerikern unterstützt. 15 Monate lang arbeitete er als Hilfsarbeiter in einer Gärtnerei, von der er mit Verpflegung und einem Schlafplatz entlohnt wurde. Der Vater lebte damals strafversetzt im Osten Deutschlands, weil er als regimefeindlich galt. Der junge Flasch entschied, nie Soldat werden zu wollen.[12]

Die Weltkriegsgeschichten hielten Flaschs politisches Bewusstsein im Kontext seiner familialen Sozialisation kontinuierlich wach.[13] Er veröffentlichte ca. 50 Jahre später eine Studie unter dem Titel „Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg.“. Er untersuchte, Reden und Texte von ‚Denkern des Krieges‘ wie Rudolf Eucken, Ernst Troeltsch und Max Scheler. Das vorläufige Ergebnis seiner Studie war: Allen Texten sei das Denken gemeinsam, der Krieg sei gerecht und von unbedingtem, ideellem Wert für das nationale Volkswohl. Dies sei, so Flasch, vor dem Hintergrund christlich-metaphysischer, historisch erworbener Ideen nachzuvollziehen: Entsprechend wurden die Tatsachen des Krieges, Not und Tod ausgeklammert; sie galten nicht als zeitlos gültig. Flasch stellte die bis dahin gültige Sichtweise in Frage, es habe eine schicksalhafte, notwendige Entwicklung zum Faschismus gegeben. Er verurteilt den philosophischen Hintergrund der lebensphilosophisch geprägten Kriegsdenker nicht, sondern interpretierte ihn als kontingentes Ergebnis der Geschichte.[14] Er stellt fest: Weltkriegsdenker dachten, was im Rahmen der historischen Bedingungen jedem von ihnen zu denken möglich schien. Diese historistische Betrachtungsweise ist auch die Basis seiner philosophischen Bewertung mittelalterlicher Texte. Antworten auf Fragen im Rahmen der jeweiligen Zeit, sind individuelle Entscheidungen, die jeder aus seiner Sicht fällt.[15]

Er studierte vom Herbst 1950 bis Januar 1952 Philosophie an der Albert-Magnus-Akademie in Walberberg bei Bonn. Ab Sommersemester 1952 setzte er bis 1957 sein Philosophiestudium an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main fort. Geschichte, Gräzistik und Germanistik kamen als weitere Studienfächer dazu. Sein Staatsexamen legte er bei Theodor Adorno ab. Unter Johannes Hirschberger und Max Horkheimer promovierte er in Frankfurt 1956 mit einer Arbeit über Thomas von Aquin (Ordo dicitur multipliciter: Eine Studie zur Philosophie des „ordo“ bei Thomas von Aquin.). 1969 habilitierte er sich mit einer Veröffentlichung über Nikolaus von Kues (Die Metaphysik des Einen bei Nikolaus von Kues.) Von 1970 bis 1995 war Flasch Ordinarius für Philosophie am Philosophischen Institut der Ruhr-Universität Bochum. Berufungsangebote aus Wien und Freiburg im Breisgau lehnte er ab. Er war u. a. als Gastprofessor an der Pariser Sorbonne tätig.

Flasch lebt in Mainz.[16]

Flaschs anderes Bild vom MittelalterBearbeiten

Flasch verfasste und verfasst Darstellungen der mittelalterlichen Philosophie im Kontext der Epoche wie auch im Einzelnen: Zu Augustinus, Anselm von Canterbury, Meister Eckhart und Nikolaus von Kues, besonders zu Dietrich von Freiberg, deren Werke er im Rahmen des von ihm zusammen mit Loris Sturlese begründeten Corpus Philosophorum Teutonicorum Medii Aevi herausgab.[17] Die Geschichte des mittelalterlichen Denkens vermittelt, so Flaschs Projekt und Arbeitshypothese, wie Einzelne in einer von christlich-metaphysischen Vorstellungen geprägten Gesellschaft Konzepte entwickelten, die ihnen und anderen Orientierung geben sollten. Auf den ersten Blick „rein theoretische Fragen wurden in einem praktisch-politischen Zusammenhang“ erörtert. Die Anfänge komplexer Theorien waren häufig einfache Fragestellungen: wie z. B. ‚Sollte jeder wie ein Mönch leben?‘ oder ‚Ist jeder Handel und jeder Kriegsdienst eine Sünde?‘ Die Antworten flossen in Texte ein, die zeitbedingt kompliziert sind: sie folgen fast immer antiken Schreib- und Denkmustern und „wirken auf den heutigen Leser zu abstrakt“. Sie stammen jedoch aus dem Leben, nicht aus überzeitlich geltenden Ideen, die – wie Flasch konstatiert –, erst spätere Philosophen hypostasierten. Der Bezug zum pragmatischen Kontext bildet den Rahmen, in dem Flasch mittelalterliche Texte darstellt und interpretiert. Das übliche Verfahren, mit Schlagworten, wie „Nominalismus“ oder „Realismus“, „Aristotelismus“ oder „Platonismus“, das geschichtliche Leben des Mittelalters zu erfassen, ist aus seiner Sicht ungeeignet. Es verhindere eine genauere Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Denken und unterstütze Mittelaltervorstellungen, die geeignet sind, diese Zeit als Idylle „alt-neuer Geborgenheit“ zu inszenieren.[18]

Ehrungen und AuszeichnungenBearbeiten

Vier bedeutende Akademien führen ihn als Mitglied: die Accademia Nazionale dei Lincei, die Accademia Toscana di Scienze e Lettere, die Göttinger Akademie der Wissenschaften und die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung. Letztere verlieh ihm im Jahr 2000 den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa. Flasch erhielt 2001 den Kuno-Fischer-Preis der Universität Heidelberg für seine Cusanus-Biographie, 2002 die Ehrendoktorwürde der Universität Luzern[19] und 2009 den Hannah-Arendt-Preis[20] sowie die Ehrendoktorwürde der Universität Basel.[21] 2010 wurde er mit dem Lessing-Preis für Kritik[22] sowie mit dem Essay-Preis Tractatus, 2012 mit dem Joseph-Breitbach-Preis ausgezeichnet.[23]

Veröffentlichungen (Auswahl)Bearbeiten

LiteraturBearbeiten

  • Vittorio Hösle: Wie soll man Philosophiehistorie betreiben? Kritische Bemerkungen zu Kurt Flaschs philosophiehistorischer Methodologie. In: Philosophisches Jahrbuch. Bd. 111 (2004), S. 140–147.
  • Gustav Seibt: Die leibliche Begabung zur Geschichte. Zum 80. Geburtstag von Kurt Flasch, dem urbansten philosophischen Schriftsteller Deutschlands. In: Süddeutsche Zeitung. Nr. 59 vom Freitag, 12. März 2010, S. 13.
  • Hartmut Westermann: Epochenbegriffe und Historisierung. Ein Gespräch mit Kurt Flasch. In: Internationale Zeitschrift für Philosophie. ISSN 0942-3028, 2004, Heft 2, S. 193–209.

WeblinksBearbeiten

EinzelnachweiseBearbeiten

  1. Vgl. Peter Koslowski (Ed.): The Discovery of Historicity in German Idealism and Historism. Introduction. Berlin/Heidelberg 2005, S. 1–5.
  2. Vgl. Kurt Flasch: Philosophie hat Geschichte, Band 1. Frankfurt a. M. 2003, S, 16. - Karl Heinz Bohrer: Laudatio Kurt Flasch.
  3. Gustav Seibt: Für sich selbst verantwortlich sein. Zum 90. Geburtstag von Kurt Flasch. Süddeutsche Zeitung vom 11. März 2020, zuletzt aufgerufen am 9. Juni 2020.
  4. Vgl. Gustav Seibt: Die leibliche Begabung zur Geschichte. In: Kurt Flasch: In Richtung Wahrheit: Mit Beiträgen von Freunden und Weggefährten. München 2014.
  5. Vgl. Gustav Seibt: Die leibliche Begabung zur Geschichte. In: Kurt Flasch: In Richtung Wahrheit. München 2014. S. 16. und Karl Heinz Bohrer: Agonales Denken. In: ebd. S. 39 f.
  6. Kurt Flasch: Über die Brücke. Mainzer Kindheit 1930–1949. Frankfurt am Main 2005 (1. Auflage: 2002), S. 47.
  7. a b c Kurt Flasch: Über die Brücke. Mainzer Kindheit 1930–1949. Frankfurt am Main 2005 (1. Auflage: 2002), S. 22.
  8. Vgl. Kurt Flasch: Über die Brücke. Mainzer Kindheit 1930 - 1949. Frankfurt am Main 2005 (1. Aufl. 2002), S. 47–54.
  9. Kurt Flasch: Über die Brücke. Mainzer Kindheit 1930 - 1949. Frankfurt am Main 2005 (1. Aufl. 2002) S. 51 f.
  10. Kurt Flasch: Über die Brücke. Mainzer Kindheit 1930 - 1949. Frankfurt am Main 2005 (1. Aufl. 2002) S. 54 f.
  11. Kurt Flasch: Philosophie hat Geschichte. Frankfurt a. M. 2003, Band 1. S. 14 f.
  12. Vgl. Kurt Flasch: Über die Brücke. Mainzer Kindheit 1930 - 1949. Frankfurt am Main 2005 (1. Aufl. 2002), S. 99–102.
  13. Vgl. Flasch: Die Vergangenheit vergangen sein lassen. In: Ders.: In Richtung Wahrheit. München 2014, S. 44 f.
  14. Vgl. u. a. folgende Rezensionen: Patrick Bahners: Vielleicht sagt es dem Professor zu. Reichlich seltsamer Geschmack: Kurt Flasch serviert Kostproben von 1914. [1] - Bohrer, Laudatio S. 41 f. - Rüdiger C. Graf: Rezension zu: Flasch, Kurt: Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Berlin 2000. ISBN 3-8286-0117-0, In: H-Soz-Kult, 22.10.2000, [2]. - Fritz Klein (Journalist): Der Wahn vom heiligen Krieg. 18.08.2000 [3] - Mathias Mayer: Der erste Weltkrieg und die literarische Ethik. Historische und systematische Perspektiven. München 2010, S. 16. - Bruno Preisendörfer: Jeder ein Stück der Armatur des Staates - Kurt Flasch erforscht die Mitschuld der Intellektuellen am Ersten Weltkrieg. 21.3.2000 [4] - Mark Terkessidis: Die geistige Mobilmachung. [5]
  15. Vgl. Flasch: Philosophie hat Geschichte, Bd. I, S. 72 f. und Karl Heinz Bohrer: Agonales Denken. In: Kurt Flasch: In Richtung Wahrheit. München 2014, S. 33 f.
  16. Patrick Bahners: Hinter den Gedanken. In: faz.net. 12. März 2020, abgerufen am 12. März 2020.
  17. Veröffentlicht vom Felix-Meiner-Verlag, Hamburg.[6]
  18. Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin bis Machiavelli. Stuttgart 1986, S. 12–14.
  19. Ehrenpromotionen der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern. Abgerufen am 15. Mai 2019.
  20. derstandard.at
  21. https://www.unibas.ch/de/Universitaet/Portraet/Dies-Academicus/Ehrenpromotionen-Dies-Academicus-Philosophisch-Historische-Fakultaet.html , Website der Universität Basel, abgerufen am 8. April 2012.
  22. derstandard.at
  23. Preis für einen Brückenbauer. In: FAZ. 10. Mai 2012, S. 29.